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Was der Geist wirkt

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Geistliche Begleitung, Wegbegleitung für Menschen, die auf der Suche sind oder vor Entscheidungen stehen, ist heute eine der Aufgaben für Orden.

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Geistliche Begleitung, Wegbegleitung für Menschen, die auf der Suche sind oder vor Entscheidungen stehen, ist heute eine der Aufgaben für Orden.

Ich kenne eine alleinstehende Frau, die mit 50 in Frühpension gegangen ist. Sie war Chefsekretärin, in dieser Position fühlte sie sich gefordert, oft auch überfordert. Sie sagte: „Das ist jetzt ein gutes Gefühl. Ich bin meinen Chef los und ich kann mir die Zeit nach meinem Geschmack gestalten." „Wie gestalten Sie Ihre Zeit?" fragte ich zurück. „Ich bin viel, genauer gesagt: meist auf Tour", sagte sie, „es steht immer was auf dem Programm: Reisen, Theater, Tennis, Volkshochschule, Besuche ..." Auf meine Frage, ob sie auch einmal zu Hause sei, wehrte sie ab: „Ich halte es daheim nicht aus, ich brauche Menschen um mich, es muß sich was rühren." Ich beharrte: „Sie könnte ja auch einmal wen zu sich einladen." Da merkte ich noch deutlicher ihre Abwehr: „Um Gottes willen! Bei mir schaut's aus und meine Wohnung ist klein." Daraufhin mein Vorschlag: „Wäre es nicht eine unterhaltsame Pensionsbeschäftigung, in der Wohnung aufzuräumen?"

Nach einiger Zeit rief sie mich abends an: „Ich bin ganz kaputt. Ich habe heute begonnen, meine Wohnung aufzuräumen, ich bin ohnedies nur bis zur Kommode gekommen. Anstrengend: Was heb' ich auf, was tu ich weg? Aber ich habe auch einiges gefunden, was mir wertvoll ist, von meiner Kindheit noch. Ich hatte längst darauf vergessen, wußte nicht, daß ich es noch habe. Seltsam, ich bin geschafft nach diesem Tag und doch fühle ich mich ganz lebendig. Und im übrigen: Meine Freundin habe ich auch eingeladen." Als wir das nächste Mal im Gespräch beisammen waren, fragte ich sie: „Und mit Ihrer Freundin, wie war's?" „Stellen Sie sich vor", sagte sie, „die ist tatsächlich gekommen. Wir sind dann schon im Vorraum hängen geblieben bei Bildern, die noch von meinem Großvater stammen. Meine Freundin fragte mich, wer und woher das ist, und da waren wir im Schauen und Erzählen unversehens in meiner Kindheit. Beim Kaffee ging's dann weiter, es war für mich tief berührend, daß sich wer für mich interessiert. Zum Abschied sagte die Freundin: ,Es war gemütlich, ich komme wieder.'" Im weiteren Verlauf des Gesprächs ist es uns natürlich klar geworden: die Wohnung, das ist sie selber.

Das ist ein Beispiel aus der Lebensmitte, wo im Übergang von einer Le-bensform in eine andere etwas deutlich wird, was auch sonst bedeutsam ist. In unserer schnellebigen Zeit werden wir von Angeboten, Anfragen, Erwartungen in alle Bichtungen gelockt, auch gedrängt oder gezogen, im Beruf, in der Freizeit, im öffentlichen und privaten Bereich. Die zentrifugalen Kräfte bestimmen das Tempo des Lebens. So kann es passieren, daß das eigene l^ebenshaus fremd bleibt, und daß das Gefühl sich einnistet: da finde ich nicht, wovon ich leben kann, ich muß anderswo suchen.

Wie geht es, daß Aktivitäten, die uns fordern, uns nicht von uns ablenken, entfremden? Wie können Herausforderungen zu Herausförderungen werden von dem, was in uns lebt?

Von Eisik, dem Sohn Jekels, der in Krakau sein Häuschen hat, erzählt die Geschichte, daß ihm mehrmals im Traum bedeutet wurde, es sei in Prag, unter der Brücke, die zum Königsschloß führt, ein Schatz vergraben. Kr wandert hin, um den Schatz zu suchen. Dort erfährt er, daß der Schatz bei ihm daheim unter dem Ofen in seiner Stube verborgen ist. Er kehrt heim und gräbt den Schatz aus. Er mußte nach Prag gehen, um zu erfahren, was er daheim hat.

Im anfangs beschriebenen Beispiel entdeckt die Frau im Aufräumen unter den vielen Sachen alte Kostbarkeiten. Im Gespräch mit einer Freundin merkt sie, daß es in ihrer Lebensgeschichte staunenswerte Ereignisse, Zusammenhänge, Fügungen gibt, die sie nicht beachtet hatte. Sie fängt an, sich dafür zu interessieren und in ihrem Lebenshaus heimisch zu werden.

Es gibt heute immer mehr Menschen, die in sich die Sehnsucht spüren, den lebenszerteilenden Kräften entgegen ihr Leben aus der eigenen Mitte zu gestalten. Sie fragen: Was ist mir gegeben als Gabe und Aufgabe? Wie kann das, was Gott mir gegeben hat, zur eigenen Lebensgestalt gedeihen?

Menschen, die ahnen, daß in ihnen mehr und Größeres angelegt ist, als sich bisher zeigen konnte, die darunter leiden, daß es so vieles gibt, in ihrer Umwelt, in ihnen selber, das blockiert und niederhält, was an Lebendigem und Echtem wachsen will.

So halten sie Ausschau nach Mitmenschen, die ihnen zu Wegbegleitern und Partnern werden können für ein Gespräch, das ihnen hilft, auf die Spur von dem zu kommen, was ist und was werden kann. In der langen Tradition des Glaubens hat sich rund um dieses Anliegen der Dienst der geistlichen Begleitung ausgebildet.

Geistliche Begleitung ist von der Überzeugung des Glaubens geleitet, daß Gott für jeden Menschen Gedanken des Heiles und das liebevolle Interesse hat, daß aus seinem lieben etwas Einmaliges, Großes und Ganzes wird. Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: „Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist

Gottes in euch wohnt?" (1 Kor 3,16) Was der Geist Gottes wirkt und in der Geschichte des Lebens schon bewirkt hat, darauf ist in der geistlichen Begleitung die Aufmerksamkeit gerichtet. Da kann eine Leitlinie aufgedeckt werden, die sich durchs Leben hindurchzieht und die wegweisend sein kann. So bestätigt die eigene Erfahrung, was im Psalm 23 als Glaubenszusage gemeint ist: „Der Herr ist mein Hirt, er ist es wirklich."

Auf die Überzeugung, daß Gott es ist, der das Leben leitet, stützt sich die geistliche Begleitung, sie versteht sich als Weg-Begleitung. Sie kann auch voraussetzen, daß in den Begleiteten selber die Werdekräfte am Werk sind und sich im Kontext der Lebensumstände einen Ausdruck suchen. Im Begleitgespräch sind auch die Widerstände anzuschauen und zu befragen, sodaß das Feld freier wird für die wesensgemäße Entfaltung des Lebens. Da sind dann Fragen zu klären, die mit Beziehungen, mit dem Beruf, mit fälligen Entscheidungen, eben mit dem Leben im Alltag zusammenhängen. Darin ist dann jeweils die Verbindung zur geistlichen Dimension zu suchen, zu dem Gott, der mitten in allen Dingen west und wirkt.

Eine besondere Chance bekommt die geistliche Begleitung im Prozeß der einzelbegleiteten Exerzitien. Das können geschlossene Exerzitien von acht Tagen sein oder Exerzitien im Alltag. Da wird im betenden Hinschauen auf Jesus die Beziehung zu ihm wachsen und im Gespräch fortschreitend deutlicher werden, was der eigene Auftrag ist im Einsatz für das Beich Gottes in unserer Welt.

Ordenschristen sind, was die Erfahrung von Begleitetwerden betrifft, privilegiert. Da kann, was in der Einführung ins Ordensleben an Begleitgesprächen vorgesehen ist, später von Mitbruder zu Mitbruder, von Mitschwester zu Mitschwester, auch zwischen Bruder und Schwester weitergehen als wechselseitige Hilfe auf dem Weg der Berufung.

Die eigene Erfahrung im Begleitetwerden, vielleicht ergänzt durch Weiterbildung, die dafür angeboten werden, wird so zum Kapital für Menschen, die einen Begleiter oder eine Begleiterin suchen. Das ist eine Anfrage an Ordensgemeinschaften in unserer Zeit, in der wir als Menschen im verwirrenden Spiel der Kräfte um uns herum und in uns den eigenen, selbstverantworteten, im Glauben begründeten Weg suchen und gehen möchten.

Der Autor ist

Jesuit und lebt in Wien. Er ist als Exerzitienbegleiter und Ausbildungsleiter in Kursen für geistliche Begleitung tätig.

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