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Intelligente Unterhaltung

1945 1960 1980 2000 2020

Kunst oder Kommerz? Diese Frage kümmert Regisseur Stefan Ruzowitzky nicht. Er ist auf Cineasten-Festivals ebenso erfolgreich wie in den Multiplexkinos.

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Kunst oder Kommerz? Diese Frage kümmert Regisseur Stefan Ruzowitzky nicht. Er ist auf Cineasten-Festivals ebenso erfolgreich wie in den Multiplexkinos.

Sadistische Mediziner, unethische Experimente, ein mysteriöser Geheimbund - das sind die Zutaten zu dem deutschen Horrorfilm "Anatomie", dem jüngsten Werk des österreichischen Regisseurs Stefan Ruzowitzky. Nach dem Underground-Film "Tempo" (1996) und dem preisgekrönten Streifen "Die Siebtelbauern" (1998) hat Ruzowitzky nun einen echten Kassenschlager gedreht: Über eineinhalb Millionen Menschen haben den Schocker aus dem Medizinstudenten-Milieu bisher gesehen - der erste deutschsprachige Film übrigens, der von einem großen US-Studio (Columbia) mit rund 60 Millionen Schilling finanziert wurde.

Die Furche: Ihr Film "Die Siebtelbauern" hat auf Festivals Preise abgeräumt, Ihr Thriller "Anatomie" hingegen ist ein Horrorfilm, der auf ein breites Publikum zielt. Bekommt man das unter einen Hut?

Stefan Ruzowitzky: Was ich machen möchte, ist intelligente Unterhaltung. "Die Siebtelbauern" und "Anatomie" sind die Enden des Spektrums: Ich möchte nicht mainstreamiger werden als mit "Anatomie" und nicht verquerer als mit den "Siebtelbauern".

Die Furche: Werden Sie in der österreichischen Filmszene als Abtrünniger angesehen, weil Sie bei einem kommerziellen Film Regie geführt haben?

Ruzowitzky: In der Presse habe ich gelesen, ich hätte den Kunstanspruch verraten und sei nur noch hinter dem großen Geld her. Aber ich glaube, daß sich viele Kollegen über meinen Erfolg freuen, weil es immer allen hilft, wenn ein österreichischer Regisseur erfolgreich ist. Dann heißt es schnell: Die Österreicher, die können das. Genauso ist es bei Festivals: Die Erfolge von Michael Haneke oder Barbara Albert helfen dem österreichischen Film.

Die Furche: Sind die in der Filmszene weit verbreiteten Dünkel gegenüber dem Kommerz schädlich für den österreichischen Film?

Ruzowitzky: Ja. Der europäische Film darf den Mainstream und die Multiplexe nicht Hollywood überlassen. Natürlich kann man sich in den Schmollwinkel stellen und sagen: Wir machen Kunst, das hat ein kleines Publikum, aber das ist uns egal. Oder man sagt: Ich versuche auch im konventionellen Unterhaltungsfilm Fuß zu fassen. Nicht nur mit Kabarettfilmen, wie in Österreich, oder mit Beziehungskomödien, wie in Deutschland, sondern im ganzen Spektrum. "Anatomie" ist Unterhaltungskino für ein junges Massenpublikum und gehorcht den Gesetzmäßigkeiten des Genres, aber er ist europäischer Die Furche: Was unterscheidet einen europäischen von einem amerikanischen Film?

Ruzowitzky: Im Vergleich zu amerikanischen Vorbildern wie "Scream" hat "Anatomie" eine komplexere Handlung und interessanter gezeichnete Figuren. Geschichten zu erzählen und ein geistiger Hintergrund - alte Universitätsstadt, medizinische Ethik - sind europäische Tugenden. Vieles aber mußte man übernehmen: Das Ende mußte nachgedreht werden, weil es nicht dem Klischee entsprochen hat. In Horrorfilmen wird der Böse gegen Ende umgebracht, man glaubt er ist tot, und dann kommt er noch einmal. Oder: Wer Sex hat, wird im Horrorfilm mit dem Tod bestraft. Das erwartet das Publikum, wie das Glas Wasser zum großen Braunen. In anderen Punkten haben wir Grenzen überschritten und es hat funktioniert: Daß etwa der Böse schon in der Mitte des Films identifiziert wird, ist ungewöhnlich. Oder: Weil der Film eine weibliche Hauptrolle hat, sind die Geschlechterrollen umgedreht. Die Sexobjekte sind diesmal die Burschen. Die Herausforderung lautete: Wie weit kann man Grenzen überschreiten? Nicht weil ich Europäer bin und das schick und künstlerisch finde, sondern weil der Film dadurch an Qualität und Originalität gewinnt.

Manche Leute haben zu mir gesagt, bei den "Siebtelbauern" hätte ich so großartig das Genre des Heimatfilms zerstört, "Anatomie" aber bliebe so konventionell innerhalb der Grenzen des Genres. "Die Siebtelbauern" hatte nie den Anspruch, das Genre zu zerstören, sondern zu erweitern. Ich will gute, unterhaltsame 90 Minuten machen und nicht in die Filmgeschichte eingehen als der Zerstörer von irgendwelchen Genres.

Die Furche: Sie arbeiten auch als Regisseur von Werbefilmen. Spielen Sie auch dort mit dem Genre?

Ruzowitzky: Das ist ein anderer Bereich, da trenne ich scharf. Werbung ist reines Handwerk, um Geld zu verdienen. Dort bin ich Tagelöhner, das ist nicht das, was ich denke, meine, fühle. Aber die Arbeit für die Werbung bietet den großen Vorteil, daß sie mich wirtschaftlich unabhängig von Spielfilmproduktionen macht. Würde ich keine Werbung machen, müßte ich das nächstbeste Fernsehspiel annehmen, so aber kann ich auf Projekte warten, die mich wirklich interessieren.

Die Furche: Der österreichische Film hat hierzulande keinen guten Leumund. Trifft das weit verbreitete Vorurteil zu, daß mit dem heimischen Filmschaffen etwas ganz grundsätzlich faul sei?

Ruzowitzky: Nein. Was aus internationaler Filmproduktion bei uns in die Kinos kommt, ist das Beste vom Besten - sowohl im Mainstream- als auch im Programmkinobereich. Nur Produktionen, die anderswo schon sehr gut gelaufen sind, gelangen zu uns. Von den österreichischen Filmen hingegen sehe ich alles. Aufgrund dieses Mißverhältnisses hat man natürlich das Gefühl: der österreichische Film ist Mist. Aber der Vergleich gilt einfach nicht.

Auch gibt es Filme, die sehr gut am heimischen Markt funktionieren, das ist ein wichtiger Teil einer gesunden Filmkultur. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß Filme wie "Hinterholz 8" im Ausland nicht ankommen: "Hinterholz 8" war so erfolgreich, weil er so österreichisch war, weil sich jeder Österreicher darin erkennt. Auch viele amerikanische Komödien kommen nie in unsere Kinos, weil der Humor einfach zu amerikanisch ist.

Große, glatte, international erfolgreiche Unterhaltungsfilme wie "Titanic" wird es aufgrund der Größe des Landes nie geben. In Österreich wird es auch nie eine so große Autoindustrie wie in Japan oder Deutschland geben. Auf dem Gebiet der Autoindustrie haben wir aber sehr wohl Zulieferfirmen, und im Filmbereich gibt es Co-Produktionen, wo österreichische Gelder mit dabei sind.

Die Furche: Welche Auswirkungen wird die derzeitige politische Situation auf das österreichische Filmschaffen haben?

Ruzowitzky: Die gesamte Gesellschaft ist politisiert. Freunde, die noch nie ein Wort über Politik verloren haben, sind auf einmal bestens informiert und haben eine Meinung. Aus diesem Klima heraus werden höchstwahrscheinlich auch politischere Filme entstehen.

Die Konservativen tun sich immer schwer, Künstler an sich zu binden. Das liegt in der Natur des Sache: Kreative suchen ständig Neues und Veränderungen, deswegen gibt es auch so wenige konservative oder gar reaktionäre Künstler.

Allerdings wird es auch oft zu einer Schere im Kopf kommen: Der ORF, der im Förderungssystem ganz dick drinnen ist, ist besonders gefährdet dafür. Und der klassisch-österreichisch finanzierte Film braucht den ORF.

Das Gespräch führte Michael Kraßnitzer.

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