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Ein fauler Kompromiß?
Schon sehr bald wird an der Nahtstelle zwischen Minoriten-und Ballhausplatz in Wien ein neues Büro- und Geschäftsgebäude feierlich der Öffentlichkeit übergeben werden. Es wird keine besonderen Aufregungen verursachen. Man wird von einer harmonischen Eingliederung in das
Stadtbild sprechen und von der vorbildlichen Angleichung an Stilelemente der den Platz umrahmenden Gebäude. Nach einigen Jahren wird man nicht mehr wissen, welcher Zeitepoche dieser Bau zugeordnet werden könnte. Er ist zeit-, aber auch gesichtslos.
Mit Errichtung dieses Gebäudes hat ein beispielloser Planungsprozeß seinen Abschluß gefunden, der seit dem Abbruch des „Ballhauses" um die Jahrhundertwende immer wieder für Aufregungen, Überraschungen, Streitgespräche und Resignation gesorgt hat.
Tatsächlich galt dieser Bauplatz im Herzgebiet des 1. Wiener Stadtbezirkes, ringsum von wertvollster Bausubstanz aus Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Historismus und Jugendstil umgeben, seit 1912 als „Unglücksbauplatz". Keine der vielen dafür vorgesehenen Planungen konnte Zustimmung finden. Das vielgestaltige Platzgefüge des Minori-tenplatzes, aus dem sich im Laufe der Zeit die Minoritenkirche als Platzmittelpunkt herauskristallisierte, verlor plötzlich seinen östlichen Abschluß und mußte sozusagen den Ballhausplatz mit übernehmen, der seither ja tatsächlich nicht mehr als selbständiger Platz existiert, sondern nur durch zwei Hausnummerntafeln an diesen erinnert: Nr. 1 Geheime Staatskanzlei und Nr. 2 Amalienburg.
Hier ohne Rückgriff auf historische Bezüge mit einem Neubau die verunklarte Platzsituation zu klären und gleichzeitig ohne Kompromisse die vorhandene historisch so vielschichtig geprägte
Architektur zu bereichern - das ist tatsächlich eine kaum lösbare Aufgabe in einer Zeit, die auf vielen Wegen neue Ziele sucht und sich kaum auf gemeinsam anerkannte Kriterien einigen kann.
Die vor dem Ersten Weltkrieg in Auftrag gegebenen Planungen für Ministerialgebäude und Versicherungen wurden durch den Ausbruch des Krieges hinfällig. Ebenso erging es Planungen vor dem Zweiten Weltkrieg: Vor 1938 wurde ein Projekt für das Zentralgebäude der Vaterländischen Front entworfen, nach 1938 ein Projekt für das Gaugebäude der Deutschen Arbeitsfront. In den Nachkriegsjahren erwarb die Niederösterreichische Landesregierung den Unglücksbauplatz, der direkt an ihr angestammtes Landhaus anschließt und ihr damit die Möglichkeit eröffnet, hier ihre über die Stadt verstreuten Ämter zu konzentrieren.
Bereits 1954 wurde ein erster Architekturwettbewerb für das neue Amtshaus durchgeführt. Alle Architekten Österreichs waren teilnahmeberechtigt. Es war die Zeit des Aufbruchs, des ungetrübten Glaubens an den technischen Fortschritt. Alte Bausubstanz erschien eher hinderlich; Funktionalismus in Form und Inhalt war selbstverständlich. Von der Jury wurden fünf Preise vergeben und zwölf Anerkennungen ausgesprochen. Ungeklärte Bebauungsbedingungen - man diskutierte be-
reits damals über den U-Bahn-Bau - und Verkehrsprobleme verhinderten die Realisierung des zur Ausführung vorgeschlagenen Projektes.
1975 kam es zum zweiten Wettbewerb. Er wurde - und das spricht für das inzwischen wachgewordene Problembewußtsein für die Schwierigkeit der Aufgabe
— als internationaler Wettbewerb mit großem Aufwand an Vorarbeiten ausgeschrieben. Alle Architekten Europas waren eingeladen. Ein „Phantomprojekt" bildete die Grundlage für die Festlegung der für die Wettbewerbsteilnehmer einzuhaltenden Bebauungsbestimmungen. Es wurden 226 Projekte von Architekten aus achtzehn Staaten eingereicht.
Die Vielfalt der vorgeschlagenen Lösungen ist kaum vorstellbar. Das massive Auftreten einer
— oberflächlich vielfach neohisto-ristisch erscheinenden — „zitierenden Architektur" zeigte erstmals in den verschiedensten Maßstabsverfremdungen unser Dilemma. Von einer mit Computer nachkomponierten Mozartsymphonie über Motive des Free-Jazz, von folkloristischen Elementen bis zu elektronischen Klangeffekten waren - in Architektur umgesetzt — alle entsprechenden Trends und Stilrichtungen vertreten. Es waren zum Teil verzweifelte Bemühungen einer „Architektur für Architekten", ohne Gesichtsverlust Anerken-
nung zu finden. Ornament als Verbrechen? Das darf man doch nicht so wörtlich nehmen!
Schade, daß die Jury mit äußerst knapper Stimmenmehrheit einen ersten Preis zur Realisierung vorschlug, statt dem Bauherrn jene Projekte vorzulegen, die mit hoher Qualität einen der möglichen neuen Wege vorzeichneten. Dazu hätte zum Beispiel — um nur einige Wege zu erwähnen - ein Projekt gehört, das, allerdings auf Kosten von Nutzflächen, eine vorbildhafte Lösung für den ursprünglichen Ballhausplatz ermöglicht hätte (Architekt Kurrent). Dazu hätte auch ein Projekt gehört, das ganz klar die Schwierigkeit der Aufgabe in der Lösung selbst formulierte. In diesem Fall wurde die platzbildende Wand bewußt als „Maske" transparent gemacht und als solche erkennbar vorgestellt; dahinter, gewissermaßen innerhalb einer verglasten breiten Arkade, wurde ein zeitgemäßes Bürohaus entwickelt (Architekt Buchwald). Sehr gekonnt hat ein spanischer Architekt in einer Art Architektursymbolismus Elemente
der Schreibmaschine als Symbol für ein Amtshaus in architektonische Formen umgesetzt (Architekt Terrenova).
Mit der Fixierung auf ein zur Realisierung vorgeschlagenes Projekt, das den ursprünglichen Ballhausplatz beinahe aggressiv und jedenfalls gänzlich eliminierte, setzte ein solch vehementer1' Proteststurm gegen dieses Projekt ein, daß die Niederösterreichische Landesregierung schließlich resignierte und das Grundstück einfach verkaufte.
Danach allerdings ging alles sehr schnell. Wenn keine allgemein anerkannte Lösung gefunden wird, dann hilft man sich eben mit Kompromissen. Dieses Rezept mag vielleicht auf dem Gebiete der Politik und auch der Wirtschaft erfolgreich anwendbar sein. Auf dem Gebiete der Architektur — wenn man diese zumindest teilweise noch zu dem Bereich der „Kunst" zählt - ist die Methode mehr als fragwürdig. Die Bemühungen vieler Jahrzehnte mündeten nun in einen „faulen Kompromiß". — .
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