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Wer rastet, der rostet

Rosthaus" wird es im Volksmund liebevoll genannt. Doch was wie ein Irrtum wirkt, ist hier weder Bausünde, noch Verrottung, sondern reine Absicht. Die Rostschicht, die den Zubau zum Exner-haus auf der Universität für Boden-kultur, dessen erster Spatenstich 1966 erfolgte, überzieht, ist gewollt. Cor-tenstahl heißt das Produkt, das in Amerika entwickelt und in den frühen siebziger Jahren auch in Europa modern wurde.

Wetterfeste Stähle österreichischer Herkunft der Güte Korralpin und Al-codur 37 wurden damals entwickelt. Sie machen den Korrosionsschutz des Stahls überflüssig, da die witterungsbeständige Schutzschicht dieser Stähle nur an der Oberfläche rostet und so das Innere schützt. Die Erwartungen an das Farbenspiel der Fassade, die sich mit der Zeit farblich verändert und zuletzt bläulichbräunlich bleiben soll, waren enorm.

„Die VOEST gehört zur Weltspitze!", zeigt sich Massiczek vom Österreichischen Stahlbauverband patriotisch und weist damit jede Schuldzuweisung für Rauschäden vom heimischen Stahlgiganten ab.

Der Architekt Anton Schweigho-fer, begeistert von den damals kursierenden Publikationen über die Freie Uni in Rerlin, das Rundesgericht in Mannheim oder Eero Saarinens Verwaltungsgebäude in Moline, Illinois, folgte amerikanischem Reispiel. Dort wurde wahrscheinlich zum ersten Mal Cortenstahl verwendet, der sich durch Rost konserviert. John Deere & Company hieß der Auftraggeber, der Landmaschinen und Traktoren herstellt. Schweighofers Zubau an die Universität für Bodenkultur hat mit diesem Gebäude einiges gemeinsam: die Bauweise und eine dreigeschossige Halle. Mit ihrem hohen Luftraum, leistet sie sich großzügigen räumlicher Luxus.

Obwohl auch schon über zwanzig Jahre alt, hat sich das offene Raumkonzept bewährt, und von der Aufteilung her sind sich alle einig, daß dieser Rau in seiner Idee gelungen ist, Moden und Strömungen gestrotzt hat,und flexibel genug gebaut ist, um auch heute noch den sozialen Anforderungen der hier arbeitenden und forschenden Menschen zu genügen.

Das Raumklima allerdings macht zu schaffen. „Dieses Gebäude reagiert sehr flexibel auf die Außentemperatur", formuliert es Adolf Zaussinger, Professor am Institut für Landtechnik, diplomatisch, und meint damit: im Sommer 60 Grad, im Winter Minusgrade, und das beinahe ungefiltert von draußen nach drinnen. Dämmung war zur Rauzeit noch kein Thema, . k-Werte vollkommen unbekannt, und daß die Technik der Rollos, die je nach Sonnenstand elektronisch verstellbar konzipiert waren, so vollkommen versagen sollte, war nicht vorhersehbar gewesen. Immerhin 40 Prozent Energieersparnis hatte allein die Verstellung der Regelung eingebracht. „Die Idee ist gut, doch die Leute beherrschen die Technik nicht", so Zaussinger.

Großraumbüros statt der Maschinenhalle wurden bisher erfolgreich verhindert, die Landtechnik ist mit Labors in den dritten Stock gewandert und nutzt das Raumangebot vernetzend.

Offiziell schon längst zu gefährlich und verseucht, werden immer noch Vorlesungen und Prüfungen in dem hellen, schönen Saal gehalten, wird an Instituten geforscht. Zwar stehen Holzbaracken am Rand des Grundstücks, trotzdem ist der Zubau immer noch genutzt.

Bereits kurz nach der Fertigstellung dieses Gebäudes wurde es angefeindet. „Institutsgebäude mißlungen" titlete die Presse am 17. August 1972, von einer der „katastrophalsten Fehlplanungen der letzten Jahre" und einem „interessanten Bauexperiment" war da zu lesen.

Studenten und Kollegen reagierten mit Gegendarstellungen. Bis heute wird diskutiert, wo Bost in Gemeinschaft mit Asbest den Bau immer wieder in die Medien bringt.

Soll er nun abgerissen oder besser doch saniert werden? Immerhin wurde diesem umstrittenen Bauwerk doch 1976 der österreichische Stahlbaupreis verliehen. Ein Grund es stehenzulassen und zu schützen? „Der Vorteil des Stahlbaus ist ja, daß man ihn leicht niederreißen kann." Massiczek scherzt.

Die Schuld für den doch ziemlich desolaten Zustand des Bauwerkes liegt nur bedingt an Architektur und Bauweise. Die VOEST-Stahltechno-logie gehöre zur Weltspitze; wras bei der Universität für Bodenkultur zum nicht erwünschten, etwas zu tief sitzenden Bost geführt hat, sind waagrechte Kanten im Gebäude: gegen Schlagregen bleibt Cortenstahl resistent, stehendes Wasser hält er allerdings nicht aus.

Doch kommt es gerade jetzt wieder zur Behabilitation dieses Materials: in Großbritannien gehört der selbstrostende Stahl zum beliebtesten Baustoff im Brückenbau, der Deutsche Stahlbauverband rät in neuesten Novellen wieder zu dessen Anwendung. „Die Fassade ist zu stark gegliedert", kritisiert Massiczek den BÖKU-Zu-bau. „Aber an den Kanten, wo man es vermuten könnte, treten kaum Schäden auf", meint Schweighofer.

Dieses Bauwerk ist hohen Luftverschmutzungen vom Kraftwerk Spit-telau ausgesetzt. Erst seit kurzem gibt es eine Filteranlage, der Wind trägt all Schadstoffe übers Krottenbachtal direkt zur BOKU. Diese Emissionen haben nicht unwesentlich zum heutigen Zustand beigetragen.

Wetterfeste Stähle erleben international wieder eine Benaissance. Ein neuer Forschungsbericht der Thyssen-Stahl AG in Duisburg ist permanent vergriffen.

Wer nun um den Fortbestand dieses interessanten, sympathischen Bauwerks bangt, sei beruhigt. Denn um den Bestand des „Bosthauses" ist nicht zu fürchten. Bektor Leopold März spricht sich eindeutig für eine Sanierung aus, obwohl er von der Benaissance der wetterfesten Stähle gar nichts weiß.

Nach Kostenschätzungen des Wirtschaftsministeriums wäre ein Neubau immer noch zehn bis 20 Prozent teurer als die Sanierung. „Die Identifikation mit dem Gebäude ist sehr hoch", meint er. Zudem ist es ein Zeitdokument.

Eine rote Stiege im Aulenbereich forderte Studenten der 68-Gene-ration auf, lautstark und publikumswirksam ihre Anliegen der Allgemeinheit zuzurufen. Auch heute «och wird der Aulenbereich wegen seiner kommunikativen Auslegung für Veranstaltungen aller Art geschätzt. „Vertrautheit" herrscht, und „wir wollen ja nicht weniger liberal sein als damals." Die Klischees vom „Lodenmantel und Furchnschießer" sind längst überholt.

Die Universität für Bodenkultur ist eine der innovativsten Universitäten Wiens, und vom Trend des Strickens, Hunde- oder Babies-Mitneh-mens bis zum Rollerbladen hat das „Rosthaus" schon alles mitgemacht.

Auch der Hörsaal mit seinem Blick ins Grüne und den zahlreichen Möglichkeiten, un-gehört und kaum gesehen zu spät kommen zu können, ohne den Vortragenden zu stören, gehört zu einem der vielschichtigsten Beiträge zur Hörsaalarchitektur. Selbst von außen kann der interessierte Student noch mitlauschen, und daß über 200 Hörer hier Platz finden, läßt sich in der Kompaktheit der Form nicht einmal ahnen.

Dennoch gibt es auch bei diesem kleinen Juwel Kritikpunkte: zu eng und zu klein und von schlechter Ak-kustik soll er sein. Unter Umständen muß sich also auch in diesem Bereich etwas ändern. Außerdem wird noch ein Zubau nötig sein.

Dafür eine Lösung zu finden, die die skulpturale Gesamtwirkung des Baus nicht stört, ist sicher eine Herausforderung. Das gesamte Haus ist auf einem beliebig erweiterbaren Modularsystem aufgebautt, das Expansionen in jede Richtung flexibel zuläßt. Das tragende Stützensystem mit den Fassadenelementen ist von der Bauweise her auf größtmögliche Veränderung ausgelegt.

Wie das Sanierungskonzept den Bau verändern wird, ist noch nicht sicher. Darüber zerbricht sich Anton Schweighofer in den Sommermonaten den Kopf. Panzhauser, der vielbeschäftigte Experte für Wärme-und Schallschutz sucht inzwischen nach technischen Verbesserungsmöglichkeiten.

Ein Abriß ist jedoch nicht zu befürchten. Ohne Änderungen wird das Haus aber nicht überleben, und so empfiehlt es sich noch rasch, hinzufahren ins Grün des neunzehnten Bezirks und sich dieses seltene Exemplar des Cortenstahlbaus in Österreich anzusehen.

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