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Gott soll unter uns wohnen

SCHWARZLACKENAU SOLL VOR 120 JAHREN, als Adolf Schmidl sein Buch „Wiens Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise“ mit einer artigen lithographierten Tafel herausgab, eine richtige Ausflugsunternehmung für die Besucher der Kaiserstadt gewesen sein. „Man bezahlt auf dem Nachen sechs Kreuzer, für den Wagen auf der Plätte aber 30 Kreuzer.“ Schmidl rühmt die Schwarze Lacke als eine der anmutigsten Badeplätze und erzählt, daß die Nußdorfer häufig hierher kommen. „Aber manchmal geschieht es an einem schwülen Sommerabend, daß ein Gewitter losbricht und die Fähre sich nicht mehr herüber wagt. Dann heißt es entweder in Jedlesee übernachten oder einen Wagen mieten, und über Floridsdorf durch die Leopoldstadt wieder nach Nußdorf zurückfahren, ein Umweg von zwei Stunden!“ Nun, heute braucht man keinen Wagen mehr mieten, es gibt keine Plätten und Nachen mehr, aber in die Schwarz-lackenau zu fahren, bedeutet auch jetzt noch einen schönen Ausflug, schön in dem Sinne, daß man vom Stadtzentrum zwei Autobuslinien, die Stadtbahn und die Straßenbahn benötigt. Dort, im äußersten Nordwestwinkel hinter dem Hochwasserdamm, wo die Stadtgrenze den Donaustrom überquert, beginnt Schwarzlackenau; wie Mühl-schüttel, Neu-Jedlersdorf und Donaufeld eine Gemeindegründung des 19. Jahrhunderts, viel jünger also als Jedlesee, das schon 1014 genannt wird. In der Schwarzlackenau stehen heute teils nette Einfamilienhäuser, Polizeisiedlung genannt, teils Bauten, denen man das Ringen ihrer Besitzer ansieht, zur Nettigkeit zu kommen. Hier haben viele Arbeiterfamilien versucht, der drük-kenden Wohnungsnot auszuweichen; hier wird jede Woche der Lohnzettel ein paarmal durchgerechnet; hier lebt man mehr auf sich gestellt als in vielen anderen Siedlungsgebieten Wiens. Und hfer, in der Schwarzlackenau, befindet sich die ärmste Pfarre. Das Gotteshaus in einer Baracke. Der Bretterzaun links vom Eingang kündet noch vom letzten Sturm. Eine kleine Glocke hängt in einem winzigen Türmchen, ruft sonn- und feiertags in einen Andachtsraum, der kaum viel größer ist, als ein Schulzimmer, viel zu klein für die vielen Gläubigen. Keine Reichen darunter an Geld, aber reich an Zuversicht, daß auch für sie einmal Gott so unter ihnen wohnt, wie sie wünschen, als ein Abglanz seiner überirdischen Herrlichkeit.

WENN MAN VON DIESER ÄRMSTEN PFARRE WIENS sich auf den Weg macht nach Liesing, wo eben der Rohbau der neuesten Kirche der Stadt steht, so darf man nicht den Zirkel nehmen und sich mit den etwa 17 Kilometern Luftlinie trösten, die bevorstehen. Die Fahrt auf drei Autobusstrecken mit dreimaligem Umsteigen auf Straßen- und Stadtbahn dauert gut fünfviertel Stunden. Auch hier in Liesing steht,die Kirche in einem reinen Arbeiterbezirk. Nah und fern ragen die Schlote von Fabriken in den Spätsommerhimmel, in der Luft schmeckt man den Rauch. Auch hier wirken die Häuser wie verloren in einer Wüste, es ist nicht Stadt und es ist noch kein Land, es ist, als suche alles nach einem festen Mittelpunkt, nach einem Pfeiler, der höher emporrage als die qualmenden Schlote. Und da grüßt tröstlich über die niedrigen Dächer der Häuser der viereckige Turm, der sich an den Pfarrhof anschließt, schon von weitem, und beim Näherkommen überrascht der kreisförmige Bau der Kirche selbst, der überlieferte Bauelemente mit neuzeitlicher Materialverwendung zu vereinen weiß, als gelte es, in die neue Zeit das alte Gefühl heimzuführen.

IM ZEITALTER DER WACHSENDEN STÄDTE, mit den oft unorganisch sich ansetzenden Siedlungsteilen, die weit entfernt liegen von den alten Pfarrkirchen, gilt es, Gottesdienststätten zu bauen, Pfarreien zu errichten. Längst schon stehen die „Kulturhäuser“, längst schon das neonbeleuchtete Espresso, flammen die Schaukästen der Kinos im Leuchtstoffröhrenlicht — für die Zerstreuung, für den Genuß wurde gesorgt —, aber in den Herzen der Menschen will es auch Licht werden. Die alten Pfarrkirchen der einstigen Vorstädte genügen nicht mehr: Matzleinsdorf, Altmannsdorf, Groß-Jedlersdorf, Strebersdorf, Pötzleinsdorf — um nur ein paar zu nennen. Die Kirchen waren für 300 bis 600 Menschen berechnet. Heute sind sie Mittelpunkte von Großpfarren bis zu 20.000 Seelen. Um bei Matzleinsdorf zu bleiben: die Diskussion um die angeblich verkehrshindernde Kirche ist uns noch in Erinnerung. Der fünfte

Bezirk ist so dicht verbaut, daßein geeigneter Bauplatz schwer gefunden werden kann. Die Schwierigkeiten des Kirchenbaues beginnen nicht nur in diesem Fall beim Platz. Einst haben die Städteplaner passende Plätze für Gotteshäuser vorgezeichnet — jetzt geschieht das vielfach nicht mehr und die Kirche ist selbst gezwungen, Plätze zu suchen. Im Stadtkern macht sich der geringe Fassungsraum der Kirchen stark geltend — aber hier ist die Raumfrage noch viel brennender als an der PeripHerle. In Süd-Wien sind eine Reihe von Siedlungen wie Pilze aus der Erde geschossen. „Die Großstädter“ — so sagte uns ein Pfarrer dort im Industriegebiet, das langsam in das Land übergeht —, „sind schwer zu bewegen, weiter als 20 Minuten zur Kirche zu gehen; viele Siedlungen liegen aber noch viel weiter von ihren ursprünglichen seelsorgerischen Zentren entfernt.“ Und ein anderer Pfarrer erzählt, daß die Nordrandsiedlung von der Mutterpfarre Alt-Leopoldau rund eine Stunde entfernt liegt! Aehnliches gilt für die Siedlung Kapellerfeld (Gerasdorf). In Deutsch-Wagram muß der Schulgottesdienst doppelt abgehalten werden, weil das Haus nicht alle Kinder des Ortes fassen kann. Umfragen haben ergeben, daß viele Katholiken nur deshalb nicht zur Kirche gehen, weil sie wissen, daß der Platz nie ausreicht und daß ältere Leute und Gebrechliche — besonders in der schlechten Jahreszeit — sich schwer entschließen können, eine Stunde vor dem Gottesdienst aufzubrechen, um Platz zu finden.

DIE KAMPFHANDLUNGEN DER ZWEI LETZTEN JAHRE des Krieges hatten im Bereich der Erzdiözese Wien die totale Zerstörung von 22 Kirchen zur Folge; 13 von diesen waren Pfarrkirchen, neun Filial- oder Klosterkirchen. 41 Pfarrkirchen und 13 sonstige Kirchen wurden sehr schwer beschädigt, 60 Prozent aller restlichen Gotteshäuser erlitten mehr oder weniger starke Schäden. Der Vernichtungssturm traf nicht allein Bauten im Stadtbereich, auch Landkirchen traf die Kriegsfaust. So Alland, Puchberg am Schneeberg, Eibesthal. Oft sind Kunstwerke unschätzbaren Wertes — von denen der Oesterreicher oft kaum eine Ahnung besaß — zugrunde gegangen, denken wir nur an die Deckenfresken von Maulpertsch in Schwe-chat, an das Hochaltarbild von Altomonte in St. Leopold, Wien-Leopoldstadt. Diese Kirche wies einen schönen barocken Turm auf; an dessen Wiederherstellung kann der großen Kosten wegen. vorderhand nicht gedacht werden. Das Wichtigste blieb immer: der Opferaltar, Mittelpunkt der Andacht, das ewige Herz. Die Türme müssen wir in der Demut der Anbetung errichten.

IN DEN NÄCHSTEN TAGEN werden an allen Kirchentüren, in den Pfarrhöfen, aber auch in den öffentlichen Kreditinstituten und in den Postämtern Plakate hängen: hellrot der Grund, auf dem blau gehaltenen Buchstaben A ein leuchtend gelbes Kreuz. Das gilt der Kirchlichen Aufbauanleihe, zu welcher Zeichnungen vom 17. September bis 1. Oktober in den Geldinstituten entgegengenommen werden. Zwanzig Jahre sind es her, daß die Kirche sich selbst erhalten muß, daß die Leistungen der öffentlichen Hand, der Bundesländer und des Staates wegfielen. Als die damaligen Machthaber diesen Schritt vollzogen, hofften sie. der Kirche den Boden unter den Füßen wegzuziehen: aber das Gegenteil davon ist eingetreten. Wieder vollzog sich das Wunder, daß in der Zeit öffentlicher Bedrängnis die innere Kraft wächst, daß Schwankende zum Glauben zurückfinden. Wäre der Krieg nicht hereingebrochen, und hätte das einstige Regime sich gehalten — es hätte vielleicht keiner Anleihe bedurft. Zu den Zerstörungen fügte aber die Veränderung der Siedlungsstruktur neue Probleme. In den Randsiedlungen wächst eine Jugend heran, die, wie Erz-bischof-Koadjutor Dr. Franz Jachym kürzlich sagte, in der Atmosphäre der Gottesferne als einer Gewohnheit heranwächst. Wem schon die zu kleinen Kirchen für die Erwachsenen Sorge einflößen — um wieviel mehr drückt sie die Verantwortung derer, die für das geistliche Wohl der Jugend sorgen müssen. Wir dürfen es uns nicht so billig machen und fortwährend in Wort, Schrift und Film von den „Halbstarken“ Alarmzeichen geben — ohne uns die Frage vorzulegen, warum es zu einzelnen bedauerlichen ethischen Entgleisungen kam. Diese Jugend, in den Wirrnissen des Krieges und der Nachkriegszeit groß geworden, wäre ganz stark, besäße sie ein religiös gefestigtes Elternhaus, einen Halt an der Kirche. Statt immer wieder den mahnenden Finger emporzustrecken, gilt es Finger Gottes aufzurichten: Türme! Statt der Lärmorgien des Alltags die Glocken ertönen zu lassen. Statt hunderterlei mehr oder weniger fragwürdiger Bücher und Schriften das Buch der Bücher zu vernehmen und an die Stelle der Auskehr die Einkehr zu setzen.

FÜNFZIG MILLIONEN SCHILLING sind nicht viel. Einsichtige Kreise geben zu, daß eine ausreichende Betreuung auf kirchlichem Gebiet — zu den Gotteshäusern kommen noch die fortwährend nachteilig von den Gesetzen behandelten Ordensspitäler, die katholischen Schulen und die unbedingt nötige Förderung des katholischen Wohnungs- und Siedlungswesens — mehr erfordert. Für die dringendsten Bauten allein wären gut SO Millionen nötig, eine Gesamtsanierung würde etwa das Sechsfache der Anleihesumme erfordern. (Das Budget kann nur fünf bis sieben Millionen für kirchliche Bauten vorsehen.) Die Erzdiözese Wien hat mehr als 600 Pfarrkirchen zu erhalten; dazu kommen 200 Filialkirchen und Ortskapellen. 600 Pfarrhöfe, deren Bestandsdauer im allgemeinen mit 300 Jahren angesetzt wurde, bedürfen der Betreuung. Wie der Seelsorger wohnt, ist ein Symbol; ein Sinnbild und ein Spiegel aber auch für jene Menschen, die sich den Priesterberuf erwählen. Man müßte jedes Jahr drei neue Pfarrhöfe errichten — was nicht möglich ist. Die Außenfassaden sind auf 40 Jahre Haltbarkeit berechnet; jedes Jahr müßten 15 Erneuerungen durchgeführt werden — praktisch sind es gegenwärtig bloß acht. Aehnliches muß von den Innenräumen gesagt sein — vollends in Gegenden, wo die atmosphärischen Verhältnisse (Feuchtigkeit, Säuregehalt der Luft, Staub) schädigend einwirken. Bei den Innenräumen sind oft bedeutende künstlerische und konservierende Arbeiten zu leisten. Man könnte allein in der Erzdiözese Wien jahrelang Kunstreisen machen und immer wieder Entdeckungen machen. Verständnislose Zeiten haben durch Uebertünchungen und Bemalungen viel verbrochen. Die Wiederherstellung erfordert zusätzlich bedeutende Mittel. Welchen Lohn diese Arbeiten tragen, ersieht man aus der Restaurierung der Stiftskirche von Heiligenkreuz (romanisches Langhaus), aus den Arbeiten in der Jakobskirche in Wien-Heiligenstadt (jetzt schon von den Frem-denverkehrs-Autobussen regelmäßig aufgesucht). In den Pfarrkirchen von Leobendorf und Lichtenegg sowie der Filialkirche Oberdürrnbach hat man gotische Fresken freigelegt. Die Kirche erfüllt mit der Erhaltung der Bauten also zu dem seelsorgerischen Dienst noch einen allgemeinen kulturellen Auftrag.

IN DEN NÄCHSTEN ZEHN JAHREN müssen in der Erzdiözese Wien 45 bis 50 Kirchen gebaut werden. Was kostet so ein Bau? fragt der Laie natürlich sogleich. Nun, ein Haus mit einem Fassungsraum von 800 Personen kommt auf 2,2 bis 2,6 Millionen Schilling zu stehen. Wer nur ein wenig Einblick in die Gebarung der öffentlichen Bauten besitzt, staunt über die verhältnismäßig geringen Kosten. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß nirgends in Oesterreich der Schilling so oft umgedreht wird, wie beim Bau von Kirchen, bei der technischen Erneuerung der Ordensspitäler und der fachlichen Ausrüstung der katholischen Schulen. Hätten die Herren von der Finanzkammer nicht mit ihren eigenen Angelegenheiten genug zu tun, man wünschte sie an unsere Großwohnbauten und Kraftwerke.

NOCH NIE SEIT DER BAROCKZEIT war der Bauwille der katholischen Kirche so lebendig wie seit 1945. Damals freilich war Bauen ein Ausdruck der Wohlhabenheit, man freute sich am Bauen, das innere Freude nach außen wandte. Heute ist es umgekehrt. Was einst einen verhältnismäßig kleinen Kreis erfaßte, wendet sich heute in die Breite. Eine ergreifende Sehnsucht nach Geborgenheit geht durch das Volk und gerade oft dort, wo die Menschen mit Glücksgütern nicht gerade gesegnet sind. Es ist daher eine unkluge Wendung bestimmter amtlicher Stellen, die immer fragen: Wieso Kirchennot in Wien? Die Bevölkerung ist doch seit 1910 dauernd zurückgegangen? Wenn die Kirche in ähnlicher Weise so von der Wohnungsnot spräche, wie griffe man sie an! Man weiß, was aus einem Volk in Baracken werden kann. Und Gläubige? Gewiß, man kann mit einer Notkirche anfangen, wie der in der Schwarzlackenau. Aber ist eine solche Stelle würdig der Sehnsucht von Millionen, mitzuopfern? Ist nicht die erbarmungslose Faust des Krieges ein Hinweis gewesen, als die Notkirchen in Neu-Margareten und Zwischenbrücken weichen mußten? Als Gewaltereignisse eine Wendung herbeiführten wie an der Philadelphiabrücke, in Neu-Erdberg, in Favoriten bei St. Josef, in der Hasenleiten, am Schüttel, in Felixdorf und Ter-nitz? Ist nicht der wundersame Zauber, der über der kleinen Kirche Maria Lourdes in Meidling seinen Mantel breitet, Mahnung genug? Es ist so, wie eine einfache Frau dort in Meidling sagte: „Ich hab' nur eine kleine Wohnung. Ich werd' nie zu einer größeren kommen. Aber ich weiß: die größte Wohnung hab' ich hier.“

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