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Im Strome steirischer Geschichte

Ganz Graz, möchte der besinnliche Besucher meinen, gleicht einem Museum. Die in allen charakteristischen Zügen wohlerhaltene Altstadt mit ihrem stattlichen Bestand an Häusern und Palästen des 16. und 17. Jahrhunderts, an Kirchen der Gotik und des Barocks läßt sich mit den Schlössern und Wallfahrtskirchen des näheren Umkreises so schön zusammen sehen, so deutlich als lebendes Erbe empfinden, daß unwillkürlich jeder Blick zur Schau, jede Suche zu einem Besuch wird.

Die Tradition aus der Zeit und au dem Geist des allenthalben nachwirkenden Erzherzogs Johann hat es bewirkt, daß innerhalb dieses behüteten Besitzes im Stadt- und Landschaftsbild auch eigentliche Museen entstanden sind, die das leichter vergängliche und vertragene Kleingut zu bewahren berufen sind. Die nach ihrem Begründer benannten Joanncum - Sammlungen haben in anderthalb Jahrhunderten nidit nur als Bewahrer, sondern in immer steigenden Ausmaß als Entdecker und Erschließer der Kulturdenkmäler in Steiermark gewirkt. Sie und die ihnen verwandten Sammlungen in Graz bieten heute in der Verschiedenheit ihres Sammelmaterials wie ihrer Aufstcl-lungsarten ein äußerst fesselndes Bild, eine Gesamtansicht der steirischen Kultur in ihrem Werden und ihrer Wesenheit.

Die Hauptsammlungen sind Bewahrer der vom Strom der Geschichte herangetragenen Kunst- und Kulturgüter. Was die steirischen Linien des Hauses Habsburg in ihren Regierungszeiten besessen haben und womit die Adelsfamilien des Landes ihnen nacheiferten, das ergibt im großen und ganzen das kulturgeschichtlich bewegliche Element, also jene niederländischen Gemälde oder diese italienischen Majoliken, die überall anderswo in Europa auch stehen könnten. Es ist zweifellos ein Glück, daß Graz solche Schätze besitzt; ein großes Glück für alle Schaufreudi-een, ein nicht minder großes für die Studenten der Grazer Universität. Aber wie bei vielen Grazer Adelspalästen, deren italienische Architektur so überaus deutlich hervortritt, denkt der Besucher, der die Steiermark hier in ihren Museen sucht, weniger an die Vorzüge solch gehäufter Überbleibsel aus vergangenen Perioden des Reichtums privilegierter Schichten, sondern geht an ihnen vorüber und sucht die Zeugnisse der einheimichen Gestaltung.

In solchen Fällen möchte man dem Suchenden am liebsten raten, nicht durch das Haupttor des Joanneums in den neubarocken Neubau einzutreten, sondern lieber zuerst das stille Winterportal in der Raubergasse zu durchschreiten und die vor- und früh-geschichtlichen Sammlungen zu besichtigen. Gewiß, zunächst wird er auch dort durch unerwartete Schätze überrascht werden: die schönen zyprischen und etruskischen Weihgegenstände hat er ebenso wenig erwartet wie die ägyptischen Mumien. Dann aber findet er sich im Hauptteil der Sammlung der geschichtlich geordneten — und wir klar und schön angeordneten! — Schau der Zeugnisse menschlichen Sein9 und Wirkens von der Steinzeit bis in die Periode der ersten deutschen Besiedlung gegenüber und kann von hier aus, von den Stein Werkzeugen aus der Drachenhöhle bei Mixnitz, den Brönze-waffen aus den Fürstengräbern von Klein-Glein und den Schmuckanhängern aus dem slawischen Gräberfeld von Krungl bei Mitterndorf, den Gang der Besiedlung, das Verhalten des Menschen zur Landschaft, kurz alles, was die Bindung zur Heimat ausmacht, verfolgen und verstehen. Die Einblicke sind dabei oft sehr tief: schon um den Strettweger „Kultwagen“ zu sehen und dabei die ganze religiöse Welt der Hallstattzeit zu verstehen, müßte man immer wieder diese Sammlung aufsuchen.

Der am rein geschichtlichen Werden der Kultur, vor allem des Kunstgewerbes, Interessierte muß von hier aus die „Alte G e-i e r i e“ in der Neutorgasse aufsuchen. Gotische Plastik, Malerei und besonders Glasmalerei sind hier in erlesenem Zusammenklang aufgestellt. Will man die speziell stel-rische Note dieser mittelalterlichen Kirchenkunst und ihrer barocken Fortsetzung noch intimer erspüren, so wandert man am besten in das leider fast unbekannte Diö-zesanmuseum, das in der zweistöckigen Seitenkapelle des neuen Domes untergebracht ist. Der Dom mit seinen freigelegten gotischen Fresken und vielen anderen Kostbarkeiten ist selbst ein Musum; seine Altäre und Reliquienschreine zeigen das Nebeneinander von einheimischem Schaffen und geschichtlich bedingtem Zustrom sehr deutlich Das Dommuseum betont die einheimische Note stärker, Stücke wie der Köflacher Flügelaltar, an dem neben dem hl. Bernardin von Siena besonders die Madonna im Ährenkleid auffällt, wie sie draußen in Straßengel verehrt wird, stehen hier, wenn man. sie schon aus ihrem urprünglichen kultischen

Zusammenhang Hexausgelöst Hat, zweifellos am besten. Solche Kunstwerke wie der Köflacher Altar oder gar wie der Maria-zeller Altar mit den so überaus inhaltsreichen Mirakelbildern im Joanneum erweisen sich für den Betrachter einer Landeskultur als die eigentlichen Leitmale.

Nicht umsonst ist der Mariazeller Altar jahrelang nicht in der Alten Galerie, gewissermaßen als Kunstwerk unter Kunstwerken, gestanden, sondern als Kultwerk in der Volkskundlichen Abteilung des Joanneums, dem Steirischen Volkskundemuseum in der Paulustorgasse. Es liegt in seiner klösterlichen Abgeschiedenheit beinahe ebenso still und wenig gekannt da wie das Museum für Volkskunde in der Wiener Laudongasse. In Wien schafft das alte Gartenpalais Schönborn die Atmosphäre, in Graz das ehemalige Kapuzinerkloster. Stimmung ist hier fast alles. Ein besinnlicher Hof, bäuerlich anmutende Holztreppen und -gänge, eingebaute Stuben, darunter eine mächtige, immer noch nach Ruß riechende Rauchstube, das sind die Hauptelemente, von denen diese Stimmung getragen wird. Das ist zweifellos wichtig, denn die Steiermark ist wohl das Land einer sehr innenlebendigen Volkskultur, aber keiner nach außen mit Plastik und bunter Farbigkeit sich manifestierenden. Das heißt, daß die schlichten und meist holzfarbenen Gegenstände, seien sie nun Arbeitsgeräte oder Minftegaben, Votive oder Gegenstände der Volksmedizin, nur in verhaltenem Ton zum Beschauer sprechen und für die meisten Besucher wohl nur durch Führungen lebendig gemacht werden können. Die im bayrischen Museumsgeschmack der Zeit um 1900 geschaffene, farbig gehaltene Inneneinrichtung ist zudem auch mehr auf die Gesamtstimmung als auf das Sichtbar- und Geltendmachen der Objekte eingestellt, so daß man meinen möchte, daß der, Geist des Aufhellens und Ausleuchtens, wie er in den anderen Joanneums-Abteilungen so deutlich zur Geltung kommt, allmählich auch hier einziehen müßte. Das vor etwa einem Jahrzehnt geschaffene „Stöckl“, der neue Trakt des Volkskundemuseums, zeigt ja die Durchsetzung dieser Gesinnung ganz deutlich. Schaumäßig ist der große Trachtensaal, die einzigartige Leistung Viktor Gerambs, gerade wegen der klaren Sachlichkeit der Stahlvitrinen allen anderen Abteilungen des Hauses vorzuziehen. Die, Gestaltung dieser Schau, die rekonstruierte und tatsächlich erhaltene Trachten von der Hallstattzeit bis zur Gegenwart auf lebensgroßen Puppen zeigt, ist in ihrer An etwas einmaliges. Ob diese Puppen mit den etwas überdimensionierten Köpfen und Händen tatsächlich den steirischen Volksmenschen der verschiedenen Perioden gültig zum Ausdruck bringen, mag dabei etwas fraglich sein. Als Ergänzung dieser beinahe unerwarteten Pracht muß man sich jedenfalls die Gerätehalle im gleichen Stöcklbau :.;.,.'---!, welche mit großer wissenschaftlicher Folgerichtigkeit und mit einem feinen Gefühl für die freiluftmäßige Aufstellung die alten volksmäßigen Geräte der Bodenbestellung darbietet.

Für den bäuerlichen und kleinbürgerlichen Menschen der Steiermark ist hier also Volzüglich gesorgt ähnlich wie für den fürstlichen und adeligen in den anderen Joan-neums-Abteilungen, ja selbst für den frühen Industriellen, den Gewerken, den Hammerherren, deren Eisenkunst in der Eisensammlung des Kunstgewerbemuseums der Neu-torgasse ganz ausgezeichnet dargetan ist. Der bürgerlich-städtische Mensch scheint daneben etwas zu kurz zu kommen. Ihn finden man am ehesten im Städtischen Museum, das im Palais Attems ähnlich verborgen ist wie das Diözesanmuseum im Dom. Das Zeughaus, das die unvergleichliche Waffensammlung des Grazers der frühen Neuzeit darstellt, hat anscheinend alle anderen friedlichen Lebensäußerungen des Grazer Bürgers in den Schatten gestellt. Das kaum besuchte Städtische Museum mit seinen guten Stadt-ansichten und Zeugnissen verschiedener Handwerke sollte vielleicht aus dem düsteren Adelspalast in ein schlichtes Grazer Bürgerhaus der besten Zeit des bürgerlichen Bauens übersiedeln. Wenn alle anderen Grazer Sammlungen ihren Geist schon in der Stimmung ihrer Räume aussprechen, dann wäre es bei der Tradition des bürgerlich-städtischen Menschen gewiß nötig und sicherlich auch möglich. Die Notwendigkeit wird um so stärker spürbar werden, wenn Schloß Eggenberg, der wuchtige frühbarocke Bau mit seinen ausgezeichnet geeigneten Räumen wie geplant zum steirischen Barockmuseum werden wird. Dort wird das adelige und kirchliche “Wesen noch stärker triumphieren als bisher schon in den anderen Sammlungen. Es wird aber auch die künstlerische Einfuhr wieder stärker spürbar werden und der schlichte Steirer ein wenig als Gast vor den Schätzen eines durch geschichtliche Zufälle herangetragenen fremden Reichtums stehen. Dem könnte ein auf die einheimische Note mehr bedachtes Städtisches Museum des Grazer Bürgertums sicherlich entgegenwirken. Die als Kunstschätze auftretenden Ablagerungen der Kulturströme aller Zeiten hoch in Ehren: aber das heimische Wirken aller sozialen und geistigen Schichten muß mindestens ebensogut zur Geltung kommen.

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