Hartwig Bischof: kreuzerstehung ausgepresst - © Foto: Hartwig Bischof
Ausstellung

Kaleidoskopisch erscheinen die Bilder

1945 1960 1980 2000 2020

Mit der Methode der Montage fügt er Bild an Bild an Bild und erzeugt so ein immer größeres Bild – ein Musterbild: Dem Künstler und Philosophen Hartwig Bischof ist im Grazer KULTUM eine Schau gewidmet.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit der Methode der Montage fügt er Bild an Bild an Bild und erzeugt so ein immer größeres Bild – ein Musterbild: Dem Künstler und Philosophen Hartwig Bischof ist im Grazer KULTUM eine Schau gewidmet.

Hartwig Bischof ist Künstler, Philosoph, Theologe – ein formbewusster Denker. Sein Forschungsgegenstand ist das Bild als solches. In Zusammenarbeit mit Kurator Johannes Rauchenberger ist eine umfassende wie umsichtige Ausstellung im KULTUM Graz entstanden, die sich vorrangig visuell und in weiterer Folge sprachlich vermittelt.

Einer Studie ähnlich, ordnet Bischof seine über 80 Werke in zwölf Kapitel, die ihren Bedeutungshorizont über die Galerieräumlichkeiten erstrecken. In kurzen Videos, die auf am Boden liegenden Monitoren gezeigt werden, nimmt der Künstler Stellung und gibt Auskunft über „das Bild“ – nicht in seiner Singularität, sondern in seiner Pluralität, und nicht in einem profanen, sondern in einem theoretisch-methodisch reflektierten Sinn. Seine künstlerische Praxis ist gekennzeichnet von einem steten Transformieren und Generieren von Bild(ern), von Bedeutung(en).

Mithilfe von Begrifflichkeiten wie Urbild, Abbild, Wirklichkeit, Zeichen oder Rhythmus nähert er sich dem Phänomenalen an. Seinem Universum ist eine Dynamik zu eigen, seinen Bildern eine Leiblichkeit. Es dreht sich um Projektionen, um das Sichverlieren im Bild, im Raum. Auf spielerische, aber nicht arbiträre Weise findet die Bildgebung, ihre Produktion statt. „Bildstörungen“ wie Risse oder Auslassungen öffnen dasselbe hin zu einem Bezugsystem, das ein dichtes Gewebe bildet. Bischofs „Chaosmos“ ist Ausdruck einer Raserei. Dieser stellt er aber eine beruhigende Musterhaftigkeit, eine „Sanftmut der Serie“ gegenüber, bei der sich die Oberfläche als Trost erweist. Es geht um die Sicherheit von Strukturen, um die Frage nach der Identität eines Bildes, um dessen Objekthaftigkeit und Verwobensein.

Verwirklichung von Beziehung

„Wahrnehmung ist die Verwirklichung von Beziehung“, erinnert Bischof, der anlässlich seiner „BILDERBILDER“ einen vielfältigen theoretischen Unterbau errichtet hat. Neben philosophischen Bezügen von Edmund Husserl über Friedrich Nietzsche, Henri Maldiney oder Gilles Deleuze werden auch kunsttheoretische Positionen wie die Sol LeWitts oder Mel Bochners genannt. All jene Versatzstücke führen zu einem tieferen Verständnis des Sichtbaren. Die Bilder sind Produkte einer Fotoapparatur, die einem Spielzeug aus einer mit Spiegeln versehenen Röhre gleichen, das beim Durchschauen und Drehen verschiedenste symmetrische Muster gegenständlicher Miniaturen erzeugt.

„Überall macht sich eine Unbedarftheit des elektronisch Möglichen in der Grafik breit und überzieht die Bildflächen der Welt mit trostlos klischeehaften Lösungen“, betont Rauchenberger.

Hartwig Bischofs Geste, Fotografien unterschiedlichster Provenienz digital zu bearbeiten, sie zu zerlegen, in deren Oberfläche(n) einzugreifen, lässt sich als eine radikale interpretieren.

Im Gegensatz dazu lässt sich Bischofs Geste, Fotografien unterschiedlichster Provenienz digital zu bearbeiten, sie zu zerlegen, in deren Oberfläche(n) einzugreifen, als eine radikale interpretieren. Dabei ist es dem Prinzip der Wiederholung geschuldet, dass sein invertierendes Verfahren Konzentrationen hervorbringt, die Bildvariationen und Kommunikationsvarianten in Gesetzmäßigkeiten einbindet und binäre Schwerpunkte setzt: „das Verschränkte und das Vereinzelte (Auratische)“ wie auch „das Differente und das
Wiederholte“ und „das Sagen und das Sehen-lassen“ nimmt nicht die einzelnen Elemente in den Blick, sondern die Reihenrelation als „neue“, eigenständige Form und konzentriert den Blick auf die Fläche(n).

Bischof erinnert daran, dass „Ich“ ein Anderer ist; daran, dass man von einer grundlegenden Unterschiedenheit ausgeht, die ihrerseits nur in der Wiederholung Bestand hat. „Der Ursprung selbst ist nur als eine Unterschiedenheit zu denken und diese Unterschiedenheit stellt auch das wiederkehrende Element dar. Die Wiederholung stellt daher Kontinuität aus Diskontinuität her.“

Bischof analysiert unsere Beziehung, unser Verhältnis zur Welt, zum Objekt, zum Bild. Es ist ein Umgehen mit Sicht- und Hörbarem, auch in Bezug auf ein Publikum. Bischof schafft virtuelle Räume, Bilder, Realitäten und enthüllt damit die Variabilität und Vulnerabilität von Welt.

„Das Material, das zur Verfügung steht, wird einer neuen Ordnung zugeführt, die aufgrund des Fehlens einer zu erfüllenden Vorgabe prinzipiell unvorhersehbar ist.“ Ein hoher Komplexitätsgrad der Sprache, der Bilder, abstrahiert die Erscheinungen (Phänomene) und weist sie als Konstruktionen aus. Bezüge zur Pop Art, Minimal Art und Konzeptkunst verraten Bischofs Werke als Modelle, die er aber überwindet, erweitert. Denn der verstandesmäßige Zugriff auf Welt bleibt eine Herausforderung. Lediglich die Wahrnehmung garantiert deren Wirklichkeit, allerdings nicht in Form einer Erkenntnis, sondern als Gewissheit. „Bilder sprechen nicht, man kann sie auch nicht lesen, sie zeigen nicht einmal etwas: Bilder lassen sehen.“

Hartwig Bischof: kreuzerstehung ausgepresst (Detail) - © Foto: Hartwig Bischof
© Foto: Hartwig Bischof
Ausstellung

Bilderbilder

bis 15. Juni

KULTUM Graz

Di–Fr 10–17 Uhr, Sa,So 11–17 Uhr

www.kultum.at

Furche Zeitmaschine Vorschau