Vor fünf Jahren wurde die "Autofreie Mustersiedlung" in Floridsdorf offiziell eröffnet. Die Bewohner des Pilotprojekts verzichten aufs Auto und gewinnen Lebensqualität.

Sie stehen an den Straßenrändern, so dicht, dass Fußgänger Schwierigkeiten haben, die Straßenseite zu wechseln; sie donnern in Form von mehrreihigen Blechlawinen über die eigens für sie angelegten Durchzugsstraßen und Stadtautobahnen oder schieben sich langsam durch die Innenstadt; stockwerksweise stapeln sie sich in unterirdischen Betonwannen. Die Stadt und der öffentliche Raum gehören den Autos und das Auto - das ist schon lange unbestritten - gehört untrennbar zum Menschen. Angesichts dieser verbreitet als unumstößlich anerkannten Tatsache, mag es nahezu naiv idealistisch anmuten, dass die Grünen 1992 im Wiener Gemeinderat einen Antrag für den Bau einer "autofreien Mustersiedlung" stellten.

60 Prozent ohne Auto

Die Idee einer autofreien Siedlung ist allerdings weniger revolutionär, als es auf den ersten Blick erscheinen mag: Paradoxerweise besitzen im staugeplagten Wien laut der Erhebung des Fahrzeugbestandes im Jahr 2004 durch die Statistik Austria nur 40 Prozent der Bewohner einen Pkw oder Kombi, was vor allem auch auf die guten öffentlichen Verkehrsverbindungen zurückgeführt werden kann. Es gibt demnach eine nicht unbedeutende Gruppe, die von der Stellplatzverpflichtung des Wiener Garagengesetzes nicht berücksichtigt wird: Für jede neu errichtete Wohnung muss ein Garagenstellplatz geschaffen werden, dessen Baukosten sich in der Größenordnung von 10.000 Euro und aufwärts bewegen. Kosten, die gezahlt werden müssen, ob die entsprechenden Stellplätze von den Bewohnern tatsächlich gemietet werden oder nicht. Dass in die Errichtung von Garagenplätzen auch noch öffentliche Mittel in Form von Wohnbauförderungen fließen, empfindet Christoph Chorherr, Grüner Gemeinderat und Landtagsabgeordneter in Wien, angesichts der Sparmaßnahmen in Bereichen wie der Sozialpolitik und der Universität als unhaltbar.

Teure Parkplätze

Erst eine Änderung des Wiener Garagengesetzes 1996 durch den Wiener Landtag machte Ausnahmen von der 1:1-Stellplatzverpflichtung und so den Bau der "Autofreien Mustersiedlung" in Wien Floridsdorf möglich. In diesem Pilotprojekt, das im Sommer 2.000 offiziell eröffnet wurde, sind Autoabstellplätze nur im Verhältnis 1:10 für den Betrieb des hauseigenen Autoverleihs errichtet worden. Die so eingesparten Mittel wurden für das Grünraumkonzept und die Errichtung von zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen, die über das übliche Maß im geförderten Wohnbau weit hinausgehen, eingesetzt. Auch die hohen ökologischen Baustandards wie zum Beispiel die Sonnenkollektoren auf den Dächern für die Warmwasserbereitung und die Nutzwasseranlage wurden erst so finanzierbar.

Besonders gefällt Stephan Fickl, einem Bewohner der ersten Stunde, die Tatsache, dass sich drei der Gemeinschaftsräume einschließlich Terrassen - das Saunahaus, das Kinderhaus und das gemeinsame Wohnzimmer - auf dem Dach befinden, "dort wo normalerweise die wertvollsten Wohnungen sind". Sehr beliebt sind auch die Hochbeete auf den Dächern, die von Bewohnern bebaut werden.

Ebenso wichtig wie das Prinzip der Autofreiheit war bei der Planung der Siedlung jenes der Mitbestimmung, so Cornelia Schindler vom Architektur Büro S&S (Schindler und Szedenik)

Das Mitbestimmungsrecht umfasste in der Planungs- und Bauphase die Bereiche Wohnung, Gemeinschaftseinrichtungen und Grünanlage. Auch heute kommt das Prinzip noch zur Anwendung, vor allem was die Gemeinschaftsräume anbelangt, die von Arbeitsgruppen selbst verwaltet werden.

Spannend fand Schindler bei dem Prozess, dass so schon vor dem Zeitpunkt des Bezugs eine sehr starke Gemeinschaftsbildung stattgefunden hatte.

Eine Gemeinschaftsbildung, die auch durch die Architektur unterstützt werden soll: In der Mitte der Siedlung befindet sich eine Art urbanes Mikrozentrum, der "versunkene Platz", der so heißt, weil er eine Geschoßhöhe unter Bodenniveau liegt. Die angrenzenden Kellerräume sind somit natürlich belichtet und beherbergen weitere Gemeinschaftsräume, wie zum Beispiel die Holz- und Fahrradwerkstatt, die Waschküche und den Veranstaltungsraum. Der Platz wird somit zwangsläufig zum Kommunikationspunkt. Eine wichtige Rolle spielen in dieser Hinsicht auch die Erschließungsräume, die bei einem Gebäude in Form von Laubengängen angelegt sind. Diese Laubengänge wurden breiter geplant als üblich, um so Raum für "Bassena-Quatschen" zu schaffen, ein Ansinnen, das zunächst ganz nach dem Motto "Architekten sind ja so romantisch" abgetan worden sei, erinnert sich Schindler. Heute stehen in den Laubengängen neben Fahrrädern und unzähligen Blumentöpfen auch Tische und Sessel.

Aber nicht alles in der Siedlung und ihrer Entstehung ist eitel Wonne: Der Partizipationsprozess sei nicht besonders gut gesteuert gewesen, so Fickl. Und auch die Eigenverantwortung hat die Siedlung nicht ganz vor Vandalismus und Verwahrlosung bewahrt.

Verbesserungsbedarf sieht Stephan Fickl im Bereich der Fahrradabstellplätze und das nicht nur für die autofreie Siedlung. Bei dem Pilotprojekt waren die geplanten Abstellgelegenheiten weder gut erreichbar noch ausreichend für die sechs bis siebenhundert Fahrräder, erinnert sich Fickl. Verpflichtende Fahrradstellplätze sollten auch in der Bauvorschrift verankert sein, so wie es für das Auto schon lange der Fall sei: "Man kann das in allen Wohnsiedlungen beobachten: Die Fahrräder stehen einfach überall herum oder werden in die Wohnungen mitgenommen."

Nötige Verbesserungen

Zweifel und Vorbehalte gegenüber dem Projekt, vor allem was die Einhaltung der Autofreiheit anbelangt, gab es schon vor Baubeginn und auch heute kommt es noch zu Anfeindungen, wenn Bewohner der Siedlung mit einem Auto gesichtet werden. Die Bewohner der Siedlung verpflichten sich zwar, auf den Besitz oder die ständige Nutzung etwa eines Firmenautos zu verzichten. Es gebe allerdings keine rechtliche Handhabe um den Autobesitz zu überprüfen, meint Susanne Reppé von der Hausverwaltung. Sanktionen bei Zuwiderhandlung gibt es ebenfalls keine. Der Großteil der Bewohner steht jedoch hinter dem Prinzip der Autofreiheit und durch den sozialen Druck bleibt auch die Zahl der "Sünder" marginal.

Im zweiten Wiener Gemeindebezirk wird derzeit ein weiteres Projekt nach Vorbild der autofreien Mustersiedlung geplant: die "Bike-City". Bewohner werden hier allerdings nicht mehr zur Autofreiheit verpflichtet und für die Hälfte der Wohnungen sind Stellplätze vorgesehen. So schnell ist das Auto eben doch nicht aus der Stadt zu bekommen.

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