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Vorwärts zu einer neuen Ästhetik

1945 1960 1980 2000 2020

Neue Werte setzen auch im Baugeschehen neue Maßstäbe der Ästhetik, eine „Alternativarchitektur" der Zukunft kann nur mit den Betroffenen gemeinsam entwickelt werden.

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Neue Werte setzen auch im Baugeschehen neue Maßstäbe der Ästhetik, eine „Alternativarchitektur" der Zukunft kann nur mit den Betroffenen gemeinsam entwickelt werden.

Es ist kaum zu glauben: 60 Jahre nach Gründung der Bun-des-Ingenieurkammer, Bundesfachgruppe Architektur, fand zum ersten Mal ein österreichischer Architektentag statt. Das erstemal also in der langen Geschichte dieser Organisation wagten es die Architekten, geschlossen aufzutreten, öffentlich ihren Standort darzulegen und die Weichen für eine erhoffte „neue Epoche" der Architekturentwicklung zu stellen. Das wird auch eine Erklärung dafür sein, daß auf die Teilnehmer ein lange Zeit schon aufgestautes Monsterprogramm wartete.

Ein wichtiger Programmpunkt war etwa die Präsentation des Buches „Reflexionen und Aphorismen zur österreichischen Architektur" durch den Autor Viktor Huf nagl. Mit seiner bekannten Einsatzfreudigkeit und Konzentration auf das Wesentliche hat Hufnagl hier und auch im Rahmen der Gesamtorganisation der Veranstaltung ganze Arbeit geleistet. Beinahe alle während der Tagung behandelten Probleme und Themen sind in diesem Stück breit aufgefächert und von den verschiedensten Standorten aus beleuchtet zu finden. Es ist eine für alle an Architektur Interessierten kostbare und wichtige Informationsquelle.

Überraschend für mich war der allgemein spürbare Glaube, daß unsere unmittelbare Gegenwart tatsächlich so etwas sei wie eine „Wendezeit" zum Besseren. Trotz der sehr schwarz gezeichneten Bestandsaufnahme war Hoffnung spürbar. Ob es reiner Zweckoptimismus war?

Sehr deutlich wurde ausgesprochen - von Fritz Schachermeyer in seinem mitreißenden Festvortrag -, daß der allgemeine Wertezerfall seit den Weltkriegen Tatsache ist, daß Kunst unfähig ist, den Zeitgeist zu reformieren, sondern daß sich vielmehr ein Zeitgeist mit Hilfe eines Zentralwertes reformieren müsse — als Voraussetzung für Kunst, auch für Baukunst.

In vielen Referaten und Lichtbildern wurde unsere Umweltsituation drastisch dargestellt: Zer-siedelungen, Gesichtslosigkeit, Häßlichkeit und nicht nur Verlust der Mitte auf dem Gebiete der Baukunst, sondern auch auf den

Gebieten, die der Begriff Ökologie umfaßt. Es wurde nichts beschönigt. Blinder Fortschrittsglaube im Vertrauen auf Wissenschaft und Technik habe eine Situation geschaffen, die ähnlich wie bei Goethes „Zauberlehrling" kurz vor dem Ertrinken einen „Meister" brauche. Deswegen also „Wendezeit". Anzeichen, daß es „ihn", den Meister gebe, wurden aufgespürt.

Allerdings, die Pflanzen sind sehr zart. Friedrich Achleitner begann sein Referat mit einem fulminanten Loblied: Österreichs Architektur sei noch nie so lebendig gewesen wie heute. Zahlreiche Erfolge im Ausland, viele Berufungen als Lehrer im Ausland, äußerst positive Rezeption österreichischer Architektur in ausländischen Fachzeitschriften seien die

Beweise. Dann aber schränkte er gleich ein: 10 Prozent der Architekten bauten 90 Prozent des für Architekten verfügbaren Bauvolumens, und für 90 Prozent der Architekten verblieben der Rest von 10 Prozent. Bedenkt man, daß das Architektenvolumen kaum 15 Prozent des gesamten Bauvolumens beträgt, dann sehe man deutlich, wie klein dieser Anteil sei und daß es nicht gerechtfertigt sei, die gesamte Schuld an der Bau-Unkultur diesem Berufsstand allein in die Schuhe zu schieben.

Das Resultat des Ungleichgewichts innerhalb der Architektenaufträge führte Achleitner sehr bildhaft vor Augen: die sich selbst endlos reproduzierenden baulichen „Ungeheuer". Entstanden seien sie mit den Argumenten der

Funktionalität, Rationalität, Praktikabilität und natürlich auch der Wirtschaftlichkeit. Das würde durch Übertreibung bald ins Negative umschlagen, wie bei den Dinosauriern, nur mit dem Nachteil, daß Bauwerke nicht von selbst ausstürben, sondern wahrscheinlich in einer Art Intensivstation ihr Leben endlos verlängern würden.

Nach einem sehr klaren Uberblick über Möglichkeiten der Architekturentwicklung schloß Eduard Sekler seinen Vortrag sehr optimistisch: Der Postmodernismus — ein seiner Meinung nach genauso falscher Begriff wie Modernismus — gebe uns die Chance, von der Routine wegzukommen und die Möglichkeit, auf Tradition basierend in Neuland vorzustoßen. Was dieses „Neue"

sein könnte, darüber wage er keine Vorhersage. Was man aber mit Sicherheit voraussagen könne, seien zwei Fakten: Einmal werde die Welt immer kleiner und enger, und die Aufgaben würden mehr und mehr städtisch orientiert sein, und dann würden in Zukunft auch die Architekten die Forderungen der Ökologie zur Kenntnis nehmen müssen. Das war, meine ich, eine wichtige und zu wenig beachtete Aussage. Es könnte durchaus sein — und viele Ansätze besonders im noch belächelten Bereich von „Alternativarchitektur" beweisen es —, daß dadurch eine Verbindung von Tradition und Neuem gewissermaßen in organischer Entwicklung zu einer neuen überzeugenden Ästhetik führen könnte.

Solange über meßbare Größen gesprochen wird — im naturwissenschaftlichen Bereich und auf dem Gebiet von Technik und Quantität —, bestehen keine Meinungsverschiedenheiten. Schwierig wird es aber, wenn es um grundlegende Fragen geht. Was ist überhaupt Architektur? Ist Architektur identisch mit Baukunst? Kann es, wenn es heute auf Grund des „Verlustes der Mitte" keine Kunst geben kann, trotzdem Architektur geben? Was ist wirklich Schönheit? Was meint man, wenn man fordert, daß wir mehr Vielfalt brauchen? Wer kann in diesem pluralistischen Meinungsfeld den Anspruch auf Autorität erheben? So ist es dann auch kein Wunder, wenn — wie dies Achleitner sehr lebendig erzählte — im Rahmen einer Jury Toleranz und Solidarität gänzlich vergessen werden und harte Auseinandersetzungen vor allem jenen schaden, die am Wettbewerb teilnehmen.

Daß die Architekten aus ihrem Elfenbeinturm endlich heraus müssen und mitten hinein ins Leben — auch ins politische Leben — springen sollten, daran hat ein Architekt aus Deutschland erinnert: „Es kommt nichts dabei heraus, wenn immer dieselben dasselbe denselben sagen." Die Demokratie verträgt keine Diktatur, auch keine über Schönheit. Beispiele und der Versuch, die Betroffenen zu überzeugen, sind zwar mühsame Wege; man sollte sie dennoch mehr als bisher benützen.

Man hat sich natürlich von diesem ersten österreichischen Architektentag keine Patentrezepte oder gar Wunder erwartet. Erfreulich ist, daß eine Resolution — von Eduard Sekler initiiert — angenommen wurde: Es wird darin festgestellt, daß das von Josef Hoffmann entworfene Sanatorium in Purkersdorf zu den wichtigsten Bauwerken der Welt zählt, daß sein Zustand besorgniserregend sei und daß alles getan werden müsse, um diese einmalige Kostbarkeit zu retten.

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