Anspruchsvolles populär machen

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Als erste Großinstitution im Wiener Museumsquartier öffnet die Kunsthalle an diesem Wochenende ihre Pforten.

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Als erste Großinstitution im Wiener Museumsquartier öffnet die Kunsthalle an diesem Wochenende ihre Pforten.

Nach 23 Jahren Diskussion, zehn Jahren Planung und drei Jahren Bauzeit beginnt nun die entscheidende Phase", sprach der Direktor der Museumsquartier Errichtungs- und Betriebsgesellschaft Wolfgang Wagner, als am 18. Jänner die Neubauten im Wiener Museumsquartier - Museum Leopold, Museum Moderner Kunst, die Hallen für die Wiener Festwochen, Tanzquartier und die Kunsthalle - offiziell an die künftigen Nutzer übergeben wurden. Worte, die eine Gedenkminute verdienen: Europas größter Kulturkomplex erhob sich aus einen Sumpf von Ressentiments, populistischen Querschüssen und gegen ängstliche Bewahrer des Traditionellem, doch in solch einem brodelnden Biotop gedeihen, um bei der Metapher zu bleiben, auch manchmal die üppigsten Blumen.

Die Baustelle verschliss Politiker der ersten Stunde wie Helmut Zilks "Kulturkanone" ((c) "Profil") Ursula Pasterk und den "bunten Vogel" Erhard Busek oder ließ engagierte Strategen wie Dieter Bogner resignieren. Andere kamen zur rechten Zeit um sich für das Tanzquartier oder ein Theaterhaus für Kinder zu engagieren, wie Kulturstadtrat Peter Marboe oder ein Machtwort für den Verbleib der kleinen Initiativen und Klein-Institutionen zu sprechen wie zuletzt Bürgermeister Michael Häupl.

Sucht man nach den unerschütterlichen Langzeitkämpfern, findet man neben den stoisch-pragmatischen Architektenbrüdern Laurids und Manfred Ortner: Gerald Matt. Seine Kunsthalle ist mit der wechselvollen Geschichte des Museumsquartiers eng verknüpft. Sein Geschick bei in Sackgassen geratenen Diskussionen oder wie es ihm gelang, mit dem zweiten provisorischem Raum am Baugelände der Kunsthalle den Flair einer Pionierin bei der inhaltlichen Besetzung des Museumsquartiers als Ort der Kultur zu verleihen, blieb nicht unbemerkt.

Dieses Wochenende wird die Kunsthalle der Öffentlichkeit die Möglichkeit geben, die neuen Räumlichkeiten im den leuchtend roten Ziegelbau hinter der ehemaligen Winterreithalle kennenzulernen. Die New Yorker Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft wird die dreitägige Architektur-Preview eröffnen (16. Februar 18 Uhr) und an den beiden darauffolgenden Tagen können jeweils von 10 bis 20 Uhr Ausstellungshallen, Auditorium, Shop und Foyer besichtigt werden.

1990 wünschte sich die damalige Kulturstadträtin Ursula Pasterk eine Kunsthalle für Wien, verschlangen doch die Hallenmieten für die Festivalausstellungen der Wiener Festwochen mehr Geld, als man auszugeben bereit war. Am Karlsplatz fand man einen geeigneten Standort. Zunächst war die Stimmung durchaus positiv, sogar die Bezirksvorstände hatte nichts gegen den provisorischen Kunst-Container, der dort entstehen sollte, wo einmal ein Hundeklo war. Dann, zögernd, baute sich Unmut auf und Wien hatte einen handfesten Architekturskandal. Anrainer sahen ihre schöne Aussicht verstellt, eine Bürgerinitiative entstand gegen den angeblichen "Schandfleck", Medien polemisierten dagegen und manche Politiker, die das Projekt befürwortet hatten, schwenkten um.

Ursula Pasterk bestellte den Schweizer Kunsthistoriker Toni Stoos zum Direktor, der damals ganz froh war, "nicht zu tief in der Mikrostruktur des Wienerischen zu Hause zu sein", wie er dem Standard anvertraute.

Anfang September 1992 eröffnete die Kunsthalle mit einer Retrospektive auf die legendäre Architektengruppe "Haus-Rucker & Co". Ein paar Wochen später stimmte die ÖVP im Wiener Gemeinderat gegen das Museumsquartier. Der Architekt der Kunsthalle Adolf Krischanitz konnte sich derweil auf seinen nächsten Skandal vorbereiten: seinen "Steirerhof" in Graz. Auch da kochte wieder einmal die Volksseele.

Gerald Matt erlebte die frühen Jahre des Kleinkrieges noch als Mitarbeiter Pasterks. Er verfolgte Toni Stoos' ambitionierte Aufbauarbeit. Die Kunsthalle, die aus der Ausstellungsarchitektur der Wiener Festwochen-Ausstellung "Von der Natur in der Kunst" herausgewachsen ist, musste sich erst einmal auf der internationalen Landkarte der Kunsthäuser einschreiben und sich bewähren. Toni Stoss setzte auf ein breites Programm von Gary Hill bis Rebecca Horn, von Oskar Schlemmer bis zum "Surrealismus in Spanien". Er reüssierte, an die 70.000 Besucher kamen 1995 zu den Ausstellungen. Das Cafe im Foyer wurde und blieb ein beliebter Treffpunkt einer jungen Kunstszene.

Als Gerald Matt 1996 die Kunsthalle als neuer Leiter übernahm, sah er es als seine primäre Aufgabe die Programmatik zu verschärfen: "Die Idee war, das Programm auf den zeitgenössischen und grenzüberschreitenden, also das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Gattungen reflektierenden Programmauftrag hin zu verdichten. Auch weil die Nachbarschaft mit dem Museum Moderner Kunst und Museum Leopold ein schärferes Konzept verlangt. Das Museum Moderner Kunst hat meiner Meinung nach den Auftrag von der klassischen Moderne, wie im Museum Leopold behandelt, bis in die Achtziger und von mir aus bis in die Neunziger heraufzuführen. Aber das sind durchaus schon musealere Positionen, während unser Auftrag der ist, das zu zeigen, was der Fall ist; das Jetzt zu transportieren und Vorschläge zu machen für eine zukünftige museale Situation."

Mit zu seinen Konzept gehörte es, sofort einen provisorischen Raum im Museumsquartier aufzutreiben, um hier "Zukunft zu simulieren". "Wir konnten so zusätzlich mit jüngeren, sich inzwischen international etablierenden Künstlern Projekte machen. Vor allem im Video- und Fotografiebereich, den ich in dieser Stadt als vernachlässigt empfunden habe. Das reicht von Matthew Barney ("Cremaster 1") über Tracey Moffatt bis zu Pipilotti Rist.

Gerald Matt gehört zur jungen Generation von Museumsdirektoren wie sie mittlerweile weltweit vermehrt zu finden sind. Sie verbinden Kunstverständnis mit einer wirksamen Marketingstrategie und setzen sich dabei auch durchaus dem Vorwurf aus, Quoten nachzujagen. Er selbst kann sich, obwohl die Tabellen mit den Besucherzahlen (1999: 180.000) natürlich stets parat liegen, mit einem solchen Bild nur bedingt anfreunden. "Ich bin nicht der Ansicht, dass ein Haus unserer Größe dazu da ist, den kulturellen Mehrwert nur der wenigen Privilegierten, einer Bildungselite zu fördern. Ganz im Gegenteil: Wenn wir an den Erkenntniswert der Kunst glauben, dann müssen wir auch daran glauben, dass diese Erkenntnisse an eine möglichst breite Zahl an Menschen weitergeben werden soll. Und dazu bedarf es, dass wir Aufmerksamkeit schaffen", lehnt er einerseits elitäres Agieren ab, andererseits will er mit seinen Programmen keineswegs dem Mainstream folgen. "Wir müssen uns einer Vereinnahmung durch die Spektakelkultur entziehen. Unser Ziel kann es nicht sein, populäre Programme zu machen, aber wir müssen alles daran setzen, anspruchsvolle Programme populär zu machen".

Die Arbeit mit Kunst bedeutet auch Stellung zu beziehen, wenn Künstler diskreditiert, oder Kunst, wie Matt es ausdrückt, "auf dem Schlachtfeld des Populismus benützt wird". Wie zum Beispiel vor drei Jahren, als die Ausstellung "Die Wiener Gruppe" FPÖ auf den Plan rief. Doch der tägliche Kampf für die Kunst und ihre Schöpfer spielt, um zuzückzugehen, wo die Geschichte von Kunsthalle und Museumsquartier begann, sich meist im Kleinen ab. Beim Ringen um die Autonomie der kleinen Initiativen im Museumsquartier zum Beispiel, deren Interessen Matt als Sprecher der Plattform Museumsquartier vertritt.

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