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Zeitgeschichte

Freie Bühne hinter Gefängnisgittern

1945 1960 1980 2000 2020
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Der Dokumentarfilm "Gangster Girls" zeigt anhand eines Theaterstückes mit Strafgefangenen den Sozialraum Haftanstalt auf. Was aber kann Theater bei den Beteiligten bewirken?

Für Sophia gab es kurz vor Kino-Start des Filmes "Gangster Girls" noch eine ziemliche Überraschung: Sie wurde vergangene Woche nach fast drei Jahren Haft aus der Justizanstalt Schwarzau entlassen. Erstmals kann die Frau den Film, in dem sie mitspielt, anschauen, ohne nachher in ihre Zelle zurückfahren zu müssen. Endlich kann sie nachher in ihr neues Leben entschwinden, das sie nun beginnen möchte und das durch ihre Verurteilung wegen Betrugs so jäh unterbrochen wurde.

Sophia - das ist ihr Künstlername im Film, ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen, auch sonst keine weiteren persönlichen Angaben machen - will den Film vielleicht noch ein-, zweimal anschauen. "Aber eigentlich habe ich mit diesem Leben abgeschlossen und möchte ein neues Leben beginnen." Sie hat einen Freund, eine Wohnung, sucht eine Arbeit im Gastgewerbe. "Dort fragt niemand nach einem Führungszeugnis."

"Habe dadurch einiges aufgearbeitet"

Sie wolle nicht mehr an die Haft erinnert werden, und doch erinnere sie sich jeden Tag daran, erzählt sie. Als sie den Film im Herbst 2008 zum ersten Mal gesehen hat, hat er ihr nicht gefallen. "Es kam mir fremd vor, ich habe nicht mehr gewusst, was ich damals gesagt habe." Die Drehzeiten lagen doch schon ein Jahr zurück. "Doch mittlerweile mag ich ihn. Es hat sich für mich dadurch schon einiges geändert. Ich habe dadurch einiges aufgearbeitet."

Sie habe sich aber in ihrer Persönlichkeit durch das Schauspielen nicht verändert, meint sie. "Ich bin jetzt so wie früher. Mit der Tat habe ich mich ohnehin jeden Tag auseinandergesetzt. Ich habe sie von Anfang an bereut." Allerdings: "Das Theaterspielen war so weit weg vom Gefängnis-Alltag - etwas ganz anderes!"

Theater im Knast hat im Frauengefängnis Schwarzau Tradition. Nun ist erstmals mit "Gangster Girls" unter der Regie von Tina Leisch (s. unten) ein Film zur Theaterarbeit entstanden. Für das nächste Theaterstück laufen schon die Proben. Es ist erneut ein "koedukatives" Stück: Junge Männer aus der Justizanstalt Gerasdorf und Frauen aus Schwarzau stehen gemeinsam auf der Bühne.

Was aber verspricht man sich davon? Tina Leisch hat schon mehrer Stücke mit Leuten in schwierigen Lebenssituationen zur Aufführung gebracht: mit psychisch kranken Rechtsbrechern, mit Obdachlosen, mit Gefängnisinsassen. Was diese Arbeit für die Teilnehmenden bedeuten kann, ist für Leisch leicht erklärt: "Theater ist toll, es ist eine Herausforderung, die Leute kriegen gemeinsam etwas auf die Reihe, sie haben ein Erfolgserlebnis und gleichzeitig ist es etwas ganz anderes gegenüber ihrem sonstigen Alltag." Zudem steht bei Leischs Arbeit - anders als bei theatertherapeutischen Arbeiten - die künstlerische Inszenierung im Vordergrund.

Über die Tat wollte man bewusst nicht sprechen. Gleichwertigkeit und Unvoreingenommenheit waren laut Leisch zentral. Am Ende stand ein Stück, wofür Leute zahlen, um es sehen zu können. "Wir hatten nicht die Absicht, bessere Menschen aus den Frauen zu machen, sondern gaben ihnen die Möglichkeit, sich mit künstlerischen Formen auseinanderzusetzen. Was die Frauen damit machen, ist ihre Sache", fügt Sandra Selimovi´c hinzu; sie war Regieassistentin und Choreografin des Stückes und Filmes.

Der Leiter der Justizanstalt Schwarzau, Gottfried Neuberger, hat etwas andere Ansprüche: "Wenn man Menschen schon einsperrt, dann soll im Strafvollzug etwas Vernünftiges mit den Menschen passieren. Es soll so weit als möglich sichergestellt sein, dass es den Menschen bei der Entlassung besser geht als zuvor. Die Frauen sollten sich mit sich auseinandersetzen und in ihrer Persönlichkeit ein Stück weit reifen. Da ist das Theater ein möglicher Zugang neben anderen Angeboten. Die wirkliche Tat-Bearbeitung erfolgt aber in der Therapie."

Einen anderen Zugang als Leisch in ihrer Arbeit verfolgt die Theatertherapie. Ein Jahr lang, drei Tage pro Monat, arbeitete Theatertherapeutin Sandra Anklam und ein Kollege mit Schwerstverbrechern in Hohen-Asperg bei Stuttgart. Die meisten Männer, die sich daran freiwillig beteiligten, werden niemals mehr aus dem Gefängnis entlassen werden. "Bei der Theatertherapie steht der Prozess im Vordergrund", erklärt die Essener Therapeutin. Es soll das Delikt aufgearbeitet werden. Die Täter sollen zudem lernen, ihre Gefühle zu kontrollieren und Empathiefähigkeit zu entwickeln. Die Tat wird mit wechselnden Rollenspielen nachgestellt.

Auf die Frage, wozu der Aufwand, wenn diese Männer ohnehin nicht mehr freikommen, antwortet Anklam: "Viele dieser Männer verstehen zum ersten Mal, was sie ihren Opfern angetan haben. Die allermeisten sind durch diese Arbeit zum ersten Mal in Reflexion gekommen und nahmen Kontakt zu ihren Opfern auf. Das ist für viele Opfer sehr wichtig", sagt Anklam. Zudem sei es wichtig, dass diese Täter nicht nur weggeschlossen würden, sonden dass man ihnen die Möglichkeit gebe, sich mit sich auseinanderzusetzen und sich zu entwickeln.

Verstehen, was sie Opfer angetan haben

Die Sinnhaftigkeit des Wegsperrens stellt Tina Leisch in Frage. Viele Insassen würden erst im Knast und seinen Subkulturen die "Schule des Verbrechens" lernen. Neuberger ist naturgemäß anderer Meinung: "Die Leute werden nicht schlechter entlassen, als sie kommen", zeigt er sich überzeugt. "Ich glaube nicht, dass die Frauen noch etwas in krimineller Hinsicht lernen können, was sie nicht schon konnten."

Generell liegt die Rückfallsquote nach Haft mit 50 Prozent hoch: "Es muss sehr viel schiefgehen, dass ein Mensch ins Gefängnis kommt, es muss aber auch sehr viel gutgehen, damit er es dann schafft", entgegnet Neuberger und erhofft sich positive Effekte durch den Film: Die Leute "draußen" sollten sehen, dass die Insassinnen eine zweite Chance verdient hätten. "Die Frauen bei uns haben teilweise Furchtbares getan, aber auch Furchtbares erlitten. Ich habe überhaupt keine Sympathie für die Tat, aber dahinter stecken Menschen, für diese habe ich Sympathie."

Der Dokumentarfilm "Gangster Girls" zeigt anhand eines Theaterstückes mit Strafgefangenen den Sozialraum Haftanstalt auf. Was aber kann Theater bei den Beteiligten bewirken?

Für Sophia gab es kurz vor Kino-Start des Filmes "Gangster Girls" noch eine ziemliche Überraschung: Sie wurde vergangene Woche nach fast drei Jahren Haft aus der Justizanstalt Schwarzau entlassen. Erstmals kann die Frau den Film, in dem sie mitspielt, anschauen, ohne nachher in ihre Zelle zurückfahren zu müssen. Endlich kann sie nachher in ihr neues Leben entschwinden, das sie nun beginnen möchte und das durch ihre Verurteilung wegen Betrugs so jäh unterbrochen wurde.

Sophia - das ist ihr Künstlername im Film, ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen, auch sonst keine weiteren persönlichen Angaben machen - will den Film vielleicht noch ein-, zweimal anschauen. "Aber eigentlich habe ich mit diesem Leben abgeschlossen und möchte ein neues Leben beginnen." Sie hat einen Freund, eine Wohnung, sucht eine Arbeit im Gastgewerbe. "Dort fragt niemand nach einem Führungszeugnis."

"Habe dadurch einiges aufgearbeitet"

Sie wolle nicht mehr an die Haft erinnert werden, und doch erinnere sie sich jeden Tag daran, erzählt sie. Als sie den Film im Herbst 2008 zum ersten Mal gesehen hat, hat er ihr nicht gefallen. "Es kam mir fremd vor, ich habe nicht mehr gewusst, was ich damals gesagt habe." Die Drehzeiten lagen doch schon ein Jahr zurück. "Doch mittlerweile mag ich ihn. Es hat sich für mich dadurch schon einiges geändert. Ich habe dadurch einiges aufgearbeitet."

Sie habe sich aber in ihrer Persönlichkeit durch das Schauspielen nicht verändert, meint sie. "Ich bin jetzt so wie früher. Mit der Tat habe ich mich ohnehin jeden Tag auseinandergesetzt. Ich habe sie von Anfang an bereut." Allerdings: "Das Theaterspielen war so weit weg vom Gefängnis-Alltag - etwas ganz anderes!"

Theater im Knast hat im Frauengefängnis Schwarzau Tradition. Nun ist erstmals mit "Gangster Girls" unter der Regie von Tina Leisch (s. unten) ein Film zur Theaterarbeit entstanden. Für das nächste Theaterstück laufen schon die Proben. Es ist erneut ein "koedukatives" Stück: Junge Männer aus der Justizanstalt Gerasdorf und Frauen aus Schwarzau stehen gemeinsam auf der Bühne.

Was aber verspricht man sich davon? Tina Leisch hat schon mehrer Stücke mit Leuten in schwierigen Lebenssituationen zur Aufführung gebracht: mit psychisch kranken Rechtsbrechern, mit Obdachlosen, mit Gefängnisinsassen. Was diese Arbeit für die Teilnehmenden bedeuten kann, ist für Leisch leicht erklärt: "Theater ist toll, es ist eine Herausforderung, die Leute kriegen gemeinsam etwas auf die Reihe, sie haben ein Erfolgserlebnis und gleichzeitig ist es etwas ganz anderes gegenüber ihrem sonstigen Alltag." Zudem steht bei Leischs Arbeit - anders als bei theatertherapeutischen Arbeiten - die künstlerische Inszenierung im Vordergrund.

Über die Tat wollte man bewusst nicht sprechen. Gleichwertigkeit und Unvoreingenommenheit waren laut Leisch zentral. Am Ende stand ein Stück, wofür Leute zahlen, um es sehen zu können. "Wir hatten nicht die Absicht, bessere Menschen aus den Frauen zu machen, sondern gaben ihnen die Möglichkeit, sich mit künstlerischen Formen auseinanderzusetzen. Was die Frauen damit machen, ist ihre Sache", fügt Sandra Selimovi´c hinzu; sie war Regieassistentin und Choreografin des Stückes und Filmes.

Der Leiter der Justizanstalt Schwarzau, Gottfried Neuberger, hat etwas andere Ansprüche: "Wenn man Menschen schon einsperrt, dann soll im Strafvollzug etwas Vernünftiges mit den Menschen passieren. Es soll so weit als möglich sichergestellt sein, dass es den Menschen bei der Entlassung besser geht als zuvor. Die Frauen sollten sich mit sich auseinandersetzen und in ihrer Persönlichkeit ein Stück weit reifen. Da ist das Theater ein möglicher Zugang neben anderen Angeboten. Die wirkliche Tat-Bearbeitung erfolgt aber in der Therapie."

Einen anderen Zugang als Leisch in ihrer Arbeit verfolgt die Theatertherapie. Ein Jahr lang, drei Tage pro Monat, arbeitete Theatertherapeutin Sandra Anklam und ein Kollege mit Schwerstverbrechern in Hohen-Asperg bei Stuttgart. Die meisten Männer, die sich daran freiwillig beteiligten, werden niemals mehr aus dem Gefängnis entlassen werden. "Bei der Theatertherapie steht der Prozess im Vordergrund", erklärt die Essener Therapeutin. Es soll das Delikt aufgearbeitet werden. Die Täter sollen zudem lernen, ihre Gefühle zu kontrollieren und Empathiefähigkeit zu entwickeln. Die Tat wird mit wechselnden Rollenspielen nachgestellt.

Auf die Frage, wozu der Aufwand, wenn diese Männer ohnehin nicht mehr freikommen, antwortet Anklam: "Viele dieser Männer verstehen zum ersten Mal, was sie ihren Opfern angetan haben. Die allermeisten sind durch diese Arbeit zum ersten Mal in Reflexion gekommen und nahmen Kontakt zu ihren Opfern auf. Das ist für viele Opfer sehr wichtig", sagt Anklam. Zudem sei es wichtig, dass diese Täter nicht nur weggeschlossen würden, sonden dass man ihnen die Möglichkeit gebe, sich mit sich auseinanderzusetzen und sich zu entwickeln.

Verstehen, was sie Opfer angetan haben

Die Sinnhaftigkeit des Wegsperrens stellt Tina Leisch in Frage. Viele Insassen würden erst im Knast und seinen Subkulturen die "Schule des Verbrechens" lernen. Neuberger ist naturgemäß anderer Meinung: "Die Leute werden nicht schlechter entlassen, als sie kommen", zeigt er sich überzeugt. "Ich glaube nicht, dass die Frauen noch etwas in krimineller Hinsicht lernen können, was sie nicht schon konnten."

Generell liegt die Rückfallsquote nach Haft mit 50 Prozent hoch: "Es muss sehr viel schiefgehen, dass ein Mensch ins Gefängnis kommt, es muss aber auch sehr viel gutgehen, damit er es dann schafft", entgegnet Neuberger und erhofft sich positive Effekte durch den Film: Die Leute "draußen" sollten sehen, dass die Insassinnen eine zweite Chance verdient hätten. "Die Frauen bei uns haben teilweise Furchtbares getan, aber auch Furchtbares erlitten. Ich habe überhaupt keine Sympathie für die Tat, aber dahinter stecken Menschen, für diese habe ich Sympathie."