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In neuem Geist

I.

Kirche (vom griechischen kyriake, das heißt „dem Herrn gehörig“) bedeutet sowohl das steinerne Haus des Herrn wie auch das lebendige Haus des Herrn, die Gemeinde. Kirche wird nicht für sich selber errichtet, sondern nach einem Zielbild von der Frömmigkeit und dem Gottesdienst einer Gemeinde. Nun ist aber der Glaube der Christenheit in den letzten Jahrzehnten viel nüchterner, härter und schlichter, ja geradezu arm geworden, so daß ihm die Entfaltung äußeren Glanzes und Prunks nicht wohl ansteht. Seine „Kraft und Herrlichkeit“ ist verborgen. Außerdem sind durch das Wirken der liturgischen Bewegung die Vorstellungen vom rechten christlichen Gottesdienst vielfach anders geworden, wesentlicher geworden. Der neue Gottesdienst aber fordert einen neuen Kirchenraum. Diese Wandlungen müssen nicht nur beim Neubau einer Kirche bedacht und berücksichtigt'werden, sie sind auch eine Aufgabe, die bei der Renovierung einer Kirche erfüllt werden muß, wenn diese Renovierung nicht nur darin bestehen soll, alle vorhandenen Gegenstände auf Hochglanz zu bringen.

Bei der Pfarrkirche von Hetzendorf und ähnlichen Bauwerken aus der Zeit der Stilkopierung und Stilkombination konnte und könnte man großzügiger und grundsätzlicher in der Neugestaltung verfahren und so dem Bauwerk einen liturgischen Charakter aufprägen, den es bislang nur in Ansätzen besaß. Auch sollten die Einrichtungsgegenstände des Gotteshauses nicht irgendwo im Raum herumstehen, sondern an ihrem sinnvollen Platz. Sie sollten nicht dekorativ im Raum verteilt werden, sondern in notwendiger Ordnung stehen.

Aus solchen Erwägungen heraus gingen Architekten und Seelsorger an die Renovierung und Umgestaltung der Rosenkranzkirche. Wir legten in das ehemalige Presbyterium den Wochentags-Gottesdienstraum und schlössen daran im Querschiff und Hauptschiff den Sonntagsraum. Der Werktagsraum mit beweglichem Gestühl für 50 Personen versucht auch, die wenigen Christen, die den Werktagsgottesdienst besuchen, zu einer Gemeinde zu sammeln. Sein steinerner Altar trägt auch das Tabernakel, den heiligen Schrein, der das Allerheiligste birgt. Seine schlichte, blattvergoldete Würfelform beherrscht den ganzen Raum. Hier ist das „bleibende Geheimnis“ des Gotteshauses Sinnbild geworden, in Stahl und Stein. Der Altar des Sonntagsraumes ist aus Eichenholz geformt. Er ist schmucklos und wirkt außerhalb des Gottesdienstes nur wie eine Silhouette vor dem kräftigen Steinaltar. Auf ihm geschieht das „vorübergehende Geheimnis“, das Kommen des Herrn zu Seiner Gemeinde am Sonntag, dem Tag des Herrn. Lichter und Kreuz wie auch das Buch und die heiligen Geräte werden erst zur Feier des Gottesdienstes zum Altar gebracht und nach seiner Beendigung wieder fortgetragen. Die Gemeinde umsteht den Altartisch von drei Seiten, die vierte Seite nimmt dann der Priester allein ein (sein besonderes Priester-tum wird dadurch eindeutig sichtbar!) und schließt so den Kreis der Gemeinschaft um den Tisch herum. Rechts und links vom Sonntagsaltar stehen noch je zwei andere Tische, dem Altartisch in Material und Form völlig gleich gestaltet, nur etwas kleiner, die Kommuniontische. Die fünf Tische deuten auf den Mahlcharakter der heiligen Messe hin und laden alle Teilnehmer des Gottesdienstes ein, auf Lederpolstern am Tisch des Herrn niederzuknien. Speise empfängt man eben nicht an Bänken oder Schranken oder Gittern, sondern an Tischen. Die heilige Speise wird am Altartisch bereitet und an den Kommuniontischen ausgeteilt.

Die Kirche kennt kein Presbyterium, keinen reservierten und abgeschrankten Bezirk. Sie gehört ganz der Gemeinde und ihrem allgemeinen Priestertum. Sie entrückt das heilige Geschehnis nicht durch ein hochgelegenes Presbyterium aus der Gemeinde heraus. Die ganze Kirche liegt auf demselben Niveau, nur die drei Bereiche der Altäre und des Ambos heben sich auf wenigen Stufen heraus, damit der Priester mit seinem besonderen Dienst von der Gemeinde überall gut gesehen werden kann, aber nicht mehr. Das gottesdienstliche Geschehen bleibt bewußt auf der Erde, in der Welt der Gleichnisse. Die Frömmigkeit verliert sich nicht in mystischen Schluchten wie die gotische. Sie bejaht den ihr zugewiesenen Daseinsraum, dieses vorläufige, behelfsmäßige Diesseits. Bezeichnend für die Neuordnung im Gotteshaus ist die Tatsache, daß die Kirche zwar wie ehedem drei Altäre besitzt, aber keinen „Haupt“altar und keine „Seiten“altäre. Ein Altar ist eben ein solch heiliges Gerät, daß man ihn nicht „neben“hin und irgendwo „an die Seite“ stellen kann. Alle drei Altäre sind Hauptaltäre in dem Sinn, daß jeder seine besondere Funktion hat, die zu Zeiten als Haupt-Sache hervortritt (der dritte Altar steht in einer Gedächtniskapelle für die Toten der Weltkriege!).

Die Beichtstühle sind in Nischen nahe beim Eingang der Kirche angebracht und ermöglichen ein unauffälliges Beichten. Eine Seitennische beim Eingang ist als Taufkapelle ausgebaut, die gegenüberliegende als Allerheiligenkapelle, in der die Statuen der im Volk viel verehrten Heiligen für das private Gebet aufgestellt sind. Taufstein und Weihwasserbecken sind aus demselben Material und in derselben Form gegeben, so daß der Hinweis auf die Erneuerung der Taufe durch das Weihwassernehmen deutlich wird. Der Eingang zur Kirche ist durch eine Kupfertür und eine Glastür und den Emporen-bogen zu einer Art sinnvoller Pforte ausgebaut, so daß der Gläubige erst schrittweise aus der Welt in den heiligen Raum und umgekehrt aus der Kirche in die Welt tritt.

Manche Leute sagen, die Kirche sei leer. Aber das können sie nur sagen, weil sie die Gegenstände, die bedeutsam im Räume stehen und von denen jeder wesentlich ist, übersehen. Wem zum Beispiel ein Kommuniontisch nichts sagt, weil er ihn für seine Frömmigkeit nicht braucht, der wird die Kirche freilich als leer empfinden. Der horror vacui, die Angst vor der Leere ist ein Zeitsymptom geworden. Sie könnte auch der Anfang einer Besinnung sein.

Seine ganze Kraft strahlt das erneuerte Gotteshaus freilich erst dann aus, wenn eine feiernde Gemeinde es füllt, wenn in der Schlichtheit der Formen die geisterfüllte Begegnung der Gemeinde mit Gott geschieht.

PFARRER JOSEPH ERNST MAYER

II.

Der kirchenbauende Architekt steht gegenwärtig vor zwei Möglichkeiten: vor der, mit den konkreten Mitteln heutiger Architektur ein klares Bauwerk zu schaffen, dessen künstlerischer Wert in der Proportionierung liegt, oder vor der, mit einem Aufwand an „modernisierten“ historischen Architektur- und Dekorelementen eine Pseudoarchitektur zu erstellen, die einen religiösen Charakter mimt. Die erste Möglichkeit stellt an den Architekten hohe künstlerische Anforderungen, die nur selten erfüllt werden können, die zweite setzt nur ein gewisses Geschick für Auswahl und Kombination vorhandener, aber geistig nicht mehr erfüllbarer Formen voraus. Sie ist daher die usuelle, da sie überdies das „einfache“, ftilf sagen vorurteilsbelastete Gemüt in höherem Maße befriedigt als die erste. Es ist daher kein Wunder, daß auch in Oesterreich der pseudoarchitektonische Kirchenbau rege gefördert wird, während der um echte

Architektur bemühte Architekt nur selten zu Worte kommt, und wenn, heftig angegriffen wird.

Der Inbegriff historischer Architektur ist das religiöse Bauwerk, weil sie von diesem ausging. Die heutige geht jedoch vom Profanbau aus und steht höchsten Schwierigkeiten gegenüber, wenn von ihr ein religiöses Bauwerk gefordert wird. Der historische Bauherr ging mit dem historischen Baumeister konform, weil beide nahezu gleiche geistige und baugesinnliche Voraussetzungen aufwiesen. Heute erstreckt sich die Kluft zwischen Künstler und Nichtkünstler auch auf die Kirche, und die Beurteilung der Architektur durch diese entspringt meist ihren Vorurteilen, während sich der Architekt gerade von diesen völlig frei machen muß, wenn er überhaupt in den Bereich echter Architektur vorstoßen will. Diese Diskrepanz wirkt sich auf die heutige kirchliche Architektur ungünstig aus, weil nur beiderseitiges Vertrauen förderlich sein kann. Der Architekt kann nur einem Bauherrn vertrauen, der vorurteilslos ist, und der Bauherr soll nur einen Architekten wählen, von dem er weiß, daß sein Ziel klare Architektur und nicht etwa billiger Effekt ist. Die Kirche darf nicht vergessen, daß sie nur deshalb auf eine bedeutende.Architektur ihres Geistes hinweisen kann, weil ihre einstigen Vertreter für das künstlerische Geschehen aufgeschlossen waren — sonst hätte sich nie ein Stilwandel vollziehen können —, und der Architekt muß sich der Architektur, nicht etwa theologisch-symbolistischen Spekulationen verpflichtet wissen, denn diese führen ihn, wie die Beispiele lehren, aus dem Feld der Architektur heraus. Die zu den historischen gegenläufigen Voraussetzungen zum heutigen Kirchenbau müssen von beiden Seiten klar ins Auge gefaßt werden. — Diese Feststellungen sollten eine offene Türe einrennen — die Praxis erweist jedoch in allzu vielen Fällen das Gegenteil.

In Oesterreich leben einige junge Architekten, nicht aus Zufall aus der Holzmeister-Schule hervorgegangen, die sich um reine Architektur bemühen und eben aus diesem Grunde nicht Boden fassen können. Die „Arbeitsgruppe 4“ baute die Kirche in Parsch (Salzburg) und legte vergeblich ein vieldiskutiertes Projekt für die geplante „Kirche Matzleinsdorf“ vor. Ein anderes Team, Johann Georg Gsteu und Friedrich Achleitner, das außer Konkurrenz an diesem internationalen Wettbewerb teilnahm und ebenfalls ein sehr beachtliches Projekt ausarbeitete, hat nun den Innenraum der Rosenkranzkirche Hetzendorf (Wien) umgestaltet.

Diese Kirche, 1909 - zur Zeit der großen Baumeister Wagner und Loos von Hubert Gangl erbaut — bot das Schreckensbild einer neuromanisch-gotisch-maurischen Prunkkirche. Da sie durch den letzten Krieg Schaden erlitt, wurde sie vom Dombaumeister Stögerer zunächst außen renoviert und vereinfacht. Nachdem mehrere Vorschläge anderer Architekten vom Stadtpfarrer Joseph Ernst Mayer abgelehnt wurden, setzte dieser auf Grund eines Gutachtens dreier prominenter Architekten das Projekt Gsteu-Achleitner mit Genehmigung des Erzbischofs Dr. Franz König durch.

Der Umbau bestand vorwiegend in einer radikalen Säuberung von allem eklezistischen Dekor. Segmentbögen wurden zu eindeutigen Halbkreisbögen, und der ursprünglich grundlose Wechsel von Säule und Pfeiler wurde zugunsten der Pfeiler aufgegeben. Die Empore wurde rechts und links ausgebrochen, so daß sie nun frei ins Hauptschiff vortritt. Auf diese Weise ist nun der Raum der Kirche auf rein architektonische Weise reduziert. Die Proportionen treten klar hervor, und das Wechselspiel von Fläche und Raum kommt voll zur Geltung.

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