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Wie sich Gottes neue Häuser präsentieren

Moderne Kirchen - aller Konfessionen - haben viele Gesichter. Das Buch "Gebaute Gebete“ von Constantin Gegenhuber stellt christliche Sakralbauten vor, die zwischen 1990 und 2011 in Österreich entstanden sind.

Die Auswahlkriterien des Autors waren klar: christlich, reine Neubauten und ein Fassungsvermögen von mindestens hundert Sitzplätzen. Eine Ausnahme bestätigt die Regel: Der Gottesdienstraum der evangelischen Kirche in Hainburg ist gerade 64 Quadratmeter groß und für rund fünfzig Menschen konzipiert. Diese Kirche wurde von Wolf D. Prix (COOP HIMMELB(L)AU) entworfen und macht ihre eher bescheidene Grundfläche mit aufsehenerregender Architektur wett.

Simple Tischkonstruktion

Im Prinzip beruht der Gottesdienstraum mit dem quadratischen Grundriss auf einer simplen Tischkonstruktion. Darüber aber erhebt sich auf einem Trägerrost ein freigeformtes Dach mit drei Oberlichtkuppeln. Sie winden sich außen in zeitgemäß rockig-barocker Manier wie gedrechselte Muscheln aus der Dachhaut und wölben sich innen wolkig aus der weiß verputzten Decke. Wer will, kann diese Öffnungen zum Himmel als symbolische Verweise auf die heilige Dreifaltigkeit interpretieren. Das Dach ist aus acht Millimeter starken, verformten Stahlplatten, die in einer Schiffswerft gefertigt wurden, und wiegt mitsamt Unterkonstruktion 23 Tonnen. Vor der Kirche steht ein zwanzig Meter hoher, schlanker Campanile mit Glocke und Kreuz, der alle Häuser rundherum überragt, so als klares Signal wirkt und der Kirche einen Vorplatz schafft.

Tempora mutantur: Die Formenvielfalt dieser Architektur ist für viele Deutungen offen und widerspricht der Annahme, dass evangelische Gotteshäuser besonders nüchtern sein müssten. Auch die evangelische Kirche in Klosterneuburg von Heinz Tesar ist nicht streng, sondern besonders atmosphärisch: Der ovale Raum über ellipsenförmigem Grundriss wird von einem Tonnendach überwölbt, in das 25 kreisrunde Oberlichtkuppeln eingeschnitten sind. Der Altar ist in bester Kirchenbautradition nach Osten orientiert, gegenüber ist dem westlichen Abschluss der Ellipse eine runde Orgelempore eingeschrieben. Im Erdgeschoss vollzieht hier die verlängerte Nordwand eine umarmende Geste, die das Einfangsfoyer ausbildet. In den leicht geschwungenen Wänden des elliptischen Kirchenraumes sitzen tiefe, kleine Fenster, die an der Decke ein feines, umlaufendes Lichtband bilden. Im Süden aber ist fast die gesamte Wandfläche von quadratischen Öffnungen durchsetzt. Je nach Sonneneinfall, Tageszeit und Wetter sorgt das für tanzende, flirrende Lichteffekte im Raum.

Eine Weiterführung dieses Themas findet sich in der Kirche "Christus, Hoffnung der Welt“, die Heinz Tesar für den Standort Donauplatte entwickelte. Sein Projekt setzte sich als klarer Sieger im geladenen Wettbewerb durch. Im Schatten der UNO-City und der anderen hohen Türme, die sich hier geballt finden, setzte der Architekt auf eine Geste der Demut, die gerade in diesem Umfeld Aufmerksamkeit generiert. Er entwarf einen kleinen, quaderförmigen Kirchenbaukörper, der sich gleichsam in den Boden duckt. Auch hier ist der Altar bewusst nach Osten orientiert, was zu einer leichten Verdrehung in Bezug zur städtebaulichen Achse führt. Außen ist das Gebäude mit schwarzen Chrom-Stahlplatten verkleidet, in deren Oberfläche runde Einkerbungen feine, silberhelle Glanzpunkte setzen. Außerdem gibt es viele runde Fenster: schiffslukenartige Öffnungen und kleine, fast sternenartige Lichter. Sie erzeugen eine ganz eigene, festliche Stimmung im Inneren der Kirche, die wie ein wertvoller Schrein komplett mit Holz ausgekleidet ist. Das wirkt sehr warm und bergend. Die gläsernen Ecken und der flammenförmige Einschnitt in der Decke, der die Herzwunde Jesu symbolisiert, aber öffnen den Raum zum Himmel. Wo etwas durchlässig, brüchig oder wund wird, beginnt das Göttliche zu wirken, könnte man als Botschaft herauslesen.

Dieses Buch verzeichnet nicht nur katholische und evangelische Neubauten. So wurde in St. Pölten von den Architekten Gottfried Haselmeyer und Heinz Frühwald eine sehr schlichte Neuapostolische Kirche geplant, deren Innenraum eine ruhige Feierlichkeit entwickelt. Bei den Orthodoxen scheint die Wahrung der Tradition noch wesentlich wichtiger zu sein. Vielleicht symbolisiert diese vertraute Ausstrahlung der Kirchenbauten ein Stück Heimat in der Fremde. Die rumänisch-orthodoxe Kirche "Zur Heiligen Auferstehung“ von Mihaela Ionescu und Georg Baldass wirkt von ihrer Bauform her sehr konventionell. Besonders beeindruckend aber sind die Ikonostase und die Fresken.

Architektonische Katholizität

Der Vergleich zeigt: in puncto Glauben mag die römisch-katholische Kirche konservativ sein, in puncto Architektur ist hier noch immer viel möglich. Zu welchen sakralen Bauten die komplexe Mischung aus funktionellem und liturgischem Anforderungsprofil, den Bedürfnissen einer Gemeinde, technischen und baulichen Möglichkeiten, der Reflexion der gesellschaftlichen Rolle der Kirche und den Persönlichkeiten von Architekt und Priester heute führen kann, dokumentiert dieses Buch.

Gebaute Gebete

Von Constantin Gegenhuber

Verlag Anton Pustet 2011

336 Seiten, € 49,95

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