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Strom Uber den Berg

UNDURCHDRINGLICHER NEBEL zwischen Saalfelden und Alm. Die Wetterfrösche haben uns tags zuvor Aufheiterung versprochen, nicht ohne die neckische Beifügung „gebietsweise“ und nicht ohne vorangehende Niederschläge, „die im Tal als Regen, in Höhen über 2000 m als Schnee“ fallen könnten. Schemenhaft tauchen aus dem Weißgrau zeitweise die Umrisse eines einsamen Heustadels auf. Zur Linken, von Rain her, schimmern die Lichter eines Bauernhofes, schräg gegenüber, wo Almdorf liegt, rattert ein Traktor. Sein Geräusch mutet an, als habe man es in Wolle gepackt Die Maschine ist nicht zu sehen, auch das scharfe Jagdglas versagt. Ein paar Dutzend Meter voraus, in der Richtung auf Alm zu, wandert eine Arbeiterkolonne, gefolgt von einem sich vorsichtig vorwärtstastenden Diesellaster, auf dem lange Eisenteile verstaut sind. Wenn man ein wenig zurückbleibt, in der Hoffnung, es werde schon noch aufklaren und die vom Sommer her vertraute großartige Kulisse des Steinernen Meeres mit Breithorn und Schönfeldspitze werde sichtbar werden, dann verschwimmt auch das Rasseln des Lasters und legt sich auf die dämpfende Nebelwatte. „Das war im Herbst auch nicht viel anders“, sagt der Ingenieur, „und im Sommer haben wir dafür Hochwasser gehabt, das hat uns die sogenannten Wege so hergerichtet, daß wir statt an den Leitungsbau zunächst an die Wiederherstellung der Zufahrt denken mußten. Im Juli haben wir oben im Gebirge einmal sogar 28 Zentimeter Neuschnee gehabt.“ *.

ES GEHT UM DEN BAU der 220-kV-Leitung von Kaprun nach St. Peter bei Braunau, die nötig geworden war, weil die schon bestehende Leitung von Kaprun nach Ernsthofen einer Ergänzung bedurfte. Es wird künftig möglich sein, Strom in zwei Richtungen zu transportieren und die an den Ring angeschlossenen Industrien doppelt zu sichern — was nach den Erfahrungen jder -ipt|rttn jHe^wasserkv^rqprrefl -gro* übfsqrnvj jderst* Werl ist. <Nun Wree* naheliegend “ge“- : wesen, die Leitung durchs Saalach- und Salzachtal zu legen. Dagegen haben sich aber einerseits die mit dem Naturschutz befaßten Institutionen, anderseits Bahn und Post ausgesprochen. Das Saalachtal in der Richtung auf Lofer darf wohl für sich besondere Schonung beanspruchen, und den dazu eingebrachten Bedenken hat sich die Verbundgesellschaft nicht verschlossen. Das Salzachtal wieder ist von Leitungen schon sehr beansprucht und gilt — das versichern die Verkehrsfachleute immer wieder — als eine der schwierigsten Talstrecken Österreichs, so daß man anders durchbauen mußte. Die Einsprüche haben an sich durchaus nichts Sensationelles. Vor jedem Bau werden alle unmittelbar und mittelbar Betroffenen, das sind die Gemeinden, die Forstverwaltungen, die Verkehrsbetriebe, die ;Post, die mit der Wildbachverbauung befaßten Stellen und selbstverständlich auch die am Landschaftsschutz Interessierten zu einer gemeinsamen Beratung eingeladen. Es geschieht also nichts über den Kopf eines Beteiligten hinweg, jeder kann seine Einwände und Forderungen '(die übrigens auf finanziellem Gebiet beträchtlich sein können) anmelden.

DIE RICHTUNG HIESS TORSCHARTE. Das ist ein Übergang zwischen dem Steinernen Meer und der Übergossenen Alm (mit Hochseiler und Hochkönig) mit der Höhenmarke 2283 Meter. Darnach wird das Blühnbachtal gequert, und die Leitung geht in Richtung Golling weiter, „wo wieder zivilisierte Regionen erreicht werden“, meint lächelnd der Ingenieur, während er prüfend den Kopf hebt und einwirft: „Es wird doch bald heller, ein Wind macht sich oben auf.“ Die reine Hochgebirgsstrecke mißt 21 Kilometer Länge. Geschlossene Leitungen dieser Art und in dieser Höhenlage sind überaus selten. Die schwierige Errichtung der großen Mäste nach der, komplizierten Fundierungs-, Maststock- und Seilzugarbeit hat bereits nicht nur im Inland, | sondern auch im Ausland die Aufmerksamkeit 1 auf das Werk österreichischer Ingenieure und | Arbeiter gelenkt. Besonders erschwert wurde der | Bau durch das Fehlen gleichlaufender Straßen. Sonst hat man, wenn ein Paß angepeilt wird, | die bereits vorhandene, dem öffentlichen Verkehr das ganze Jahr hindurch dienende Straße | zur Verfügung. Dolmen machten den Wege- | bauern das Leben sauer. Zu den Betonierungen 1 mußte oft das Wasser durch Plexischläuche vom Tal hergeleitet werden. Die Statiker hingen am Seil, wie überhaupt alle Beteiligten eigene Bergkurse absolvieren mußten, wozu noch Kurse für Erste Hilfe, ja sogar Vorsorge gegen Schlangenbisse kamen, da Kreuzottern in dem durch-schrittenen Gebiet durchaus nicht selten sind. Leitungsbau mit Schlangenserum! Achtzig Kreuzottern hat mau vorderhand aufgespürt. In der kommenden Bausaison werden noch einige Dutzend dazukommen. Diese Bauzeit ist — der Höhenlage entsprechend — recht kurz. Man kann nur zwischen den Monaten Mai und Oktober arbeiten. Bisher wurden 18 Kilometer Seilbahnen für den Werktransport angelegt, eine davon geht über das ganze Hagengebirge. An Beton wurden einstweilen 14.000 Kubikmeter verbaut, davon 4800 auf der Bergstrecke, wo das Wasser so rar ist Die Masttonnage beträgt 4800 Tonnen, davon schluckt die Bergstrecke 1200 Tonnen. Die Seilbahn mußte dort, wo sich Arbeiterunterkünfte befanden, allein für die Nahrungsmittelversorgung zwei Stunden im Tag laufen. Die Männer auf den einsamen Höhen hatten aber auch willige Pferde und Muli als Helfer und, gewissermaßen zur Selbstversorgung mit Milch, Kühe auf den unteren Almböden stehen. Trotz der besonders in der guten Jahreszeit überwältigend ' schönen Landschaft, deren Licht in einem dauernden Wechsel begriffen ist, die Färben von unsagbarem Reiz hervorzaubert, gehört viel Liebe zu dieser keineswegs ungefährlichen Arbeit, Selbstgehügen und mancher Verzicht auf all das, von dem man unten im Tal vermeint, es mache die Schönheit des Lebens aus.

IMMER WIEDER WIRD DIE FRAGE GESTELLT, ob sich ein technisches Bauwerk, in diesem Falle also die Errichtung von Betonfundamenten und hohen Masten sowie das Spannen von Leitungen mit dem Landschaftsbild verträgt. Die Frage ist berechtigt. Wir haben peinliche Beispiele vor allem in Italien, wo rücksichtslos durch die Gegend gemastet wird, wo es den Bauherren bei zwei vorhandenen Leitungen nicht einfällt, wenn eine dritte nötig wird, diese mit den vorhandenen zu verbinden, sondern wo man einfach neben die bestehenden Leitungen die neue setzt. Die Techniker sagen uns, daß die Mastengröße wächst — eine Folge der Übertragungssteigerung. Ein Normalmast ist jetzt 42 Meter hoch; in extremen Fällen der 220-kV-Leitung wird bis 70 Meter gegangen. Hier haben vorsorgliche Hände zunächst am Material selbst und dann an der Färbung Beträchtliches geleistet. Wenn man im Hochgebirge gegen den klaren Himmel blickt, ist es bei einiger Entfernung auch dem guten Auge kaum möglich, den Mast auszunehmen (es sei denn, man weiß genau den Standort). Bei leicht wolkigem Himmel hebt sich die graue Färbung gar nicht mehr ab, und wenn man gegen das Gelände (Felsen) schaut, heben sich die Leitungen, als seien sie getarnt, überhaupt nicht mehr von der Umgebung ab. „Hoffentlich kommt nicht irgendeine Luftverkehrsgesellschaft daher und verlangt im letzten Augenblick einen roten und weißen Anstrich. Aber da das Gebiet kaum beflogen wird, hoffen wir alle das Beste. Vorgestern habe ich gegen einen Tiroler Kollegen eine Wette gewonnen. Er hat gesagt, er wird die Masten gegen die Torscharte zu entdecken, und zwar ohne Fernglas. Aber er hat die Wette in üblicher Weise bezählen müssen.“ Was die übliche Weise ist, danach frage ich nicht. Aber ich kann es mir in einer Gegend, wo sogar das Wasser eine Kostbarkeit ist, leicht vorstellen.

DIE VERBUNDGESELLSCHAFT hat die Aufgabe, im Rahmen eines Netzprogramms den Bau von 900 Kilometern Hochspannungsleitung zu verwirklichen, um innerhalb des Fünfjahrplanes eine Koordinierung der hydraulischen und kalorischen Kraftwerke zu erreichen. Ihre Endleistung wird mit 3,5 Milliarden Kilowattstunden beziffert. Der Anschluß an das Netz, der Stromaustausch mit unseren Nachbarn, die Schaffung einer österreichischen Ost-West-Sammelschiene sowie der Interessenausgleich der Bundesländer sind bedeutsame Aufgaben. Alle, seien es nun die Newäg^W'^rtlMfwerke, WTOhaft-kraftweAepM Öf&WfWaMscIien Draukf*ftwrerke. die Vorarlberger Iiiwerke, die Kärntner Elektri-zitäts-AG, die Salzburger AG für Elektrizität (von den Fachleuten kurz SAFE genannt), die Vorarberger Kraftwerke, die Tiroler Wasserkraftwerke, die Österreichischen Donaukraftwerke und die Steirischen Wasserkraftwerke: sie haben, von der wachsenden Beanspruchung ihrer Netze angeregt, am Leitungsbau besonderes Interesse. Die Tarifabnehmer (Haushalt, Gewerbe und Landwirtschaft) haben an der rund dreizehn-prozentigen Zunahme des Verbrauchs, wie er zuletzt für 1958 ausgewiesen wurde, beträchtlichen Anteil und das abgelaufene Jahr wird ihn, begünstigt durch den vorteilhaften Apparatekauf, neuerlich ausweiten. Tarifabnehmer, wie die Haushalte, sind wegen der geringen Empfindlichkeit von Konjunkturen und Rezessionen sicher, bei den Landesgesellschaften geneigte Ohren zu finden. Die Werke selbst haben wieder am „Verbund“, der zu einem symbolischen Wort wird, zusätzliches Interesse. Das gleiche gilt von der Handelspolitik und ihrer Bilanz. Ist doch bei der Budgetdebatte 1960 im Nationalrat bekannt geworden, daß im Inland derzeit 12,5 Millionen Kilowattstunden verbraucht und 2,5 Milliarden Kilowattstunden ausgeführt werden. Mit dem Werkebau allein ist es daher noch nicht getan. Man wird dem Leitungsbau jene Mittel zuweisen müssen, die es ermöglichen werden, rasch und möglichst billig den für eine ausgeglichene und auch ausweitbare Produktion benötigten Strom zur Verfügung stellen können.

ÖSTERREICH FÜHRT IM STROMEXPORT. Zusammen mit den schon bestehenden Leitungen von St. Peter nach Bayern, von Lienz nach Pelos (Italien) und von Wien nach Sokolnice (CSR) wird Österreich, wenn die im Bauprogramm vorgesehenen 220-Kilovoltleitungen von Kaprun nach Zell am Ziller, durch Inntal nach ötztal und die 380-Kilovoltleitung von Ötztal übers Marienberger Joch gegen Bayern fertiggestellt sein werden, am Schaltbrett Europa sitzen und seine Verbundwirtschaft maßgeblich be-•'.immen. Die UCPTE (Union für die Koordinierung von Stromexport und Stromtransport) weist schon heute auf die führende Rolle Österreichs hin. Nicht nur Westdeutschland, auch die Tschechoslowakei, Jugoslawien, Italien, die Schweiz und erstmals auch die Niederlande sind unsere Abnehmer. Strom kennt keine Grenzen.

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