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Kein Wunderland für Kreative

Round Table zum Filmland Österreich: Diagonale-Leiterin Barbarar Pichler, Stadtkino-Chef Claus Philipp und (Neo-)Regisseurin Tina Leisch über Glanz und Elend einer Branche. Das Gespräch führten Otto Friedrich und Matthias Greuling * Fotos: Elke Mayr

Binnen eines Jahres waren österreichische Filme gleich zweimal beim Oscar-Reigen präsent: Ein kräftiges Lebenszeichen einer Filmlandschaft, die auch um das Nötigste zum (Über-)Leben kämpfen muss.

Die Furche: Nach dem Oscar für "Die Fälscher", der Oscar-Nominierung für "Revanche": Ist Österreich ein Filmwunderland?

Barbara Pichler: Ich bin vom Begriff "Filmwunder" nicht begeistert, weil das immer danach klingt: Aus heiterem Himmel ist etwas da. Das stimmt natürlich nicht. Es hat sich etwas über lange Jahre entwickelt.

Die Furche: Es gab 2008 auch den Silbernen Leoparden in Locarno für "März" und jetzt den Max Ophüls-Preis für "Universalove". Reüssiert Österreichs Film da zu Recht?

Pichler: Wenn man das auf der Festivalebene betrachtet, sicher. Das ist ja eine jahrelange Entwicklung: Spätestens mit Michael Haneke hat eine breitere Wahrnehmung des österreichischen Kinos begonnen.

Claus Philipp: Ich erinnere an "Welcome in Vienna" von Axel Corti, der Mitte der 80er Jahre in Frankreich ein Ausnahmeerfolg war. Das hat es für heimische Produktionen national und international immer wieder gegeben. Über die Jahre hinweg hat sich aber der Druck erhöht, betonen zu müssen: Der österreichische Film ist besser, als er allgemein gilt. Mit Haneke hat sich dafür eine radikale Vorzeigehandschrift ergeben. Dann sind Ulrich Seidl und einige weitere "Einzeltäter" nachgekommen, aber jetzt scheint es langsam möglich zu sein, dass sich eine breitere Landschaft etabliert, zwischen dem Mainstream einer "Sackbauer-Saga" und einem Kunstkino wie "März" und "Gangster Girls", wo ich nicht mehr sagen muss, da gibt es ein "Wunder" und der Rest dümpelt immer noch, vom Publikumsdesinteresse verfolgt, dahin.

Die Furche: Bei den Festivals ist Anerkennung da. Aber beim Publikum? Der meistgesehene Film 2008 war "Echte Wiener" - der würde auf Festivals nicht reüssieren. Und "Revanche", der Oscar-Kandidat, war das Gegenteil eines Publikumsrenners.

Philipp: Naja, wenn "Revanche" in Österreich mittlerweile 30.000 Besucher hat, würde das in Deutschland 300.000 bedeuten. Das ist ganz achtbar.

Pichler: Ich finde es ermüdend, dass alle Filme immer nach dem gleichen Maß gemessen werden. Das funktioniert nicht, in keiner anderen Kunstform wird das so gemacht.

Philipp: Es ist ein wenig so, als würde man Christiane Hörbiger mit Friederike Mayröcker vergleichen.

Die Furche: Warum wird der Erfolg eines Filmes dann an Einspielzahlen gemessen?

Philipp: Österreichs Problem ist der sehr kleine Markt. Hier wirkt sich die Diskrepanz zwischen der relativen Aufwändigkeit des Mediums Film und der verhältnismäßig geringen Summe, die man einspielt, besonders drastisch aus. Und das vor dem Hintergrund, dass die meisten Filme keine Chance haben, in irgendwelchen ORF-Schienen ein breiteres Publikum zu erreichen. Weil der ORF das einfach nicht mehr programmiert.

Die Furche: Frau Leisch, Sie haben gerade mit "Gangster Girls" Ihren ersten Film gemacht. Was meinen Sie zu dieser Diskussion?

Tina Leisch: Ich habe hauptsächlich daran gedacht, wie ich einen guten Film mache. Unsere Einreichung lautete, wir machen den Film auf DVD fertig. Dass es dann ein Film geworden ist, der auf der Viennale und auf der Diagonale läuft und dann ins Kino kommt, das hat uns angenehm überrascht. .

Die Furche: Wie viele Gedanken muss sich eine Filmemacherin um die Auswertung machen?

Leisch: Da hatte ich zum Glück die erfahrene Produzentin Ursula Wolschlager an meiner Seite, die sich über diese Dinge den Kopf zerbrochen hat.

Philipp: "Gangster Girls" ist wirklich ein Spezialfall. Das wurde als Experiment gestartet. Und dann merkte man: Das Material gibt mehr her. Also musste man - was durchaus heikel ist - die öffentlichen Stellen quasi im Nachhinein von erhöhtem Subventionsbedarf für die Verwertung überzeugen.

Die Furche: "Gangster Girls" spielt im Frauengefängnis: Haben die Förderer da gedacht, sie tun etwas zur Resozialisierung - und dann hat sich herausgestellt, es wird ein Film, es wird etwas Künstlerisches?

Leisch: Es haben alle gemerkt: Das könnte etwas Besonderes werden, ein Film im Frauengefängnis. Aber einige Leute haben mir nicht zugetraut, diesen Film zu machen, weil ich vom Theater komme: "Das können Sie ja gar nicht, das haben Sie ja nicht gelernt, da wird sicher nie was G'scheites draus."

Die Furche: Wie lange hat es von der Idee des Projekts bis zur Realisierung gedauert?

Leisch: 2006 hab ich's das erste Mal eingereicht. Also von der ersten Einreichung bis zur Fertigstellung zweieinhalb Jahre …

Pichler: … was gar nicht so schlimm ist!

Leisch: Es war so, dass wir 5000 Euro da und 10.000 Euro dort gekriegt haben - und dann sind sich damit nur ein paar Drehtage ausgegangen. Die Finanzierung war nicht geschlossen, wir haben einfach angefangen zu drehen. Das ist unüblich. Normalerweise muss man ja alle Gelder beieinander haben, und erst dann fängt man an.

Die Furche: Claus Philipp, Sie sind Verleiher: Was interessiert Sie an Filmen wie diesen?

Philipp: Der Anspruch, mit dem ich ans Stadtkino und den damit assoziierten, traditionsreichen Filmverleih herangetreten bin: Weiterhin relevante Positionen des heimischen und internationalen Kinos ungeachtet, welcher Quotendruck herrschen mag, ihrer Handschrift gemäß in die Landschaft zu stellen. Nachdem mir Tina Leisch und Ursula Wolschlager bei der Viennale eine DVD von "Gangster Girls" in die Hand gedrückt haben, sah ich schnell, dass da ein gewisses Potenzial dahintersteckt. Für die kleineren Förderungsstellen wie die im BMUK, die solche Arbeiten gegen alle Schwerkräfte des freien Marktes möglich machen, ist es in ihrer niedrigen Dotierung dann nur leider fast schon zu viel, dass eine Sache so gut gelungen ist, dass man in die Verwertung ungewöhnlich mehr hineinstecken muss. Die bemühen sich aber. Und "kapitalistisch" gedacht macht das auch Sinn. Im US-Kino etwa ist es durchaus Usus, aus Nichts große Hits zu bauen. Da wird ein Film wie "Blair Witch Project" um 100.000 Dollar gemacht, und dann sagt man, o. k., jetzt legen wir noch eine Tonspur um 300.000 Dollar drauf, dass wir ihn weltweit in den Multiplexen spielen können. So reagiert ein wendiger Kapitalmarkt auf gute Produkte.

Die Furche: Ich höre im Unterton, dass das System in Österreich noch nicht so weit ist .

Philipp: Das ist bei Weitem nicht selbstverständlich. Ein Beispiel: Vor einem halben Jahr haben mir Rainer Frimmel und Tizza Covi den Rohschnitt des Filmes "La Pivellina" gezeigt. Das ist der beste Film, den ich seit Langem gesehen habe. Die haben bis dato etwa 50.000 Euro öffentliche Förderung erhalten und sitzen daheim an ihrem Apple und schneiden den Film mit zwei Kindern im Hintergrund. Ungeachtet dessen muss man jetzt wirklich alles unternehmen, um den Film bei einem großen Festival wie Cannes herauszubringen. Er wird vor jeder internationalen Konkurrenz bestehen. In einem funktionierenden System ist das selbstverständlich: Aha, "Gangster Girls" ist viel besser geworden, als wir es je erwartet haben. "La Pivellina" ist noch viel besser und wir werden die Verwertungsgelder, Öffentlichkeiten usw. zur Verfügung stellen, dass diese Filme so wahrgenommen werden, wie es ihnen zusteht. Aber die Verwertungskanäle dafür …

Pichler: … sind praktisch nicht vorhanden.

Philipp: Es liegt im Wesen von Institutionen wie dem ORF, dass sie eine Schwerkraft der Beharrlichkeit und eines Verhaftetseins im Jetzt-Zustand entwickeln. Wenn man in den letzten Jahren etwa zum ORF gegangen wäre und gesagt hätte: "Wir wollen gern einen Fernsehfilm mit Wackelkamera drehen über ein korruptes Spital, das von Geistern besetzt ist", dann hätten die einen sofort hochkant hinausgeworfen. In Dänemark wurde so etwas unter dem Titel "Riget" und von Lars von Trier produziert ein Superhit.

Pichler: Es gibt noch eine andere Seite des Problems, nämlich dass es in Österreich sehr, sehr lang gedauert hat, bis der Verwertungskette eines Films überhaupt genug Bedeutung beigemessen wird - weil einfach die Gelder so knapp sind, dass für Verwertung zu wenig Geld überbleibt.

Die Furche: Was hat der österreichische Film in erster Linie notwendig?

Philipp: Es ist schon ein Problem, immer nur zu sagen: "Ein österreichischer Film". Eigentlich sollte es heißen: ein Film von Tina Leisch, von Kurt Ockermüller usw. Wenn ein Alain Delon in Frankreich zuerst einen coolen Flic spielt, dann kann er nachher auch bei Jean-Luc Godard auftreten - und beide Projekte haben etwas davon. Dieses Austauschsystem funktioniert in Österreich nicht. Wer kennt hierzulande Götz Spielmann, wenn er nicht für den Oscar nominiert war?

Die Furche: Warum ist das so?

Philipp: Hierzulande können wir offenbar gut damit leben, dass in News jede zweite Woche Gert Voss interviewt wird, und wenn der gerade nicht da ist, dann Anna Netrebko. Von Zeit zu Zeit meldet sich Peter Handke kritisch aus Paris, der Herr Attersee hat Ideen, Herr Holender hasst den Opernball und Erika Pluhar erinnert sich an den Krieg mit Claus Peymann. Das ist unsere kulturelle "Öffentlichkeit".

Pichler: Wir sind kein Land mit einer ausgeprägten Filmkultur im Sinne einer allgemeinen Anerkennung des Films als Kunstform, da stecken wir in den Kinderschuhen. Österreich ist stark von einer literarischen und musischen Tradition geprägt, in der Film oder auch Fernsehen relativ wenig Raum im öffentlichen Bewusstsein einnehmen. Und das ist ein Zustand, der offensichtlich nur langsam zu ändern ist. Man muss den Oscar und all diese Sichtbarmachungs-Mechanismen dafür nutzen, um so was wie ein filmkulturelles Allgemeinbewusstsein voranzutreiben. Das ist die Basis für einen breiten Diskurs und eine Voraussetzung dafür, dass Druck aufgebaut werden kann gegenüber der Kulturpolitik, wenigstens die gegebenen Versprechen einzulösen.

Leisch: Es hat auch noch einen demokratiepolitischen Aspekt: Denn der Film trifft ein viel breiteres Spektrum an Menschen, die Bundestheater-Förderung ist wirklich für eine schmale, bildungsbürgerliche Schicht. Ich mache ja auch meistens Theater mit Leuten, die prinzipiell nicht ins Theater gehen, Jugendliche verschiedener Subkulturen, pensionierte Gastarbeiter/innen, Roma. Aber ins Kino gehen sie alle. Das hat natürlich politische Folgen, wenn man für einen relevanten Teil der Bevölkerung gar kein interessantes Kulturangebot fördert.

Pichler: Das ist natürlich schwierig, wenn man anfangen muss, die eine Kultursparte gegen die andere auszuspielen. Weil die eine so unterdotiert ist, dass sie eigentlich nichts tun kann, als in jede Richtung zu treten, um auch nur irgendwie einen Euro mehr zu bekommen. Aber in dieser Situation befinden sich die Filmschaffenden und -vermittler/innen in Österreich. Das ist eine völlig unkonstruktive, uneffiziente Situation.

Philipp: Kintopp gegen die Bretter, die die Welt bedeuten - z. B. der Broadway ist ein beinhartes Geschäft. Wenn du da nicht durchkommst, nach einer Woche, selbst wenn du Al Pacino über die Bühne jagst, interessiert das keinen Menschen mehr. Das Theater wird dort nicht so glorifizierend und staatstragend den populären Erzählformen gegenübergestellt. Im Prinzip haben alle denselben Druck. In Paris ist Theater bis auf wenige Ausnahmen ein riesiges Boulevardgetümmel wie im 19. Jahrhundert. Aber man muss sich gleichzeitig in Paris anschauen, wie raffiniert diese "Alltagskultur" vermarktet wird. Als ich dort die Plakate zum Film von Arash T. Riahi, "Ein Augenblick Freiheit" sah - wie die rund um die Pariser Oper hingen und wie die ausgesehen haben! Auf den Filmplakaten bei uns spricht einer forciert mit einer Gans - und dann wundert sich jeder, dass der Film nur knapp 10.000 Besucher hatte. Aber er war eben nicht präsent auf der Straße.

Die Furche: Von der Schule bis zu den Richtern - für nichts ist Geld da. Warum soll ausgerechnet der Film sich Hoffnungen machen?

Pichler: Wieso nicht? Erstens wird sowieso nicht soviel für Film ausgegeben. Steigerungspotenzial ist massiv vorhanden. Grundsätzlich denke ich mir, der Staat hat die Aufgabe, kreative Kulturschaffende zu unterstützen. Man tritt nicht freiwillig in die zweite Reihe zurück und sagt, wir kriegen eh schon wenig, es ist o. k., noch weniger zu kriegen, weil die z. B. Richter auch nicht mehr kriegen. Bewusstseinsbildung wird so nicht funktionieren. Sogar wenn man davon überzeugt ist, dass eine Schulreform nötig ist und man weiß, dass die Teuerung kommen wird, heißt das nicht, dass das Kulturschaffen nicht mehr gefördert werden kann. Das ist immer das Ausspielen der unterschiedlichen Problemfelder, ein Aufrechnen, was jetzt wichtiger ist. Natürlich lässt es sich nicht leicht argumentieren, dass ein Film wichtiger ist als kostenloser Kindergarten. Aber in Wirklichkeit ist er genauso wichtig wie ein kostenloser Kindergarten, weil's einfach ein Teil eines Kultur-Staates ist. Natürlich geht man in seinen Forderungen da keinen Schritt zurück.

Leisch: Zum einen: Die Leute, die in diesem Kultursegment arbeiten - zumindest für mich kann ich das sagen und für alle, die bei unserem Film mitgearbeitet haben -, die arbeiten zu Löhnen, dagegen ist ein Kindergärtnerinnenlohn ein Traum. Zum andern: Wenn es "Gangster Girls" auch nur gelingt, drei junge Frauen davon abzuhalten, straffällig zu werden, dann hat er seine Kosten eingespielt. Allein dadurch, was an Haftkosten dadurch eingespart wird.

(Mitarbeit: Sandra Nigischer)

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