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Die Europalia '87: Pläne und Träume

Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, entsteht in der Wiener Hofburg die „Europalia 1987“. Einige nicht ganz leicht zu entdek-kende Räume hinter dem Schweizertor, frisch restauriert und ansehnlich, beherbergen die Pläne und Entwürfe für eine große Österreich-Präsentation in Belgien.

Seit 1969 gibt es diese Veranstaltung, bei der sich alle zwei bis drei Jahre je ein europäisches Land mit aller Vielfalt seiner Kultur vorstellen kann. Bisher waren es Staaten der Europäischen Gemeinschaft. Österreich ist das erste Land, das nur dem Europarat angehört.Zentrum der Schau, die ganz Belgien umfaßt, ist das riesige

„Palais des Beaux Arts“ in Brüssel, dessen langjähriger Leiter, der auch in Österreich gut bekannte Dramatiker Paul Willems, seinerzeit die Idee für die „Europalia“ hatte. Es geht darum, durch Darbietungen aller Art die Belgier anzusprechen, aber auch Touristen aus aller Welt zu lok-ken. Nach bisherigen Erfahrungen sind die Hälfte der Besucher Ausländer. Die Qualitätswerbung kommt ebenso dem gastgebenden Belgien wie dem gastierenden Land zugute. Die Kosten verteilen sich zu je einem Drittel auf die Gäste, auf belgische Sponsoren und auf die Eintrittsgelder.

Im vorigen Jahr hat Spanien seinen Eintritt in die EG mit der bisher umfangreichsten und attraktivsten „Europalia“ gefeiert— und damit Maßstäbe gesetzt, die den österreichischen Stellen jetzt einiges Kopfzerbrechen bereiten.

Nach dem plötzlichen Tod des erfahrenen „Europäers“ Franz Karasek, der als Generalsekretär mit den Vorbereitungen beauftragt war, hat man den bereits pensionierten Sektionschef Wilhelm Schlag gleichsam reaktiviert und ihm als Stellvertreter (und Büroleiter) den Ministerialrat (und Schriftsteller) Peter Marginter beigegeben. Bis Anfang Dezember muß das Programm definitiv fertig sein. Dann wird es nämlich höchste Zeit, Prospekte in alle Welt zu versenden und die Kataloge vorzubereiten.

Peter Marginter kann ausführlich aufzählen, was alles nicht geht: welche Leihgaben nicht zu haben sind, welche Ausstellungen nicht zustande kommen und welche Bühnen-Inszenierungen nicht reisefähig sind. Nun wird das Burgtheater Thomas Bernhards „Theatermacher“ und Schnitzlers „Komödie der Worte“ spielen, dazu kommen Gastspiele des Serapions-Theaters, des Wiener Tanztheaters, einer Salzburger Pantomimengruppe, vor allem aber die Innsbrucker Produktion von Pie-tro Antonio Cestis Oper „Oron-tea“, die, nach dem Erfolg bei der diesjährigen Festwoche der Alten Musik, in Brügge gastieren soll. Dirigent ist der belgische Kontratenor Rene Jacobs. Ob die neue Oper von Friedrich Cerha, „Der Rattenfänger“ nach Carl Zuckmayer (Gemeinschaftsproduktion der Wiener Staatsoper mit dem „steirischen herbst“ 1987), auch verschickt werden kann, ist noch offen.

Der Rückgriff auf alte historische und kulturelle Beziehungen zwischen Österreich und Belgien liegt nahe. „Die Bibliothek der Margarethe von Österreich“ ist eine Ausstellung, die in die Eg-mont-Zeit zurückweist. Die Wiener „Albertina“, eine Gründung des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen (der wie Margarethe Statthalter der Niederlande war) zeigt in Antwerpen 80 ihrer wertvollsten Blätter. Einem anderen Statthalter, Karl Alexander von Lothringen (Schwager Maria Theresias), gelten gleich zwei Ausstellungen. Uberhaupt wird — zum großen Teil mit heimischen Sponsoren — das österreichische Kulturangebot über das ganze Land verteilt: Gegenwartskunst in Brüssel und Gent, Volkskunst aus Tirol und Oberösterreich in Gent, Egon Schiele in Charleroi, Realisten in Lüttich, Buchausstellungen in Brüssel und in Eupen (wo es eine deutsche Minderheit gibt).

In Brüssel, der Stadt des Palais Stoclet, wird natürlich auch an Josef Hoffmann, die Wiener Werkstätte und Gustav Klimt erinnert. Dazu kommen Ausstellungen von Paul Flora und Gottfried Heinwein und „österreichisches Design“.

Aber wenn auch die Wiener Philharmoniker, die Wiener Symphoniker, das Salzburger Mozarteum-Orchester, die Niederösterreichischen Tonkünstler und diverse kleine Musiker-Gruppen ausrücken, wenn es Sondermarken gibt und die beiden Nationalbanken Münzen zeigen: es fehlt in der Fülle und Vielfalt noch das große Ausstellungs-Ereignis, das die Massen lockt und zum Staunen bringt.

Alle Hoffnungen konzentrieren sich nun auf Dieter Ron-te, den Direktor des Museums moderner Kunst. Er will unter dem Titel „La tradi-tion actuelle“ im Palais des Beaux Arts' eine große thematische (nicht chronologische) Darstellung österreichischer Kunst, auch in der Begegnung mit der internationalen, vor allem der niederländischen Kunst zeigen. Die Gegenüberstellung Rubens — Makart bietet sich ebenso an wie jene der Wiener Secession mit ihren belgischen Zeitgenossen. Das Weiterwirken der Tradition auch in der jüngsten Kunst soll als österreichische Spezialität neben anderen vorgestellt werden.

Man hat im zuständigen Ministerium sogar einen Teil der Wiener Schatzkammer zur Reise freigegeben, damit das gemeinsam interessierende Thema „Goldenes Vlies“ als spektakulärer Auftakt dieses „postmodernen Informationspakets“ (Ronte) gezeigt werden kann. Was dann noch fehlt, werden Literatur und Wissenschaft liefern müssen: Mehrere Symposien sollen sich mit der gemeinsamen Geschichte beschäftigen, aber auch Techniker, Physiker, Nationalökonomen zu Wort kommen lassen. Der in solchen Veranstaltungen vielfach erfahrene Wolfgang Kraus, dem diese Sparte anvertraut wurde, bereitet auch Symposien über Sigmund Freud, Franz Kafka, Elias Canetti vor und will österreichische Autoren von heute in die Universitäten schicken.

Der Umfang des Angebotes ist beträchtlich. Ob es den Widerhall findet, den man sich erhofft, den Österreich dringend braucht? Zur Not müssen die Lipizzaner aushelfen. Und die Etrich-Taube, das österreichische Fluggerät von 1910, das zur Zeit rekonstruiert wird, um wieder am europäischen Himmel zu fliegen.

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