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Philosophieunterricht bei Erwachsenen: „Die Texte waren wie Raumschiffe“

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Mit dem „Sokrates Projekt“ bietet die Central European University (CEU) in Wien erstmals Kurse für Erwachsene an, die bislang kaum Bildungsmöglichkeiten hatten. Christoph Paret lehrte dort Philosophie. Gedanken über falsche Demut und provokante Klassiker.

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Mit dem „Sokrates Projekt“ bietet die Central European University (CEU) in Wien erstmals Kurse für Erwachsene an, die bislang kaum Bildungsmöglichkeiten hatten. Christoph Paret lehrte dort Philosophie. Gedanken über falsche Demut und provokante Klassiker.

Anfangs hatte ich wohl ein wenig Angst. Bei sonstigen gesellschaftlichen Veranstaltungen gibt es eine Art Drehbuch. So nervenaufreibend sie auch sein mögen (das erste Date, der erste Arbeitstag), es gibt doch Leitplanken, an denen man sich orientieren kann. Man weiß ungefähr, was einen erwartet, was sich gehört. Doch hier würden sich einander wildfremde Menschen versammeln. Sie würden freihändig etwas versuchen, was zumindest für sie selbst eine Prämiere bilden würde: Das sogenannte „Sokrates Projekt“ bietet an der Central European University (CEU) seit diesem Herbst erstmalig in Wien Kurse für Erwachsene an, die bislang wenige oder keine Bildungsmöglichkeiten hatten.

Doch was würde es heißen, „auf Universitätsniveau“ Leute zu unterrichten, für die die Frage der Bildung vielleicht sogar mit Frustrationen oder gar Demütigungen verbunden war? Musste ich nicht befürchten, dass die Kluft zwischen der Lebenswelt dieser Erwachsenen und mir als jemandem, der an der Universität unterrichtet, zu groß sein würde? Würde es mir gelingen, die Leute zu freimütigen Äußerungen zu bewegen? Oder sollte ich mir umgekehrt Sorgen darum machen, dass sie ungehemmt alles sagen würden, was ihnen in den Sinn käme?

Doch dann stellte sich etwas Überraschendes heraus: Ja, es zeigte sich eine große Kluft, aber sie bestand nicht zwischen mir und den Kursteilnehmern, und sie hatte auch nichts mit etwaigen Differenzen der Kursteilnehmer untereinander zu tun, sie bestand zwischen uns allen und den Texten, die wir lasen. Und dies lag nicht daran, dass diese Texte schwer verständlich gewesen wären, sondern Absonderliches zu sagen hatten. Die Texte der Alten waren wie Raumschiffe, die uns blitzschnell einen großen Abstand zu uns gewinnen ließen.

Zugegeben, in einigen wenigen Momenten flackerten auch in unserer kleinen Gruppe die Diskussionen auf, die alle Welt momentan bewegen: Die EU, Corona, der Klimawandel – und für kurze Zeit verwandelten wir uns in Sprechautomaten, welche die schon zigfach gehörten Argumente nachplapperten. So etwas kann dann, trotz aller Hitzigkeit, schnell langweilig werden. Schnell zügelten wir uns und konzentrierten unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Texte – doch wir taten das niemals, um in ruhigeres Fahrwasser zu geraten. Es wurde ziemlich klar, dass selbst die Extrempositionen der Gegenwart, die man gerne mit Fingerspitzen anfasst, neben dem, was unsere Autoren sagten, eigentümlich verhalten wirkte. Wo fände sich schon der Europaskeptiker, welcher einen derart starken Begriff von Selbstherrschaft wie ein Rousseau hätte? Welche Verschwörungserzählung könnte es mit Dostojewskis „Großinquisitor“ aufnehmen? Welcher Bildungsliebhaber wäre bereit, einzugestehen, was Platon im Höhlengleichnis zeigt: dass einen Bildung ganz und gar untauglich für die Gegenwart machen kann und dass derjenige, der der Höhle entfliehen konnte, um die Sonne zu sehen, sich bei seiner Rückkehr im Dunkel der Höhle schlechter zurechtfinden wird, als die unerleuchteten Höhlenbewohner? Ja, wir rieben uns in unserer kleinen Leserunde oft verwundert die Augen, wie gemäßigt, wie vernünftig, wie selbstgenügsam, ja, wie langweilig, wir uns im Vergleich zu denen ausnahmen, die man „Klassiker“ nennt!

Aufgewühlte Mails

Ganz gleich, ob man nun froh darüber ist oder ob man es bedauert: Die Vorstellungen von Gesellschaft und Erkenntnis, die uns aus diesen Texten entgegenkam, war in der Regel viel ambitionierter als unsere. Unsere gesellschaftliche Realität ist nicht so sehr eine Verwirklichung, sie ist eine Verwässerung ihrer Gedanken. Was sind wir anderes als Abtrünnige dessen, was wir leichter Hand unsere „Tradition“ nennen? Diejenigen der Kursteilnehmer, zu deren Alltag es nicht gehört, ein Buch in die Hand zu nehmen oder Texte zu verfassen, erwiesen sich in dieser Hinsicht nicht selten als die besseren Leser.

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