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Treffpunkte am Nerv der Zeit

Das österreichische Dokumentarfilmschaffen ist erfolgreicher denn je - und kämpft dennoch im eigenen Land mit der angemessenen öffentlichen Wahrnehmung.

Mehr als 150.000 Kinobesucher stürmten im vergangenen Herbst die Kinos, als der Dokumentarfilm We Feed The World von Erwin Wagenhofer anlief. Wagenhofer zeigte darin als erster die Wege unserer Nahrungsmittel quer durch Europa. In einer globalisierten Welt kann es vorkommen, dass die Äpfel aus Argentinien, die Tomaten aus Spanien, die Butter aus Deutschland und die Chips aus Polen kommen. Ein Thema, das die Menschen bewegt - anders wäre der überaus große Erfolg von We Feed The World in den Kinos nicht zu erklären. Der Film reihte sich damit auf Anhieb auf Platz 15 der erfolgreichsten österreichischen Filme im Kino ein - und ist der einzige Dokumentarfilm unter den Top 40. Im Vergleich mit unserem Nachbarn Deutschland entsprechen 150.000 Besucher etwa 1,5 Millionen deutschen Kinogängern. Ein beachtlicher Erfolg.

Blicke auf die Globalisierung

Bei der diesjährigen Diagonale in Graz wird ein weiterer Film Premiere haben, der sich mit der Nahrungsmittelindustrie auseinander setzt: Nikolaus Geyrhalter hat für Unser täglich Brot Schlachthöfe und Gemüseplantagen in ganz Europa besucht und richtet seine Kamera kommentarlos auf die maschinell abgewickelten Vorgänge innerhalb der Industrie - vom vollautomatischen Aufschlitzen der Schweinebäuche bis zur Verarbeitung ihrer Innereien durch die teilnahmslos agierenden Fließbandarbeiterinnen.

Dokumentarfilme aus Österreich treffen den Nerv der Zeit, bringen spannende Themen aus unkonventionellen, weil persönlichen Blickwinkeln auf die Kinoleinwand und scheren sich dabei wenig um gängige TV-Konventionen. Verzicht auf Kommentar, subjektive Sichtweisen und eine Inszenierung, die den Standards von Fernseh-Dokus nicht entsprechen wollen, bieten vielfältige Blicke auf eine immer stärker zusammenwachsende Welt. Das berühmteste Beispiel, das im Dokumentarfilm auf unzähligen internationalen Festivals hochgelobt wurde, ist Hubert Saupers Darwin's Nightmare über die Ausbeutung eines ganzen afrikanischen Landstrichs, dessen Zweck die Lieferung einer Fischdelikatesse für die westlichen Industrienationen ist. Auch hier: Die verrückten Wege der globalisierten Welt, in der Waren um den halben Globus verschifft werden und wo es nur mehr um Profitmaximierung geht, sind das zentrale Thema dieser außer-gewöhnlichen Arbeit. Darwin's Nightmare hat es jüngst sogar bis zur Oscar-Nominierung gebracht.

Allzu Zwischenmenschliches

Andere Filme berichten von (zwischen)menschlichen Befindlichkeiten und dem Umgang mit der eigenen Identität, etwa Elisabeth Scharangs neue Doku Tintenfischalarm über den/die als Zwitter geborene(n) Alex Jürgen. Der Film hatte bei der diesjährigen Berlinale Premiere und wird in Graz vorgestellt. Auch Florian Flicker, bisher ausschließlich als Spielfilmregisseur tätig, widmet sich in No Name City (Eröffnungsfilm der Diagonale) den zwischenmenschlichen Beziehungen in einem Vergnügungspark südlich von Wien.

Flicker wollte ursprünglich einen Spielfilm drehen, doch die Finanzierung klappte nicht - und so widmete er sich dieser Doku. Wieder andere Arbeiten erregten heftige Debatten in der Öffentlichkeit, wie etwa Ulrich Seidls Jesus, du weißt (2004), der Menschen im Umgang mit ihrem Glauben zeigt (manche meinen: bloßstellt).

Fest steht: Das heimische Dokumentarfilmschaffen ist sowohl künstlerisch als auch thematisch so stark wie nie zuvor. Von Seiten der Filmförderungs-Institutionen (z.B. Österreichisches Filminstitut, Film Fonds Wien, etc.) werden Dokumentarfilme mit Spielfilmen mehr oder weniger gleichrangig behandelt. Doch wie das Beispiel von Florian Flicker zeigt, sind Dokumentarfilme für viele heimische Filmkünstler oft auch Beschäftigungstherapie: Denn die Produktion einer Doku erfordert im Vergleich zum Spielfilm nur bescheidene Budgets, und auch die Filmcrew kann entsprechend klein gehalten werden.

Billig, aber nicht schlechter

Durch neueste, digitale Videotechniken werden die Kameras kleiner und handlicher, die Kosten für Filmmaterial entfallen. Der Arbeitsstil kann dadurch spontaner und kreativer gestaltet werden (was natürlich nicht zwingend zu besseren Ergebnissen führen muss). Durch diesen Vorteil in der Produktion ist es auch zu erklären, dass von den insgesamt dreißig derzeit in Produktion befindlichen österreichischen Filmen zwanzig als Dokumentarfilme bei der "Austrian Film Commission" gelistet sind. Budgetäre Not macht eben erfinderisch - und Filmemacher wollen auch ohne große Budgets die Möglichkeit haben, ihre Geschichten zu erzählen.

Dass in Österreich kaum ein abendfüllender Film ohne Unterstützung durch öffentliche Förderungen produziert werden kann, ist kein spezifisch österreichisches Phänomen. Der europäische Film versteht sich mehr als Kunst denn als Ware - und besitzt damit automatisch ein eingeschränktes Zielpublikum. Entscheidend für eine größere Verbreitung eines Films wären nicht die wenigen Kinos, die sich in Österreich auf anspruchsvolle (heimische) Titel spezialisiert haben, sondern das Fernsehen. Doch steht der ORF in der Kritik vieler Filmschaffender: Zu halbherzig seien die Programmplätze für Dokumentar-und Spielfilme ausgewählt, meist findet eine Ausstrahlung erst um Mitternacht oder später statt.

Manche Filme werden nicht einmal im ORF gesendet, wie etwa Artikel 7 - Unser Recht von Thomas Korschil und Eva Simmler, der sich um den Kärtner Ortstafelstreit dreht. Laut ORF würde der Film in einigen Aspekten dem Grundgesetz der Objektivität deutlich widersprechen, weshalb der Film kurzerhand aus dem Programm flog.

Abstinentes Fernsehen

Die ORF-Begründung: ",Artikel 7' ist eine politische Dokumentation, für die das Gebot der Objektivität und Meinungsvielfalt gilt - ebenso wie für das gesamte Informationsangebot des ORF (...) Die Prüfung des Films (...) konnte sich insbesondere auf die Vorentscheidung des Bundeskommunikationssenats im Falle der Dokumentation ,Die Kärntner Partisanen' aus dem Jahr 2002 stützen, in der die detaillierten Anforderungen im Hinblick auf eine derartige historische Aufarbeitung präzisiert wurden. Diesen Anforderungen entspricht die Produktion ,Artikel 7' nicht."

Was aber ist das für ein Verständnis von Meinungsvielfalt, wenn ein durchaus kritischer Film im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gar nicht mehr gesendet werden darf? Noch dazu, wo der ORF Artikel 7 aus Mitteln des Film-und Fernsehabkommens selbst mitfinanziert hat ...

Dass das Fernsehen dem nationalen und internationalen Erfolg des heimischen Dokumentarfilms kaum Rechnung trägt, ist ein bedauerlicher Umstand für die Branche. Denn wichtige zeitkritische Themen verlieren an Brisanz, wenn sie kein Publikum finden. An den Stoffen und den Filmen liegt das - wie der Erfolg von We Feed The World, Darwin's Nightmare & Co. zeigt - definitiv nicht.

Informationen der Interessensgemeinschaft österreichischer Dokumentarfilmschaffender: www.dok.at

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