Dorothea Murri - <strong>Einstehen fürs Leben:</strong>  Das Genießen des Hier und Jetzt spielt für Dorothea Murri eine zentrale Rolle. Sie will Menschen in schwierigen Lebensphasen neue Kraft schenken - © Foto: Andreas Hänni

Dorothea Murri: „Sterben ist wie eine Geburt“

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Der Tod ist ein Tabuthema, das um Allerheiligen dennoch Raum bekommt. Trauerbegleiterin Dorothea Murri will helfen, diese Angstbarriere auch langfristig abzubauen.

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Der Tod ist ein Tabuthema, das um Allerheiligen dennoch Raum bekommt. Trauerbegleiterin Dorothea Murri will helfen, diese Angstbarriere auch langfristig abzubauen.

Halloween, Allerheiligen, Día de los muertos: Kulturen weltweit kennen Fest- und Gedenktage, an denen die Toten mithilfe von Ritualen in die Welt der Lebenden zurückgeholt werden. Der Angst vor dem Sterben wird kurzfristig die Kraft genommen. Die Schweizer Theologin Dorothea Murri ist evangelische Pfarrerin und hat ein Jahr lang die Beratungsstelle „Leben und Sterben“ in ihrer Pfarre geleitet. Als Coachin für Menschen in intensiven Lebensphasen bietet die Bernerin ihre Beratungen nun abseits von institutionellen Vorgaben an. Ein Gespräch über Spiritualität, Schuld, assistierten Suizid und befreiende Rituale.

DIE FURCHE: Wenn man Sie im Internet sucht, vermutet man zunächst nicht, dass Sie Pfarrerin sind. Wo ordnen Sie sich ein?
Dorothea Murri: Jesus ist für mich ein großes Vorbild. Er lebte vor, wie man als Mensch – verbunden mit Gott bzw. mit der allesumfassenden bedingungslosen Liebe – leben kann. Insofern war ich an einem guten Ort als Pfarrerin, aber mit den Dogmen und der Institution habe ich oft Mühe. Manchmal führen sie meines Erachtens von der Botschaft der bedingungslosen Zugewandtheit Gottes weg, die Jesus Christus verkündete.

DIE FURCHE: Sie arbeiten mit Menschen, die sich durch ein Ereignis in ihrem Leben in einer kompletten Leere wiederfinden. Wie gibt man hier Hoffnung?
Murri:
Wichtig ist, dass die Menschen überhaupt merken, dass ihnen die Hoffnung fehlt. Ich lasse sie erzählen, wie sie sich fühlen und wie sie sich stattdessen fühlen möchten. Ich bin überzeugt, dass wir alle, egal ob wir uns für spirituell oder religiös halten, verbunden sind mit der Lebensenergie, die uns wie einen Korken oben aufschwimmen lässt. Unser emotionaler Rucksack kann uns aber hinunterdrücken. Wenn Menschen einmal aussprechen dürfen, was sie belastet, wird ihnen der Druck genommen. Wenn man es beim Namen nennt, wird es leichter. Viel mehr braucht es oft nicht.

DIE FURCHE: Sie bieten auch Trauerreden abseits von institutionellen Kirchen an. Sehen Sie sich als eine Alternative?
Murri:
Ja, aber auch als Vertretung für das Institutionelle. Die Kirche bietet für viele eine Beheimatung und es ist schön, wenn die Menschen ihren Lebenskreis an dem Ort schließen dürfen, zu dem sie einen Bezug haben. Ich fände es richtig, dass alle Angehörigen, die das wünschen, das Abschiedsritual mit eigenen Musikund Textwünschen und persönlich gefärbten Ritualen mitgestalten dürfen.

DIE FURCHE: Als Trauerbegleiterin begegnen Sie auch Menschen, die sich für den „assistierten Suizid“ entscheiden, den es in der Schweiz schon Jahrzehnte gibt. Was erleben Sie dabei?
Murri:
Ich habe im letzten Jahr drei alte Menschen sehr nahe begleitet, die den assistierten Suizid gewählt haben. Alle drei waren so christlich geprägt, dass es ihnen wichtig war, von mir als Pfarrerin zu erfahren, ob ich ihre Entscheidung für eine Sünde halte. Einer von ihnen war 96 Jahre alt, hatte Blasenkrebs und nach einem Oberschenkelbruch war seine Lebensenergie weg. Wichtig ist mir, dass die Sterbewilligen nicht „heimlich“ gehen, sondern ihren Liebsten die Gelegenheit geben, sich zu verabschieden.

DIE FURCHE: Wie können Sie dabei helfen, Schuldgefühle zu nehmen?
Murri:
Ich bin oft in der Rolle der Mediatorin zwischen Sterbewilligen und ihren Angehörigen. Ich schaffe einen Raum, in dem alles ausgesprochen werden darf. Es entstehen wahnsinnig schöne und berührende Momente, in denen die sterbewillige Person und die Angehörigen sich in die Arme nehmen und klar wird, dass die Entscheidung nichts mit fehlender Liebe und Verbundenheit zu tun hat.

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