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Qualitätsarchitektur am Rande der Großstadt

Die goldenen Zeiten des Wiener Wohnbaubooms sind vorbei: zwischen neun- und zehntausend Wohneinheiten jährlich sind in den letzten Jahren an Wiens Stadträndern entstanden. Die Grenzen des Rudgets lassen aber nun viele ehrgeizige Projekte am Stadtrand wanken: Die Erschließungskosten (Infrastruktur oder Kanalanschlüsse) sind in Sparzeiten einfach zu hoch. Man wird also wieder das Potential im Inneren Wiens ausschöpfen.

Das Areal der Rennwegkasernen im dritten Bezirk ist nur eines der Beispiele, neuen Wohnraum in der Stadt zu erschließen. 355 Wohnungen, 33 Büros, 23 Geschäfte, ein Kindergarten, eine Volksschule, ein Geriatri-sches Pflegezentrum und Behindertenwerkstätten wurden nach bewährtem Muster möglichst vielen und möglichst renommierten Architekten zur Planung und Gestaltung übergeben: Roland Rainer, Anton Schweig-hofer, Hans Puchhammer, das Atelier 4 und das Duo Nehrer & Medek sind nur einige davon.

Das Nordbahnhofareal im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist einer der vielversprechendsten innerstädtischen Rereiche, auf dem sich bei bereits bestehender infrastruktureller Versorgung und einer guten Verkehrsanbindung neuntausend Wohnungen und siebzehn- bis zwanzigtausend Arbeitsplätze in Rüros, Geschäften und der Gastronomie realisieren lassen.

Vor allem in „Transdanubien", an der Peripherie, ist bisher das meiste Wohnvolumen neu errichtet worden. Qualitätsvolles Wohnen zu sozialen Preisen war immer Hauptanliegen in der Architektur der neuen Gemeindebauten. Aber eine neue Lebenseinstellung schwingt mit in Projektbezeichnungen wie „Sun City", ^Öko-City" oder „Stadt der Frauen", die nun Wirklichkeit werden.

Der Rio-Room hat einen Rewußt-seinswandel bei den Rauträgern, bei Genossenschaften und Gemeinde bewirkt und findet seine Interessenten. An den infrastrukturarmen Stadträndern entstehen junge Städte für die natursuchende Familie mit Kleinkindern. Unter der Patronanz des grünen Stadtrates Christoph Chorherr bemüht man sich sogar im westlichen Donaufeld um das sogenannte „car sharing", die gemeinsame Autobe-nutzung mehrerer Bewohner.

Begonnen hat die Tendenz zur „Kleinstadt am Bande der Stadt" in den frühen achtziger Jahren am Wienerberg im zehnten Bezirk. Er ist aber lange nicht mehr das einzige, und schon gar nicht das größte Her-zeige-Beispiel der Gemeinde Wien: Auf etwa zweieinhalbtausend Einwohner schätzt Pfarrer Peter Lumpe seine Wienerberger Gemeinde, dreißig Taufen pro Monat gab es zu Beginn. Mittlerweile treiben schon die ersten Halbwüchsigen mit Doppelliterflaschen Wein ihr Unwesen.

Die Pfarrkirche als sozialer Integrationspunkt ist nicht nur in dieser Gegend wichtig: Auch im städtebaulichen Erweiterungsgebiet der Brünnerstraße in Wien 21., erfüllt Otto Häuselmayrs Kirche diese Funktion.

Jeder Autofahrer kennt Viktor Huf-nagls markante, kilometerlange Fassade mit den gliedernden Stiegen-haustürmen, fast niemand die ruhige, grüne Hinterseite mit den hufeisenförmigen Höfen und den abgetreppten Terrassen. Etwa 800 Wohnungen beinhalten sie, das Gebiet um den

Marchfeldkanal bietet noch wesentlich mehr: rund 4.200 Wohnungen bilden eine kleine „Bezirkshauptstadt" in der Stadt. „St. Cyrill und Me-thod" heißt die Pfarre, der Name und Otto Häuselmayrs Architektur mit dem skulpturalen Turm wollen in ihrer Offenheit als Pforte in den Osten wirken. Eine Schule und ein Kindertagesheim sollen für Lebendigkeit und Komfort sorgen. Die Infrastruktur dieser Gegend liegt allerdings noch ziemlich im argen.

Trotzdem baut man nach demselben Konzept weiter: Der Leberberg in Wien-Simmering wird schon bald besiedelt, hier entstehen sogar zwei Kirchen, eine evangelische vom renommierten Atelier in der Schönbrunnerstraße und eine katholische unter der Federführung von Dombaumeister Franz Ehrlich.

Neu fertiggestellt wurde auch eine „Kleinstadt" in Süßenbrunn: In der Nähe des idyllischen Hirschstettner Radeteiches wurde die jüngste Planung nach dem Leitkonzept des Städtebauers Otto Häuselmayr realisiert. Ein beinahe zwei Kilometer langes, sehr schmales Grundstück führt den Fußgänger auf einem sympathisch geschwungenen Weg durch eine neue Architekturlandschaft, die viele Sprachen spricht. Christoph Riccabona zeigt postmoderne Elemente, eine Garageneinfahrt läßt dekonstruktivistische Tendenzen anklingen, rustikale Holz- und Ralkonelemente finden sich ebenso wie weiße, klare Schlichtheit. Otto Häuselmayrs modern reduzierte Mehrfamilienhäuser zeigen bei aller Einfachheit Humor: das Geräte-kammerl im Garten wurde den Re-wohnern der oberen Geschoße originell ersetzt: eine kleine Kiste auf dem Ralkon muß genügen.

Andere Mitplaner wiederum bekennen sich mutig zu Farbenvielfaltj und Formenreichtum: Die abgerun-l deten Raukörper des Architekten-1 teams Melicher, Schwalm-Theiss und Gressenbauer, die ein wenig an aufgelaufene Schiffe erinnern und der wunderbare hölzerne Kindergarten bleiben in Erinnerung. Sie verbreiten Urlaubsstimmung am Stadtrand. Momentan gibt es nur zwei Eissalons in dieser künstlichen Kleinstadt, die sich immerhin über eine Länge von mehr als einem Kilometer erstreckt, Otto Häuselmayr wünscht sich jedoch auch bald einen Wochenmarkt, der Leben in die Gebäude bringen soll.

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