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Neue Gründerzeit, alte Fehler?

1945 1960 1980 2000 2020

Man spricht von einer neuen Gründerzeit. Die Ströme der Zuwanderer und die Autos und Autobusse aus den „Kronländern" der alten Monarchie, eine Weltausstellung im Donauraum, Wünsche von Investoren nach ergiebig nutzbaren Grundstücken - all das erinnert an die Situation vor hundert Jahren. Außerdem haben wir das bauliche Erbe jener Zeit täglich vor Augen: geradlinig regulierte, von Lastenstraßen und Bahnen begleitete Ufer zwischen abweisenden Steinböschungen und vor allem ein

1945 1960 1980 2000 2020

Man spricht von einer neuen Gründerzeit. Die Ströme der Zuwanderer und die Autos und Autobusse aus den „Kronländern" der alten Monarchie, eine Weltausstellung im Donauraum, Wünsche von Investoren nach ergiebig nutzbaren Grundstücken - all das erinnert an die Situation vor hundert Jahren. Außerdem haben wir das bauliche Erbe jener Zeit täglich vor Augen: geradlinig regulierte, von Lastenstraßen und Bahnen begleitete Ufer zwischen abweisenden Steinböschungen und vor allem ein

Meer alter Zinskasernen voller Bassena-Wohnungen an finsteren „Licht"-höf en, die heute aus einem schematischen Straßennetz mit Lärm und Gestank der Autos versorgt werden - immer noch ein Drittel aller Wiener Wohnungen!

Im übrigen hat sich alles geändert: Von einer autoritären Monarchie zu einer um Demokratie bemühten Republik. Vom Glauben an Industrie und Technik als Zukunftsvision zur bestürzenden Erkenntnis der weltweiten Zerstörungen, mit denen sie inzwischen die Existenz der Menschheit bedrohen. Von industrieller Ausbeutung zu sozialer Fürsorge und Verantwortung. Von einem traditionellen Weltbild zur weltweiten Information. Von der Kutsche für wenige zum Auto und Flugzeug für alle. Von gesunden Landschaften, Öko-Systemen und Gewässern zu sterbenden Wäldern und vergifteten Flüssen und Meeren. Vom Wachstumsglauben zum Öko-Bewußtsein.

Von einer neuen Gründerzeit müßte man also anderes erwarten als von der alten. Aber die Substanz der Stadt und unsere Vorstellungen von „Stadt" sind, merkwürdigerweise, im Wesen mehr als hundert Jahre lang unverändert geblieben. Der alte Fassadenkult ist in Form postmoderner Dekorationen vor neuen Block-Randbebauungen - zum Beispiel am Wienerberg -wieder aufgelebt. Die Substanz der alten Zinskasernen wird durch Einbau von Aufzügen und Installationen verewigt, womit aber an ihrer meist unzumutbaren Umweltsituation nichts geändert wird.

Damit ignorieren wir die Tatsache, daß Umweltqualität für unsere Bewohner das wichtigste Kriterium bei der Beurteilung und Wahl der Wohnung darstellt. Die frei-werdenden Substandardwohnun-gen und -viertel werden wieder aufgefüllt mit Zuwanderern, die aus denselben Ländern kommen wie vor hundert Jahren. Sie werden, wie gewisse Beispiele zeigen, oft noch schlechter untergebracht als in den mit Bettgehern und Untermietern überbelegten alten Bassena-Wohnungen.

Kann, wird sich Wien mit einer solchen Entwicklung identifizieren? Welche Antwort gibt unsere Stadtplanung, unsere Städtebaupolitik auf diese Situation? Welche Konzepte sind im Zusammenhang mit der EXPO, ihren Problemen, aber auch ihren Möglichkeiten, von den mit der Vorbereitung der EXPO beauftragten Architekten vorgelegt, welche sind diskutiert oder beschlossen worden? Was haben die in letzter Zeit wiederholt herangezogenen ausländischen Fachleute, von denen man ja allerdings kaum genügend gründliche Kenntnisse und Erfahrungen, genügend Gefühl für diese so diffizilen, spezifischen Wiener Fragen erwarten kann, zu dieser Frage beigetragen?

Und wieder wird jetzt nach dem Hochhaus gerufen, das zwar für große Bürohäuser, Hotels und Krankenhäuser wegen der kurzen inneren Verbindungen innerbetriebliche Vorteile bieten und in neuen Zentren, wo keine Rücksicht auf

ein vorhandenes wertvolles Stadtbild zu nehmen ist, eine Rolle als Zeitsymbol spielen kann.

Das gilt aber keineswegs für Wohnhochhäuser, die nicht ohne Grund im Ausland seit Jahren abgebrochen oder zugenagelt worden sind und aus denen bei uns die Bewohner an den Wochenenden flüchten, womit sie die Umwelt zerstören und die Landschaft zersiedeln. Daß Hochhäuser keine Flächen- beziehungsweise keine

Raumersparnis bringen, braucht nicht mehr bewiesen zu werden. Die ganz minimale Ersparnis an bebauter Fläche wird durch die notwendigen größeren Abstände und Verkehrsflächen mehr als aufgehoben. Ein Gewinn ist das Hochhaus nur für den Bodenbesitzer, dessen Grundstück maximal ausgenützt und damit immer teurer wird, während die Nachteile der Verdichtung und Überhöhung die Nachbarn beziehungsweise die Allgemeinheit tragen.

Solcherart geht man wieder den Weg der alten Gründerzeit: Man sucht Fragen des städtischen Lebensraumes mittels „Technik" und „Wirtschaft" zu lösen, konzentriert sich - ganz im Sinne der für Wien so charakteristischen retrospektivnostalgischen Grundeinstellung -wieder auf die Innere Stadt, auf die Symbole der „alten Kaiserstadt", die aber nennenswerte Hinzuf ügun-gen und Veränderungen weder benötigt noch verträgt. Man fragt zu wenig nach den Lebensbedürfnissen, den vielfältigen Raumbedürfnissen einer großen Stadt, auf die - neben den dringend nötigen Reparatur- und Erneuerungsaufgaben - auch ganz neue Fragen, neue Zuwanderer, zukommen.

Und man übersieht vor allem, daß die Bewohner selbst ihren - den Lebensraum Wiens - inzwischen weit über das dicht bebaute Gebiet, ja weit über die Stadtgrenzen hin-

aus ausgedehnt haben in eine „Region" mit einem Durchmesser von rund hundert Kilometern.

In diesem Raum zwischen Eisenstadt, Wiener Neustadt, Sankt Pölten, Gänserndorf und so fort entwickelt sich der Berufsverkehr, aber auch der Verkehr zu Kultur- und Erholungseinrichtungen, Kaufzentren und so weiter, wie die von mir in meiner Eigenschaft als Wiener Stadtplaner schonl960 veranlaßte Darstellung der Berufs-„Pendelwanderungen" in der Region Wien zeigt. Sie haben sich inzwischen noch entscheidend vermehrt. Auch die Netze wichtiger Versorgungsleitungen reichen so weit.

In diesem Räume streut sich, soweit das Auto reicht, eine viel zu lockere Be- beziehungsweise Ver-und Zersiedelung mit Eigenheimen, der Kümmerform der Villa, in Form freistehender Einzelhäuser auf jeweils rund 800 bis 1.000 Quadratmeter großen Parzellen, an einem kostspieligen Netz von Fahrstraßen und Leitungen, meist aber ohne die bei so geringer Dichte kaum mögliche Versorgung mit Infrastruktur und Massenverkehrsmitteln.

Die Schwierigkeiten der Erreichbarkeit, die Belastung der Gemeinden mit Erschließungskosten und viele andere Nachteile haben die Illusionen hinsichtlich dieser alles andere als Urbanen Bebauung längst zerstört. Daß angesichts dieser Entwicklung das Einfamilienhaus ebenso diskreditiert wird wie die städtebauliche Entwicklung des Stadtrandes überhaupt, ist die verhängnisvollste Folge dieser Entwicklung.

Sie ist überdies eine Hauptursache für die Verstopfung der innerstädtischen Straßen mit parkenden Autos. Mangels genügend weit in die Region hinausreichender Massenverkehrsmittel, S- und U-Bahnen mit park-and-ride-Anlagen (auch für Busse) an den Stationen bleibt den Bewohnern der Region nur das Auto für den Verkehr zu den Wiener Arbeits-, Bildungs- und Vergnügungsstätten. Die innerstädtischen Verkehrsschwierigkeiten sind also in der Region „gemacht". Und zweifellos hat Wien daher nicht nur das Recht, sondern auch die

Pflicht, über die Entwicklung der Region nachzudenken und sie mit zu beeinflussen. Die diesbezüglichen Anregungen von Vizebürgermeister Mayr in der letzten Zeit sind ein wichtiges Signal in dieser Richtung.

In der ganzen Region gibt es kaum Wichtigeres als den Verkehr von der Straße auf die Bahn zu bringen, das heißt, U- und S-Bahn so weit wie möglich hinauszuführen, mit park-and-ride-Einrichtungen auszustatten und dort Zentren städtischen - wenn man will, vorstädtischen - Lebens mit Einkaufsmöglichkeiten und anderer Infrastruktur zu entwickeln. Was gemeint ist und wie das aussehen könnte, zeigt am besten die seit der Römerzeit bestehende Kette urbaner Siedlungen zwischen Wien und Wiener Neustadt.

Die Baulandreserven Wiens liegen heute in den Bezirken jenseits der Donau, die daher das Experimentierfeld einer zukunftsorientierten Entwicklung des Wohn- und Städtebaus sein sollten, die sich in die Region fortsetzen müßte und an den Stationen der Massen Verkehrsmittel Schwerpunkte dichterer Besiedlung bilden sollte. Wie solche heute und künftig entstehen-

den Gebiete aussehen könnten, zeigt die Gartenstadt Puchenau bei Linz mit ihrer Mischung verschiedener Hausformen, vom Reihen- und Atriumhaus bis zu drei-, viergeschossigen Terrassenhäusern und einer für Versorgung und Infrastruktur ausreichenden Dichte.

Das alles bedeutet im Grunde nichts anderes als die Weiterführung des Gedankens der inneren Dezentralisation in meinem Planungskonzept Wien 1961 mit seiner Bildung von Bezirkszentren, dessen Richtigkeit und Durchschlagskraft sich in der hervorragenden Akzeptanz und raschen Weiterentwicklung dieser Zentren

erwiesen hat. Leider sind die solcherart erreichten Ersparnisse an Verkehr in die und in der Inneren Stadt ebensowenig mit Zahlen auszudrücken wie die Bedeutung dieser Nebenzentren für das Eigenleben der Bezirke und für die Lebendigkeit der Stadtstruktur. Was zeigt, daß statistische Ermittlungen und Kriterien nur einen kleinen Teil städtebaulicher Probleme erfassen können.

Die Bedeutung einer solchen modernen Stadtentwicklung liegt in der zeitgemäßen Qualität des so geschaffenen Lebensraumes. Erst die Ergänzung der. Wohnung durch einen uneingesehenen privaten Lebensraum unter freiem Himmel reduziert, wie sich erwiesen hat, den Wochenendverkehr mit all seinen üblen Folgen wesentlich. Darüber hinaus ist der Umgang mit Vegetation - sei es auch in bescheidenster Form auf kleinstem Raum -besonders auch für Kinder eine wichtige Gelegenheit, ökologische Gesetzmäßigkeiten selbst zu erleben und damit eine Voraussetzung für das so nötige ökologische Verständnis.

In einer „Freizeitgesellschaft" kann die Beschäftigung mit Haus und Garten eine in jeder Hinsicht produktive Nutzung freier Zeit sein - im Sinne persönlicher Gestaltung persönlicher Umwelt. Wenn die Autos in Tiefgaragen verschwinden und die Wohnhäuser an ruhigen, schmalen, geschützten Fußwegen liegen, fallen die Gefahren für spielende Kinder, die Belästigung durch Lärm und Abgase weg, es entsteht ein gemeinsamer, in Ruhe „bewohnbarer", urbaner Stadtraum, wie er vorindustrielle Städte charakterisiert und anziehend macht. Nicht zuletzt werden auch die Kosten für die Erschließung, die bei niedriger Bebauung eine große Belastung dargestellt haben, minimiert.

Eine Befragung hat in Wien ergeben, daß die Wiener verdichteten Flachbau und Terrassenhäuser allen anderen Hausformen bei weitem vorziehen, auch solchen Wohnungen, an deren Planung sie selbst „partizipiert" haben. Nachdem nicht nur durch Puchenau und andere Linzer Siedlungen erwiesen ist, daß Flachbausiedlungen mit den normalen Mitteln der Wohnbauförderung finanzierbar sind, darf man gewiß erwarten, daß künftig beim Bau von mit Steuermitteln finanzierten Wohnungen auch die Wünsche der Steuerzahler hinsichtlich der Haus- und Wohnungsgruppen berücksichtigt werden. Nur so wird mit Wohnungsbau auch „Lebensraum", „Umwelt", geschaffen.

Steigende Ansprüche an die Qualität des Wohnens und der Umwelt sind ein Charakteristikum der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre. Sie sind die Ursache der Flucht aus der Enge der steinernen Stadt in die natürlichere, freiere Region, sowohl als dauernde Abwanderung aus dem Stadtinneren als auch Wochenendflucht mit der damit zusammenhängenden Verlagerung kultureller und gesellschaftlicher Aktivität aus der Stadt heraus. Gerade in einer vergroßstädterten Gesellschaft sollte die Großstadt als Symbol dieser Gesellschaft nicht durch Mangel an Lebensraum und Umweltqualität die Menschen in die Flucht treiben, sie soll vielmehr nicht nur zur Arbeit, sondern auch zur Erholung, zum Aufenthalt, zum „Wohnen" einladen.

Der Autor war von 1958 bis 1961 Wiener Stadtplaner und ist Präsident des österreichischen Kunstsenates.

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