Lust auf Dichte

1945 1960 1980 2000 2020

In Freiburg kehren Einfamilienhausbewohner zurück in die Stadt: nicht ins historische Zentrum, sondern in ein Neubauviertel. Teil 2 der Serie "Wachstum der Städte".

1945 1960 1980 2000 2020

In Freiburg kehren Einfamilienhausbewohner zurück in die Stadt: nicht ins historische Zentrum, sondern in ein Neubauviertel. Teil 2 der Serie "Wachstum der Städte".

Laut Architekturhistoriker Friedrich Achleitner brauchte es an die 300 Jahre, bis aus einem römischen Heerlager eine lebendige Stadt wurde. Wir erwarten uns heute oft in weniger als einem Jahrzehnt, dass aus einem Neubaugebiet ein urbanes Viertel wird. Allerdings, so Achleitner weiter, haben die gegenwärtigen Stadterweiterungsgebiete meist wenig Spielraum, sich in den nächsten 290 Jahren noch grundlegend zu ändern. Zu schnell, zu schablonenhaft, zu starr und zu endgültig werden viele Quartiere am Stadtrand hochgezogen.

Im baden-württembergischen Freiburg hat man sich zumindest 25 Jahre lang Zeit genommen, den Stadtteil Rieselfeld Schritt für Schritt zu entwickeln - und brach auch sonst mit den überkommenen Strukturen und Instrumenten der Planung, die seit der Nachkriegszeit genau jene Neubaugebiete hervorgebracht haben, die viele Menschen im Endeffekt zur Flucht aus der Stadt bewegten.

Abwanderung ins Umland

So litt auch das heute 230.000 Einwohner zählende Freiburg im Breisgau ab den 70er-Jahren unter der Abwanderung vor allem junger Familien ins Umland. Die Folgen für die Stadt waren Verkehrs-und Umweltprobleme durch die vielen Einpendler sowie der Verlust an Steuerzahlern und Konsumenten. Gleichzeitig gab es in Freiburg Anfang der 90er-Jahre 6000 Anfragen nach zeitgemäßen, aber preisgünstigen Wohnungen. "Es war klar, dass wir diesem Schwund entgegensteuern mussten und am besten noch einen Teil der abgewanderten Bevölkerung in die Stadt zurückholen sollten", erinnert sich der studierte Bauingenieur Klaus Siegl, der damals gerade vom Stadtplanungsamt in das Umweltschutzamt gewechselt war. Anstatt mehrerer kleinerer Wohnbauprojekte entschloss sich die Kommunalpolitik zu einer konzertierten Stadterweiterung auf dem insgesamt 320 Hektar großen, stadteigenen Rieselfeld im Westen Freiburgs, wo bis in die 80er-Jahre die Haushaltsabwässer der südwestlichen Viertel verrieselt wurden.

Aufgrund der ökologischen Bedeutung des Feuchtgebiets wurden für die 70 Hektar große Stadterweiterung besondere umweltpolitische Ziele definiert", erklärt Klaus Siegl. Vorrang für öffentlichen Verkehr und Fahrräder, Regenwasserbewirtschaftung, Nutzung regenerativer Energien oder flächendeckende Fernwärmeversorgung, hießen einige der ökologischen Prämissen. "Zum anderen wurde für die Entwicklung des Rieselfelds eine weitgehende Bürgerbeteiligung angestrebt", so Siegl. Noch vor der Ausschreibung des städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerbs im Jahr 1992 bat die Planungsbehörde die Freiburger Bevölkerung um Anregungen, wie der künftige Stadtteil aussehen sollte.

Mit allen Fraktionen

Die bedeutsamste Weichenstellung war aber zum einen, ein politisches Gremium mit Vertretern aller Fraktionen des Gemeinderats zu konstituieren, das alle paar Monate - und über die Jahre hinweg insgesamt 70 Mal - ausschließlich wegen des Rieselfelds zusammentrat, und zum anderen eine städtische, ämterübergreifende Projektgruppe zur Planung und Realisierung der Stadterweiterung einzurichten. Durch die kontinuierliche Befassung aller Parteien mit dem Rieselfeld gelang es, dass das Projekt zu keiner Zeit zum Gegenstand tagespolitischer Ränkespiele wurde. Die interdisziplinäre Projektgruppe wiederum versammelte 18 Jahre lang alle Kompetenzen einer Behörde aber auch einer Entwicklungsgesellschaft in einer Hand: von den kompletten Planungen über die Grundstücksvergabe und die Qualitätskontrolle aller Bau- und Gestaltungsmaßnahmen bis hin zum Quartiersmanagement und Stadtteilmarketing. Klaus Siegl wurde zum Leiter dieser Task-Force bestellt.

Ihr Ziel war ein urbaner Stadtteil mit entsprechender Dichte, konkret mit bis zu fünfgeschoßiger Bebauung ohne Trennung von Wohnen und Arbeiten, mit dezentraler Nahversorgung, vollständiger öffentlicher Infrastruktur, hochwertigen Freiräumen zur gemeinschaftlichen Nutzung, mit sanfter Mobilität und energetischer Effizienz - und das alles für eine sozial heterogene Bevölkerung. So waren von den 4200 Wohnungen ursprünglich 50 Prozent als geförderte Mietwohnungen sowie je 25 Prozent als freifinanzierte Mietwohnungen und Eigentumswohnungen geplant. 1998 aber, also zwei Jahre nachdem die ersten Bewohner eingezogen waren, stellten Bund und Land ihre Steuern und Förderung zugunsten des Eigentumswohnungsbaus um, womit über Nacht 75 Prozent des angestrebten Zielpublikums am Rieselfeld wegzubrechen drohten.

Als Reaktion darauf setzte das Team um Klaus Siegl verstärkt auf Baugruppenprojekte, um dennoch die gewünschte Durchmischung an Wohnformen und Kostenkategorien zu erzielen -mit dem Erfolg, dass heute über 90 Baugruppen mit mehr als 800 Wohneinheiten den Stadtteil prägen. Vielfalt initiierten die Projektentwickler auch durch ihr Beharren auf Kleinteiligkeit. So vergaben sie ausschließlich Parzellen mit nur 16 bis maximal 24 Metern Breite und beschränkten im Wohnbau die Größe auf 40 bis 50 Wohnungen. Auch für gewerbliche Bauten galten diese städtebaulichen Vorgaben: Die rund 1000 Arbeitsplätze verteilen sich auf 120 Arbeitsstätten, sodass ein Rieselfelder Betrieb im Schnitt weniger als zehn Mitarbeiter zählt - und kein Baublock von nur einer Nutzung bestimmt ist. Freilich waren nicht alle Bauherren von Anfang an gewillt, von der herkömmlichen Praxis der Stadtentwicklung abzugehen. Auch Freiburger Investoren möchten entweder Wohn- oder aber Büro- und Gewerbebauten realisieren, und das in möglichst großen Einheiten. "Wir hatten jedoch das Ziel, nicht bloß Grundstücke zu verkaufen, sondern Strukturen zu vermarkten", erklärt Siegl.

Dezentrale Struktur

Die städtischen Entwickler fragten jeden interessierten Investor, was er bauen wolle, und schlugen ihm dann Standorte vor, wo sein Projekt am besten hinpasse. So steht am Rieselfeld heute ein multifunktionales Haus mit Büros, Wohnungen und einer Krankenpflegeschule zwischen einem sozialen Mietwohnungsbau und einem Baugruppenprojekt. Dem Ziel einer dezentralen Struktur folgend, wurde auch ein projektiertes Einkaufszentrum in der Frühphase der Entwicklung zurückgestellt, damit sich zunächst die Erdgeschoßzonen entlang der Rieselfeldallee, der Hauptachse des Viertels, wo auch die Stadtbahn fährt, füllen konnten. Erst als am Rieselfeld 7000 Menschen lebten, wurde in der Mitte des Quartiers ein größerer Supermarkt genehmigt - der wiederum in Kombination mit darüber liegenden Wohnungen entstand.

Natürlich vergingen auf diese Weise bei manchen der bis zu 70 mal 130 Meter großen Baublöcke ganze zehn Jahre vom ersten bis zum letzten Haus. Die Strategie der kleinen Schritte ermöglichte es aber, auf Erfahrungen in jedem einzelnen Baublock zu reagieren und etwaige Fehler kleinräumig zu korrigieren. Als "Prinzip der lernenden Planung" bezeichnet Klaus Siegl den Freiburger Weg der Stadterweiterung, die schon mehr ein Stadtteilmanagement ist. Ein Produkt dieses umfassenden Verständnisses von Planung sind die Blockinnenbereiche am Rieselfeld. Jeder Grundeigentümer musste den unbebauten Teil seiner Parzelle für eine gemeinschaftliche Gestaltung und Nutzung der Höfe zur Verfügung stellen. So entstand durch Vernetzung von insgesamt 21 offenen Höfen ein stadtteilweites, vielfältiges und für alle zugängliches Patchwork privater Freiräume -ohne auch nur eine wahrnehmbare Grundstücksgrenze.

Öffentliche Freiräume

Komplettiert wird das Grünraumsystem durch großzügige öffentliche Freiräume, allen voran durch den Hauptplatz mit der Kirche und einem multifunktionalen Gemeinschaftszentrum -sowie einem Park mit Grundschule, Gymnasium und einem Sportkomplex. Das Gemeinschaftsleben gleicht jenem in einem funktionierenden Dorf. Die Bürger selbst betreiben ein Café, eine Kinder- und Jugendmediathek, Krabbelgruppen und Seniorentreffs - und veranstalten Kino-, Disco- und Konzertabende. Mehr als ein Drittel der Bewohner ist allein in den Sportvereinen am Rieselfeld engagiert, und es gibt sogar eine Freiwillige Feuerwehr. Als größten Erfolg sieht Siegl aber, dass es gelungen ist, unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen "Lust auf Stadt" zu machen: 25 Prozent der heute 10.000 Bewohner sind Rückkehrer aus dem suburbanen Umland - das heißt, sie haben ihr Einfamilienhaus mit privatem Garten und Doppelgarage freiwillig gegen eine Geschoßwohnung mit Balkon und Straßenbahnanschluss eingetauscht.

Der Autor ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien.

Lernende Planung

Stadtentwicklung braucht Zeit: 25 Jahre dauerte es, das Rieselfeld Schritt für Schritt zu realisieren.

Gemeinsames Grün

Anstatt die Höfe in private Freiflächen zu unterteilen, entstanden große zusammenhängende Grünflächen.

Eigenes Zentrum

Öffentliches Leben braucht soziale und kulturelle Einrichtungen. Wohnbauten allein erzeugen Schlafstädte.

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