Aktionstheater - © Stefan Hauer
Theater

"Vielleicht ist es meine Notwendigkeit"

1945 1960 1980 2000 2020

Das Vorarlberger „aktionstheater ensemble“, 1989 von ­Regisseur Martin Gruber gegründet, gilt inzwischen als die ­renommierteste freie Theatergruppe des Landes.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Vorarlberger „aktionstheater ensemble“, 1989 von ­Regisseur Martin Gruber gegründet, gilt inzwischen als die ­renommierteste freie Theatergruppe des Landes.

Der 1967 geborene Schauspieler, Regisseur und Nestroy-Preisträger Martin Gruber gründete vor 30 Jahren das „aktions­theater ensemble“­und fungiert als dessen künstlerischer Leiter. Die FURCHE traf ihn zu einem Gespräch.

DIE FURCHE: Martin Gruber, Sie können mit Ihrem „aktionstheater ensemble“ auf eine langjährige erfolgreiche Theaterarbeit zurückblicken. Wie würden Sie diesen Weg beschreiben?
Martin Gruber: Das ist ein langer Weg, aber ich kann ihn auch kurz beschreiben. Begonnen habe ich mit den Griechen, dann habe ich viele Klassiker gegen den Strich gebürstet und auch einige zeitgenössische Stücke gemacht. Vor etwas mehr als zwölf Jahren haben wir dann damit begonnen, eigene Stücke zu kreieren.

DIE FURCHE: Sie haben sich zur Gegenwart durchgearbeitet. Womit hat das zu tun?
Gruber:
Das hat zwei Gründe: Zum einen verspürten wir das Bedürfnis, dass die Stücke verstärkt etwas mit uns zu tun haben sollten. „To tear it down to the personal“ hat ein israelischer Kollege mir gegenüber ein solches Theater kürzlich genannt. Es ging also darum, ein Theater zu machen, das ganz privat und gefühlt etwas mit mir anstellt, denn nur so tut es möglicherweise auch etwas mit dem Publikum. Es fiel aber immer schwerer, das bei den Klassikern zu finden. Das andere ist, dass wer ernsthaft Theater betreibt, sich die Frage nach der eigenen Relevanz stellen muss. Das ist aber nicht so gemeint, sich wichtig zu nehmen und zu glauben, irgendwer würde auf unsere Meinung warten. Trotzdem hat es etwas mit dem Gefühl einer gewissen Dringlichkeit zu tun. Ja, das ist es eigentlich, was dazu geführt hat, den umgekehrten Weg einzuschlagen, nicht mehr Stücke nach Gegenwärtigkeit hin abzuklopfen und zu befragen, sondern die Gegenwart und das, was uns daran beschäftigt, in Theater zu überführen.

DIE FURCHE: Diesen Gegenwartsbezug hat das Wort von der „schnellen Eingreiftruppe“ hervorgebracht. Nun legt das die Annahme nahe, dass Theater etwas verändern könne. Glauben Sie wirklich daran, kann Theater das?
Gruber:
Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Zunächst kann oder muss man annehmen, dass Theater wahrscheinlich keine Wirkung hat. Aber es ist genauso gefährlich, sich überzubewerten wie sich unterzubewerten. Das wäre eine umgedrehte Hybris. Es geht mir aber auch nicht darum, mit Theater, wie von der Kanzel herunter, die Welt zu erklären. Das wäre mir peinlich. Ich schäme mich, wenn mir Theater erklärt, was richtig oder falsch ist.
Und das zweite ist, ich bin Mensch und Zeitgenosse, der sich zur Gegenwart irgendwie verhält. Und ich reagiere mit meinen Tools und das ist halt Theater. Zudem kann Thea­ter etwas, was nur es kann. In der Konstellation von Stimme, Gesang, Tanz, Körper, Choreografie, Licht und Bühne etc. können Dinge gesagt werden, die sich der Sprache und der kognitiven Annäherung entziehen. Indem die Elemente immer wieder anders miteinander in Beziehung gesetzt werden, werden auch immer wieder andere Aufmerksamkeitszentren aktiviert und ihre Zwischenräume erzeugen Echos, die Prozesse auslösen. In der Zusammenstellung der Elemente des Theaters tritt etwas hervor, was anders sich vielleicht nicht zeigen lässt.

DIE FURCHE: Könnte man sagen, Sie machen Theater, weil Sie nicht anders können?
Gruber:
Das klingt natürlich sehr groß. Aber ja, vielleicht ist es meine Notwendigkeit.