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Nordöstlich von Wien leben seit einigen Jahren rund 100 Menschen nach ökologischen Grundsätzen. Gemeinschaft wird hier groß geschrieben.

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Nordöstlich von Wien leben seit einigen Jahren rund 100 Menschen nach ökologischen Grundsätzen. Gemeinschaft wird hier groß geschrieben.

Humusduft”, schrieb der Maler Friedensreich Hundertwasser schon in den siebziger Jahren, „ist heiliger und Gott näher als der Geruch von Weihrauch”...

In der Öko-Siedlung Gärtnerhof, 30 Kilometer nordöstlich von Wien, werden Resucher gerne zuerst in den Keller geführt. Majestätisch, aus weißem Metall, thront hier der Fäka-lienbehälter der hauseigenen Humus-Toilette. Sie verbraucht weder Strom noch wertvolles Trinkwasser und liefert sogar pro Bewohner einen Kübel wertvoller Gartenerde im Jahr. „Ein Abluftkamin, etwas Hobelspäne, Küchenkompost und drei (v)na dratmeter Platz im Keller sind alles, was das Humus-Klo braucht,” erklärt ein Hauseigentümer dem staunenden Besucher und läßt ihn zum Abschied die Nase in die offene Klappe stecken.

Es riecht nach frischer, feuchter Erde. Einer der Hauseigentümer ist Helmut Deubner. Er hat die ÖkoSiedlung, gemeinsam mit anderen Pionieren und späteren Bewohnern, 1983 zu planen begonnen. Heute sitzt er in seinem sonnendurchfluteten Architekturbüro, strahlt ausgeglichen wieseine naturbelassenen Ziegelbauten und nimmt sich ab und zu Zeit, Vorbeikommenden von der Wissenschaft gesunden Wohnens zu erzählen. „Ökologisches Bauen heißt, Kreisläufe zu schließen,” meint er, „solar oder bio allein sind noch nicht ökologisch.”

Der „Gärnterhof” mit seinen elf Einfamilienhäusern und zehnWohnungen, seinen Gartenhöfen und Gemeinschaftsräumen, mit seiner Pflan-zen-Schilf-Kläranlage und seinen unterirdischen Regen wasserzi-sternen ist der Versuch, möglichst viele Maßnahmen „miteinander zu vernetzen”. Alle Wohneinheiten sind nach Süden gerichtet, die gegenseitige Verschattung wird durch Höhenstaffelung und seitliche Versetzung der Häuser reduziert. Wintergärten, Sonnenkollektoren und ausgeklügelte Gas-Brennwertthermen senken den Heizwärmebedarf. Das soziale Konzept baut auf Nachbarschaftshilfe, aber auch der Rückzug ins Private soll möglich sein.

Fast zwei Meter hohe Gartenmauern trennen Öffentliches vom individuellen 1 .ebensraum. Schmale Wege wechseln immer wieder mit Plätzen, die für Feste und Treffen genutzt werden. „In einer Gesellschaft, die sich zersplittert,” erinnert sich Architekt Deubneran an die Ursprungsidee der Siedlung, „wollten wir eine Gemeinschaft aufbauen”.

An einem Wochentag, noch dazu zu Mittag, ist die Siedlung, die 45 Erwachsene und 50 Kinder beherbergt, fast menschenleer. Vom Dorfplatz mit seinem natürlich wirkenden Wasserbecken, an dem so mancher Nachkomme der Öko-Siedler getauft wurde, sieht man die verschachtel-tenTerrassen der elf Wohnungen. In die krummen Wege, die zu den Hofhäusern mit ihren sichtschützenden Ziegelmauern führen, sind Muschelschalen und bunte Steine eingelassen.

Das Grün der üppigen Vegetation kontrastiert mit dem milden Rot der verwinkelten Mauern, Nischen und Terrassen. Kein Element gleicht dem anderen. Die gerade Linie sei gottlos, meinte Hundertwasser, und hier in der Öko-Siedlung ist nichts gerade. Ründ ist auch der sogenannte Schö-nungsteich, in den das gereinigte Wasser über eine Steinkaskade aus der nierenförmigen Schilf-Kläranlage fließt. Dahinter liegt der Gemeinschaftsgarten, aus dem gerade ein Mädchen mit langen braunen Haaren tritt. Als es näher kommt, entpuppt es sich als eine erwachsene Frau. Sie stellt sich als Präsidentin des Siedler -vereihs vor. „Unsere hohen Ansprüche,” meint sie dann in ihrem Laubengarten,,,wurden nur zum Teil durchgesetzt.” Altenpflege oder Re-hindertenbetreuung, zum Beispiel. Auch der Bioladen blieb ein Wunschtraum, oder, „daß mehr Bewohner hier ihren Arbeitsbereich haben.”

Viele der Sieder pendeln ins nahe Gänserndorf oder nach Wien. Der Gebrauch des Autos, für das in jeweils 100 Meter Entfernung der einzelnen Wohneinheiten eine ziegelsteinerne Garage vorgesehen ist, bleibt allerdings verpönt. „Auch von den Kindern verlangen wir”, sagt Obfrau Marianne Aschenbrenner, „daß sie so weit wie möglich mit der Schnellbahn nach Wien fahren”.

Alle sechs Wochen tagt der Siedlerverein. Probleme und der Arbeitskatalog werden da besprochen. Wer in den Kreis der Siedler aufgenommen werden will, so eine Wohnung oder ein Haus frei werden, verpflichtet sich, an Gemeinschaftseinsätzen teilzunehmen. Etwa, das Schilf der Kläranlage zu schneiden, den Kompost aufzusetzen, Holz für die Siedlungssauna zu schneiden oder das Grünland zu pflegen. Die Arbeitszeit wird nach bewohnter Quadratmeterfläche berechnet. „Extreme Individualisten”, meint die Pharmazeutin, die fünf Kinder hat, „würden nicht zu uns passen.”

Gemeinsame politische Aktivitäten oder Bewohner, die „in den Umweltschutz integriert” wären, gibt es aber nicht in der Siedlung. „Obwohl die Gemeinschaft insgesamt sehr gut zusammenhält,” meint Frau Aschenbrenner, „sind die Leute hier doch eher Genußmenschen ”. Von den .Gründungsmitgliedern der späten achtziger Jahre lebt noch rund ein Drittel in der ziegelroten Öko-Siedlung im Marchfeld. Von jenen, die erst mit Bauabschluß 1989 eingezogen sind, gar drei Viertel. „Ein paar Ehen sind halt in die Brüche gegangen”, erklärt die Obfrau die - durchaus übliche - Fluktuation.

Ob alle hier zufrieden sind? Wer keine kleinen Kinder mehr hat, tut sich manchmal schon ein bißchen schwer. Die Lebensberaterin Edeltraud Schmied ist eine davon. Sie saugt gerade den Staub aus ihrer 90 Quadratmeter großen Wohnung, deren Loggia auf den Spielplatz zeigt. Eigentlich habe sie keine Zeit, etwas über die Siedlung zu erzählen, sagt sie, um dann doch sofort einen Stuhl anzubieten und zu plaudern.

Ein Kachelofen und eine Holzbalkendecke verbreiten Gemütlichkeit. „Was die Wohnung betrifft,” meint die 54jähri-ge, eine der wenigen Singles im Gärtnerhof, „haben sich die Erwartungen hun dertprozentig erfüllt”. Selbst im kältesten AVinter hat sie nicht alle Heizkörper aufgedreht. „Wir haben hier ein Dreiwandsystem,” erklärt sie, „zuerst die Hauptwand, dann die Isolierung und darauf die Sichtziegel.”

Eine Wandstärke von 15 Zentimetern entspräche somit einer Dämmung von fast einem Meter. Auch die Vögel und Säugtiere sind, so besagt ja ein Postulat der Ökologie, mit ihren wärmedämmenden Daunen und Pelzen zu Erfolgstypen der Evolution geworden.

Womit wir bei der sozialen Zusammensetzung der Öko-Siedler wären. „Der Willy arbeitet in der Gemeinde”, berichtet Edeltraud Schmied, „der Peter an der Uni.” Eine Kindergärtnerin, ein technischer Zeichner und eine Homöopahtin leben hier, auch eine Masseuse, ein Antiquitätenrestaurator, mehrere Lehrer und Professoren, ein Taxifarfrer und eine UNIDO-Angestellte. „Der Lorenz ist im Statistischen Zentralamt,” weiß sie, „und der Karl-Heinz ist ein Schüler vom Hundertwasser”. Im ehemaligen Kindergarten, der jetzt nach Gänserndorf übersiedelt, wohnt jetzt eine bosnische Flüchtlingsfamilie.

Bis auf drei „ältere” Frauen sind die Bewohner zwischen 30 und 46 Jahre alt. AVenn sie selber noch jung wäre, meint Frau Schmied, würde sie sich „automatisch in die Gemeinschaft” integrieren. Jetzt aber, nachdem sie drei Mädchen großgezogen hat, stört sie der Kinderlärm vor ihrer Terrasse. „Ich habe jetzt andere Interessen”, sagt sie und zeigt die Mappe, mit der sie die zahlreichen Bewerber um ihre AVohnung über die Aburteile der Öko-Siedlung aufklärt. Da ist zum Beispiel das Wasser, eines der Schlüsselelemente ökologischen Wohnbaus. Unterirdische Zisternen mit vorgeschalteten Schlammfänger sammeln das Regen wasser für AVaschmaschine, AVC (nur die Häuser haben eine Humus-Toilette), und in einigen Fällen sogar für die Körperreinigung. Die Schilfkläranlage eine der größten Europas - schließt den AVasserkreislauf.

■ Das gereinigte Wasser fließt in den Teich, in dem man im Sommer baden, im Winter eislaufen kann. „Das ist der ökologische Teil,” weiß Frau Schmied Bescheid, „zum biologischen gehören die Baumaterialien”. Neben Ziegeln und Holz wurde Kork, Kokos, Zellulose und viel Glas verwendet. Auch bei Putzmitteln seien die Bewohner von Natur aus sparsam. „Naja,” meint sie mit einem verschmitzten Blick auf ihren spiegelglatten Holzfußboden, „das ist halt Bona-Siegel-wachs”. Öko-Bienenwachs in ihre-mAlter sei nun doch etwas mühsam aufzutragen.

Aus dem Haus von Stanley Haie,, dem Bratschisten an der Wiener Staatsoper, klingt Klaviermusik. „AVir waren eine kleine Gruppe,” erinnert er sicli an die Anfänge. ..die von der Idee beseelt war, eine Öko-Siedlung zu bauen.” Sie wollten, „der

AVeit zeigen, wie sie in die Irre gegangen war”. Die ersten Skizzen entstanden in der benachbarten Bio-Gärtnerei, wo Architekt Deubner samt Familie wohnte. „Geplant war ein großes Zentrum”, sagt der Nordamerikaner Haie in niederösterreichisch gefärbtem Deutsch, „von wo aus die Idee in die ganze AVeit verbreitet werden sollte”.

Der Musiker kaufte sich extra einen Computer, denn er war zur Buchführung eingeteilt worden. „Es war schon erstaunlich,” meint er, „daß so ein bunter Haufen Menschen ohne wirtschaftliche Kenntnisse fast 45 Millionen an Fördermitteln verwalten konnte”. Eingespart wurde durch Eigeninitiative und durch die Gründung einer Genossenschaft mit beschränkter Haftung. „Der damalige Landeshauptmann Ludwig”, erzählt Hall, „hätte lieber eine offizielle Baugenossenschaft gehabt, weil wir - seiner Ansicht nach - eine Kontrolle brauchten”.

Der alleinerziehende Vater einer 15jährigen Tochter ist Neugierige und Journalisten gewohnt. F,rst unlängst war eine da, und hat den ganzen Tag mit ihm geredet. Haie schlägt ein Magazin auf, in dem unter der Rubrik Sonnenzeitalter über das Leben in der österreichischen ÖkoSiedlung Gärtnerhof berichtet wird. „ Eigentlich brauchten wir schon eine Pressestelle,” meint der Musiker leicht ironisch. Ausnahmsweise fährt er heule nicht mit der Rad sondern mit dem Auto -zur dre* Kilometer nahen Schnellbahn. Um 20 Uhr beginnt sein Konzert in der Oper. Reim Ausparken versetzt ihn eine Erinnerung in AVut. „Die Stadtregierung hat uns die Schwelle zur Geschwindigkeitsverminderung entfernt”, berichtet er. Erst wenn sie an das gemeindeeigene Klärnetz angeschlossen würden, bekämen sie diese zurück. Und das, obwohl die Schilfkläranlage Kohlenstoffverbindungen, Stickstoff und Phosphor weitgehend eliminiert.

Neue Konzepte, so durchdacht sie auch sind, stoßen oft auf Unverständnis. A'on manchen Menschen aus der Umgebung, das hatte auch die Obfrau erzählt, würden die Siedler bisweilen belächelt.

Auch die Professorin und ÖkoSiedlerin Gaby fährt zireinein Konzert nach Wien. Sie erzählt Haie, der die letzte Mitgliederversanimlung versäumt hat, vom letzten Stand der Dinge. Es geht um die Ökodorf-Ju-gend, die derzeit rebelliert. „Sie wollen nicht immer warten, bis ein Erwachsener sie im Auto zur Schnellbahn nimmt”, sagt die Professorin. Eine Lösung sei zwar noch nicht gefunden, aber an der Diskussion im Gärtnerhof beteiligten sich Alte und Junge. „Entschuldigen Sie,” wendet sich da ein Mädchen aus Gänserndorf mit krausem, roten Haarschopf an die beiden' Öko-Siedler. „Mich interessiert, was sie das reden: sind sie eigentlich von irgendeiner Sekte ...?”

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