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Ringstraßenstil

Die öffentlichen Monumentalbauten der Wiener Ringstraße waren jederzeit Gegenstand eifriger Diskussion. Bedeutende Kunsthistoriker haben über sie geschrieben, jeder Führer durch Wien und jeder Prospekt der Fremdenverkehrsstadt gewährt ihnen einen breiten Raum. Die Generation, die sie errichtet haben, nahm in einem heftigen Für und Wider zu ihnen Stellung, die folgenden haben sie als Bauwerke des Eklektizismus der jüngsten Vergangenheit meist abgelehnt und ihre Sdiwächen in besonderer Weise hervorgehoben, bis sie erst für unsere Tage ihre Unmittelbarkeit als „altmodische“ Bauten verloren haben und Geschichte geworden sind, die Anerkennung und Ablehnung nicht aus einem Gefühl der Beteiligung, sondern der geschichtlidien Distanz verlangt.

In allen Schriften wird aber fast einseitig diesen „Angelpunkten“ der Ringstraße Aufmerksamkeit gezollt. Der übrige, weit größere Teil des Ringes, den man als mit „Füllbauten“ versehen, ignorieren zu können glaubte, wurde kaum der Beachtung wert gefunden. Und dennoch sind diese zahlreichen Wohnbauten und Geschäftsbauten die Grundelemente, die die „Atmosphäre“ der Stadt Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzeugen. Sie sind es in viel stärkerem Maße, als der Wiener, der achtlos durch seine Straßen geht, gewahr wird, und die viele erst entdecken, wenn sie von Reisen in andere Großstädte des europäischen Kontinents zurückkehren. Diesem Wiener „Stadthaus“ des vorigen Jahrhunderts mögen die folgenden Betrachtungen gewidmet sein.

Gewiß ist das Wiener Stadthaus der Ringstraßenzeit in seiner künstlerischen Qualität nicht in eine Reihe zu stellen mit seinen Vorgängern aus der Barock- und Biedermeierzeit; diesen echten und schlichten Repräsentanten einer hohen städtisch-bürgerlichen Kultur steht das Stadthaus der Ring-straßenzeit mit seinen oft protzigen, unechten Fassaden, geziert mit Figuren ans Blech und Balustern aus Gips, wie ein Ver-fallsprodukt einer Zeit gegenüber, die mehr scheinen will, aus sie ist. Aber es verdient hervorgehoben zw werden, daß auch dieses „Verfallsprodukt“ in Wien durch seine Verankerung in einer gefestigten und sicheren Bautradition noch so viel an Baukultur bewahrt hat, daß es — verglichen mit den Stadthausbauten anderer Städte in dieser Periode — immer noch in deren erster Linie steht; daß es nicht nur Qualitäten der Fassade besitzt, sondern auch solche der inneren Organisation; und daß es vor allem noch „Atmosphäre“ besitzt, das heißt städtebaulich gesehen, eine Einheitlichkeit und Diszipliniertheit der Haltung, die „wienerisch“ ist und die die Auflösung des geschlossenen Straßenbildes in zahlreiche, von einander unabhängige Einzelelemente, wie es bei den meisten Großstadtbauten dieser Zeit der Fall ist, verhindert hat.

Das Stadthaus der Wiener Ringstraßenzeit (insbesondere der früheren Periode, also etwa der Zeit von 1860—1880) und mit ihm zusammenhängend das Straßenbild dieses Zeitabschnittes haben zwar nicht jene großartige Geschlossenheit der Anlage, die die fast zur gleichen Zeit durchgeführten Straßen-durchbrüche von Paris aufweisen. Wien hatte damals trotz seiner bedeutenden Einzelpersönlichkeiten nicht die große ordnende Hand, die Paris in Haußmann besaß. Und es hatte nicht eine so folgerichtige und einheitliche Entwicklung der Stadthausfassade, die in Grundzügen bereits durch die Per-raultsche Louvrefassade festgelegt war, deren klassizistische Ruhe und Vornehmheit den Kanon für alle späteren Gestaltungen lieferte. In Wien fehlte die klassische Schule einer rue de Rivoli, deren Schema so überzeugend wirkt, daß es auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine Änderung, sondern nur eine Abwandlung zu erfahren brauchte. Auch Wien hatte aus der Zeit des Klassizismus vorbildliche Hausfassaden, die noch heute in ihrer Geschlossenheit und Schlichtheit Juwelen des alten Wien sind. Wer ginge etwa an der starken und doch so einfältigen Wirkung der Häuserzeilen an der Mölkerbastei vorbei? Im 3. Bezirk sind in der Salesianergasse noch alte Häusergruppen von großer Geschlossenheit erhalten. Einzelne Fassaden aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts am Kohlmarkt, in der Wallnersrraße, fallen noch jetzt durch ihre schlichte Vornehmheit auf.

Aber diese Häuser wiesen zweiffllos auch für die damalige Zeit schon grundrißliche

Mängel auf; solange dieser „Wiener Haustypus“ des frühen 19. Jahrhunderts an Ausdehnung und Hölienerstreckung noch nicht Zinskasernencharakter annahm, besaß er große Reize (man betrachte etwa das Schuberthaus in der Nußdorfer Straße). Seine Zusammenhänge mit ländlichen Bauten sind unverkennbar. Denn, allgemein gesehen, entwickelte sidi das Wiener Stadthaus aus d :n niederösterreiduschen Bauernhaus. Seine Anlage um einen Hof, der durch eine gewöl! :e Einfahrt mit der Straße verbunden ist, der überdeckte Gang von der Eingangstür bis zum Wohnzimmer der Bauernfamilie sind dL- Grundelemente, von denen sich eine fortgesetzte Entwicklung bis zum Viel-parteienhaus des Biedermeiers feststellen läßt, das mit seinen mehreren Stockwerken, die durch eine gegen den Hof gelegene Treppe verbunden sind, und mit seinen übereinander gelagerten „Pawlatschen“ (ebenfalls gedeckte Gänge zu den Wohnzimmern) — die Küche wie im Bauernhaus nach diesen, also hofseitig gelegen — nichts anderes als eine Addition in vertikaler Richtung dieses einstöckigen Haussdiemas darstellt. Über diesen Ursprung des Wiener Stadthauses ließe sich, wenn man die Zusammenhänge der Lage verschiedener Nebenräume und Anlagen untersucht, eine ganze Abhandlung schreiben. Dieses Hausschema barg, wenn es, wie seit den fünfziger Jahren, durch einen zügellosen Bauliberalismus übersteigert wurde, die Gefahr in sich, zu einer fast unerträglichen und unhygienischen Massenansammlung von Hausparteien zu werden. Demgegenüber bedeutet das „Ringstraßenhaus“ einen völligen Bruch mit der durch Jahrhunderte fast gleichgebliebenen Tradition der Grundrißentwicklung. Ein neuer Lebensstil bricht sich mit ihm Bahn; eine großbürgerliche Repräsentation bedingt eine Differenzierung des Grundrisses, eine geschicktere Lagerung der Nebenräume, eine freiere Gestaltung der Treppen und Zugänge (allerdings häufig auf Kosten der früher größeren Hofräume). Es gibt Beispiele unter diesen Häusern, die auch für die heutigen, unter völlig anderen Gesichtspunkten itehen-den Wöhnideale beachtliche Lösungen einer höchst kultivierten Grundrißorganisation besitzen. Allerdings waren dies Einzelleistungen, die nicht verallgemeinert werden dürfen, und oft genug gibt es hinter Fassaden, die durch ihren Schematismus nicht ungünstig aus der Reihe treten, mittelmäßige und schlechte Lösungen.

Betrachtet man diese Häuser im Vergleich mit denen anderer europäischer Großstädte, besonders etwa Berlin, so fallen vor allem drei Gesichtspunkte auf. Die Wiener Grundrisse sind geschlossener und vornehmer in ihrer Disposition. Nirgends gibt es wie in Berlin Großwohnungen, bei denen gegen die Straße zu eine Flucht von Repräsentationsräumen liegt, während die eigentlichen „Wohnräume“, also Schlafzimmer, Ankleidezimmer, Kinderzimmer, Speisezimmer, gegen die Höfe zu liegen kommen. Bedingt durch den hohen Verbauungsprozentsatz und die Schiefwinkeligkeit der Grundstücke sind diese Zimmer sowohl was Größe, als auch was Form anbelangt — sie sind meist trapezförmig — stiefmütterlich behandelt worden. Der zweite Gesichtspunkt, der auffällt, ist, daß das Wiener Haus sozialer ist. Nirgends gibt es einen „Eingang nur für Herrschaften“ und einen Nebeneingang mit gesonderter schmaler Treppe für das Bedienungspersonal. In Wien ist es seit alten Zeiten als irgendwie zur Familie gehörig betrachtet worden und niemandem wäre eingefallen, eine gesellschaftliche Distanz noch schriftlich, gleich am Hauseingang, zu betonen. Am hervorstechendsten aber ist die formale Gestaltung der Fassade. Hat das Wiener Haus dieser Zeit noch die Tendenz, sich möglichst in den Stadtorganismus einzupassen und dadurch einer höheren städtebaulichen Wirkung zu dienen, wurde der Liberalismus in anderen Städten vielfach auf die Spitze getrieben, und geradezu krampfhaft versucht, den Nachbar durch eine noch protzigere Fassade zu übertrumpfen oder ihm zumindest nicht ähnlich txl sehen. Man kann sich keinen größeren Gegensatz vorstellen, als etwa den Boulevard des Italiens oder den Schottennng und die Friedrichsstraße oder Leipziger Straße.

Diese Vergleiche mögen gestatten, neben den Negativen auch die positiven Qualitäten der Wiener Stadthausfassade der Ringstraßenzeit aufzuzeigen.

Die Gesamtkomposition der Fassade zeigt meist eine Dreiteilung: ein Sockelgeschoß, das mit Rustikaquadern versehen ist, in dem sich, durch Rundbogen abgeschlossen, Portal-Öffnungen für Geschäftsläden befinden, meist drei bis Tier Obergeschoße in glattem Putz, die Fenster eingefaßt durch Pilaster oder Halbsäolen, die auf einem Architrav einen Dreieck- oder Segmentgiebel tragen, ferner ein Hauptgesims mit Kompositkonsolen und darüber eine Attika aus Balustern, die selten von Vasen oder Figurengruppen gekrönt werden. Die Dekorationselemcnte sind meist klassizistische Kompositdetails, die — insbesondere durch den Einfluß Hansens — dem griechischen und dem römischen Formenkreis entnommen sind. Was ist österreichisch, beziehungsweise spezifisch wienerisch noch an diesem späten Produkt des Stadthauses und steckt in ihm noch einiges von alter Wiener Bautradition?

Wienerisch ist die kubische Flächigkeit, der Verzicht auf stärkere Gliederung der Baumasse, das Vermeiden der nicht bodenständigen Erker und sogar die seltene Anwendung von Baikonen. Wienerisch ist das Einfügen in das gesamte Straßenbild und das Einhalten einer — wenn auch nicht ganz einheitlichen, so doch halbwegs gleichartigen — Gesimshöhe. Und spezifisch österreichisch ist vielleicht die häufige Anwendung der Ecktürme, als beliebtes Gliederungselement bei großen Baumassen, die ganze Straßenblocks einnehmen, wie etwa dem Heinrichs-hof, der Akademie der bildenden Künste rnid zahlreichen Wohnhausbauten der Ringstraße und anschließender Straßenzüge. Hier zeigt sich der letzte, sicher völlig instinktive Zusammenhang mit der alten Baukunst Österreichs. Denn die Ecktürme sind nichts anderes, als die letzte Form der Ecktürme bei alten Schloßbauten, die früher als Wehrtürme bei zahlreichen österreichischen Schlössern der Renaissancezeit einen wehrhaften Zweck hatten, die letzte zur Zierform gewordene Zweckform einer feudalen österreichischen Baukunst. Daß diese Schmuckform jedoch keine Spielerei einer verfallenden Zeit ist, sondern ihre Wurzeln tief in einem bodenständigen Formgefühl und einer sicheren Bautradition verankert sind, möge beweisen, daß sie auch in den vorhergehenden Bauperioden, als ein Eckturm als Wehr-tnrtn für Verteidigungszwecke durchaus sinn-1 geworden war, mit Vorliebe angewendet wwedea Lukas von Hildebrandt versah seinen heiteren Schloßbau für den Prinzen Engen, das Obere Belvedere, da nur der Muse und der Geselligkeit zu dienen hatte, t „vier Edktürmen“ und entwickelte dadurch den österreichischen Schloßtypus des Lande weiter. Gleichzeitig führte er dieses Element in die Stadt ein. Der „Turm“ findet sich daher auch schon bei vielen anderen bescheideneren Bürgerhäusern der Barockzeit als „Salettl“ wieder, das hoch über dem Dächergewirr der Stadt einen Ruhepunkt für das Haus bildet. Hiedurch wird ein ländliches Element in die städtische Baukunst hereingetragen und wenn es durchaus auch nicht als solches wirkt, durch seine Fäden, che es mit seinem Ursprung verknüpfen, ein österreichischer Typus entwickelt, der durch die Jahrhunderte reicht.

Der historische Abstand, den wir zu den Stadthausbauten Wiens im vorigen Jahrhundert haben, and die Erkenntnis ihrer Qualität, die sie trotz aller Mängel besitzen, sind m keinem Zeitpunkt wesentlicher als in der Gegenwart, wo viele dieser Bauten zerstört oder beschädigt sind, und sich leidenschaftliehe Diskussionen entwickeln, ob der eine oder andere wieder hergestellt oder gänzlich abgerissen werden soll. Ein Bau wie der „Heinrichshof“ gehört heute bereits zu den wertvollen Bauten Wiens — schon deshalb, weil er ein Werk Hansens ist, dessen Bauten durch den Krieg besonders hart mitgenommen wurden — und müßte erhalten werden. Abgesehen davon, daß ein freier Platz vor der Oper, für den vielfach plädiert wird, in dieser Form ein städtebauliches Monstrum wäre und der Oper mehr schaden als nützen würde.

Die Ringstraße ist in ihrer Art ein städtebauliches Gesamtkunstwerk, das radikale Eingriffe in ihr Gefüge nicht ungestraft läßt, ohne ihre Wirkung zu verlieren. Ein warnendes Beispiel ist bereits das Experiment, das man sich während der kurzen Bauperiode des Dritten Reiches geleistet hat, indem man den Häuserblock Ecke Schubertring-Beethovenplatz auf NS-Stil umarbeitete. Es handelte sich um eine Fassade von Hasenauer, che in ihrer Art ein Kulturdokument der Ringstraßenära war. Durch Herunterschlagen aller Details und ihrem Ersatz durch die damals offiziellen Profile in Werkstein auf Edelputz sind nicht nur die Proportionen unmöglich geworden, sondern die Uneinheitlichkeit, mit der dieser nun völlig veränderte Bau aus der Reibe der übrigen herausfällt, sind zum größten Schaden für das ganze Straßenbild geworden.

Es wäre an der Zeit, sich auch der einfachen Häuser dieser Bauperiode zu erinnern, sie zwar nicht zu überschätzen, aber auch nicht zu unterschätzen, und sie als die letzten Zeugen enier geschlossenen, einheitlichen Bautradition zu betrachten, bevor das technische Zeitalter die Baukunst auf völlig anderen Grundlagen zu fundieren begann.

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