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Das Haus Gottes in unserer Zeit

Der Kirchenbau wird nicht durch die Forderungen der Zeit bestimmt, sondern durch das Wesen des Kultes. • Die Kirche ist das Haus Gottes in der Welt. Sie ist nicht bloß der Versammlungsort einer Gemeinde, sie ist vielmehr ein Haus, das dem Herrn gehört, nicht uns. Wir finden in Seinem Haus Zuflucht, eine Heimat inmitten der Welt. Das Wesen der Kirche, der Fcclesia, ist der Innenraum. So scheint es angebracht, daß heute keine großen Prunkbauten als Kirchen entstehen. Kirchenbau ist keine Prestigesache. Prunkbauten zu errichten, kann man getrost den Gewerkschaften, den Krankenkassen, den Versicherungsanstalten überlassen; sie haben Repräsentation nötig.

Zugleich aber ist die Kirche die sichtbarste Gestalt des Zeitgeistes. „An ihren Kirchen sollt ihr sie erkennen“-: denn die Kirche ist die bauliche Verwirklichung der Weltsicht und Weltanschauung ihrer Schöpfer. In Zeiten, in denen die Glaubenskraft der Menschen schwach ist und der Glaube nichts anderes ist als eine ererbte Sache, die wir von den Vätern übernommen haben, werden auch die Kirchen, die gebaut werden, nicht überzeugen können: sie werden nichts anderes sein als Imitationen, Kopien vergangener Baustile, möglicherweise auch noch die Vermengung verschiedener vergangener Baustile. Aber so, wie uns ein gotischer Dom schon durch seine Gestalt, durch seinen steingewordenen, himmelstürmenden Glauben überzeugt, weil diese Gestalt damals neu war und nicht kopiert, nicht übernommen wurde, sondern aus den inneren Vorstellungen der Baumeister, aus ihren starken, gläubigen Herzen hervorbrach — so wenig überzeugen die historisierenden „neugotischen“ Kirchen; denn bei ihnen steht das Bildungselement im Vordergrund, nur schwach die Kleingläubigkeit der Herzen verdeckend.

Form und Gestalt der modernen Architektur wurden an profanen Bauwerken entwickelt. An profanen Bauwerken fand sie zu Reinheit und Funktionalismus; an ihnen konnte sie ihre Konstruktionssysteme vereinfachen und verdichten. Die gewonnenen Erfahrungen können aber nicht ohne weiteres für den Kirchenbau fruchtbar gemacht werden. Denn die moderne Architektur ist menschbezogen: Der Mensch ist ihr das Maß aller Dinge geworden, seinen Wünschen, seinen Bedürfnissen paßt sie sich an, seine Forderungen an Lebensstandard und Wohnkultur versucht sie zu erfüllen.

Wir sagten es schon: der Kirchenbau wird nicht durch die Bedürfnisse des Menschen, sondern durch das Wesen des Kultes bestimmt. So können die konstruktiv-formalen IrkennttMwe unserer Zeit hier nicht einfach ürbennommen werden. Wo dies dennoch geschehen ist — wie etwa in der Schweiz — sind Lösungen entstanden, die zwar die „Bedürfnisse“ der Gemeinde befriedigen konnten, die gefällig wirken, die aber in ihrem Charakter keine Kirchen sind. Sie würden, entfernte man den Altar — das Herzstück der Kirche —, das Kreuz und die Glasfenster aus ihnen, ihren sakralen Charakter sofort verlieren. Uebrig bliebe ein Kino, eine Sporthalle oder ein Versammlungsraum für einen vergnügten Nachmittag.

Es muß also, wenn man daran geht, heute eine Kirche zu bauen, die aus ihrem Wesen heraus Kirche sein und zugleich unsere ganze Glaubenskraft ausdrücken soll, eine neue Lösung gefunden werden. Diese Lösung muß der Kirche eine Bauform geben, die sie schon als solche zur Kirche macht, auch ohne daß wir durch Kreuz, Glockenstuhl und Glasfenster darauf hingewiesen werden, daß es sich hier um eine Ecclesia handelt.

Eine solche Lösung ist schwierig. Denn zunächst ist ja jede Form nichts anderes als eben Form; ein Dreieck ist ein Dreieck, eine Kugel ist eine Kugel, zwei sich schneidende Linien ergeben ein Kreuz. Erst der Mensch kann diese Formen, die an sich nur sich selbst bedeuten, benennen: er kann das Dreieck zum Symbol der Dreifaltigkeit machen, er kann aber auch im Dreieck das Auge Gottes erkennen; er kann die Kugel als Sinnbild unseres endlichen, aber unbegrenzten Weltenraumes nehmen; und er kann die Kreuzform zum Zeichen seiner Religion machen: Jesus Christus starb den Tod am Kreuz (auf einem Balkengerüst, das ungefähr Kreuz-form hatte); also wird für den gläubigen Christen dieses Kreuz zum sichtbaren Zeichen seines Glaubens. Aber eben nur für den Christen; für jemanden, der die christliche Religion nicht kennt, wird es sich beim Kreuz um eine bloße Form handeln.

Die Form einer neuen Kirche muß also als sakrale Form deutbar sein; sie muß jede Assoziation an profane Bauwerke ausschließen, sie muß ganz anders sein als jedes weltliche Gebäude. Und sie muß auf das Wesen des Kultes Rücksicht nehmen, ja sie muß aus diesem, aus den Essentialia und Naturalia des Kultes, erwachsen.

Wir sehen also: eine Synthese ist nicht leicht zu finden. Die Verwendung neuer Materialien — von Glas und Beton — wird immer wieder zu schon gefundenen Lösungen verführen, wie sie sich an profanen Bauwerken bewährt haben. Aber gerade diese Gefahr hat ja, wie gesagt, der Kirchenbau heute zu meiden.

A •

Zwei junge Wiener Architekten, Friedrich Achleitner und Johannes Georg G s t e u, h?ben sich über die Gesetze des Kirchenbaues Gedanken gemacht. Als daher an sie der Auftrag erging, einen Entwurf für eine neue Pfarrkirche in St. Martin bei Linz zu schaffen — sie soll inmitten einer Arbeitersiedlung stehen —, konnten sie eine gültige Lösung finden, die, wenn sie verwirklicht wird, eine Tat darstellen würde, von der der Kirchenbau in Oesterreich neue Impulse empfangen könnte.

Der Pfarrbereich ist annähernd quadratisch und wird von der Westbahn durchschnitten. Im östlichen Zentrum des Pfarrbereiches liegt ein massiges, turmartiges Gebäude, das ziemlich hoch ist und derzeit die städtebauliche Dominante bildet. Die Kirchenform muß also so stark sein, daß diese bisherige Dominante in den Hintergrund tritt und die Kirche, die, auf der anderen Seite der Bahn liegen wird, zum Mittelpunkt wird.

Die Kirche wird in einer Siedlung stehen, die sich in offener Bauweise innerhalb einer sehr gleichförmigen, ebenen Landschaft erstreckt. Die Wohnhäuser unterstützen durch die Gleichförmigkeit ihrer Typen diesen Charakter. Solche Siedlungen sind immer der Gefahr ausgesetzt, durch verstreute Industrieanlagen ihre optischen Zentren zu bekommen. Die Kirche darf also auf keinen Fall den Charakter der Siedlungshäuser übernehmen, sich „ihnen anpassen“, sondern muß sich als bauliches Gebilde klar und eindeutig von den profanen Bauwerken unterscheiden. . ,.

Durch die offene Bauweise der Siedlung ist in St. Martin eine Platzbildung im alten Sinne nicht mehr möglich. Dennoch gelingt es dem Projekt der Architekten Achleitner und Gsteu, durch die klare Zuordnung der Kirche — wobei auch auf die Ostung nicht verzichtet wurde — zu den vorhandenen Baukörpern einen Raum zu schaffen, der eine würdige Vorbereitung zur Kirche bildet.

Die Kirche, die Achleitner und Gsteu entworfen haben, wird eine Betonform sein, wobei alle Flächen Dreiecke bilden, die in durchdachter Gliederung einen langgestreckten Raum verwirklichen. (Der Grundriß, der die Parallele des Hinwegs zum Altar wahrt, ist ein Rechteck.)

Der Eingang zur Kirche liegt in einem offenen, einladenden Vorbereich, der sich räumlich nach unten verengt. Diese Verengung ergibt eine kleine, aber wichtige Gegenbewegung zur darauffolgenden Raumsteigerung, die ihren Höhepunkt über dem Hochaltar findet. Den Raum umschließen die geneigten Wände und die erst fallende, dann noch aufsteigende, keilförmige Decke. Der Eingang steckt als Betonkörper in der schrägen Glaswand. Der vorgelagerte Querraum der Kirche, der sich an den offenen Vorbereich anschließt, wird durch die erwähnten Glasschrägen gebildet und kann, da diese beweglich sind, voll mit dem Hauptraum verschmolzen werden. In diesem Querraum liegen zur Linken und Rechten zwei Seitenaltäre: die ,,Tageskapelle“ und die „Taufkapelle“.

Die Tageskapelle ist nach Süden orientiert. Ihren Hintergrund bildet eine dreieckige Altarwand. Das Motiv der dreieckigen Altarwand kehrt auch beim Hochaltar und bei der Taufkapelle wieder und istrnach außen als ausgeklappte weiße Wand sichtbar. Die Tageskapelle ist für fünfzig Personen bestimmt und völlig vom Hauptraum abzuschließen, im Winter also getrennt heizbar. Optisch aber wird sie mit dem Kauptraum, von dem sie ja nur durch eine Glaswand zu trennen ist, immer eine Einheit bilden.

Die Taufkapelle ist nach Norden gerichtet. Der eigentliche Taufbereich mit dem Taufstein ist als quadratische Fläche eine Stufe versenkt und bildet dadurch einen eigenen abgegrenzten Bereich.

Zu beiden Seiten der Sitzreihen im Haupt-raüm, die für etwa 500 Personen bestimmt sind, werden die Beichtstühle angebracht, die im oberen Teil durch die Schräge völlig in die Wand eingelassen sind.

Der Hochaltar liegt direkt unter dem Raumhöhepunkt, der vom Glockenstuhl ausgefüllt wird. Es kann auf ihm auch die Messe zum Volk gelesen werden. Auf der Altarhöhe ist auch die Predigt- und die Lesekanzel angebracht. Es führt ein nicht unterbrochener Einzugs- und Prozessionsweg vom Eingang der Kirche bis zum Hochaltar.

Der Chor soll nach der neuen liturgischen Forderung auf der Ebene der Gemeinde sein, da( er aus Mitgliedern der Gemeinde gebildet wird. Eine Anordnung vor dem Altar ist nur dann möglich, wenn der Chor keine Sichtstörung zum Altar bedeutet, da man die Messe ja hören und sehen soll. Würde man den Chor aber orchesterartig einsenken, würde einerseits die liturgische Forderung durchbrochen, anderseits geriete der Dirigent, wie bei der Oper, in das Zentrum des Geschehens. Eine seitliche Anordnung stört das räumliche Gefüge. So ergab sich als Lösung für die Architekten Achleitner und Gsteu die Unterbringung des Chores hinter dem Altar. So ist auch ein enger Kontakt zwischen Priester und Chor möglich.

Hinter dem Altar befindet sich auch sichtbar die Orgel. Der Raum klingt in einer dreieckigen, leicht schrägen Wand aus; der eingebaute Glockenftuhl schließt ihn ab. Die der Raumidee entsprechende Lage der Glocken — auch ihre rein funktionelle — ist in dem über dem Hochaltar weitergeführten Teil des Daches. Dieser wird als Freiraum auch nach den drei anderen Himmelsrichtungen sichtbar gemacht. Dies geschieht in Form der Auflösung der Betonmasse zu einem „Skelett“, in dem die Glocken sichtbar hängen. Damit wird die Form der Kirche noch unterstrichen und bereichert. Zugleich ermöglicht diese Lösung den vollen Lichteinbruch auf den Hochaltar.

Die Sakristei ist als kleiner kubischer Baukörper mit Oberlicht in loser Verbindung mit der Kirche. Sie ist der einzige Anbau der Kirche und hat — architektonisch gesehen — zugleich eine vermittelnde, überleitende Funktion zum Erscheinungsbild der Siedlungshäuser.

Sämtliche raumbildende schräge Flächen sind als • Stahlbetonplattenbalken mit innerer Heraklith-Wärme-Isolierung vorgesehen. Die äußere Hülle soll ein wasserdichter Zementanstrich bilden. Die dreiecksförmigen Altarwände sollen gemauert, geputzt und weiß getüncht werden.

Alles in allem haben wir hier ein in seiner durchdachten Schlichtheit überzeugendes, in seiner neuen formalen Gestaltung faszinierendes Projekt vor uns.

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