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Mediterran & avantgardistisch

1945 1960 1980 2000 2020

Wohnungen gibt es viele, besondere Wohnungen wenige. Die "Wohnarche Atzgersdorf" und ein Neubau am Bahngelände Simmering sind zwei davon.

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Wohnungen gibt es viele, besondere Wohnungen wenige. Die "Wohnarche Atzgersdorf" und ein Neubau am Bahngelände Simmering sind zwei davon.

Ein bis zwei Jahre Arbeit haben wir sicher in die Entwicklung einer neuen Typologie zum Wohnen am Stadtrand hineingesteckt. Unser Büro war fast am Rande des Ruins," erklärt Architekt Walter Stelzhammer. Den Luxus, grundsätzlich zu denken und neue Wohnformen zu entwickeln, leisten sich nur wenige Planer. Das Resultat der intensiven Auseinandersetzung kann sich sehen lassen. Die "Wohnarche Atzgersdorf" liegt an der Peripherie Wiens, inmitten von Feuermauern, alten, niederen Häusern, Industrieanlagen und dem Rest eines alten Dorfkerns mit idyllischem Kirchlein.

Der viergeschossige Baublock paßt sich unauffällig in die Umgebung ein. Zur Straße hin ist die "Wohnarche" um eineinhalb Meter zurückgesetzt, damit der Gehsteig davor für alle breiter wird. Die fensterlose, verputzte Fassade mit den beiden Balkonen in der Mitte läßt den großen Reichtum, den diese Wohnungen im Inneren bieten, nicht vermuten. Stelzhammer hat viele Anliegen unter einen Hut gebracht: Eine hohe Dichte garantiert für die optimale Nutzung des Grundstücks, die Wahl des Atriumhauses eröffnet dem Bewohner im Inneren vier Geschosse, auf denen er mit seiner Familie leben kann.

Das Herzstück jeder Wohnung ist ein überdachter, grüner Innenhof. "Lichtkörper des Hauses", nennt ihn Stelzhammer. Winterfest ausgeführt, belichtet das "grüne Herz" alle Zimmer. Vier großzügige Wohnräume auf jeder Ebene geben den Blick in den Garten frei, offen und verglast kann man zum Gegenüber blicken, eine kleine, seitliche Stiege verbindet alle Geschosse. Für Familien ist diese Form südlichen Wohnens ideal. Nach außen verschlossen, liegt ihr Reichtum im lichtdurchfluteten Inneren.

Kleine Kinder, die aus ihrem eigenen Reich im zweiten Stock zur Mama in die Küche darunter stürmen, kann man schon die Treppe hinuntersausen hören. Weil das Licht von oben beziehungsweise von innen kommt, können die einzelnen Einheiten Wand an Wand liegen. Das spart viel Platz und schützt vor neugierigen Blicken. 130 Quadratmeter über vier Geschosse lassen sich praktisch aufteilen: seien es Kinder, die ihr eigenes Reich wollen, oder Künstler, die sich ein Atelier wünschen.

Für Menschen, die noch mehr Raum haben möchten, hält die Anlage eine Überraschung bereit. Damit die bebaute Fläche laut Bauordnung eingehalten und das Atrium verglast werden konnte, hat man im Eingangsbereich gegenüber der Stiege einen "Erdkoffer" eingemauert. Der ungehobene Schatz eines zusätzlichen Zimmers liegt darin brach und wartet darauf, von zukünftigen, schaufelwilligen Besitzern gehoben zu werden.

"Zu ebener Erde bis zum Dachgeschoß" könnte man diese Art großzügigen Wohnens um den intimen Garten herum nennen. Auf dem Dach gibt es zusätzlich 40 Quadratmeter Dachterrassen, die sich im Sommer wunderbar nutzen lassen. Die Idee, südliches Wohngefühl in unsere frostigen Breiten zu verlegen, brauchte viel Planungsaufwand, um den Garten winterfest zu verglasen und trotzdem warm auszuführen. In der momentanen Ausführung senkt er die Energiekosten um etwa 40 Prozent. Auch von außen wirkt die "Wohnarche" mediterran: Die Autos parken zwischen den Pilotis vor der Tür. Obwohl jedes der 42 Spangenhäuser mit Dachterrassen und "Lichtraum" eigene Grünräume hat, gibt es für alle noch eine großzügige, allgemein nutzbare Wohnstraße.

Trotzdem hält sich die Nachfrage in Grenzen. Das Interesse am Objekt ist zwar groß, wirklich zuschlagen trauen sich nur wenige. Etwa die Hälfte aller Häuser sind noch zu haben. Neuen Wohnformen stehen Österreicher skeptisch gegenüber. Wie man auf vier Geschossen wohnt, muß man vielen noch erklären. Eine Musterwohnung, die auch für eine Vernissage genutzt wurde, soll dem abhelfen. Die Finanzierung dieses neuartigen Experiment durch Bauherrn BUWOG und Generalunternehmer Mischek erforderte explizit den Willen zur modernen Architektur. Der Qualität des Projektes wären eine baldige Auslastung und der Bau weiterer Prototypen zu wünschen. Außen arm, innen reich, als moderne Stadtrandbebauung konzipiert, in der richtigen Höhe, um der Bauordnung zu genügen und die Stadtsilhouette nicht zu stören, sind sie eine Bereicherung der Wohnvielfalt in Wien.

Technisch ausgereift Ganz andere Schwerpunkte setzte Architekt Helmut Richter mit seinem Wohnbau in der Thermensiedlung Oberlaa-Grundäcker: Die Bautechnik auf der Höhe ihrer Zeit zu nutzen, damit Bauzeit und Kosten zu reduzieren und dem Wohnen neue Erscheinungsformen abzutrotzen, ist ihm immer ein Anliegen.

Das ist auch diesmal gelungen: "A-Böcke", wie Richter die Träger des Wohnblocks am Rand der Anlage nennt, gestalten die gesamte, 170 Meter lange Nordfassade. Sie sehen nicht nur schön aus, sondern tragen wesentlich mehr als nur den Laubengang, der die Wohnungen erschließt: Querkraftdorne ragen von den "A-Böcken" weg, gemeinsam halten sie das ganze viergeschossige Gebäude. Statisch gesehen ist das eine innovative Ingenieurleistung.

Obwohl sie billiger, dünner, und rascher montiert sind als herkömmliche Ziegelwände, mußte Richter um den Einsatz seiner Fertigteilelemente kämpfen. Die Aluminiumoberfläche ist eine moderne, haltbare Alternative zum konventionellen Putz. Inhaltlich ist der Laubengang im Windschatten der Schallschutzwand des Bahngeländes wohl die einzig vertretbare Lösung auf so einem lausigen Bauplatz. Himmelsrichtungsmäßig ist hier Norden, akustisch Lärm.

Dafür gibt es im Süden auf der anderen Seite großzügige Verglasung, und Balkone. An die 70 Wohnungen von maximal 90 Quadratmeter Größe und sechs Behindertenwerkstätten im Erdgeschoß liegen hinter dem modernen, unkonventionellen, architektonischen Outfit, alle haben Querdurchlüftung. Ein Detail, auf das Richter großen Wert legt. Obwohl es nur einen Lift gibt, ist die Anlage behindertengerecht. Stufenlos lassen sich auch 170 Meter am Laubengang rollend angenehm bewältigen.

Als "Wohnbau, der dahinpfeift", bezeichnete Architekturkritikerin Liesbeth Waechter-Böhm die Anlage im "Spectrum". Die Thermensiedlung Oberlaa-Grundäcker, deren architektonisch krönenden Abschluß Richters Bau zweifellos bildet, ist die erste, die als Bauträger-Wettbewerb ausgeschrieben wurde. Größtmögliche Ökologie und Ökonomie waren wesentliche Kriterien. Mit 10.000 Schilling Nettobaupreis pro Quadratmeter ist die Anlage extrem billig. Abgesehen davon ist sie auch durchdacht und schön.

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