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"Im alten' Geist weiter"

Intendantin birgit flos über die Diagonale '05, Politkämpfe 2003/04, ihr professionelles Verhältnis zum Staatssekretär.

Die Furche: Nach den Polit-Querelen in den letzten beiden Jahren ist mit Ihrer Intendanz ein Neuanfang da: Wie wird die Diagonale heuer und in Zukunft sein?

Birgit Flos: Es geht uns um Kontinuität und Veränderung. Wir sind zu dritt im Leitungsteam: mit Robert Buchschwenter und Georg Tillner. Wir waren mit der grundsätzlichen Haltung der "alten" Diagonale sehr zufrieden - sie war kontroversiell, professionell, risikobereit, kritisch, kommunikativ und lustvoll. Wir müssen das Festival nicht neu erfinden, sondern sehen uns in der Kontinuität der "alten" Diagonalen - aber natürlich ergeben sich neue Akzente.

Die Furche: Die neuen Akzente ...

Flos: ... kommen auch aus der Intensivierung der vorhandenen Ausrichtung. So bemühen wir uns etwa weiter um die Öffnung über die Grenzen hinweg - und wir wollen den kommunikativen, diskursiven Charakter des Festivals weiter vertiefen, zum Beispiel mit zwei neuen Online-Publikationen: dialog ist ein Weblog-Projekt in Form eines virtuellen Symposions; hier werden Themen, die während des Festivals nicht ausdiskutiert werden konnten, aufgenommen. In dialog 1 Fragen der (medialen) Selbstrepräsentanz insbesondere von Menschen afrikanischer Herkunft, (die Frage nach der Macht über das eigene Bild), strukturelle Rassismen etc.

Dann gibt es die materialien (als Download) zu ausgewählten Programmen - Hintergrundinformationen, die während des Festivals aufliegen werden. Mit den materialen wollen wir über die Jahre Informationen zum österreichischen Film bereitstellen, die auch als Unterrichtsmaterial in Schulen eingesetzt werden können, weil wir auch ein engagiertes junges Publikum für den österreichischen Film begeistern wollen. Wir streben eine intensivierte Kooperation mit dem orf an und neu im Programm ist der Focus auf einen produktionstechnischen Teilbereich. Dieses Jahr wird das der Bereich Schnitt sein mit einem Lecture-Workshop Programm.

Die Furche: Die Diagonale 2004 war - nach dem Streit mit Staatssekretär Morak - von der Filmszene selbst improvisiert. Mittlerweile verträgt man sich wieder mit Morak.

Flos: Die Filmbranche hat die Auseinandersetzung durchgestanden und unsere Bestellung war schon Teil einer Konsolidierung, sie ist von Herrn Staatssekretär akzeptiert worden. Wir pflegen eine professionelle Arbeitsbeziehung; es ist Teil der Funktion des Herrn Staatssekretärs, Initiativen wie die Diagonale zu fördern; das tut er jetzt wieder, und wir können an dem Projekt Diagonale weiterarbeiten.

Die Furche: Die Diagonale schaut auch über die Grenzen. Heuer werden Ungarn, Slowenien und Schweden Schwerpunkte sein, auch einen Blick in die Türkei wird es geben: Kommt das aus dem ursprünglichen Morak-Konzept, der ja Südosteuropa forcieren wollte?

Flos: Wir führen auch hier die Initiativen der "alten" Diagonale weiter, indem wir etwa enge Beziehungen zu Slowenien (Maribor) aufgebaut haben. Das Projekt "Karawane" ist eine neue Initiative, bei der sich nationale europäische Filmfestivals zusammenschließen und von einem Festival zum nächsten ihre Filme transportieren. Heuer sind das Schweden und Ungarn. Die Karawane wird hoffentlich wachsen. Im Türkeiprogramm "Blickwechsel - in naher Ferne" stellen wir sieben Positionen aktuellen türkischen Filmschaffens aus dem Independent-Bereich vor - in Verbindung mit einer Ausstellung von Medienkünstlerinnen aus der Türkei in Kooperation mit dem Medienturm, Graz.

Die Furche: Der politische Konflikt der letzten Jahre ist beendet. Wie würden Sie die Vorgänge für das Gesamt der Diagonale beurteilen? War das für die Szene etwas Kathartisches, eine Solidarisierung, eine Demokratisierung ...

Flos: Ich habe die Auseinandersetzung als einen intensiven Solidarisierungsprozess empfunden. Es war meines Wissens in der Filmszene das erste Mal, dass sich aus einer berechtigten Empörung aktive Gegenkräfte entwickelt und durchgesetzt haben: Unter Aufbietung größtmöglicher Energie und Selbstausbeutung war es möglich, dass das Festival 2004 stattfinden konnte. Ich habe das als besonders widerständig, selbstbewusst und autonom empfunden und kann den Menschen und Institutionen, die die Diagonale 2004 so tatkräftig unterstützt haben, nicht genug danken. Sie sind schließlich der Grund, dass es die Diagonale in dieser Form weiterhin geben kann. Aus diesem Erfolg resultiert natürlich auch ein großer Erwartungsdruck: Ich kann nur hoffen, dass es uns gelingt, die Diagonale sichtbar und spürbar in diesem "alten" neuen Geist weiterzuführen.

Die Furche: Welche Schwerpunkte hat das heurige Diagonaleprogramm?

Flos: Wir präsentieren wieder die Werkschau der österreichischen Langfilme, die 2004 ihren regulären Kinostart hatten. In der viel versprechenden historischen Schiene zeigen wir unter anderem wieder Programme vom Filmarchiv Austria, dem Filmmuseum und - von synema (in Kooperation mit dem Filmarchiv) eine Werkschau von Filmen Gustav Machatys. In all diesen Programmen geht es um eine historisch politische Verortung und um Sexualität und Erotik - auch als Gradmesser eines individuellen und gesellschaftlichen Freiheitsbegriffs.

Kern der Diagonale ist wieder das Auswahlprogramm, das eine fünfköpfige Jury zusammengestellt hat. Schon 2004 sind die vielen Einreichungen im dokumentarischen Bereich aufgefallen, aber wir haben auch den Anteil kurzer innovativer Filme aller Genres ausweiten können. Es haben sich Themenschwerpunkte und Querverbindungen ergeben: Vielsprachigkeit, der Blick über die Grenzen ... die Filme werden miteinander kommunizieren. Da gibt es zum Beispiel die Beschäftigung mit dem Systemwechsel Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts - in Tirana, Bukarest, Deutschland, Litauen, Ungarn ... , bei der die Konstruktion individueller und kollektiver Erinnerung eine große Rolle spielt. Wir haben Filme zum "umgekehrten Blick" (Fridolin Schönwiese: "Volver La Vista"), Filme, in denen sich Österreicher (und zum Beispiel auch Second-Generation-Türkinnen in Österreich) mit der Migrationsproblematik aus einer anderen, der umgekehrten Perspektive beschäftigen.

Die Furche: Sie haben jetzt vor allem Dokumentarfilme genannt. Wie steht es aber um den österreichischen Spielfilm bei der heurigen Diagonale?

Flos: Ich denke gut: Wir zeigen Jessica Hausners "Hotel"; als orf-Premiere den Film "Mein Mörder" von Elisabeth Scharang, der sich mit den Verantwortlichen der Verbrechen der so genannten "Euthanasie-Anstalt" Am Spiegelgrund beschäftigt. "Dallas Pashamende" von Robert Adrian Pejo, der von rumänischen Roma handelt; "Mein Vater, meine Frau und meine Geliebte" von Michel Kreihsl eine Literaturverfilmung nach Motiven aus "Der arme Verschwender" von Ernst Weiß und natürlich unseren Eröffnungsfilm "Crash Test Dummies" von Jörg Kalt.

Es wäre zu umfangreich, alle weiteren Langfilmpremieren aufzulisten, deswegen nur noch drei - aus dem Dokumentarfilmbereich. Wir sind glücklich, dass der Dokumentarfilm "Operation Spring" von Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber auf der Diagonale seine Premiere hat. Ein Film, der die Ermittlungsmethoden und das Justizverfahren in Folge der größten kriminalpolizeiliche Aktion seit 1945 zum Thema hat. Im Mai 1999 wurden über 100 Afrikaner verhaftet. Wie wurde gegen sie ermittelt? Wie haben sich die Verfahren entwickelt? Oder "Die letzten Zöglinge" von Christoph Mayr, ein dokumentarischer Erinnerungs-Film über kirchliche Internatsschulen, in dem die grundsätzlich autoritäre Struktur der Erziehung von ehemaligen Zöglingen diskutiert wird - oder "Artikel 7 - Unser Recht" von Thomas Korschil und Eva Simmler über die weit gehende Nichteinhaltung (in Kärnten) dieses Artikels des Staatsvertrages zum Schutz der Minderheiten. Und eine Reihe weiterer hoch brisanter dokumentarischer Arbeiten.

Die Furche: Die Diagonale stand immer auch für Avantgardefilme ...

Flos: ... und die sind auch heuer das pochende Herz der Diagonale! Wir habe dieses Mal sogar elf Programme dieser ganz besonderen kurzen Filme der verschiedensten Genres und Mischformen, inklusive der kurzen Spielfilme, die immer ein besonders heikles Thema sind

Die Furche: Warum ist das so?

Flos: Das Problem mit dem kurzen Spielfilm ist, dass oft das ganze narrative Programm eines Langspielfilms eingebaut wird. Das Format wird oft als Short Cut zum Langspielfilm missverstanden. Diesmal werden Studentinnen der Filmakademie genau dieses Genre zur Diskussion stellen. Aber natürlich haben wir auch einige aufregende Beispiele ins Programm nehmen können.

Die Furche: Die Diagonale präsentiert sich heuer somit wieder als dicht programmiertes Event ...

Flos: ... dabei habe ich wichtige Aspekte und Details noch gar nicht angesprochen - wie das Nightline Programm, die Diskussionen, die Feste und noch weitere Specials.

Das Gespräch führten Otto Friedrich und Matthias Greuling.

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