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Galaxie mit vielen Steren

Venedig: nicht Land, nicht Stadt, nicht Schiff”. Der Kunstszene ergeht es heuer ähnlich wie einst Germaine de Stael bei dem Versuch, die Lagunenstadt zu charakterisieren. Vorschnell glaubt man zu wissen, was die Biennale nicht ist, heuer „nicht wirklich aufregend”. Das stimmt, wenn man nach einem Profil sucht. Und doch bleiben bei insgesamt eher enttäuschendem Gesamtbild genügend künstlerische Kinzelpositionen in Erinnerung, die für eine Beise nach Venedig sprechen. Denn ob mit oder ohne Biennale - Venedig, das Napoleon als „den schönsten Salon Europas” bezeichnete, ist zweifelsohne immer ein Erlebnis. Schon am Weg vom Bahnhof zu den „Giardini” - begegnet man „Alltags-Installationen”, die das Auge für ästhetische Wahrnehmung schärfen - auch wenn sie von keiner Künstlerhand arrangiert wurden: Blumengeschmückte Madonnen in einer verfallenen Mauernische oder bunte Wäscheleinen im Zickzack über einen kleinen Kanal gespannt.

In den „Giardini” der Kunst angelangt, eröffnen sich verschiedene Wege duch die „Galaxie mit Novas, Su-pernovas, kleinen und großen Sternen”, wie Hauptkommissär Germano Celantdas Kunst-Universum bezeichnet. Wer Vertrautes sucht, der sollte mit dem Schwerpunkt der Biennale, der Ausstellung Celants, beginnen.

Celant, 57, Kurator des New Yorker Guggenheim Museums, trug unter dem beliebigen Titel „Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit” meist eigens für diese Biennale geschaffene Werke von 70 internationalen Künstlern aus drei Generationen (1967 bis 1997) zusammen. Und das in nur fünf Monaten, denn noch zu Weihnachten war nicht entschieden, wer die 47. Biennale kuratieren und ob sie überhaupt stattfinden wird.

In Celants Schau fehlen amerikanische Pop-art-Stars , wie Jim Dine, Boy Lichtenstein, Claes Oldenburg genauso wenig wie die Maler-Größen Emilio Ve-dova, der Biennale-Preisträger Gerhard Richter und Anselm Kiefer. Auch große Arte Povera-„Sterne” wie Mario Merz und Liciano Fabro hat Celant natürlich in seinen „Lichtkreis” geholt — schließlich war er ja deren wichtigster Theoretiker. Im Untergeschoß dann zwei Videos der Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die wohl zurecht für ihr 25jähriges beeindruckendes Werk den Goldenen Löwen erhielt. Ihre berührende Performance während der Eröffnungs-zeit, bei der sie Tod, Gewalt, Krieg in seltener

Direktheit thematisierte, ist für Biennale-Besucher leider nicht mehr zu sehen: Tagelang saß die in Belgrad geborene Künstlerin singend auf einem Berg voller blutiger Binderknochen und putzte sie -im Hintergrund liefen ihre Videos. Daß Celant auch Junge in seine Inszenierung einbezog, entdeckt man erst in der „Corderie” - der ehemaligen Seilerei des Arsenals wohl einer der schönsten Bäumlichkeiten für die Präsentation von Kunst. Anstelle der früheren „Aperto”-Abteilung wird hier der zweite Teil der „Zukunft, Gegenwart, Vergangen-heit”-Schau gezeigt. Zunächst war die junge Kunst-Szene zwar verärgert: Nur 20 Künstler der jüngsten Generation dürfen hier neben schon Etablierten wie Jeff Koons, Julian Schnabel oder Francesco demente ausstellen, während es bei der „Aperto” noch über 100 waren. Interessant ist die geheimnisvolle Figurengruppe des Spaniers Juan Mufioz, einer der wenigen

Jungen, die sich an die menschliche Figur im „traditionellen” Medium Skulptur wagen. Der Brite Douglas Gordon überzeugt nicht nur die Jury mit seiner 30 Sekunden langen Projektion eines Textes über die Enthauptung eines Menschen im Jahr 1905. Ein sinnlich-intelligentes Video zeigt die Schweizerin Pipilotti Bist, in dem sie auf ironische Weise Hierarchien und Geschlechterrollen hinterfragt.

Zurück in die Giardini und zu den Länderpavillons - nicht weniger als 58 Nationen präsentieren in Eigenregie - ergänzt duch zusätzliche Ausstellungsräumlichkeiten wie angemietete Kirchen und Galerien in Venedig - Werke von 116 Künstlern. Hier findet man alles, was an unterschiedlichsten Positionen unter dem Dach Kunst Platz hat, und doch nur wenig Eindrucksvolles. Fabrice Hubert etwa funktionierte den französischen Pavillon zu einer Fernsehstation um, von der via Satellit eigens produzierte Biennale-Sendungen ausgestrahlt werden. Das „neue Konzept”, das laut Jury die Grenzen des Kunstbereichs sprengt, erhielt die Trophäe für den besten Pavillon - viel hat der Besucher aber nicht davon. Auch Peter Weibel stellt im österreichischen Pavillon keine Werke aus - statt dessen stapelt er 50.000 Gratis-Bücher einer Dokumentation über die Wiener Gruppe im vor zwei Jahren von Coop-Himmelb(l)au überbauten Hoffmann-Baum. Daß der Bücherberg mit der in großen Lettern an die Wand geschriebenen Aufforderung „Bitte nehmen Sie ein Buch” auch ästhetisch ansprechend ist, sieht man erst vor Ort.

Konkreter geben sich andere Nationen, die sich mit Malern auf die Biennale gewagt haben wie etwa Bußland (Maxim Kantor), Amerika (Bobert Colescott), die Schweiz (Helmut Federle), Italien (Enzo Cucchi). Auch Skulpturen-Freunde kommen nicht zu kurz, schließlich gibt es ja auch noch Plastiken von Thierry de Cordier aus Belgien - vor allem aber die eindrucksvollen Arbeiten der Bildhauerin Bachel Whiteread im englischen Pavillon. Dem Prager Künstler Ivan Kafka gelingt mit seiner Installation aus aufeinanderzie-lenden Pfeilen - eine Arbeit mit Anspielung auf die Zweiteilung der Tschechoslowakei - eine der interessantesten Baumgestaltungen. Spielerische Leichtigkeit zeichnen hingegen die an dadaistische Assemblagen erinnernden Bild-Objekte der Spanierin Carmen Calvo aus.

Buhe bietet schließlich der japanische Beitrag der Künstlerin Bei Nai-to. Allerdings braucht man hier wirklich nach einem Tag Kunst-Konsum Geduld und starke Nerven, denn Nai-tos Leinenzelt - in Anlehnung an die Ästhetik der Shinto-Schreine und Teehäuser - dürfen die Besucher nur einzeln betreten, und das heißt warten.

Bis 9. November

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