
Kultur! Eine Ansage.
Kultur ist also nicht systemrelevant. Was sagt das über das System? Denn Kultur scheint sehr relevant für den Menschen.
Kultur ist also nicht systemrelevant. Was sagt das über das System? Denn Kultur scheint sehr relevant für den Menschen.
Dieses Jahr hat einige Begriffe an die Oberfläche gespült, über die es nachzudenken lohnt. Systemrelevant zum Beispiel. Was das System braucht, damit es nicht zusammenbricht, wurde im Zuge der Covid-19-Maßnahmen entschieden. Die Kultur gehört nicht dazu, war dabei zu erfahren, und das hat einige erregt, verständlicherweise vor allem die Kulturschaffenden selbst. Der eine oder andere Protest war zu hören, zumindest bis finanzielle Unterstützung floss. Danach und darüber hinaus blieb es seltsam still. Diese Stille in der Gesellschaft zeigt etwas, so wie auch die Kategorisierung durch Regierung und Parlament.
Der Soziologe Andreas Reckwitz nannte Kultur humanrelevant, relevant also für den Menschen. Seit der breiteren Verwendung des deutschen Begriffs Kultur im 18. Jahrhundert verwies man zunehmend auf das Vermögen des Menschen, sich Bereiche der Unabhängigkeit von alltäglichen Zwängen zu schaffen. Mehr noch, behauptete Friedrich Schiller, der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Das „Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen“, fand denn auch als Artikel 27 Eingang in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
Die Humanrelevanz zeigt sich auch im alltäglichen Leben: Bei Kindern, die im Rollenspiel Verletzungen bearbeiten und Wünsche artikulieren. Bei der Frau, die nachts Gedichte gegen die Schmerzen rezitiert. Beim Witwer, dem Konzertbesuche durch seine Einsamkeit helfen. Oder bei Didier Eribon, dem Namen und Titel aus dem Reich der Literatur einst „klangen wie Passwörter zu einer fremden Welt, die hinter einer unsichtbaren, unüberwindbaren Grenze lag.“
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