Olivier Assayas - Olivier Assayas: Der 64-jährige französische Regisseur ist für Filme wie „Carlos – Der Schakal“ (2010), „Die Wolken von Sils Maria“ (2014) oder „Personal Shopper“ (2016) bekannt. - © APA/AFP/Vincenzo PInto
Medien

Kunst ist Dialog

1945 1960 1980 2000 2020

Olivier Assayas hat mit „Zwischen den Zeilen“ einen Film über die Veränderungen der Medienrezeption gedreht. Ein Gespräch über diesen Film und Assayas’ Philosophie dabei.

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Olivier Assayas hat mit „Zwischen den Zeilen“ einen Film über die Veränderungen der Medienrezeption gedreht. Ein Gespräch über diesen Film und Assayas’ Philosophie dabei.

Olivier Assayas ist der Philosoph unter den französischen Regisseuren. Das zeigt er auch in „Zwischen den Zeilen“, eine 107-minütige Auseinandersetzung mit bourgeoisen Kunst- und Medienschaffenden aus Paris, die aus Panik vor der Allmacht des Internets und der Algorithmen schon das Ende von Film, Buch, Musik & Co. kommen sehen. Das Gefühl, vom Zeitgeist eingeholt und überholt zu werden, schwingt in den ausufernden Dia­logen stets mit. Ein Gespräch über popkulturelle Referenzen, die Aufgabe des Publikums und welche Rolle eine Fellatio während einer Kinovorstellung von Hanekes „Das weiße Band“ im Film spielt.

Die Furche: Monsieur Assayas, vom Zeitgeist überholt zu werden, ist in Ihrem Film die Angst fast aller Protagonisten. Was setzt uns denn so unter Druck?
Olivier Assayas: Unsere Welt verändert sich immerzu. Das war schon immer so. Die Herausforderung dabei besteht in unserer Fähigkeit, diesen beständigen Wandel mit all seinen Strömungen begreifen zu lernen und zu sehen, was wirklich auf dem Spiel steht, wenn wir uns anpassen – oder das eben nicht tun. Genau darum geht es in der Politik und in der Meinungsbildung. Die Digitalisierung unserer Welt und ihre Neuerschaffung in Algorithmen ist der Motor einer Veränderung, die uns völlig überfordert. In der Digital Economy werden Regeln verletzt und oft auch Gesetze gebrochen. Darüber hinaus stellt dieses Wirtschaftssystem in Frage, was in unserer Gesellschaft bisher stabil und selbstverständlich zu sein schien. Mein Film versucht nicht zu analysieren, wie dieses neue digitale Gesellschaftssystem funktioniert. Vielmehr zeigt er, wie die hier aufgeworfenen Fragen uns durchrütteln – und zwar persönlich, emotional und humorvoll.

Die Furche: Der Film besticht durch seine vielen Dialoge und die Anspielungen an popkulturelle Phänomene unserer Zeit.
Assayas: Anfangs dachte ich, so eine Art von Film bekomme ich niemals finanziert.

Olivier Assayas ist der Philosoph unter den französischen Regisseuren. Das zeigt er auch in „Zwischen den Zeilen“, eine 107-minütige Auseinandersetzung mit bourgeoisen Kunst- und Medienschaffenden aus Paris, die aus Panik vor der Allmacht des Internets und der Algorithmen schon das Ende von Film, Buch, Musik & Co. kommen sehen. Das Gefühl, vom Zeitgeist eingeholt und überholt zu werden, schwingt in den ausufernden Dia­logen stets mit. Ein Gespräch über popkulturelle Referenzen, die Aufgabe des Publikums und welche Rolle eine Fellatio während einer Kinovorstellung von Hanekes „Das weiße Band“ im Film spielt.

Die Furche: Monsieur Assayas, vom Zeitgeist überholt zu werden, ist in Ihrem Film die Angst fast aller Protagonisten. Was setzt uns denn so unter Druck?
Olivier Assayas: Unsere Welt verändert sich immerzu. Das war schon immer so. Die Herausforderung dabei besteht in unserer Fähigkeit, diesen beständigen Wandel mit all seinen Strömungen begreifen zu lernen und zu sehen, was wirklich auf dem Spiel steht, wenn wir uns anpassen – oder das eben nicht tun. Genau darum geht es in der Politik und in der Meinungsbildung. Die Digitalisierung unserer Welt und ihre Neuerschaffung in Algorithmen ist der Motor einer Veränderung, die uns völlig überfordert. In der Digital Economy werden Regeln verletzt und oft auch Gesetze gebrochen. Darüber hinaus stellt dieses Wirtschaftssystem in Frage, was in unserer Gesellschaft bisher stabil und selbstverständlich zu sein schien. Mein Film versucht nicht zu analysieren, wie dieses neue digitale Gesellschaftssystem funktioniert. Vielmehr zeigt er, wie die hier aufgeworfenen Fragen uns durchrütteln – und zwar persönlich, emotional und humorvoll.

Die Furche: Der Film besticht durch seine vielen Dialoge und die Anspielungen an popkulturelle Phänomene unserer Zeit.
Assayas: Anfangs dachte ich, so eine Art von Film bekomme ich niemals finanziert.

Als Regisseur gibt man dem Film ein Rückgrat, der ihn universell anschaubar macht, aber was wirklich seinen Wert ausmacht, ist, welches Echo er auf den Zuschauer wirft.

Die Furche: Wieso nicht?
Assayas: Weil er einfach so viele Dialoge enthält. Weil es ein Film ist, der sich zuviel Gedanken macht über Ideen und darüber, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Weil er hinter die Kulissen von Politik und Gesellschaftssystem blickt. Dabei habe ich ganz intuitiv gearbeitet: Ich setzte mich hin, um eine Szene zu schreiben, die mir gerade einfiel, dann legte ich alles zur Seite, nur um es Monate später wieder aufzugreifen und weiterzuschreiben, wenn mir etwas Neues eingefallen war. Auf diese Weise ergab sich eine Szenensammlung, der ich aber durchaus Potenzial zutraute, als Film zu funktionieren. Und die auch durch und durch witzig war. Das war auch wichtig für den Stoff. Man kann sich durchaus mit abstrakten Dingen und Phänomenen auseinander-
setzen, solange man dabei humorvoll ist.

Die Furche: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Fellatio im Kino zu zeigen, in dem Hanekes „Das weiße Band“ läuft?
Assayas: Die Haneke-Szene entstand ohne tieferen Hintergrund. Sie ist wahrscheinlich meiner großen Liebe zu seinem Werk geschuldet. Ich sehe Haneke als einen der großen Filmemacher unserer Zeit, und ich habe ihn von Anbeginn an verehrt. Aber weil gerade „Das weiße Band“ zu so einem ultimativen Haneke-Film stilisiert wurde, fand ich es lustig, diese Szene zu schreiben.

Die Furche: Viele Szenen sind gespickt mit Anspielungen, es gibt sozusagen wie in den meisten Ihrer Filme eine oft gar nicht so versteckte zweite Ebene. Einen Subtext.
Assayas: Ja, das ist die Art, wie meine Vorstellungskraft funktioniert. Ich verstehe Filme nicht, die diesen Umstand ignorieren. Das Auslassen der Fantasie ist ein trauriges Kaputtmachen des Filmemachens. Wenn man sich nicht eingesteht, dass es ein Unterbewusstsein gibt, dann gibt es auch keinen Subtext. Man erzählt eine Geschichte an der Oberfläche, aber darunter spielt sich noch eine weitere Geschichte ab. Große Filmemacher wie Fritz Lang oder Alfred Hitchcock haben ihr Werk genau mit solchen Dingen gefüllt. Es ging bei ihnen immer um die Kommunikation dieser beiden Welten, weil sie verstanden hatten, worum es im Leben geht. Es wäre naiv, zu glauben, man dreht einen Film und zeigt nur die sichtbare Oberfläche her und könne das Narrative wirklich kontrollieren. Man darf nicht unterschätzen, was in den Zuschauern vor sich geht, wenn sie mit den Bildern eines Films konfrontiert werden. Jedenfalls ist das nichts Eindimensionales.

Die Furche: Es ist also das Publikum, das einen Film erst zu dem macht, was er ist?
Assayas: Die Geschichte, die man erzählt, findet ein Echo in der Rezeption des Publikums. Jeder Zuschauer sieht den selben Film, und auch wieder nicht. Denn es kommt immer darauf an, welche Vorgeschichte er oder sie mitbringt, wie die Prägungen sind, sozialer Hintergrund, und so weiter. Oder ganz einfach, mit welchem Fuß man heute früh aufgestanden ist. Ein Film verändert sich zu etwas anderem mit jedem neuen Zuschauer. Als Regisseur gibt man dem Film ein Rückgrat, der ihn universell anschaubar macht, aber was wirklich den Wert eines Films ausmacht, ist, welches Echo er auf den Zuschauer wirft. Es gibt keine Kunst ohne Dialog.