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Altstadtsanierung: bald, großzügig, behutsam

Auch zum Erkalten des ererbten Guten gehör, Mut und ein lebendiger Aufschwung der Seele; nichts erhält sich von selber, auch nicht das von den Altvorderen aus Stein und steinhartem Mörtel Aufgerichtete.

Hugo von Hofntannsthal Wenn man der Sage glauben will, so hat die Blutgasse in der Inneren Stadt von Wien ihren Namen von einem furchtbaren Blutbad erhalten, das vor etwa 650 Jahren hier stattgefunden haben soll. Als zu Anfang des 14. Jahrhunderts der Templerorden auf Antrag König Philipps des Schönen von Friedrich dem Schönen aufgehoben wurde, sollen alle in Wien lebenden Tempelritter, denen der Sage nach der Fähn-richshof gehörte, überfallen und niedergemetzelt worden sein. Ein Blutstrom floß durch das enge Gäßchen, das von ihm seinen Namen erhielt, bis weit über die Singerstraße hinab ...

Geht man heute durch die schmale Blutgasse, so spürt man, wie stark in den alten Fassaden — auch die jüngsten unter ihnen haben schon drei Jahrhunderte gesehen — Geschmack und Geruch der Vergangenheit lebendig sind. Und der Wunsch, den man als Kind oft hatte, wird wieder in einem wach: nicht jetzt zu leben, sondern in der vergangenen Zeit, als alles anders war. Alte Häuser, in die viel Geschichte eingegangen ist, rufen solche Wünsche hervor, die nichts mit materieller Besserstellung in der „guten, alten Zeit“ zu tun haben; sie sind mehr eine Erinnerung an die Welt, wo die Kindheit in Dichtung übergeht und sich verklärt, eine Welt, die durch das „nimmermehr“ einen eigenartigen, schmerzvoll-sehnsüchtigen Zauber auf uns ausübt.

Geht man in einer solchen Stimmung durch die Straßen der Altstadt — und sie sind angetan, diese Gefühle immer aufs neue in uns zu wecken —, dann möchte man wünschen, daß alles genau so erhalten bleibt, wie es jetzt, in diesem Augenblick ist. Man möchte am liebsten die Zeit anhalten, damit sich an diesen alten, engen Gassen nichts verändert und wenigstens die Zeugen der vergangenen Zeit so bleiben, wie wir sie gerade sehen. Aber wir wissen, daß das unmöglich ist; daß die Zeit unaufhaltsam fortschreitet und alles, was Menschen mit Liebe und Fleiß schufen, in seinem Bestand bedroht; wissen auch, daß es unsere Aufgabe ist, das Ererbte und Uebernommene nicht nur zu bewahren und zu pflegen, sondern selbst weiterzubauen und Eigenes hervorzubringen, damit wir nicht nur Traditionen fortführen, sondern selbst Tradition schaffen.

Wenn wir also durch die Straßen der Wiener Altstadt, in die der Verkehr immer stärker und vehementer eindringt, gehen, müssen wir immer bedenken, daß all die alten Häuser, wie Fähnrichshof, Trienter Hof und Fürstenberg-Palais, die kleinen Höfe, die dunklen Winkel, die winzigen Tore, die offenen Gänge, die Erker und Balkone, der sonderbare Schneckenstiegenturm — daß all das der Verfall bedroht, und es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann es unrettbar dahin ist. So scheint eine Sanierung, die auch aus wohnhygienischen Gründen gefordert werden muß, sehr am Platz. Und wir hoffen, daß sie bald, großzügig und doch behutsam durchgeführt wird: bald, damit es nicht zu spät ist; großzügig, damit sie nicht durch kleinliche kommerzielle Erwägungen auf halbem Wege steckenbleibt; und behutsam, damit sie nicht den Altstadtcharakter zerstört.

Eine solche baldige, großzügige und behutsame Sanierung wird nun von der Stadt Wien vorbereitet. Sie hat nach sorgfältigen und umfangreichen Vorarbeiten einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben, der das Viertel Singerstraße-Blutgasse-Domgasse-Grünangergasse als engeres und das Viertel Wollzeile-Stephansplatz-Churhausgasse-Liliengasse-Weihburggasse-Seiler-stätte-Riemergasse als erweitertes Planungsgebiet zum Gegenstand hat. Zunächst soll für das engere Planungsgebiet eine vernünftige, durchführbare Lösungsmöglichkeit gefunden werden, die sich unter besonderer Rücksichtnahme auf das erweiterte Planungsgebiet harmonisch in das Stadtbild einfügt, den Altbestand schont und ihn durch Abtragen baufälliger Häuser oder Bauteile „entkernt“. Straßenseitige Gebäude sollen also - ungeachtet anderer Bestimmungen -erhalten bleiben, licht- und luftarme Hinterhäuser aber freien Plätzen, Grünflächen, Ge-chäftspassagen oder auch helleren Neubauten weichen.

Im einzelnen waren folgende Bestimmungen vorgesehen:

Das Planungsziel sollte die unserer Zeit entsprechende funktionsbedingte City menschlichen Maß-Stabes sein, wobei die wertvollen ur.d lebendigen Bestandteile der großen Vergangenheit Wiens so einzubauen wären, daß sie die weitere Entwicklung nicht nur nicht hemmen, sondern das übergangslose Bindeglied zu ihr darstellen.

Sogenannte „wirtschaftliche“ Ueberlegungen einseitiger Art auf Kosten der Sozialstruktur und wohnkultureller Belange sind unerwünscht. Doch können erdgeschossige Geschäfts- und Ladenbauten vorgeschlagen werden. Eine Verbindung zusammenhangloser Grünflächen durch offene Hofbildungen, die in sich wieder durch Fußgängerwege unterteilbar sind und die auch entsprechende allgemeine Einrichtungen haben können, sind zu überlegen. (Zum Beispiel Handwerksbetriebe besonderer Wiener Prägung — Silberschmiede, Lederwaren, Buchhandel, Kunsthand-weik). Auch die Unterbringung spezifischer Wiener Geselligkeitszentren ist möglich (Konditorei, Kaffeehaus).

Utopische, in den nächsten zwei bis drei Generationen unerfüllbare Forderungen sind auszuschließen.

In sich geschlossene Hofverbauungen sollen vermieden werden, um zusammenhängende Grünflächen zu ermöglichen.

Den Ueberlegungen im Hinblick auf die Entkernung ist breiter Raum zu geben. Bei stehenbleibenden Trakten kann daher auch eine Herab- oder Hinauf-zonung vorgeschlagen werden, wenn dadurch die Gesamtsituation verbessert wird.

Ueberdachungen aller Art wären zu untersuchen. Laubengänge und Kolonnaden sind denkbar, doch werden historisierende Vorbilder abgelehnt.

Eine möglichst weitgehende und konsequente Trennung von Fahrzeug- und Fußgeherverkehr ist anzustreben. Eine Fußgeherpassage vom Stephansplatz bis zur Riemergasse wird zur Ueberlegung gegeben.

Große Verkehrserreger (Hochhäuser!) sind in der Planung zu vermeiden.

Historisierende Fassaden, auch bei eventuellen Er-salzbauten, sind grundsätzlich nicht zugelassen. — Diese beiden Punkte scheinen uns von grundsätzlicher Bedeutung.

Nach Möglichkeit ist der Domblick zu erhalten und zu sichern.

Nicht erhaltbare Objekte dürfen nicht historisch kopiert oder „nachempfunden“ geplant werden.

Neubauten sollen sich unauffällig in die Atmosphäre des Altstadtteiles einfügen, müssen aber durchaus zeitgemäß sein. — Auch diese beiden Punkte verdienen besondere Hervorhebung.

Es möge überlegt werden, wo durch Entfernung stilfremder Elemente, die an bestehen bleibenden Objekten nachgewiesen werden können, eine Wiederherstellung des früheren Zustandes wünschenswert ist.

Wir haben die einzelnen Bedingungen — die wir aus einer Fülle anderer, weniger wichtiger herausgegriffen haben — deshalb so ausführlich zitiert, weil sie uns bedeutsam und vorbildlich für jeden kommenden Assanierungswettbewerb erscheinen. Für die nächsten Jahre sind an die zehn weitere ähnliche Wettbewerbe — nicht bloß für die Innenstadt! — geplant, für die hier bereits die Grundsätze festgelegt erscheinen (wenn auch natürlich in den Außenbezirken in weit stärkerem Maße Gebäude, deren Erhaltung wirtschaftlich nicht gerechtfertigt ist, durch Neubauten zu ersetzen wären).

Die Ausschreibung erfolgte im März dieses Jahres. Nun wurde das Ergebnis bekanntgegeben: Von 39 Architekten wurden 36 Arbeiten eingereicht, von denen nur wenige an der Aufgabe, der „Wiedererweckung einer echten gehobenen Altstadtatmosphäre“ vorbeigegangen waren. Dieses Ergebnis scheint uns die beste Widerlegung all der Zweifler zu sein, die prinzipiell und von vornherein jede Wettbewerbsausschreibung als „sinnlos“ ablehnen. Das Gelingen eines Wettbewerbes hängt von seiner Konzeption, dem Wert der zur Verfügung gestellten Unterlagen und von der Jury ab.

Erstmalig waren hier neben den Vertretern der Gemeindeverwaltung unabhängige Architekten in die Jury berufen worden, unter ihnen Prof. Arch. Erich Boltenstern, auch Prof. Doktor Otto Demus, der Präsident des Bundesdenkmal-amtes, und die Stadträte Mandl und Thaller gehörten ihr an. Mit dem ersten Preis zeichneten sie das von den Architekten Prof. Siegfried Theiß, Baurat h. c. Hans Jaksch und Dr. Walter Jaksch eingereichte Projekt aus; den zweiten Preis erhielt Prof. Dr. Roland Rainer. Zwei weitere Preise wurden vergeben, acht Arbeiten angekauft.

Man hörte die Vermutung, daß die beiden ersten Preisträger gemeinsam mit der endgültigen Planung und Durchführung der Sanierung dieses Viertels der Altstadt beauftragt werden sollen. Das wäre in der Tat ein vernünftiger Gedanke, enthalten doch diese zwei Entwürfe, insbesondere aber der Prof. Rainers, eine Fülle glücklicher Ideen. Deshalb möchten wir hier näher auf sie eingehen.

Der Entwurf Theiß-Jaksch schafft im Herzen der Altstadt, in unmittelbarer Nähe des Domes, einen größeren Platz mit Domblick, ein „Forum“. Dieses „Forum“ gab auch schließlich den Ausschlag für die Zuerkennung des ersten Preises. Im einzelnen lobten die Juroren die „behutsame Auskernung“ und die „gute Führung von Raum zu Raum, zu einem Zentrum“ und urteilten: „Die Stimmung .Altstadt' unter Wahrung ihrer wichtigsten Momente ,Dom' und .wertvoller Altbestand' ist eindeutig erfaßt und durch die Neugestaltung unterstrichen.“ Bemerkenswert erscheint uns auch die Schaffung von Arkaden und Durchgängen, die mit den geplanten niedrigen Ladenbauten, dem Heimatmuseum (Blutgasse 3), den Grünflächen und der Cafeterrasse (Domgasse 6) viel zur Atmosphäre der ruhigen Mitte einer hastigen Weltstadt beitragen werden.

Was an dieser im großen ganzen gelungenen Lösung auszusetzen bleibt, ist, daß die Hausfront

Blutgasse 3-5 abgebrochen und durch einen zwar neutral und niedrig gehaltenen, aber ziemlich provinziell wirkend en Neubau ersetzt wird. Noch stärkere Bedenken haben wir gegen die Zerstörung des wundervollen Hofes des Deutschordenshauses (Singerstraße 7) durch Abtragung der Hausfront auf der gegenüberliegenden Seite der Blutgasse.

Die Juroren charakterisierten den Entwurf Prof. Rainers: „Im wesentlichen ist der Altbestand am Rande des eigentlichen Planungsgebietes erhalten. Im Innern des so sanierten Blockes wird zielstrebig und konsequent eine gewisse Kleinräumigkeit mit wienerischer Note angestrebt. Die Ladenstraße ist reizvoll und attraktiv. Die bauliche Gestaltung ist von hoher künstlerischer Qualität und zeigt eine moderne und konsequente Linie.“ Dem möchten wir noch hinzufügen: Der Umstand, daß Prof. Rainers Entwurf die Erhaltung aller vier Straßenfassaden des zu sanierenden Viertels vorsieht, scheint uns ein besonderer Vorzug seines Projektes zusein. Auch die bewußte Kleinräumigkeit ruhiger, lärm- und staubfreier Höfe und der Gegensatz von Altbestand und modernen Lösungen (etwa in der Ladenstraße, die den Fußgängern vorbehalten bleibt) machen den eigenartigen Reiz dieses wohl gelungensten Vorschlages aus.

Prof. Rainer selbst begründet seinen Entwurf: „Ob dieses .Herzstück Wiens' wirklich lebendig wird, hängt vom wirtschaftlichen Leben ab. Darum sind Läden, Werkstätten, Gewerbe, vor allem aber ist die Anziehungskraft echt wienerischer Atmosphäre wichtiger als .Architektur'.“ Hier wird, so glauben wir, das Problem, um das es geht, am deutlichsten ausgesprochen.

Denn es kommt hier nicht darauf an, architektonisch hervorstechende Neubauten zu schaffen, sondern auf eine getreue Erhaltung der Alt-Wiener Atmosphäre bei vollständiger Sanierung, und zugleich darauf, ein Projekt vorzuschlagen, das auch tatsächlich verwirklicht werden kann. Zur Verwirklichung aber gehört Geld, viel Geld. Die Gemeindeverwaltung wird es nicht allein aufbringen können. Die Frage der Finanzierung bleibt also vorläufig noch offen.

Gegenwärtig leben in dem in Frage stehenden Distrikt etwa tausend Einwohner. Nach Durchführung des Projektes Theiß-Jaksch würden hier nur noch fünfhundert Menschen wohnen; das Projekt Rainer sieht eine ähnliche Ziffer vor. Während jetzt eine Familie etwa 30 Schilling Monatsmiete bezahlt, beträgt der für eine assanierte Wohnung geplante Zins monatlich 600 Schilling. Aber eine Amortisation des für das Assanierungsprojekt aufzuwendenden Kapitals auch durch noch so hohe Zinseinkünfte scheint auf zu lange Sicht berechnet und könnte unter Umständen eine Verzögerung der Durchführung bedingen. Demgegenüber scheint es wesentlich, daß von Anfang an Unternehmen der Wirtschaft, die ein Geschäft in dem sanierten Distrikt etablieren wollen, an der Finanzierung beteiligt werden; freilich ohne daß sie in die eigentliche Planung, die Sache der preisgekrönten Architekten bleiben muß, hineinreden dürfen.

Noch ein Hindernis stellt sich der Verwirklichung des Projekts entgegen: Ein Viertel des Distrikts gehört der Gemeinde Wien, ein Viertel der Erzdiözese, zwei Viertel aber Privaten. Es ist nicht sicher, wie weit diese privaten Eigentümer ihr Placet zu einer Umgestaltung geben werden. Da erscheint das „moderne Assanierungsgesetz“, das Bundeskanzler Raab in der Regierungserklärung im Zusammenhang mit den Forderungen des Wohnhausbaues ausdrücklich verlangte, dringend nötig als eine der Voraussetzungen der Sanierung der Wiener Altstadt.

Aber wie viele Hindernisse noch zu überwinden sein mögen: wir hoffen zuversichtlich, daß die erfreulichen Ergehnisse, die dieser Wettbewerb zeitigte, nicht ad acta gelegt werden und den Weg alles Irdischen gehen, sondern daß die Neubelebung der Altstadt Wirklichkeit wird: bald, großzügig, behutsam. Hier kann eine neue Wiener Stadtplanung ihren Ausgangspunkt nehmen.

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