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In neuem Glanz: Mariazell

Der Auftakt zu den Feierlichkeiten, die das Jubeljahr der Wallfahrtsstätte in Mariazell heuer begleiten werden, gibt Gelegenheit, in großen Umrissen die Grundsätze darzulegen, die für die in der „Furche“ schon mehrfach besprochene Instandsetzung der Basilika maßgebend gewesen sind. Es handelt sich dabei um Gedankengänge, die bei jeder Kirchenrestaurierung wiederkehren, die aber in Mariazell zu Konsequenzen führten, die sich aus der besonderen Bedeutung und den besonderen Aufgaben dieses österreichischen Heiligtums ergeben.

Obwohl die Erwähnung dieser Selbstverständlichkeit fast unnötig erscheint, sei doch vorausgeschickt, daß die Entscheidungen über Art und Weise der Instandsetzungen von der hochwürdigen Kirchenvorstehung in jeder einzelnen Phase der Arbeit erst nach eingehenden Beratungen mit technischen Sachverständigen, mit Handwerkern und Restauratoren, mit Beamten und Konsulenten der staatlichen Denkmalpflege und mit der Bauleitung getroffen worden sind.

Das Restaurierungsprogramm, das in großen Zügen unter Mitwirkung des hochverdienten Historikers und Kunsthistorikers des Stiftes St. Lambrecht und der Basilika von Mariazell, Dozent Dr. P. Othmar W o n i s c h OSB., schon im Sommer 1954 festgelegt worden war, sah zunächst nur die Restaurierung des unansehnlich gewordenen Inneren und der Einrichtung der Basilika und den Ausbau der Beleuchtungsanlage vor; noch im Lauf desselben Jahres aber wurde das Vorhaben auf die Restaurierung der Außenseiten ausgedehnt, da die Untersuchungen den großen Umfang der Schäden, vor allem an den aus Stein gefügten Architekturteilen, aufgezeigt hatten.

Das riesige Vorhaben konnte nicht in einem Zuge bewältigt werden. Vor allem sollten Gottesdienst und Wallfahrt sich ungestört entfalten können, so daß die Arbeiten im Innern in die stillen Wintermonate verlegt werden mußten. Es wurde also zu einer Zeit gearbeitet, in der man solche Restaurierungen gemeinhin einzustellen pflegt. Das machte die Arbeit, besonders in technischer Hinsicht, sehr schwierig. So vollzog sich die Behandlung des Inneren in zwei großen Etappen (Winter 1954/55 der Ostteil, Winter 1955/56 der Westteil); die Instandsetzung der Außenseiten begann 1955; sie wurde 1956 -bis aufj-dieiiTürme und die, Westfassade fertiggestellt; der ausnehmend warme Vorfrühling des heurigen Jahres gab die Möglichkeit, die restlichen Arbeiten schon früher als gedacht in Angriff zu nehmen.

Die hochwürdige Kirchenvorstehung hatte als Auftraggeber von allem Anfang an größten Wert darauf gelegt, daß der Charakter der Basilika als Kunstdenkmal die Methoden der Restaurierungen bestimmen solle. Sie mußte aber als Träger der Verantwortung für die beträchtlichen finanziellen Ausgaben, für die in Zukunft möglichst reibungslose Abwicklung des gottesdienstlichen und Wallfahrtsbetriebes und für die Existenz des neugegründeten Klosters auch eine Reihe von Wünschen geltend machen, die auf Wirtschaftlichkeit, Dauerhaftigkeit und Zweckmäßigkeit des umfangreichen und kostspieligen Unternehmens hinzielten.

Auch diese Forderungen unterscheiden sich kaum von jenen, die bei Kirchenrestaurierungen im allgemeinen erhoben werden, und so handelt es sich, wie in den meisten Fällen, auch hier darum, jene Uebereinstimmung zu erreichen, die ein Maximum an Erfüllung der einzelnen Wünsche gewährleisten konnte.

Zu den Grundsätzen der Denkmalpflege gehört vor allem die Anerkennung jedes Kunstwerkes als historisches und künstlerisches Dokument. Handelt es sich dabei um eine ganze Kirche, so bezieht sich der Charakter als Dokument sowohl auf die Bausubstanz wie auf die Fresken, Stukkaturen, Altäre, Gemälde, kurz auf ihre gesamte innere und äußere Erscheinung. Bei Instandsetzungen solcher Dokumente oder Denkmäler, die von Zeit zu Zeit unvermeidbar sind, hat als Hauptziel die Erhaltung des Objektes unter möglichster Schonung seiner künstlerischen Substanz zu gelten. Veränderungen oder gar Zutaten sind nur unter gewissen Umständen statthaft oder wünschenswert.

So zum Beispiel, wenn es sich um die unerläßlich notwendige Vervollständigung des künstlerischen Gesamteindruckes handelt. (Dies traf für die später noch zu besprechende Behandlung der Architekturgliederungen im Innern der Basilika zu.)

Oder wenn eine Zutat oder Veränderung aus technischen Gründen für die Erhaltung unbedingt erforderlich ist. (Auch technische Gründe waren für die vorstehend erwähnte Arbeit bestimmend. Desgleichen waren sie für die Verwendung nichthistorischer Baustoffe bei dei Außenrestaurierung ausschlaggebend.)

Es gibt für Veränderungen ferner Voraussetzungen, die außerhalb des technischen und künstlerischen Bereiches liegen und dennoch für die Erhaltung eines Denkmales von aus-, schlaggebender Bedeutung sein können (zum Beispiel Aenderung der Zweckbestimmung eines Denkmales — etwa Umwandlung eines ehemaligen Stiftsgebäudes in ein Hotel oder in eine Schule —, wobei oft gewisse Aenderungen oder Zutaten in Kauf genommen werden müssen, um die laufende Pflege und damit den Fortbestand des Denkmals zu sichern).

Ueberdies sind Aenderungen des gegenwärtigen Zustandes eines Denkmals dann statthaft oder wünschenswert, wenn er durch unsachgemäße Behandlung hervorgerufen wurde, wenn er den ursprünglichen Zustand verschleiert und die Belassung des gegenwärtigen Zustandes sogar eine Gefahr für die Erhaltung der künstlerischen Substanz in sich birgt (zum Beispiel Beseitigung der Uebermalung von Wandgemälden usw., kurz die Herstellung des ursprünglichen Zustandes eines Denkmals).

Wir haben gelernt, in den Kunstdenkmälern Individualitäten zu sehen, die individuell behandelt sein wollen, wenn sie uns ihr wahres Wesen nicht vorenthalten sollen. So steht denn auch immer am Anfang einer jeden Restaurierung das Denkmal selbst und die erste Aufgabe derer, die sich anschickeri, es zu restaurieren, ist, es in allen seinen Lebensäußerungen, seinen Lebensmöglichkeiten und Lebensnotwendigkeiten kennenzulernen. Dann ist es Zeit, sich als nächsten Schritt der Erfahrungen zu bedienen, die die europäische Denkmalpflege seit rund eineinhalb Jahrhunderten gesammelt und in einer Reihe von Grundsätzen kodifiziert hat.

Dank den Forschungen P. Othmar Wonischs ist die Baugeschichte der Basilika — soweit dies den heutigen Zustand betrifft — ziemlich geklärt; damit war eine wichtige Voraussetzung bereits gegeben. Ein großer Teil der Arbeiten in Mariazell bot im Hinblick auf das oben Gesagte weder grundsätzlich denkmalpflegerische noch technische oder künstlerische Schwierigkeiten.

Wirklich denkmalpflegerische, künstlerische und technische Probleme erhoben sich im Inneren bei der Restaurierung der Pilastergliederungen des Kuppelraumes und der Pfeiler des Langhauses, an den Außenseiten hinsichtlich der technischen Ausführung des Verputzes und der Farbgebung. Schließlich erhob sich jenes Problem, für das eine in jeglicher Hinsicht befriedigende Lösung überhaupt nicht gefunden werden kann: die Behandlung des gotischen Mittelturmes und des Mittelteiles der Westfassade.

Die Behandlung der Pfeiler und Pilaster im Inneren der Basilika war jene Maßnahme, die das gewohnte Bild am stärksten verändert hat. Den Ausgangspunkt bildete eine rein praktische Erwägung. Die Wände, vor allem aber Pfeiler und Pilaster, waren bis in eine Höhe von etwa zwei Meter völlig abgewetzt. Die Hoffnung, daß Pfeiler und Pilaster in ihrer ganzen Höhe aus dem roten Mariazeller Stein gefügt seien und mit der Freilegung der Steinoberfläche ein praktischer und ästhetischer Zweck erreicht werden könne, ging leider nicht in Erfüllung. Der gute Stein reicht nur bis in eine Höhe, die zwischen vier und sechs Meter schwankt; darüber liegt gewöhnliches Steinwerk, dessen rauhe und ungeordnete Oberfläche nicht als Schaufläche in Betracht kam. So mußte denn ein Ueberzug gefunden werden, dessen Glätte und Wischfestigkeit einen wirksamen Schutz gegen das bei großen Besuchermengen unvermeidliche Abwetzen der unteren Partien bot, der gleichzeitig aber auch die nur wenig betonte architektonische Gliederung des Innenraumes farbig unterstützen und in das richtige Verhältnis zu den schwer lastenden Stuck- und Freskodekorationen setzen konnte. Da die dem Mittelschiff des Langhauses zugewendete Seite des Pfeilers gegenüber der Kanzel bereits einen rötlich-marmornen Stucküberzug besaß, fiel die Entscheidung zugunsten jener einschneidenden Veränderung, die heute dem Inneren der Basilika besondere Weihe und Festlichkeit verleiht.

Leider verbietet es der Raummangel, auf die Beispiele einzugehen, die diese Maßnahme auch im kunstgeschichtlichen und ästhetischen Sinn zu rechtfertigen schienen.

Die heutige Erscheinung der Basilika geht bekanntlich auf jenen Um- und Ausbau der gotischen Wallfahrtskirche zurück, die der aus Misox in Graubünden stammende Baumeister Domenico Sciassia ab 1644 bewerkstelligt hat. Die Form des Daches allerdings wurde durch die Wiederherstellung nach der Brandkatastrophe von 1827 verändert, so daß die heutigen, etwas drückenden und unschönen Proportionen des gesamten Baukörpers — denen die Kuppel geradezu widerspricht — nicht mehr denen des ursprünglichen Konzeptes gleichen. Der Mittelturm — er könnte einer der schönsten gotischen Türme Oesterreichs sein — muß bei dem Brand, der die Glocken zum Schmelzen brachte, schwer beschädigt worden sein. Die „Restaurierung“, die man ihm angedeihen ließ (sie wurde erst in unserem Jahrhundert beendet), stellt eine der ärgsten Untaten dar, die an einem Kunstdenkmal in Oesterreich je verübt worden sind: sie bestand einfach darin, daß der Turm einschließlich seiner architektonischen Details mit einer dicken Zementschicht überzogen wurde. Die künstlerische Substanz ist damit ein für allemal vernichtet worden. Der Zement hat auch das Westportal, ja den ganzen Mittelteil der Westfassade, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und das Flickwerk, das man mit seiner Hilfe auch beim Sockelgesims versuchte, hat es der Verwitterung nur zu leicht gemacht, gerade an dieser baulich so heiklen Stelle ihr unheilvolles Wirken zu entfalten. Gern hätten Auftraggeber und Vertreter der Denkmalpflege den Turm und die Westfassade aus dem mehr als fingerdicken Zementpanzer herausgeschält. Aus technischen und finanziellen Gründen mußte sich der Freilegungsversuch auf die Bogenzone des Portales beschränken. Sein hervorragendes Ergebnis erhöht das Bedauern über das, was unrettbar verloren ist, denn die systematische Abdeckung ist unmöglich. Auch der von sehr beachtenswerter Seite vorgebrachte Vorschlag, das neugotische Fenster der Westfassade wieder in den Zustand zu versetzen, den Sciassia ihm gegeben hat, war im Hinblick auf die Gesamtsituation nicht zu realisieren. Der neue Verputz wenigstens der Wandflächen wird den bösen Eindruck mildern, ihn nicht grundlegend ändern können.

Keinen Zweifel jedoch gab es hinsichtlich der exakten Instandsetzung der Sockelgesimse, bei der es sich in erster Linie um eine bauliche Sicherung handelte.

Die einheitliche Tünche, die über den-Wä-n- den, den Pilaster- und Gesimsgliederungen; da Außenseiten lag, verstärkte den kastenartigen Eindruck, den das Bauwerk darbot. Alte kolorierte Ansichten aus der Zeit vor dem Brand und größere Farbreste unter der Tünche gaben zu erkennen, daß die Gliederungen in einem Rot gehalten waren, das dem natürlichen Rot des Steines der Fensterumrahmungen nahestand. Auf diese einstige farbige Gestaltung wurde nun zurückgegriffen. Von den hellen, fast weißen Wänden heben sich nun die Gliederungen deutlich ab, geben dem Bau ein Mehr an architektonischer Spannung und steigern seine Bedeutung als Mittelpunkt der Siedlung. Die Schwierigkeiten, die in diesem Zusammenhang zu bewältigen waren, lagen im technischen Bereich: das Klima stellt besondere Anforderungen an Widerstandskraft und Haltbarkeit von Verputz und Farbe. Sorgfältige Materialversuche gingen der eigentlichen Arbeit voraus.

Schließlich sei noch erwähnt, daß — auch in finanzieller Hinsicht völlig unabhängig von der Restaurierung der Kirche — zwischen ihr und dem Pfarrhof ein kleiner Verbindungsbau aufgeführt wurde. Dieser Bau bildete die wesentliche Voraussetzung für die Gründung des neuen Klosters in Mariazell. Wenn die staatliche Denkmalpflege dem Vorhaben zugestimmt hat, so war dies in der Erwägung geschehen, daß eine klösterliche Gemeinschaft, deren Klosterkirche die Basilika ist, sich in ganz besonderem Maße der Pflege ihres Gotteshauses annehmen würde. Im Interesse der laufenden Fflege und der Erhaltung des mit so hohen Kosten restaurierten Denkmals lag eS also, die infolge der Ordensregel unvermeidliche Abänderung des Zustandes in Kauf zu nehme«. Von einer Schädigung oder gar Verunstaltung der überlieferten Erscheinung kann wohl bei dem an organischer Stelle eingefügten bescheidenen Bau nicht die Rede sein.

Wenn die Kirchenvorstehung anläßlich des Jubeljahres keine Mühe gescheut hat, die Basilika in einen würdigen Zustand zu versetzen, so ist sie damit der Tradition gefolgt, die sich - wie P. Othmar Wonisch ausgeführt hat — in den letzten Jahrhunderten in der Geschichte der Restaurierungen von Mariazell widerspiegelt. Es ist von der Keimzelle des neuen Klosters und von der Kirchenvorstehung alles darangesetzt worden, die Arbeiten so haltbar als möglich und mit allen Rücksichten auf Ansehen und Bedeutung ausführen zu lassen, die dieser für ganz Oesterreich ehrwürdigen Stätte zukommt.

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