Klar, klassisch, Rainer

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 90. Geburtstag des Architekten Roland Rainer, des vehementen Verfechters des verdichteten Flachbaus, der immer noch baut.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 90. Geburtstag des Architekten Roland Rainer, des vehementen Verfechters des verdichteten Flachbaus, der immer noch baut.

Ich habe nicht die Absicht, noch viel zu bauen", blickt Roland Rainer gelassen in die Zukunft. Der vehemente Verfechter des verdichteten Flachbaus feiert am 1. Mai seinen 90. Geburtstag - und hat bis zuletzt unermüdlich geplant und gebaut: Am 13. April wurde seine jüngste Publikation "An den Rand geschrieben. Wohnkultur - Stadtkultur" in einem neuen Rainer-Zubau präsentiert. "Enterprise" heißt der elegante, klassisch futuristische Kubus, der auf schmalen Stützen aus der älteren Rainer-Schöpfung, dem ORF-Zentrum am Küniglberg, herausragt. Der nagelneue News-Trakt präsentiert sich innen wie außen als durchsichtiger, lichtdurchfluteter, schwebender Baukörper aus Glas am Gipfel der Technologie seiner Zeit. Frisch, unverbraucht, modern und jung: Rainers Bauten sind von schlichter Klarheit und zeitloser Eleganz geprägt, ohne ihr Geburtsdatum zu verleugnen.

Rainers Lebenswerk bildet eine eindrucksvolle Symbiose verschiedenster Anlagen und Talente, die er wie die wenigsten anderen in all ihrer Vielfalt durchsetzen konnte. Das Leben bestimmt das Werk, das eine fließt ins andere über. "Das Wesentliche für den Architekten muß sein, daß er alles als Ganzes auffaßt. Er muß verstehen, daß die Dinge zusammenhängen. Die Welt, in der wir bauen, ist vielschichtig. Einseitig werden wir keine Welt bauen können", interessiert sich Rainer für Kunst, Architektur, Malerei, Botanik, Ökologie und viele andere Dinge, die das Leben erst schön machen.

Plant er, bedenkt er vieles: die Anordnung der Räume, die Wünsche der Bewohner, das Material, die Konstruktion, ob die Menschen Kinder haben oder nicht, welches Klima herrscht, wie die Landschaft ist, wo Norden, Süden, Schatten, Licht. "All diese Bedingungen wirken sich auf den Städtebau aus. Danach entscheidet sich, wo Verkehrslinien liegen, so die Industrie angesiedelt ist, wo man wohnt und arbeitet", denkt Rainer auch den Großraum genauso komplex, wie er ein Einfamilienhaus plant.

Sein Leben ist durchzogen von Engagement in vielen Richtungen. 1950 war er Mitglied des berühmten CIAM (Congres Internationaux d'Architecture Moderne), bei dem sich ab 1928 die weltweit bedeutendsten Architekten wie Gropius, Le Corbusier, Mies van der Rohe, Eero Saarinen und andere über die Zukunft der Städte, Wohn und Arbeitswelt, Ökologie, Verkehr und die Konsequenzen des Fortschritts in heftigen Diskursen die Köpfe zerbrachen und Manifeste erarbeiteten. Rainers Fähigkeiten kamen zwischen 1958 und 1963 voll zur Geltung: Damals wirkte er als Stadtplaner in Wien.

Absolute Transparenz Mit der Stadthalle, die er selbst plante, schenkte er der Bundeshauptstadt eine Attraktion, ihren Bürgern einen Tempel der leichten Muse und der sportlichen Betätigung und der Architekturgeschichte eines der schönsten Gebäude dieser Zeit. "Auf die E-Halle im Hallenkomplex, diesen gläsernen Kubus mit der Schwimmhalle darinnen, darauf bin ich immer noch stolz. Das ist so lebendig und differenziert. Die Anatomie des Gebäudes kommt im Stahlskelett wunderbar zur Geltung", freut sich Rainer noch heute über seine gelungene Planung. Verputz und Verkleidungen gibt es keine, Rainer ist ein absoluter Vertreter der Transparenz. "Dekorationen ersetzten Konzepte nicht", lautet einer seiner Buchtitel. Diesem Prinzip blieb er ein Leben lang treu. "Rohre führen Luft, also müssen sie voluminös sein wie Lungen. Die Adern und die Nerven liegen in den Kabeltassen, und die Knochen, das ist der Stahl. Wenn man so denkt, kann man Architektur machen", betrachtet Rainer ein Gebäude so liebevoll und ganzheitlich wie einen Organismus.

Den Bezug zur Natur und zum Menschen verliert der große Verfechter der Moderne und des verdichteten Flachbaus nie. "Joseph Paxton, der mit seinem Glaspalast in London das Symbol der neuen Zeit, der modernen Architektur aus Mistbeetfenstern schuf, war ein großer, genialer Gärtner," bemerkt Rainer humorvoll. Er selbst orientiert seine Gebäude nach den Himmelsrichtungen und denkt sehr grundsätzlich darüber nach, was Menschen brauchen. "Wenn sie in ihren Häusern zufrieden sind, weil es ihnen gefällt, brauchen sie nicht mehr jedes Wochenende wegzufahren", weiß der Städteplaner genau, wie sehr das Verhalten des einzelnen Mobilität und Verkehrsaufkommen beeinflussen kann. In seiner Gartenstadt Puchenau hat er laut einer Studie den höchsten Prozentsatz Oberösterreichs an zufriedenen Bewohnern, kinderreichen Familien und Akademikern erreichen können.

Sein Erfolgsrezept hört sich einfach, aber überzeugend an: Der Mensch braucht soziale Kontakte, eine klare Trennung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Einen Raum, in den er sich zurückziehen kann und einen, in dem er andere treffen kann. Beides zu vereinen, funktioniert in unseren flachen Häusern ganz wunderbar. Zum vollkommenen Glück gehört noch eine Rasenfläche im Inneren. "Es muß kein Kartoffelacker sein, eine Terrasse genügt", ergänzt Rainer schmunzelnd. "Das Gute an den niederen Häusern ist, daß hier alles möglich ist. Die Kinder können im Hof ungehindert spielen, isoliert sind sie deswegen lange nicht. Man kann sie ja hinauslaufen lassen, ohne Angst zu haben, weil es keine Autos gibt. Die Nachbarn kennen einander, wenn ein Kleiner seine Wohnungstür nicht findet, schicken die ihn wieder heim." All das ist in einem Hochhaus nicht mehr möglich, wo schon das Erreichen der Wohnungstür über die Eingangssperre, den Lift, das Stockwerk für Kinder zum Spießrutenlauf wird. "Ein kleiner Bub braucht da schon eine Oma oder Mutter, die ihn begleitet."

Flachbau überall?

Rainer ist überzeugt, daß der verdichtete Flachbau in der Stadt genauso realisierbar wäre wie in Oberösterreich. In der Tamariskengasse, am Wiener Stadtrand, ist es ihm gelungen. "Eigentlich denke ich, man dürfte keine Häuser an einer Verkehrsstraße bauen. Außerdem müßte man Vorsprünge machen, damit man Sonne kriegt", geht er mit der in Wien üblichen Blockrandbebauung hart ins Gericht. Warum in Wien immer noch 95 Prozent aller Wohnungen in Zinskasernen und nur die restlichen fünf im Flachbau errichtet werden, ist ihm überhaupt nicht verständlich. Leider entwickelt sich die neuere Stadtplanung aufgrund von Hochhausboom und Altbausanierung noch mehr gegen das Einfamilienhaus in der Stadt.

Als Professor in Hannover, in Graz, als Leiter einer Meisterschule für Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien und Autor vieler Bücher hat er sich jedenfalls bemüht, jungen Menschen seine Prinzipien und Gedanken glaubwürdig zu vermitteln.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau