Pedro Costa - Pedro Costa: Der 60-jährige portugiesische Regisseur ("O Sangue", 1989; "Casa de Lava", 1994; "Ossos", 1997; "O nosso Homem", 2010) mit dem Goldenen Leoparden von Locarno 2019. - © Massimo Pedrazzini / Locarno Film Festival
Kritik

Kunst mit Tradition

1945 1960 1980 2000 2020

In Locarno hält man die Filmkunst hoch: "Vitalina Varela" des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa war der große Sieger beim 72. Filmfestival im Tessin.

1945 1960 1980 2000 2020

In Locarno hält man die Filmkunst hoch: "Vitalina Varela" des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa war der große Sieger beim 72. Filmfestival im Tessin.

In gewisser Weise ist ein Film wie Pedro Costas "Vitalina Varela" ein ganz typischer und darob auch passender Preisträger bei einer Filmschau wie jener von Locarno. Denn er setzt alle Hebel in Bewegung, die den Mechanismus dieses wichtigsten Arthaus-Entdecker -Festivals der Welt ausmachen: Nicht ausgetretene Pfade, nicht künstlerischer Konformismus, nicht hanebüchene TV-Dramaturgie machen die Filme im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden aus, sondern jeweils das Gegenteil: Spröde, ja auch anstrengende Filme, die einen fordern, die ganz eigene, manchmal auch radikale Wege in Stil und Inhalt gehen und die kaum Rücksicht auf Sehgewohnheiten nehmen. Hier im malerischen Schweizer Tessin, wo das Essen teuer, der See erfrischend und die Urlaubsgäste finanziell potent sind, hat sich ausgerechnet das Nischenkino mit seiner Filmkunst das größte Ansehen erspielt, über immerhin schon 72 Festspiel-Ausgaben.

Und hier, in Locarno, hat sich das auch unter der neuen Leiterin, der 42-jährigen Französin Lili Hinstin nicht geändert, die den Job von Carlo Chatrian übernommen hat, weil dieser künftig die Berlinale leiten wird. Hinstin hat ganz bewusst Filme wie Costas "Vitalina Varela" ausgewählt, weil sie -gerade im Fall von Costa, der kein Festivalneuling in Locarno ist -die Tradition dieses Filmfestivals hochhalten will: Nonkonformismus als Vorbedingung für ein bedingungsloses Kino der Kunst.

Costa, der für seinen Film am Samstag mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde, treibt seinen kunstvollen Zugang zur Filmsprache auf die Spitze: Es geht um die Geschichte der 55-jährigen Kapverdin Vitalina, die ihren Mann seit Jahrzehnten nicht gesehen hat; sie macht sich von der ehemaligen portugiesischen Kolonie auf, um ihn in Lissabon wiederzutreffen, aber sie ist zu spät: Drei Tage vor ihrer Ankunft ist er gestorben.

Erster Hauptpreis für Pedro Costa

Was folgt, ist weniger Erzählung als vielmehr Zustandsbeschreibung: Costa zeigt Vitalina im heruntergekommenen Haus ihres Gatten bei der Trauerarbeit, doch alles hier ist der Realität ein wenig entrückt, es formen zwar elegante, aber auch entrische Bilder ein Horrormärchen zwischen tiefgehenden Emotionen und auch gespenstischen Phasen der inneren Leere. Pedro Costa, schon lange Jahre ein Liebling der Feuilletons, gewinnt seinen ersten Hauptpreis bei einem A-Festival -und man darf davon ausgehen, dass "Vitalina Varela" im Herbst auch bei der Viennale in Wien zu sehen sein wird, da auch dieses Festival Costas Arbeiten stets hochgehalten hat.


In gewisser Weise ist ein Film wie Pedro Costas "Vitalina Varela" ein ganz typischer und darob auch passender Preisträger bei einer Filmschau wie jener von Locarno. Denn er setzt alle Hebel in Bewegung, die den Mechanismus dieses wichtigsten Arthaus-Entdecker -Festivals der Welt ausmachen: Nicht ausgetretene Pfade, nicht künstlerischer Konformismus, nicht hanebüchene TV-Dramaturgie machen die Filme im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden aus, sondern jeweils das Gegenteil: Spröde, ja auch anstrengende Filme, die einen fordern, die ganz eigene, manchmal auch radikale Wege in Stil und Inhalt gehen und die kaum Rücksicht auf Sehgewohnheiten nehmen. Hier im malerischen Schweizer Tessin, wo das Essen teuer, der See erfrischend und die Urlaubsgäste finanziell potent sind, hat sich ausgerechnet das Nischenkino mit seiner Filmkunst das größte Ansehen erspielt, über immerhin schon 72 Festspiel-Ausgaben.

Und hier, in Locarno, hat sich das auch unter der neuen Leiterin, der 42-jährigen Französin Lili Hinstin nicht geändert, die den Job von Carlo Chatrian übernommen hat, weil dieser künftig die Berlinale leiten wird. Hinstin hat ganz bewusst Filme wie Costas "Vitalina Varela" ausgewählt, weil sie -gerade im Fall von Costa, der kein Festivalneuling in Locarno ist -die Tradition dieses Filmfestivals hochhalten will: Nonkonformismus als Vorbedingung für ein bedingungsloses Kino der Kunst.

Costa, der für seinen Film am Samstag mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde, treibt seinen kunstvollen Zugang zur Filmsprache auf die Spitze: Es geht um die Geschichte der 55-jährigen Kapverdin Vitalina, die ihren Mann seit Jahrzehnten nicht gesehen hat; sie macht sich von der ehemaligen portugiesischen Kolonie auf, um ihn in Lissabon wiederzutreffen, aber sie ist zu spät: Drei Tage vor ihrer Ankunft ist er gestorben.

Erster Hauptpreis für Pedro Costa

Was folgt, ist weniger Erzählung als vielmehr Zustandsbeschreibung: Costa zeigt Vitalina im heruntergekommenen Haus ihres Gatten bei der Trauerarbeit, doch alles hier ist der Realität ein wenig entrückt, es formen zwar elegante, aber auch entrische Bilder ein Horrormärchen zwischen tiefgehenden Emotionen und auch gespenstischen Phasen der inneren Leere. Pedro Costa, schon lange Jahre ein Liebling der Feuilletons, gewinnt seinen ersten Hauptpreis bei einem A-Festival -und man darf davon ausgehen, dass "Vitalina Varela" im Herbst auch bei der Viennale in Wien zu sehen sein wird, da auch dieses Festival Costas Arbeiten stets hochgehalten hat.


"Vitalina Varea" setzt alle Hebel in Bewegung, die das wichtigste Arthaus-Entdecker-Festival der Welt ausmachen.

Nicht nur beim Hauptpreis entschied sich die Jury unter dem Vorsitz der französischen Regisseurin Catherine Breillat für Costas Film. Auch der Preis für die beste Schauspielerin ging an die von den Kapverden stammende Vitalina Varela, die sich im Gewinnerfilm selbst spielt.

Das erste Festival für Lili Hinstin

Lili Hinstin hat mit ihrem ersten Programm die Tradition des Festivals von Locarno hochgehalten, zugleich aber auch versucht, die dem Kino abhanden kommenden Besuchergruppen zurückzuholen: Die Jungen wollte Hinstin mit mehr Festival-Partys als je zuvor anlocken. Ihre Theorie: Wenn es gute Partys gibt, viel Tessiner Wein und soziale Kontakte, dann wird auch das Kino davon profitieren. Was gibt es Schöneres als ein Filmerlebnis auf der 8000 Zuschauer fassenden Piazza Grande zu erleben, Open Air und bei sommerlichen Temperaturen? Gemeinschaftlicher kann Kino kaum sein, davon ist Hinstin überzeugt. Und deshalb hat sie auf der Piazza Grande auch jede Menge Quotenkino programmiert: Neben Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ zählte Asif Kapadias Doku „Diego Maradona“ über den weltberühmten Fußballer und der Thriller „7500“ über eine Flugzeugentführung zu den Highlights dieser Festivalschiene. „7500“ ist übrigens das Langfilmdebüt des Deutschen Patrick Vollrath, der bei Michael Haneke in Wien Regie studierte und mit seinem Kurzfilm „Alles wird gut“ den Studentenoscar gewann und auch eine Nominierung für den regulären Kurzfilmoscar erhielt. Das spannende Drama zirkelt um den Co-Piloten (Joseph Gordon-Levitt) eines entführten Airbus 319 auf dem Weg von Berlin nach Paris – besonders dabei ist, dass die gesamte Handlung nur innerhalb des Cockpits spielt und sich so eine streckenweise durchaus gelungene Kammerspiel-Konstellation ergibt.

Solche Filme, die auf der Piazza gezeigt werden, sind in Locarno außerhalb des Wettbewerbs angesiedelt, aber Hinstin zeigt, dass ihr beide Schienen wichtig sind und dass das Kino kein elitäres Nischenprodukt der Kunst sein soll, sondern eine in allen Genres lebendige, gemeinschaftliche Erfahrung. Bester Darsteller wurde der Brasilianer Regis Myrupu, der in der brasilianischfranzösisch-deutschen Gemeinschaftsproduktion „A Febre“ („Fieber“) die Rolle eines indigenen Arbeiters spielt. Bester Regisseur war laut Jury der Franzose Damien Malivel für „Les Enfants d’Isadora“ („Die Kinder von Isadora“). Er widmet sich in seinem Spielfilm sehr originell dem emotionalen Reichtum der Tanzkunst. „Pa-go“ („Die Höhe der Welle“), ein gesellschaftskritischer Krimi von Regisseur Park Jung-bum aus Südkorea, bekam den Spezialpreis der Jury.

Hinstin hat für ihr Debüt durchaus ein solides Locarno-Programm aufgestellt, auch wenn einige der Filme dazu beitrugen, dass man vielleicht nicht die Stärke früherer Jahrgänge ausmachen konnte. Doch darin ist jeder Festival-Chef in der gleichen Situation: Zeigen kann man nur, was es am Kinoweltmarkt eben derzeit gibt.

Die erste Filmadresse Locarno

Weshalb Hinstin auch mit viel Leidenschaft dafür eintritt, auch entlegenere Stimmen des Weltkinos ins Zentrum zu rücken, um ihnen Gehör zu verschaffen – und auch, um neue Wege der Filmkunst aufzuzeigen. Sie wolle sich „wieder mehr überraschen lassen“, sagte Hinstin der NZZ. Und auch, dass sie vermehrt das Unerwartete vermisse. Dabei geht es natürlich auch um den Einfluss von Netflix, Amazon und Co. auf die Filmindustrie: Deren Produktionen bedeuten bloß eine scheinbare Vielfalt in den Kinosälen und vor den Fernsehern; denn durch die Algorithmen der Produzenten wird oftmals nur mehr produziert, was der zahlende Kunde angeblich auch sehen will. Die Folge: Immer mehr Menschen sehen immer ähnlichere Programme in immer weniger Sendern und Kinos, weil der uniformierte Geschmack durch den Algorithmus die beliebten Geschichten fortschreibt und die zunächst nicht so beliebten gleich aussortiert.

Das dürfte in Locarno nicht passieren, wo die Filmkunst auch dank einer Leiterin wie Lili Histin Zukunft zu haben scheint. Und wo nicht einmal das verlockende kühle Nass des Lago Maggiore dem Kino den Rang ablaufen kann. „Ich finde, in Locarno ist Platz für beides“, sagt Hinstin: „Für die Erfrischung und für das Kino. Das gibt es auf der ganzen Welt kein zweites Mal“.