Augen zu und durch - <strong>Oberes Preissegment</strong><br />
Hochhäuser trugen bisher nicht zur Ausweitung des Angebots an leistbaren Wohnungen in Linz bei. - © Reinhard Seiß
Architektur

Augen zu und durch

1945 1960 1980 2000 2020

In Linz herrscht eine blindwütige Auf- und Abbruchstimmung: Hochhäuser ohne Konzept, eine Stadtautobahn trotz Klimawandels und der Abriss historischer Sozialwohnungen.

1945 1960 1980 2000 2020

In Linz herrscht eine blindwütige Auf- und Abbruchstimmung: Hochhäuser ohne Konzept, eine Stadtautobahn trotz Klimawandels und der Abriss historischer Sozialwohnungen.

Die „Wohnbau-Verdichtung“ müsse „in die Höhe führen“, begründete der Linzer Bürgermeister Klaus Luger vor nicht allzu langer Zeit den Hochhausboom in seiner Stadt, und zwar „um die Grüngürtel in Urfahr und in Pichling weiterhin unangetastet lassen zu können“. Freilich, das dynamische Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahre hat sich inzwischen wieder so weit abgeschwächt, dass der Druck, neue Wohnungen zu bauen, weder die Naherholungsgebiete am Rande der oberösterreichischen Landeshauptstadt noch die gewachsene Struktur in ihrem Innenbereich gefährden bräuchte. Zudem leisten die jüngst realisierten und projektierten Wohnhochhäuser keinerlei Beitrag zum politisch beschworenen „leistbaren Wohnen“, sondern bewegen sich im oberen, wenn nicht obersten Preissegment. Der spekulative LUX Tower etwa wurde zunächst als Büroturm geplant, dann aber aufgrund höherer Renditeerwartungen in einen Luxusappartmentturm umgewandelt – nicht das einzige Linzer Großprojekt, das weniger auf die lokale Nachfrage nach erschwinglichem Wohnraum reagiert als auf die überregionale Nachfrage nach attraktiven Immobilien­investments.


Landespolitische Komplizen

Umso erstaunlicher war es, dass das Oberhaupt der von Rot und Blau dominierten Stadtregierung nichts einzuwenden hatte, als der örtliche Fußballverein LASK im Vorjahr seine Pläne offenbarte, den südlichen Grüngürtel von Linz mehr als nur „anzutasten“ – nämlich unmittelbar am Pichlinger See, in einem vom Land Oberösterreich verordneten Grünzug und ohne leistungsfähigen öffentlichen Verkehrsanschluss, ein neues Stadion für 20.000 Zuschauer zu errichten. 20 Hektar Agrarland, nicht zuletzt für 3500 ebenerdige Parkplätze, würde das Projekt erfordern – wofür die mehrheitlich schwarz-blaue Landesregierung bereits die Grünzugsabgrenzung „angepasst“ hat. Dass die „Sportstadt Linz“ ihr bestehendes Stadion für 21.000 Personen, 20 Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, erst vor sieben Jahren um 32 Millionen Euro saniert hatte, spielte in den Überlegungen der Stadt- und Landesväter offenbar keine Rolle.


Diese spezielle Form politischer Um- und Weitsicht demonstrieren die für Linz Verantwortlichen auch in anderen Bereichen. So setzte sich insbesondere die Landes-ÖVP vehement für eine neue Stadtautobahn ein, deren Bau im Dezember 2018 – zwei Jahrzehnte nach Beschluss des Kyoto-Protokolls und trotz heftigen Widerstands von Anrainern, Umwelt- und Klimaschützern – in Angriff genommen wurde. Nach ihrer Fertigstellung soll die A26 den Pendlerverkehr aus dem westlichen Mühlviertel aufnehmen und in Bahnhofsnähe bis an das Zentrum heranführen. Ganz im Stil der Verkehrspolitik der 70er-Jahre, in die die Planungen für den Westring zurückreichen, wird dafür eine komplette Häuserzeile in der Waldeggstraße abgerissen. Und mögliche Alternativen für die Pendler, allen voran die überfällige Attraktivierung der Mühlkreisbahn samt Errichtung entsprechender Park-and-ride-Anlagen, blieben wohlweislich unberücksichtigt. Zwar bezweifelte das Verkehrsministerium 2010 die Angemessenheit der Autobahnplanung und drängte auf eine Redimensionierung in Form einer Landesstraße, doch fällt auch die Bundespolitik ihre Entscheidungen nicht immer sachlich. Selbst die vernichtende Kritik von Umweltministerium und Umweltbundesamt an den Darstellungen der Autobahnbefürworter blieb wirkungslos: Deren Prognose einer Verkehrs- und Emissionsreduktion als Folge des Westrings sei laut Umweltexperten eine ebenso absurde Phantasie wie die behauptetenVorteile für den Siedlungs- und Wirtschaftsraum – und darüber hinaus laufe das Projekt den völkerrechtlich verbindlichen Klimaschutzzielen eindeutig zuwider.