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Kunst als Mittel zum Widerstand

Das Wiener "Museum auf Abruf" (MUSA) zeigt eine Ausstellung über Kunst und Politik aus der Sammlung der Stadt Wien.

Kunst ist nicht Kunst. Kunst ist Politik, die sich neue Stile der Kommunikation geschaffen hat." Eine brisante Aussage auf der Einladung zu der Veranstaltung, die den größten Kunstskandal der Nachkriegszeit hervorrief: Kunst und Revolution.

Die legendäre "Simultanaktion", die am 7. Juni 1968 im Hörsaal 1 der Wiener Universität stattfand, hat gerade aufgrund der programmatischen Gleichsetzung wie kein zweites Event die Diskussionen rund um das Verhältnis von Kunst und Politik in Österreich angeheizt.

Der Skandal von 1968

In Folge der Ereignisse kam es nicht nur zur Verurteilung der beteiligten Künstler, sondern auch zur Auflösung des "Sozialistischen Österreichischen Studentenbundes". Rückblickend ist die "Uniaktion" als der eigentliche Beitrag Österreichs zu dem weltweiten Jahr des Protestes zu bezeichnen - hierzulande eben in erster Linie künstlerisch und nicht politisch ausgetragen.

Umso erstaunlicher erscheint auf den ersten Blick, dass ein derart einschneidendes Ereignis gerade zum vierzigjährigen Jubiläum des skandalumwitterten Happenings in einer spannenden Schau zum Thema "Kunst + Politik" im Wiener MUSA visuell nicht präsent ist. Auf den zweiten Blick verwundert es wenig. Denn Hedwig Saxenhuber griff, ausgehend von der Frage, ob Kunst als "wirksames Mittel zum Widerstand gegen hegemoniale Macht genutzt werden" kann, auf die Bestände der Stadt Wien und die 16.500 Ankäufe umfassende Sammlung (seit 1951) zurück.

Und in dieser tun sich gerade zum Thema Kunst und Politik zahlreiche Lücken auf, wie die Kuratorin im hervorragenden Katalog erzählt: "Ganz schnell wurde mir im Laufe der Recherche klar, dass auf eine Kunstsammlung, die durchaus auch unter den Ägiden der lange als hegemonial verstandenen Kulturpolitik des sozialdemokratischen Wien entstand - also nahe an der offiziellen Macht - sich Suchbegriffe wie diese nicht so direkt anwenden lassen würden. Oder wenn ich sie anwendete, die Leerstellen der Sammlung ebenso sprachkräftig sein würden wie die Kunstwerke, die sich in den Depots finden."

So ist der "Wiener Aktionismus" zwar in der Sammlung vertreten, allerdings wurden Dokumente dieser von der Öffentlichkeit zunächst heftig abgelehnten Kunstrichtung erst Jahrzehnte nach dem eigentlichen Wirkungszeitraum in den 1980er Jahren angekauft. Lücken gibt es nicht nur aufgrund von Ankaufsversäumnissen, sondern auch, da gerade politisch subversive Kunstrichtungen sich jenseits der traditionellen Gattungen - Malerei, Skulptur, Grafik, Foto - im situativ-aktionistischen Feld bewegen und daher nur schwer in Form von Werken erworben werden können.

Zu den Stärken der Schau gehört neben dem Sichtbarmachen von Leerstellen in Form einer assoziativen Ausstellungsgestaltung mit schwarzen Quadraten an den Wänden auch eine vielschichtige Auffassung der Beziehung zwischen Kunst und Politik.

"Engagierte Kunst"

Im Unterschied zu gleichnamigen Ausstellungen wie jener, die 1971 in der Kunsthalle Basel stattfand, stehen hier nicht nur explizit kritisch-politische Exponate oder so genannte "engagierte Kunst" im Zentrum, sondern auch subtile Werke, die nur indirekt etwas mit der Thematik zu tun haben.

Zugleich hat die Präsentation eine fundierte wissenschaftliche Einbettung durch ein begleitendes Symposium erfahren, das Anfang Juli in Zusammenhang mit der MUSA-Schau stattfand. Die interessanten Beiträge sind im Ausstellungskatalog nachzulesen; sie gehen der Frage nach, ob Kunst per se "eine widerständige Kraft" eigen ist, wie oft behauptet, und erkunden, auf welche Art und Weise das Politische in der Kunst auftauchen kann.

Während des Rundgangs durch die ansprechenden, im vorigen Sommer neu eröffneten Räumlichkeiten in der Nähe des Rathauses prägen sich neuere dokumentarische Videoarbeiten wie "Things. Places. Years" von Klub Zwei nachhaltig ein. Der 70-minütige Dokumentarfilm zeigt Interviews mit in London beheimateten jüdischen Frauen, die als Kind aus dem nationalsozialistischen Wien flüchteten.

Neben den emigrierten Großmüttern kommen auch deren Töchter und Enkeltöchter zu Wort. Sie erzählen auf unprätentiöse, dafür aber umso eindringlichere Weise, wie der Holocaust Erinnerungen an Vertreibung und Flucht das Leben dreier Frauen-Generationen bestimmte. Wie stets bei herausragenden Werken, sind es nicht nur die berührenden Schilderungen, die einen dieses Video nicht vergessen lassen. Auch die Kameraführung und die langen ungeschnittenen Filmsequenzen von Londoner Stadtvierteln, die stakkatoartig die Erzählungen der Frauen unterbrechen, tragen zur überzeugenden Wirkung bei.

Wann ist Kunst politisch?

Dass es mitunter nur minimale formale Verschiebungen und weniger die großen Inhalte sind, die ein Kunstwerk "politisch" erscheinen lassen, spiegelt die Geschichte rund um Sergius Pausers Ölbild "Abschluss des Staatsvertrages im Oberen Belvedere" aus dem Jahr 1955. Pauser, alles andere als ein Revoluzzer und sogar in den Jahren 1943-44 als Professor an der Akademie akzeptiert, wurde beauftragt, die Unterzeichnung des Staatsvertrages im Marmorsaal des Belvedere zu dokumentieren.

Allerdings waren die Regierungsverantwortlichen wenig begeistert, als sie das Resultat sahen. Die impressionistische, antinaturalistische Darstellung, die die Individualität der Akteure tilgte, erschien zu abstrakt, um identitätsstiftend für die junge Republik zu wirken. Das Auftragsbild wurde vom Bundeskanzleramt genauso abgelehnt wie eine zweite Version Pausers und fand erst im Nachhinein Eingang in die Sammlung der Stadt Wien.

KUNST UND POLITIK

Aus der Sammlung der Stadt Wien

Museum auf Abruf

Felderstraße 6-8, 1010 Wien

Bis 10. 10. Di-Fr 11-18 Uhr,

Do 11-20 Uhr, Sa 11-16 Uhr

Katalog hg. von Hedwig Saxenhuber, Wien, New York 2008, 251 S., € 25,

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