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Ein entdeckter Bildschatz in Oberösterreich

St. Leonhard, eine Filialkirche, zu dem am rechten Traunufer zwischen Wels und Linz gelegenen Pucking gehörend, ist von dem glcichgenannten Orte 20 Minuten in südlicher Richtung entfernt. Von der Station Nettingsdorf an der Pyrnbahn erreicht man die Kirche nach einstündigem Wege.

In Oberösterreich wurde die einst vielbesuchte Wallfahrtskirche, die Seybold von Volkerjdorf, Herr auf der nahen Veste Weißenberg, zu Anfang des 15. Jahrhunderts erbauen ließ, wegen des neueingeführten Leonhardrittes am 6. November, an dem der Pfarrer im geistlichen Ornat, die Bauern in Festtracht, alle hoch zu Roß, teilnehmen, wieder öfter genannt und weithin bekannt. Eine seltene, über die Grenzen von Oberösterreich hinausreichende Berühmtheit aber wird dieses Kirchlein wegen seines Freskenschmuckes erlangen, der im Frühjahr 1946 dort entdeckt und dank der Initiative des Pfarrers Karl Braunschmid und der Unterstützung durch die kirchliche und staatliche Denkmalbehörde in diesem Sommer bloßgelegt und zum größten Teil restauriert wurde. Nirgends in Österreich wurde bisher eine mittelalterliche Freskomalerei von diesen Ausmaßen und gleicher Einheitlichkeit freigelegt. Sie erstreckt sich auf die ganze Kirche, Gewölbe, Rippen und Wände, also auf eine Fläche von ungefähr 300 Quadratmetern. Landeskonservaror Doktor Franz v. Juraschek berichtet zusammenfassend von dem Erfolg der heuer geleisteten Arbeit:

„Das Ergebnis des heurigen Arbeitssanges hat die hochgespannte Erwartung bei Beginn der Arbeit womöglich noch übertroffen. Die dekorative und farbige Gesamtwirkung . der Wandmalereien ist verblüffend durch Eigenart und Schönheit. Der Künstler war zweifellos ein Genie der Farbsetzung und des freischöpferischen Hinwerfens einer flammigen Orn.-tmentsph.intast:k; die den Raumeindruck weit mehr beherrscht als die figuralen Szenen, Ich kenne in Österreich und im süddeutschen Gebiet keinen Kirdienraum der Gotik, der sich in dieser Art nur annähernd mit St Leonhard messen könnte.“

Es ist mir nicht möglich, im Rahmen eines Aufsatzes einen erschöpfenden Bericht zu geben: ich gebe die Eindrücke von einem Besuch in der eingerüsteten Kirche selbst, und Mitteilungen meines Freundes Herrn Pfarrers Braunschmid wieder, um eine allgemeine Orientierung zu ermöglichen.

Die Entdeckung der Fresken geschah durch einen merkwürdigen Zufall. Ein alter Zimmerpolier, der bei der Färbelung der Kirche im Jahre 1907 beteiligt war, erzählte, er habe während seiner Arbeit einen Tierkopf an der Wand beobachtet, die Stelle sei aber damals wieder übertüncht -worden. Diese Mitteilung hatte bei dem jetztigen Pfarrer von Pucking zu Nachforschungen angeregt, aber alle Versuche, mit dem Schabmesser alte Malereireste aufzudecken, blieben erfolglos. Im Mai dieses Jahres stießen Gerüstarbeiter, die eine einfache Färbelung vorzubereiten hatten, mit einem Balken unsanft an eine Wand. Sieben Kalksdrchten lösten sich und auf der angeschlagenen Stelle kamen leuchtende Farben zum Vorschein. Die Tür zum verborgenen Schatz öffnete sich. Pfarrer Braunschmid schürfte mit der Spachtel weiter. Uberall an den Wänden und Rippen erschienen Farben und Bildfragmente. Es war eine Überraschung. Die Denkmalbehörde wurde verständigt, ein bewährter Fachmann, der akademische Maler Engelbert Daringer erhielt alsbald den Auftrag, mit einem Stab sachkundiger Mitarbeiter an die Bloßlegung der Bilder und ihre Restaurierung zu gehen. So fand ich bei meinem Besuche Meister Daringer bereits in eifrigster Tätigkeit auf hohem Gerüste. Mir bot sich ein imposanter Anblick- Hinter dem barocken Hochaltar auf dem Ehrenplatze thront zuhöchst in einer spitzbogigen Umrahmung Christus in Halbfigur. Er trägt den Kreuzesnimbus und hat die Rechte zum Segengestus erhoben, während er die Linke auf die Konturen eines menschlichen Antlitzes niedersenkt. Ein weiter,1 roter Mantel umhüllt seine Schultern, wird von zwei Engeln aufgefangen und über dem Bogen des jetzt vermauerten gotisdien Fensters auseinandergehalten.

Ein grünes Ornament füllt die Leibung des Fensters, während die Wand rechts ein Bischof mit einem aufgeschlagenen Budi, links ein Frauenkopf ziert. Vier Köpfe, wie Träger der bemalten Wandbogen gestaltet, mit weitgeöffneten Augen und langen Barten dürfen als Darstellungen der Propheten angesprochen werden.

In der gleichen Höhe wie die Christusfigur, gleichfalls in einem umrahmten Spitzbogenfeld, stehen über den Fenstern und an den gegenüberliegenden Wänden des Priesterchors Apostelgruppen. In Dreiviertelfigur dargestellt, tragen die meisten, zu Dreiergruppen in bewegter Stellung vereinigt, ein Buch und dazu ihr Symbol. Rechts von Christus Petrus mit großem Himmelsschlüssel zwischen Paulus und Andreas, dann Bartholomäus zwischen Jakobus dem Jüngeren (irrtümlich als maior beschriftet) und Matthias. Das Attribut des Jakobus ist nicht ein Schlüssel, wie man bei oberflächlicher Beobachtung meinen könnte, sondern die nicht vollkommen erhaltene Walkerstange (vergl. Jakob der Jüngere am Blutenburger Altar, Ende des 15. Jahrhunderts). Die Gruppen über den Presby-teriumsfenstern stellen Johannes zwischen Thomas und Philippus, ferner Jakobus den Älteren mit Pilgermuschel zwischen Simon und Judas Thaddäus dar.

Diese oberste Zone der Wandmalereien leitet zur Deckenmalerei über, die von einer ganz eigenartigen Wirkung ist. Sonne, Mond und eine Unzahl von Sternen in den verschiedensten Farben bedecken das ganze Kirchengewölbe. Das Flammen und Flimmern dieser Sternenwelt scheint sich an den Gewölberippen zu brechen und zaubert auf ihnen eigenartige, gelappte, gezackte, gekrauste Linien- und Bandornamente in immer wechselnden Mustern hervor. Man gewinnt den Eindruck, daß gerade im Dekorativen, das ja auch ein Wesenselement des spätgotischen Stils ausmacht, die Stärke dieses Künstlers liegt. Seine Rippen zerteilen und zerschneiden nicht das Gewölbe, sondern werden gleichsam zu lebendigen Hirn* melsleitern, die in flammigen Bahnen den Blick des Beschauers in das Reich des Lichtes emporführen. Gegenüber diesen künstlerischen Höchstleistungen fallen die figu-ralen Darstellungen am Gewölbe ab, acht kreisförmig angeordnete Medaillons mit den Evangelistensymbolen und den vier lateinischen Kirchenvätern. Die Schriftbänder unter den Kirchenvätern benennen: Augustinus, Geronimus (Hieronymus). Perhardtuns (statt Ambrosius), Gregorius blieb unbezeichnet. Bei Ambrosius mit der bischöflichen Infel liegt offenbar nur eine falsche Besdiriftung vor, da der Name des hl. Bernhard dem Künstler wohl geläufiger war als der des großen Bischofs von Mailand.

Die Bemalung des Gewölbes, der Rippen, das Christusbild und die Apostelbilder samt ihren Umrahmungen dürften von einer Hand stammen. Ich nenne diesen Künstler den Meister des Dekorativen, zum Unterschied von jenem, der in der zweiten Zone unterhalb der Apostelgruppen auf der Evangelienseite Meisterwerke im Figuralen schuf: Maria im Strahlenkranze begleitet von zwei Märtyrerjungfrauen, und den Seelenwäger St. Michael. Gerade in dieser letzten Figur zeigte er sein bestes Können. Der Engel, mit einer Dalmatika bekleidet, ist mit seinen mächtigen, weitausgebreiteten Sdiwingen an den Schultern prächtig in den Raum gestellt. In seiner Linken hält er die Waage, deren Balken schräg nach rechts oben gerichtet ist, in beabsichtigtem Gegensatz zur grünen Fläche, auf der der Engel steht. Eine Seele wird eben gewogen. Noch zieht die Schüssel, in der das arme Seelchen mit bittender Gebärde sitzt, nach unten, aber ein garstiger gehörnter und geschwänzter Teufel hängt sich an die gegenüberliegende Sdiale, auf der schon ein prall gefüllter Gcldsack, als Sinnbild der Gefahren des Reichtums, schwer lastet. Doch da hält der Engel des Gerichts, seit der Zeit der Spätgotik mit St. Michael identifiziert (Künsle, Ikonographie, I, S. 249), über seinem Haupte das Schwert gezückt und bereit, es auf den Widersacher niedersausen zu lassen.

In wunderbarer Anmut und Zartheit erstrahlt die nächste Gruppe. Maria im wallenden grünen Mantel, ist wie das apokalyptische Weib (Offenb., 12, 1) mit der Sonne umkleidet, den Mond zu ihren Füßen. Die Mondsichel, auf der sie steht, ist nach unten zu einem fratzenhaften Gesidu geformt. Auf dem rechten Arm trägt sie das unbekleidete Jesukind, das ein Xrmchen zärtlich um den Hals der Mutter legt, während das andere spielend den Kopfschleier erfaßt. Als Himmelskönigin trägt sie Krone und Szepter. Als Begleiterinnen stehen Maria, in jungfräulicher Unberührtheit zur Seite und ihr zugewandt, die hl. Katharina und Barbara, beide bekrönt und jede unter einem Baldachin.

Beide Märtyrerjungfrauen gehören ebenso zum Kreise der Nothelfer, wie der im Halbfigurenbild auf der Gegenseite dargestellte Erasmus. Dieser heilige Bischof, der sich in spätgotischer Zeit einer besonderen Verehrung erfreute, erscheint auf den Bildern und Plastiken der Nothelfergruppe mit einer Winde dargestellt„ dem Instrument seines Martyriums. Eine Bischofsgestalt auf der anderen Fensterseite gehört vermutlich ebenfalls zur Nothelfergruppe.

Viele der in Kalk-Kasein-Technik hergestellten Malereien in der St.-Leonhards-kirche zeigen im Figürlichen und namentlich in dem künstlerischen Glanzstücke der Dekoration heute noch eine Frische der Farben, als ob der Maler eben den Pinsel weggelegt hätte. Andere etwecken den Eindruck des Skizzenhaften, weil die Farbfläche durch Verwitterung zugrunde gegangen ist und nur noch die Konturen hervortreten. Dies gilt für das Erasmusbild. Viel schlechter noch sind die zwei Großgemälde, die Ölbergszene und ein Kreuzigungsbild an der Süd- und Nordwand des Kirchenschiffes erhalten. Ob nicht der schlechte Erhaltungszustand dieser Gemälde einer weniger farbenfreudigen Zeit den Anlaß bot, sämtliche Malereien zu übertünchen? Da sieben Weißschichten über der Malerei liegen, so ist anzunehmen, daß die Kalkdecke schon aus früher Zeit, vielleicht um 1600 stammt.

Welche Allgemeinplanung liegt der Ausmalung der St.-Leonhards-Kirche zugrunde? Der Plan ist völlig christozen-trisch. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Fraglich bleibt meines Erachtens nur, ob Christus in erster Linie als Wclten-richter oder als Erlöser der Welt zu deuten ist. Ich gebe der letzteren Auffassung den Vorzug. Säße Christus (im Mittelbild) zu Gericht, so wären wohl auch die Apostel nach Matth. 19, 28 (sedebitis et vos) sitzend dargestellt (vgl. das „Jüngste Gericht“ von Hans Memling). Sodann fehlen die Auferstandenen, die Guten und Bösen, die gerichtet werden sollen. Das Gericht, das an einer einzigen Seele von St. Michael, dem Seelenwäger, vollzogen wird, reicht zu einer szenischen Darstellung des Weltgerichts nicht aus. Tch fasse also Christus, der die mit dem Wundmal? versehene Rechte zum Segnen erhebt, die andere Hand auf die Weltkugel legt, als den Erlöser der Welt auf. Beginn und Ende des Erlösungs Werkes ist in den Großgemälden der ölbergszene und der Kreuzigung wiedergegeben. Den Erlöser und sein Erlösungswerk haben die Propheten vorausverkündet, die Apostel gepredigt, die Evangelisten in ihren heiligen Büchern beschrieben, die von den Kirchenvätern (deswegen mit den Evangelisten zusammen dargestellt) erklärt werden. Die Mittlerrolle zwischen Christus und den Mensdien fällt Maria zu. Dadurch, daß sie in der zweiten, also unteren Zone, erscheint, ist sie den Menschen auch bildlich näher gerückt. Maria ist die Wegweiserin zu Christus. Ihr stehen Nothelfer zur Seite, die durch ihre Fürsprache dem Menschen in leiblichen und seelischen Nöten und Anliegen Hilfe bringen. Als Beistand beim letzten Kampf um die Seele sehen wir nebenan St. Michael gemäß dem alten Kirchengebete; St. Michael archangele, defcnde nos in proelis, ne pereamus in tremendo iudicio! Die Wandmalereien reichen über diese zweite Zone nicht mehr herunter, weil die Mauerfläche wohl durch einen gotischen Flügelaltar, dem heiligen Leonhard geweiht, verdeckt war. Es läßt sich nur vermuten, daß auf den Flügeln noch andere Nothelferheilige wie zum Beispiel Christopherus und Pantaleon dargestellt waren. Das Thema der Erlösung durch Christus erscheint so in der ganzen Ausmalung in einheitlicher Komposition durchgeführt. Wie sehr dieser Gegenstand im Zug der damaligen Frömmigkeit lag, beweist, um nur ein Beispiel anzuführen, die Tatsache, daß um 1450 der Sonntagberg Saivatorberg (mons salvatoris) sicherlich deswegen benannt wurde, weil eine Statue des Erlösers in der, bis zum Barockbau dort bestandenen Salvatorka pelle verehrt wurde.

Stilistisch gehört die Figurälmalerei einer fortgeschrittenen Entwicklungsstufe des weichen Stils an, dürfte also gegen 1450 entstanden sein. Im rückwärtigen Teil des Schilfes an der Südwand findet sich, ganz für sich stehend, der Name G r i g (andere lesen Grug) mit einer aus dem g gezogenen Schlinge, die den ganzen Namen gewissermaßen unterstreicht. Hat sich hier der Maler verewigt? Es erheben sich dagegen schwere Bedenken. Fürs erste weist der Schriftcharakter auf eine spätere Zeit und dann ist es unwahrscheinlich, daß sich ein mittelalterlicher Meister ohne Taufnamen mit dem bloßen Familiennamen, ganz nach heutiger Sitte vorstellt. Ich glaube übrigens, wie ich schon angedeutet habe, daß zwei Künstler am Werke waren. Es bleibt abzuwarten, ob stilvergleichende Untersuchungen einmal Licht in die Frage der Urheberschaft zu bringen vermögen.

Mögen übrigens auch die Namen der Künstler verschollen sein, ihr Werk lebt. Darob freuen sich vor allem die biederen Bauern, die das Heiligtum St. Leonhards umwohnen und alljährlich am 6. November den Leonhardritt festlich begehen. Ihre wackeren Ahnen waren es, die sich in der kirchenstürmerischen Zeit zwischen 1770 und 1780 den Fortbestand ihres Gotteshauses, das als überflüssig hingestellt wurde, erkämpften. Sie wollten es unter keinen Umständen der Profanierung und dem Untergang preisgeben. Eine Vertretung ging sogar nach Wien und erhob laut Einsprache. Als die St.-Leonharder Bauern schließlich erklärten, sie wollten die Kirche auf ihre eigenen Kosten erhalten, war die Gefahr der Profanierung abgewendet. Ihre Nachkommen konnten so im heurigen Sommer zu ihrer Überraschung Zeugen werden, wie dank dem Verständnisse und der Tatkraft ihres Pfarrers der ganze aus der Zeit der Gotik stammende malerische Innenschmuck ihres Gotteshauses aus der Verschollenheit zu neuem Lso'en erweckt wurde. Die Freude über die Entdeckung der Fresken geht weit über die Gemarken der Gemeinde, ja des Landes Oberösterreich hinaus. Ganz Österreich gewinnt durch diesen bedeutenden Freskenfund nach den schweren Verlusten, die es im zweiten Weltkrieg an Kunstschätzen erlitten hat, einen wertvollen Zuwachs an Kulturgut. St. Leonhard ist neben den gleichzeitig aufgedeckten Fresken in Maria-Pfarr/Lungäu, wie Landeskonse'rvator v. Juraschek uVteilt, „das erste wiedergewonnene Beispiel einer vollständigen Kirchenausmalung der Gotik in Österreich nördlich des Alpenkammes“.

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