Olympiade der Gegenwartskunst

Am Wochenende wurde in Kassel die Documenta 11 eröffnet.

Die alle fünf Jahre in Kassel stattfindende Ausstellung der Gegenwartskunst ist für die Kunst das, was für den Sport die Olympiade ist. Ein mehrtägiger Spaziergang im Olymp der internationalen Kunstszene gestaltet sich als intellektuelle Herausforderung, die spannend, abwechslungsreich und qualitativ hochwertig ist. Die Documenta Nummer 11 präsentiert bis 15. September 118 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Kontinenten. Auf ca. 13.000 qm werden die Kunstschaffenden gezeigt, was etwa der dreifachen Fläche des Museums Moderner Kunst in Wien entspricht. Zu den bisherigen Ausstellungsorten Museum Fridericianum, Documenta-Halle und Kulturbahnhof ist dieses Jahr noch die geschlossene Binding-Brauerei dazugekommen. Die bunte, beinahe verwirrende Vielfalt der ausgewählten Künstler entspricht der Mannigfaltigkeit der gegenwärtigen Weltkunstszene. Der Führer durch die Kunstschau ist nicht nach Themen, sondern alphabetisch sortiert, was die individuellen Positionen betont.

Weltkunst

Der verantwortliche Leiter dieser Documenta ist der in New York lebende Nigerianer Okwui Enwezor. Unterstützt wird der Ausstellungsmacher von einem sechsköpfigen Kuratorenteam, dem unter anderen auch die deutsche Professorin Ute Meta Bauer angehört, die an der Akademie der Bildenden Künste in Wien zur Gegenwartskunst lehrt. Enwezor hat in seiner Person die tendenziell traditionell auf den Westen ausgerichtete Kunst der Moderne auf die gesamte Welt ausgeweitet. Unter dem Begriff "Weltkunst" sind es vor allem die außereuropäischen Regionen, die von dieser Neufassung profitieren. Im Allgemeinen fällt auf, dass gerade die afrikanische Kunst hier in Kassel sehr viel Raum bekommt. Die breit gefächerte Palette an Gattungen, die dem gegenwärtigen erweiterten Kunstbegriff entspricht, tendiert mengenmäßig in Richtung filmische und fotografische Arbeiten. Häufig sind auch durchkomponierte Environments, die zu Räumen einer privaten Mythologie werden, wie etwa ein angeräumtes Atelier bei Ivan Kozaric. Auch perfomancehafte Arbeiten kommen vor, die agierende Menschen mit einschließen, welche theatralische Momente einbringen. So zeigt etwa die Arbeit der Kubanerin Tania Bruguera einen marschierenden Soldaten mit Pistole, der lärmend daherstampft, in einem dunklen Raum, während das Publikum von grellem Licht geblendet wird.

Die klassische Skulptur gibt es auf der Documenta praktisch nicht mehr zu sehen. Auch die Malerei hat eher nur noch eine Randposition. Die wenigen Maler zeigen aber überzeugende Arbeiten. Leon Golup hat zum Beispiel einen Kreuzweg des modernen Menschen geschaffen, der von Henkersknechten der Diktaturen gefoltert und verschleppt wird (Unter dem Titel: "We can disappear you!"). Die Missachtung und Verletzung der Menschenrechte scheint überhaupt ein Leitmotiv der von Okwui Enwezor kuratierten Documenta zu sein.

Zu den Highlights der ausgestellten Dokumentarfotografie zählt sicherlich die Arbeit "Fishstory" von Allan Sekula. Die umfangreiche Präsentation besteht vor allem aus großformatigen Fotos, die das triste Leben der Matrosen wirklichkeitsgetreu in seiner brutalen Erbarmungslosigkeit vor Augen führt. Vielleicht kann es in der abendländischen Kunstgeschichte aus menschlicher Sicht als Fortschritt betrachtet werden, dass nun die Toilette eines armen Matrosen im Zentrum des künstlerischen Interesses steht, und nicht mehr der Thron eines Kaisers.

Der britische Schwarzafrikaner Steve McQueen, der bereits in der Wiener Kunsthalle zu sehen war, beeindruckt mit zwei Beiträgen zur diesjährigen Documenta: Erstens ein tonlos stilles, filmisches Gedicht, in dem u.a. das Meer sich im Himmel spiegelt, schwarze Jungen in der Meeresbrandung schwimmen oder die Ansicht einer Leichenhalle gezeigt wird. Die zweite Arbeit ist eine Sozialstudie über Bergwerksarbeiter in Südafrika, die unter schrecklichen Bedingungen, in Dunkelheit und voll Müdigkeit arbeiten müssen.

Lisl Ponger

Berührend ist auch eine Arbeit von Jeff Wall, der unter dem Titel "Der unsichtbare Mann" in einem Leuchtkasten das Bild eines Afrikaners zeigt, der vom Betrachter abgewandt ins Leere blickt. Der Afrikaner hat sich, bezugnehmend auf einen Roman, aus der Welt der rassistischen Vorurteile in ein Kellerloch zurückgezogen, wo er beleuchtet von 1369 Glühbirnen lebt, und sich seiner Existenz zu versichern versucht. Die scheinbare Zufälligkeit des Arrangements hat die Präzision eines Stillebens der Alten Meister. Der festgehaltene Moment ist ganz fragile Poesie und flüchtige Schönheit.

Österreich ist mit einer Fotoserie der an der Angewandten lehrenden Professorin Lisl Ponger vertreten. Die Fotokünstlerin zeigt Arbeiten, die im August 2001 nach dem G8-Gipfel in Genua entstanden sind. Gegenstand der Fotos sind allerdings nicht die Massen der Globalisierungsgegner oder die einschreitenden Polizisten, sondern die latenten Spuren, die der umkämpfte Gipfel hinterlassen hatte. Die Abwesenheit der Menschen rückt die hinterlassenen, dem Ort eingeschriebenen Spuren ins Zentrum des Interesses und wird so zum wirkungsmächtigen Zeichen.

Kassel ist diesen Sommer für alle Kunstinteressierten eine Reise wert. Die ausgestellten Werke sind Produkt eines langen Diskurses und können einzeln vielleicht auch bald in österreichischen Museen von Bregenz am Bodensee bis ins Museumsquartier in Wien zu sehen sein.

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