Natur - © © Bildrecht Wien, 2020; Foto: L. Deinhardstein

Das Geschehen namens Natur

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Der Mensch und seine Beziehung zur Natur: Das Dom Museum Wien widmet sich mit „Fragile Schöpfung“ eindrücklich einem besonders aktuellen Thema.

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Der Mensch und seine Beziehung zur Natur: Das Dom Museum Wien widmet sich mit „Fragile Schöpfung“ eindrücklich einem besonders aktuellen Thema.

„Die Erde halten“: So nannte Lois Weinberger sein Bild, in dem ein Mann, dessen Gesicht man nicht sieht, Erde zärtlich und liebevoll hält, wie ein kleines Kind. Er beschmutzt sein weißes Hemd damit – doch was heißt hier Schmutz? Leben. Gewesenes Leben. Zukünftiges Leben. Die FURCHE hat mit diesem Bild ihre letzte Ausgabe vor Weihnachten gestaltet. Sichtbar wird die Sorge, das Behüten, das Ansich-Drücken. Zugleich spricht dieses Werk den unmittelbaren Zusammenhang von Kultur und Natur an – cultura als Pflege der Natur, des Wachsens.

Die aktuelle Ausstellung des Dom Museums Wien mit dem Titel „Fragile Schöpfung“ be ginnt mit Gefühlen. Und das ist gut so, denn die Verbindung des Menschen zur Natur ist wohl zunächst einmal eine emotionale. Das beruhigende Grün, das bedrohliche Dunkel des Waldes, die Kulisse von Sonnenauf- und -untergängen für romantische Stunden, das Rauschen des Meeres als Inbegriff für Urlaub oder aber für unmittelbare Bedrohung: Mensch und Natur stehen in vielfältigen emotionalen Beziehungen. Und die Natur ist Raum für vielfältige Projektionen und Zuschreibungen.

Ein Ort der Emotionen

Der erste Ausstellungsraum wartet aber nicht mit Sonnenuntergängen und beschaulichen Waldspaziergängen auf, sondern verblüfft. Aus Mark Dions Kinderwagen wachsen Pflanzen. „Nursery“ ist so in gewisser Weise ein Pendant zu Lois Weinbergers Bild „Die Erde halten“, das schräg gegenüber hängt – statt eines Kindes ist hier die Natur dem Menschen anvertraut: Es gilt sie zu bewahren, zu beschützen. Das große Renaissancebild von Alessandro Araldi in diesem Raum mag auch ein kleiner symbolischer Hinweis sein: auf die Verschiebung des Blicks vom Sakralen zur Natur, wie er zu jener Zeit in den Bildern auffällig Gestalt annahm.

Schöpfung versteht Direktorin Johanna Schwanberg, die diese Ausstellung auch kuratierte, selbstverständlich nicht als Gegensatz zu Evolutionstheorien, sondern als Performation, als Einstellung gegenüber der Wirklichkeit, als Begegnung, als Beziehung, die ja selbst etwas schafft. Diese Haltung ist nicht nur eine künstlerische, sondern eben auch eine ethische. Eine ökologische. Eine politische. Trotz aller unmittelbar zu fühlenden Emotion führt bereits der erste Raum ins Politische. Wenn etwa die ecuadorianische Künstlerin Estefanía Peñafiel Loaiza in „speculations (on how to enter and leave a forest)“ in Videos zeigt, wie sie mit einem Grammophon durch den Wald von Vincennes bei Paris geht. Immer wieder stellt sie das Gerät ab und spielt – dem Wald? uns, den Betrachterinnen? – Wiegenlieder vor. Es sind Lieder aus ehemaligen französischen Kolonien. 1931 fand hier, im Wald von Vincennes, die große Pariser Kolonialausstellung statt, in der Frankreich „seine Völker“ präsentierte. Historische Fotos zeigen die Pavillons und die Präsentation der Menschen.

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