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Die Entdeckung Der Leree

"Freespace beschreibt einen Sinn für Menschlichkeit als Herzstück der architektonischen Agenda, das auf die Qualität des Raums selbst abzielt."

"Erstmals beteiligte sich auch der Vatikan: Der 'Pavilion of the Holy See' liegt im Garten der Insel von San Giorgio Maggiore, der sonst nicht zugänglich ist."

Architektur ist eine der optimistischten Disziplinen. Als Ergebnis enormer Energie, von geteilten Zielen und Glauben, repräsentiert jedes Projekt die Kultur der Menschheit," so Yvonne Farrell und Shelley McNamara, die Kuratorinnen der Architekturbiennale 2018: ein idealistisch-pathetisches Bekenntnis zur Strahlkraft, die Architektur auf der Höhe ihrer Kunst erreichen kann. Ihr Büro Grafton Architects wurde für seine puristisch-skulpturalen Bauten mehrfach ausgezeichnet.

Auch die Ausstellungsorte haben sie zu wichtigen Protagonisten nobilitiert: "Wir sind Architektinnen, keine Kuratorinnen. Wir kamen her, um uns die Gebäude als solche anzusehen. Jedes hat einen sehr ausgeprägten Charakter." Diesen haben sie freigelegt. Im zentralen Pavillon in den Giardini wurden alle abgehängten Decken und Verkleidungen entfernt. "Dabei haben wir Dinge entdeckt, die verborgen waren. Wie zwei Fenster von Carlo Scarpa, die auf den Kanal schauen."

Die dreischiffige, hohe Halle der Cordiere im Arsenale ist in ihrer Mächtigkeit so authentisch wie nie zu erleben: Mit einem Maßbalken am Boden machten Farrell und McNamara ihre Länge von weit über 300 Metern bewusst.

Versunkene Welt

Als philosophisch-theoretischen roten Faden verfassten Farrell und McNamara ein Manifest zum "FREESPACE", auf das sich jeder Teilnehmer beziehen sollte. "Freespace beschreibt eine Großzügigkeit des Geistes und einen Sinn für Menschlichkeit als Herzstück der architektonischen Agenda, das auf die Qualität des Raums selbst abzielt", lautet sein erster Satz. Außerdem betrachtet es die "Erde als Klient". FREESPACE bezeichnet eine Haltung der Großzügigkeit, wie sie in frei verfügbaren Luft-oder Freiräumen in der Architektur manifest wird. Auch die geistige Freiheit, die Sachverhalte innovativ neu interpretiert und so Mehrwert generiert. All diese Qualitäten sind unter anderem durch die zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes, das rasante Wachstum von Städten, die Versiegelung des Bodens, Naturkatastrophen, einem Primat der Wirtschaftlichkeit, Regulierungsdrang oder Zensuren im Kopf absolut gefährdet. Diese prekären Bedingungen für den FREESPACE werden in der Hauptausstellung so gut wie gar nicht thematisiert, in einigen nationalen Beiträgen finden sich kritische Ansätze.

Radikal setzten die britischen Kuratoren, Caruso St. John und Marcus Taylor, das Thema um: Unter dem Titel "Island" ließen sie den Pavillon offen und leer, was sofort die Wahrnehmung auf die Räume an sich lenkte. Ein Open House für Lesungen, Filme, Debatten und die Allgemeinheit. Eine Baustellengerüsttreppe führt auf die neue Terrasse über dem Dach: eine Riesenfläche mit kariertem Boden, Schirmen, Blick über die Giardini, das Meer und Nachmittagstee. Das aus der Terrasse ragende Pavillondach evoziert die Idee einer versunkenen Welt unter dem öffentlichen Raum über Baumkronen.

Das Konzept polarisierte: Geben Architekten hier Gestaltungsanspruch auf? Auch im ungarischen Pavillon (Architekten: Studio Nomad) führte eine Treppe aus dem Atrium auf eine Dachterrasse. Dazu erzählte das Kuratorenteam Kultúrgorilla (Júlia Oravecz, Éva Tornyánszki, Anna Göttler) die Geschichte der Freiheitsbrücke in Budapest, die 2016 einige Monate verkehrsfrei war: Vor allem Millenials nutzten sie für Picknicks, Yoga, Grillereien und mehr. Am Beispiel der Grabeskirche in Jerusalem, die sich griechisch orthodoxe, armenische, lateinische, koptische, syrische und äthiopische Christen teilen, thematisiert der Israelische Pavillon "In Statu Quo", wie unterschiedliche Ansprüche den Raum bestimmen. Unter dem Titel "repair" bepflanzten Baracco+Wright Architects in Kooperation mit Linda Tegg den Australischen Pavillon mit Pflanzen, um darauf hinzuweisen, dass jede Architektur fruchtbare Erde vernichtet -und die Inbesitznahme des Kontinents viele Pflanzen der Aborigines ausgerottet hat. Beispielhaft umsichtige Architekturprojekte sind nur zu bestimmten Zeiten als Film zu sehen. Bewusstsein ist die Botschaft.

Verletzliche Sphäre

Im österreichischen Pavillon glückte es Kuratorin Verena Konrad im Beitrag "Thoughts Form Matter", eine "Kultur der Kooperation" zwischen den Teams erlebbar zu machen. "Wir deuten FREE-SPACE als räumliches und auch ideelles Konstrukt, als komplex dynamisches System, als wandlungsfähige Sphäre, geprägt durch Koexistenz." Die einzelnen Interventionen sind eigenständig, gehen aber aufeinander ein und bilden ein vielschichtiges Ganzes. Auf die "Erde als Klient" im Manifest bezogen sich Kathrin Aste und Frank Ludin von LAAC Architekten. In den Bogen einer Gartenmauer, die Josef Hoffmann erst 1954 seinem sonst symmetrischen, klassisch-modernen Pavillon auf der Hinterseite zugefügt hat, schrieben LAAC eine leicht bombierte, euklidische Kreisfläche mit spiegelnder Oberfläche ein, die im Maßstab 1:50.000 der Erdkrümmung entspricht, auch den Boden des Pavillons bedeckt und bis zum Portal dringt: Auf die "Sphäre" brennt die Sonne, tropft Regen, hinterlässt alles Spuren. "FREESPACE ist keine Komfortzone", sagt Aste. "Die Sphäre ist verletzlich. Man spürt aber auch ihren Mittelpunkt ganz deutlich körperlich."

Die Sphäre spiegelt Himmel, Bäume, Besucher und die Installation von Henke Schreieck im Innenraum. Sie errichteten eine begehbare Skulptur, auf der man den Raum in verschiedenen Höhen erleben kann. Sie ermöglicht einen Blick durch Oberlichten und einen Aufstieg bis unter die zentrale Laterne. Der westliche Flügel ist von rechtwinkeligen Plattformen und vertikalen Holzstützen dominiert, vom östlichen Flügel hängen lange Bahnen aus Japan-Papier (Anna Rubin). Für Henke Schreieck symbolisieren diese Atmosphären in ihrer Dualität helldunkel, rational-mystisch, materiell-spirituell, auch die westliche und östliche Kultur. Das Duo Sagmeister-Walsh inszenierte in überwältigenden Projektionen die Worte "Funktion" und "Beauty". Das "="-Zeichen dazwischen findet sich in Pink am Boden der Sphäre im Freiraum draußen.

Den Goldenen Löwen für den besten Pavillon erhielt die Schweiz: In "Svizzera 240" thematisierte das junge Kuratorenteam Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara den leeren Raum der Neubauwohnung mit ihrer Standardhöhe von 240 Zentimetern. Mit Parkettboden, Sockelleisten, weißen Wänden und Küchen wurden diverse Situationen in stark verkleinertem und vergrößertem Maßstab aufgebaut: Besucher hatten viel Spaß, sich durch die winzigste Tür zu zwängen oder sich wie in Gullivers Reisen zur Klinke der höchsten empor strecken zu müssen.

Zehn Kapellen

Erstmals beteiligte sich auch der Vatikan: Der "Pavilion of the Holy See" wurde von Professor Francesco Dal Co kuratiert; er liegt im Garten der Insel von San Giorgio Maggiore, der sonst nicht zugänglich ist. Hier bauten zehn Architekten (Andrew Berman, Francesco Cellini, Javier Corvalán, Eva Prats und Ricardo Flores, Norman Foster, Terunobu Fujimori, Sean Godsell, Carla Juaçaba, Smiljan Radic, Eduardo Souto de Moura) zehn Kapellen. Diesen fehlt die gebetsgesättigte Aura echter Andachtsräume, sie bieten aber vielfältige 1:1 Anschauungsbeispiele von Architektur.

Norman Fosters Kapelle ist sehr leicht, transparent, technisch perfekt und lichtdurchlässig aus Holz konstruiert und dem Blick aufs Meer zugewandt; die von Souto de Moura aus massivem Mauerwerk, mit umlaufender Bank und mystischem Oberlicht; während Sean Godsell einen hohen Turm über dem Altar in den Himmel ragen lässt, der den Blick aufs Firmament golden rahmt. Francesco Magnani und Traudy Pelzel entwarfen den Pavillon, der das ideale Vorbild dokumentiert: die Waldkapelle von Gunnar Asplund.

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