6537043-1946_21_07.jpg
Digital In Arbeit

Das Wien der Zukunft

Wir stehen unmittelbar vor unerhört wichtigen Entscheidungen, die sich aus dem notwendigen Wiederaufbau für Wien ergeben. Zwei unserer köstlichsten Baudenk mäler, der ehrwürdige Stephansdom und die prächtige Karlskirche, sollen den ihrem Charakter würdigen Rahmen erhalten. Die Baukünstler Österreichs und die zuständigen Behörden haben dabei Aufgaben zu lösen, die ihnen durch die Einmaligkeit eine schwere Verantwortung auflasten. Die Schwierigkeit einwandfreier Lösungen wird dadurch gesteigert, daß neben der würdigen künstlerischen Gestaltung der Plätze auch eine Lösung verkehrstechnischer Probleme gefunden werden muß, der auf beiden Plätzen eine besondere Bedeutung zukommt.

Im Bewußtsein ihrer großen Verantwortung hat die Wiener Gemeindeverwaltung Wettbewerbe ausgeschrieben, deren Ergebnisse gegenwärtig im Treppenhaus und in anderen Räumlichkeiten des Festssaales des Rathauses zu sehen sind. Mehr als hundert Projekte wurden eingereicht. Die Ausschreibung verfolgte ja die Absicht, möglichst viele Baukünstler unserer Heimat zur Mitarbeit heranzuziehen und so neue, befruchtende Ideen zu gewinnen. Aber es erwies sich doch, wie man eigentlich nicht anders erwarten konnte, daß nicht ein einziges Projekt eine restlos einwandfreie Lösung brachte, daß es noch an der durchschlagenden schöpferischen Idee fehlt. Doch hat die Jury auftragsgemäß eine Reihe von Preisen verliehen, die als Anerkennung für das Geleistete gedacht sind, wenn auch nicht als Gutheißung der Ausführung.

Der Wettbewerb erinnert wiederum daran, daß sich unsere Baukünstler von allen archaisierenden Tendenzen und romantischen Spielereien freimachen müssen. Jede Epoche kann nur aus der ihr gemäßen künstlerischen Gesinnung heraus bauen, wenn sie Bedeutendes leisten will. Und wie sich “der Barockmeister nicht gescheut hat, in ein gotisches Gotteshaus einen schönen Barockaltar zu setzen, ohne damit gegen den Geist der Kunst zu sündigen, so müssen auch unsere Architekten den Mut aufbringen, aus der Zeitgesinnung heraus Neues und Großes zu gestalten. Geschmack, Phantasie, Kultur und künstlerisches Können sind dabei die natürlichen Voraussetzungen. Es wäre ebenso verfehlt, den alten „Steffel“ mit Hochhauskolossen einzusäumen, wie etwa in Stahl, Eisenbeton und Glas, den modernen Baustoffen, putzige, ebenerdige, ein Pseudo-Mittelalter vortäuschende Häuschen in Domnähe zu errichten oder aus überholter Butzenscheibenromantik heraus den Dom mit Arkadenhäusern zu umsäumen.

Die dem Architekten beim Stephansplatz gestellte Aufgabe ist vollkommen klar. Er hat den Straßencharakter unbedingt zu vermeiden und einen möglidist geschlossenen Platz zu schaffen, jedodi so, daß der neuzeitliche Verkehr möglichst wenig gehemmt wird. Eine Unterführung de Platzes für den Schnellverkehr würde wohl am günstigsten sein, allerdings beträchtliche Kosten erfordern. Sollte es zum Bau einer Untergrundbahn kommen, ließen sich beide Projekte wohl vereinigen und dadurch auch ihre Durchführung verbilligen.

In den preigekrönten Entwürfen der Architekten Fridinger, Lorenz und Froehlich (Linz) sowie in verschiedenen .anderen Wettbewerbsarbeiten finden sich befriedigende Teillösungen, ohne in ihrer. Gesamtheit schon ausführungsreif zu sein. Es sind in ihnen noch Elemente, bald in städtebaulicher, bald in künstlerischer oder verkehrstechnischer Hinsicht, die immer wieder den Eindruck erwecken, daß die Künstler noch zu stark unter dem Einfluß der früheren verfehlten Platzgestaltung stehen.

Zum Beispiel in dem mit dem ersten Preis ausgezeichneten Projekt des Architekten Fridinger wird der Versuch gemacht, der altchrwürdigen Riesenfassade des Doms eine riesige Gesdiäftsfront a k Mariahilfer Straße gegenüberzustellen. Dazu kommt nodi, daß der Entwurf eine Ab-schließung des Platzes durch eine Säulenreihe zwischen Kurhaus und Südseite des Doms vorsieht, die ihrerseits weder mit der Kathedrale, nodi mit den projektierten Ge-sdiäftshäusern Übereinstimmung aufweist und außerdem einen der reizvollsten Ausblicke auf den Dom verstellt.

Das Projekt des Architekten Lorenz hält sich städtebaulich an das bereits bestehende Verbauungsschema, das gerade an dieser Stelle seit Jahrhunderten im Prinzip gleich geblieben ist. Nur am Stock-im-Eisen-Platz wird eine Erweiterung zugunsten der Verkehrsverbesserung vorgenommen und die Häuser der Rotenturmstraße unter Arkaden gestellt, damit eine Verbreiterung von Fahrbahnen und Gehsteigen erfolgt, ohne daß die Gesdilossenheit des Platzes aufgerissen wäre. Dieser Architekt hat auch erkannt, daß die Enge des Platzes einen einheitlichen Riesenkomplex nicht verträgt; er stellt in der Erkenntnis dessen, einzelne in sich geschlossene Baukörper hin, deren, noble Fassaden eine Weiterentwicklung des alten Wiener Fassadentypus anstreben. Aber ganz gelungen erscheint auch diese Lösung nicht.

Der dritte Preis, der dem Linzer Architekten Fröhlich zugesprochen wurde, bringt den Versuch, zwischen Stock-im-Eisen-Platz und Stephansplatz eine Einengung durch Gebäudegruppen vorzunehmen und hiedurch die beiden Plätze stärker voneinander zu trennen.

Unter den sieben Ankäufen sind städtebaulich noch einige Lösungen, die durch den Versuch hervorgehoben zu werden verdienen, den Platz völlig zu schließen, indem die einmündenden Straßen iberbaut werden. Die meisten Fassaden lassen jedoch bei diesen großen Baukomplexen, die hiedurch entstehen, die notwendige Reife vermissen. Im Detail sind die meisten Baukörper und Fassaden nicht als glücklich zu bezeichnen und für das Zentrum einer Weltstadt nicht von einer Haltung, wie es der Bedeutung der Wiener Tradition entspricht.

Es wäre zu wünschen, daß das Ergebnis dieses Wettbewerbes eine möglichst lebhafteDiskussion a 11 ? r interessierten Kreise, also schlechthin aller Wiener, auslöst und dadurch vielleicht neue Wege zu befriedigenden Lösungen finden hilft.

Vor ganz andere Probleme werden die Künstler bei der Gestaltung des Karlsplatzes gestellt. Vorläufig besteht ja eigentlich nur der Baugrund dieses Platzes mit der Karlskirche als Dominante. Es bleibt erst der Zukunft vorbehalten, hier tatsächlich einen Platz zu schaffen, der Wiens Stadtbild verschönert. Seit mehr als vierzig Jahren sind alle diesbezüglichen Pläne im Keime steckengeblieben. Nunmehr wäre es vielleicht möglich, die schöne Planung Fischers von Erlach wenigstens teilweise zu verwirklichen, etwa von der Kreuzung der Ringstraße mit der Kärntnerstraße einen Durchblick auf die Karlskirche zu ermöglichen. Dadurch würde dieses Baujuwel wirklich zur Geltung gebracht werden können. Auf jeden Fall müßte der neue Platz gegen die Wiedner Hauptstraße zu einen architektonisch schönen Abschluß finden. Bei der architektonischen und gärtnerischen Platzgestaltung, die vor allem auf die Achsenrichtung der Kirche Rücksicht zu nehmen Hätte, sollte man nicht übersehen, daß die terrassenmäßige Gestaltung des Kirchenaufganges wie kaum ein zweiter Platz in Wien die Möglichkeit für Freilichtaufführungen großen Stiles bietet, vor allem natürlich für religiöse Großveranstaltungen im Freien ganz besonders geeignet wäre. Eine einwandfreie Lösung der Verkehrsfrage läßt sich auch hier wohl nur durch Unterführung des Platzes finden.

Auch dieser Wettbewerb erbrachte keine ganz einwandfreien Ergebnisse. Die Projekte der Architekten Hoch, Omasta und B o 11 d o r f und die anderen durch Ankäufe gewürdigten Arbeiten verdienen sicherlich alle Anerkennung, aber keiner dieser Pläne reicht ganz. Auch sie bleiben in Halbheiten stecken, statt sich unbedenklich an Ganzheitslösungen zu wagen.

Wenn man den Mut zur Ehrlichkeit aufbringt, muß man bekennen, daß uns diese beiden Wettbewerbe in den wichtigsten Entscheidungen städtebaulicher und künstlerischer Natur, die uns bevorstehen, nicht sehr viel weitergebracht haben. Aber man kann doch so manches auf die Gutseite buchen und die Hoffnung hegen, daß unsere Baukünstler wertvolle Anregungen gewonnen haben, deren Verwertung zu möglichst vollkommenen Lösungen führen könnte. Österreichs Baukunst, die in so, vielen Epochen europäisches Format hatte, wird und muß sich dieser Vergangenheit würdig erweisen. Vorläufig hat die Öffentlichkeit das Wort. Ihre Stellungnahme zu den Wettbewerben kann vielleicht der Künstlerschaft neue Impulse und fruchtbringende Anregungen geben.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau