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Ein paar Zwischenlösungen weniger

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Der Wiener Karlsplatz, eine städtebauliche Dauerwunde, im Wandel: Veränderungen für Musikverein, Künstlerhaus, Historisches Museum und Kunsthalle.

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Der Wiener Karlsplatz, eine städtebauliche Dauerwunde, im Wandel: Veränderungen für Musikverein, Künstlerhaus, Historisches Museum und Kunsthalle.

Der Wiener Karlsplatz ist eine schmerzende städtebauliche Wunde. Nun wird mit einem ersten, vorsichtigen Umbau begonnen, der vor allem die Kunstinstitutionen Musikverein und Künstlerhaus betrifft - aber auch das Historische Museum der Stadt Wien und die Kunsthalle blicken Veränderungen ins Auge.

Aus denkmalpflegerischen Gründen erfolgt ein Großteil der Veränderungen am Karlsplatz unter der Erde. Der Umbau nach den Plänen des Architektenduos Jabornegg/Palffy, die bereits den Judenplatz inklusive Denkmal sensibel gestaltet haben, bringt für das traditionsreiche Haus des Musikvereins einige Vorteile: Auf zwei unterirdischen Ebenen werden Garderoben, Sanitäranlagen, Proberäume, Archivflächen und ein Großer Saal entstehen, dessen Podium diesselben Maße aufweist wie der berühmte Goldene. Ein acht mal 75 Meter langer Raum über dem U-Bahn-Tunnel wird zum Musikinstrumenten-Lager. Allerdings wird während der Bauarbeiten der Zugang erschwert und die Baumreihe vor dem Gebäude fällt, wie Horst Haschek, Präsident der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, seine Mitglieder in einem Brief informiert.

Fußgänger und Radfahrer sind die Gewinner der Planung. Der Pavillon von Otto Wagner, als "Klub Shabu" zuletzt ein wichtiger Kristallisationspunkt der Jugendkultur, wird wieder barrierefrei in den Platz integriert. Das Interesse an kulturellen Veranstaltungen im Künstlerhaus soll durch einen Glaskörper von Heimo Zobernig geweckt werden, der gleichzeitig als Witterungsschutz dient. Bänke davor sind vorgesehen, außerdem eine zusätzliche Vitrine vor dem Haus. Bis die stehen, müssen Künstlerhausbesucher durch den Kinoeingang zu Ausstellungen wandeln.

Herr der Baustelle "Wir beobachten mit ganz großer, interessierter, wunschvoller Neugierde die Umbauarbeiten am Karlsplatz", gibt Günter Düriegl, der Direktor des Historischen Museums der Stadt Wien, zu. Ungeachtet der neuen Platzkonzeption ist auch er momentan Herr einer Baustelle. Das Museum wird einem Facelifting unterzogen, im Sommer soll die Erweiterung fertig sein. "Schon Otto Wagner hat ein viel größeres Projekt vorgesehen, das sich bis zur Karlskirche erstreckt hätte", trauert Düriegl der Ursprungsvariante (um 1900) nach.

Notorischer Geldmangel, daraus folgende Enge und spätere Ausbauten sind eine Wiener Spezialität. Ein Jahrhundert nach Wagner muß das Museum nun aufgerüstet werden: Unter Federführung des Architekten Dimitris Manikas bekommt es einen überdachten Hof, der als multifunktionale Halle für alles genutzt werden kann, außerdem will sich das Museum vermehrt dem Film widmen. "Das ist das Medium des 20. Jahrhunderts. Kein Mensch kann die Geschichte dieses Jahrhunderts verstehen, wenn er nichts vom Film weiß. Totalitarismus ohne Filmschaffende wie Leni Riefenstahl ist unmöglich. Wien war da mit seinen frühen Ateliers und Produktionen wie ,Sodom und Gomorrha' wegbereitend." Klassiker wie "Metropolis" sollen ebenso zu sehen sein wie "Jud Süß."

Der einzige Bau auf der Fläche, dem keine Raumerweiterung, sondern eine Verkleinerung verpaßt wurde, ist die als Dauerprovisorium bis heute von konservativeren Kulturkonsumenten nicht akzeptierte Kunsthalle. Dabei weist der Containerbau eine Erfolgsgeschichte auf, wie sie in Wien selten zu finden ist: "Die Kunsthalle hat ein Gebiet positiv umgemünzt, das vorher nur von Leuten mit Hunden oder der Rauschgiftszene genutzt war. Wider Erwarten ist das Kaffeehaus positiv angenommen worden, die machen einen Irrsinnsumsatz und sprechen ein jugendliches, gemischtes Publikum an, das sonst eine Schwellenangst vor Kultur hat": Architekt Adolf Krischanitz ist es gelungen, ein Stück städtisches Niemandsland zu einem attraktiven Treffpunkt zu machen. Auch die Ausstellungen im aus bereits recycletem Material bestehenden Containerbau sprachen unerwartet viele Besucher an. "Ich wollte einen Ort der Kunst etablieren, ohne etwas hinzubauen, das hundert Jahre stehen muß", bekennt sich Krischanitz zu einem vitalen, veränderbaren Verständnis von Stadtkultur.

Mittlerweile hat die Zwischenlösung bereits neun Jahre und eine Renovierung auf dem Buckel, selbst die Ausblasöffnungen der nahen U-Bahn machen hier Sinn: nirgendwo in Wien kann man im Herbst so lange in warmer Luft auf der Terrasse sitzen wie im Kunsthallen-Cafe. "Das Faszinierende an diesem Ort ist, daß dort ein Heimatgefühl entstanden ist", freut sich Krischanitz. Für die alte Halle ist nun endgültig das Aus gekommen. Das lebendigste Zipfelchen des Karlsplatzes möchte allerdings niemand aufgeben. Stark verkleinert, als Kiste in gewohnter, rotziger, industrieller Formgebung, harrt die Kunsthalle ihrem Weiterbestand entgegen: als Kaffeehaus mit Terrasse und einer kleineren Ausstellungshalle, in der junge Künstler ihre Debüts geben sollen.

Was hier gelungen ist, wird der neuen Gesamtplatzplanung aber nicht glücken. "Alle Verkehrssünden kommen hier zusammen", beurteilt Krischanitz die Lage so prekär, wie sie ist. "Im Moment ist das sicher die brauchbarste Lösung, die sich die verschiedenen Institutionen auch leisten können." Für einen großen, visionären, städtebaulichen Wurf reicht das nicht.

AKTUELLE AUSSTELLUNG Existentialisten Die Kunsthalle Wien zeigt derzeit zwei große Existentialisten: Samuel Beckett, geboren 1906 in Dublin und Bruce Nauman, Jahrgang 1941 aus Indiana. Kontinente und Jahre trennen sie, trotzdem kommen sie bei ihrer Suche nach dem Wesentlichen, bei der Trennung des Ballastes von der Essenz zu ähnlichen Resultaten. Das Quadrat etwa ist eine elementare Urform, die sich in beider Werk findet.

Auch filmische Arbeiten zeigen Seelenverwandtschaft. Becketts Skizzenbücher sind papierene Dokumentationen abstrakten Denkens, Nauman zeichnet den Raum unter seinem Sessel. All das nachzuvollziehen, braucht viel Konzentration und Zeit. Existenz ist eben mühsam. IM

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