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Ein zeitgemäßer Kommentar

Ein prominenter Standort und zwei der berühmtesten Architekten Österreichs: ein Haus, das unter diesen Bedingungen entsteht, kann nicht unbeachtet bleiben. Der Getreidemarkt in der Inneren Stadt, Roland Rainer und Gustav Peichl bilden die Essenz, aus der die „Schwester” der Akademie der Bildenden Künste, ein moderner Erweiterungsbau, entstanden ist. Die neue Zeit erfordert neue Antworten, und so definiert sich das Haus als zeitgemäßer Kommentar zu Akademiekunst und Städtebau.

Die goldene Kuppel der Secession leuchtet im Sonnenlicht, Friedrich Schiller ruht gelassen inmitten seines Parks und die stolzen Freitreppen vor dem alten Akademiegebäude laden zum Eintreten. Rundherum Autoverkehr. Glas, Metall und Granit sind die Materialien, die sich am besten und längsten gegen die aggressive Groß-stadtverkehrsluft behaupten können, und so ist alleine die Bauweise schon ein Kommentar zur heutigen Zeit. Außerdem erwartet sich Roland Rainer von der schützenden Glasschicht Sonnenlichtspiele, Spiegelungen, eine Wirkung, als ob eine vielschichtig schimmernde Haut geheimnisvoll das Gebäude umspannte.

Der äußere Umriß erklärt sich einfach aus den Baufluchtlinien. Durch die Behandlung der Oberfläche und das verschiedenartige Aussehen jeder Fassade soll der quadratische Baukörper allerdings keinesfalls monoton oder schwerfällig wirken. Dadurch bjJdet er einen scharfen Kontrast zur achsial, monofunktional und monumental gestalteten Akademie. „Ein echtes Kunstforum könnte hier entstehen,” Roland Rainers alte Hände umschreiben einen großen Bogen: „Die Kunstkiste vom Rrischanitz, die Karlskirche, das Museum der Stadt Wien; das Künstlerhaus, die Secession und die Akademie. Alle diese Ausstellungsräume gruppieren sich um einen Fußgängerplatz.”

Der Vertreter einer autofreien Stadt hält diese Vision für durchaus realistisch. Er wünscht sich eine Umleitung des Verkehrs, sodaß der Platz zwischen Akademiehinterseite und Secession auch für Passanten interessant und die Makartgasse zur Fußgängerzone wird.

Das neue Eckhaus am Getreidemarkt ist tatsächlich für Stadtwanderer konzipiert: eine Erdgeschoßzone mit Arkaden grenzt den Straßenraum nicht von der Gasse ab. Altitalienische Piazzi mit ihren regengeschützten Arkadengängen, den Brunnen in der Mitte und dem sozialen Leben, wo Häuser zum Stadtraum offen sind, waren für Rainer immer schon vorbildhaft im Städtebau. Der Eingang des neuen Gebäudes durchdringt den öffentlichen Raum, er bildet gleichsam einen überdachten Vorplatz. Ar-chitekur ist eine Kunst, die im Gehen erfahren werden muß. So wird der Besucher des Hauses von lauter überraschenden Ein-und Ausblicken gefesselt. Schon eine genauere Betrachtung der Fassade spiegelt das Innere: jede Seite ist anders, reagiert auf den Straßenraum und verzichtet auf die traditionelle Symmetrie und Achsialität der alten Akademie und der Secession. „Die neue Ordnung ist demokratisch,” begründet Rainer die „freie Balance” im Gebäude. Kein Diktat der Geometrie sorgt hier für hierarchische Ordnung, sondern ein diffiziles Spiel verschieden gewichteter Elemente schafft dennoch Harmonie.

Auch die Funktion ist nicht mehr einheitlich wie früher. Ausstellen alleine heiligt keine Mittel mehr. Wohnungen und Büros machen das Akademiegebäude rentabel, und die verschiedenen Nutzungen sind wiederum außen an der Haut des Hauses abzulesen. „Einen Schrein der Kunst” nennt Rainer den geschlitzten Block, der aus dem Eck' des Hauses ragt. Ausstellungsräume der Gemäldegalerie und des Kupferstichkabinettes der Akademie der Bildenden Künste verbergen sich dahinter. Auch die Büroräume der Direktion und diverse Empfangsräume schließen sich daran an. Die Oberlichter vom Hof des Gebäudes aus sorgen zusätzlich für mystische Beleuchtung, die Ausstellungsräume sind feierlich, aber nicht allzu aufdringlich inszeniert, damit auch für verschiedenartigste Objekte und Nutzungen noch Gelegenheit bleibt.

Zweigeschossig bietet dieser Raum einen herrlichen Ausblick und von der Straße einen interessanten Einblick. „Skulpturen sollen in der Nacht die Einfahrt nach Wien beleuchten,” wünscht sich Rainer einen Katalysatoreffekt auf die unten vorbeidüsen-den Autofahrer.

Die Ausstellungshalle mit der Granitverkleidung soll Visitenkarte der Kulturstadt Wien sein und Neugier erwecken. Innen ist der Raum hinter dem Granit introvertiert, eine Schau in die Wesenheit des Kupferstichkabinetts, die Öffnung aber bietet einen hellen Kontrast. „Schweben über der Straße” soll der Block gleichsam. Schwarz gestrichen ist die tiefe Nut zwischen den Geschossen, um das noch mehr hervorheben. Das leicht wirkende Erdgeschoß auf seinen Säulen soll diesen schwebenden Eindruck des Schweren über dem Filigranen, Offenen noch verstärken.

Um den Mittelhof gruppiert, verbergen sich vier Geschosse Büroräume hinter den bandartigen Fenstern über dem „Schrein.” Eine Fortsetzung des berühmten „Böhler-Hauses” sieht Rainer darin. Allerdings muß auch die zentrale Lage für wohl-betuchte Stadtmenschen genutzt werden: und so finden sich im vorletzten Geschoß und auf dem Dach nach hinten versetzt noch AVohnungen. Vor allem ganz oben ist es wirklich ruhig, darunter hört man den Lärm der Autos allerdings immer noch ein wenig vorbei brausen. Doch den Blick über Naschmarkt und Secession läßt man sich gerne etwas kosten.

Für die Planung dieser exklusiven Bleibe ist Gustav Peichl zuständig. Daß er selbst eine der Wohnjuwelen über den Dächern Wiens besitzt, ist wohl die beste Werbung fürs Wohnen im Akademiehof. Die besitzt allerdings nur die Ausstellungsräume und lebt nach wie vor für die hehre Kunst. Verdienen tut die Akademie an dem Bau nicht.

Das Grundstück ist ein Geburtstagsgeschenk der Gemeinde Wien zum 300-Jahre-Jubiläum. Doch bebaut durfte es nur zu einer Bedingung werden: Roland Rainer und Gustav Peichl mußten die Planer heißen. Der Wert des Baugrundes um geschätzte 102 Millionen Schilling fiel als umbauter Raum der Akademie zu, etwa 2000 m2, 23 Millionen Schilling bekam sie wieder.

Insgesamt hat das Haus etwa 350 Millionen Schilling gekostet. Die Büros, und die Wohnungen, die einem Privateigentümer gehören, sollen das Gabäude an und für sich rentabel machen. „Zu 90 Prozent ist das mein Kind”, sieht sich Roland Rainer fast ganz als Vater des Gebäudes, das für ihn die neue, demokratische, multifunktionelle Variante der alten Akademie der Rildenden Künste vertritt.

„Ein ganz transparentes, vielschichtiges Gebilde”, wie er an der Fassade erklärt. Eine moderne Glas-schicht symbolisiert Leichtigkeit, die Verschiedenheit der Fassadenteile löst den blockförmigen Baukörper auf, die Pilotis im Erdgeschoß bilden einen offenen Eingang, der alle neugierigen Passanten ins Innere locken soll. „Straßenraum und Innenraum fließen ineinander.”

Wenn der Verkehr auch noch umgeleitet werden soll, dann ist Roland Rainer seinem Traum vom Kunstforum an der Einfahrt Wiens schon ein gutes Stück näher. Zu wünschen wäre es ihm und uns allen. Dann könnte dieses Gebäude, das etwa 300 Millionen Schilling gekostet hat, wirklich zum Meilenstein eines neuen Kapitels Stadtgeschichte werden und einen willkommenen Beitrag zum Problem „Karlsplatz” leisten.

Liest man das Winkel werk der U-Bahnausgänge richtig, dann ist es heute schon möglich, unter der Erde autoverkehrslos vom Künstlerhaus zum Akademiehof zu gelangen.

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