#

75 Jahre DIE FURCHE

Leitartikel

75 Jahre FURCHE oder: Die Kunst des Unmöglichen

1945 1960 1980 2000 2020

Tiefgang und Weitblick: An diesen Ansprüchen orientiert sich die FURCHE seit 75 Jahren. Oft totgesagt, ist sie immer wieder neu aufgebrochen. Zum Jubiläum eines Solitärs.

1945 1960 1980 2000 2020

Tiefgang und Weitblick: An diesen Ansprüchen orientiert sich die FURCHE seit 75 Jahren. Oft totgesagt, ist sie immer wieder neu aufgebrochen. Zum Jubiläum eines Solitärs.

Fiebrige geistige Unruhe“: Mit diesen Worten beschrieb der ehemalige Chefredakteur der Kleinen Zeitung, Kurt Wimmer, in der 60-Jahr-Jubiläumsausgabe dieser Zeitung die besondere Stimmungslage des Jahres 1945. Krieg und eine totalitäre Ideologie hatten „die Hirne verwüstet, Moral zerstört und Humanität vernichtet“, wie es der Publizist und Historiker Friedrich Heer damals empfand. Zugleich gab es „echten Enthusiasmus, Ergriffenheit und den Willen, alle Impulse aufzunehmen, die man erhalten konnte.“

Mitten in dieser Zeit der Unruhe, des Aufbruchs, aber auch und besonders des Mangels wagte der damals bereits 73-jährige Friedrich Funder schier Unmögliches: Der ehemalige Chefredakteur der christlichsozialen Reichspost und Scharfmacher, der durch den „Geist der Lagerstraße“ im Dachau geläutert worden war, gründete ein neues Wochenblatt, eine "kulturpolitische Wochenschrift": die FURCHE. Erstmals erschienen am 1. Dezember 1945, sollte sie ein Beitrag zum geistigen Wiederaufbau sein, gleichsam eine Furche durch den von Krieg und Verheerung verhärteten Ackerboden ziehen. Ein "hohes geistiges Forum" sollte diese Zeitung werden - getragen vom Geist der Versöhnung. Dass dies gelingen konnte, ging wesentlich auf Friedrich Heer zurück, den Funder 1949 in die FURCHE-Redaktion holte: Dessen Vision vom „Gespräch der Feinde“ sollte seine Zeit und auch diese Zeitung nachhaltig prägen.

Heutige Zumutungen

Heute, 75 Jahre später, klingen die Texte von damals sprachlich oftmals fremd, ja verstörend. Ihr zentraler Gehalt ist aber von bleibender Relevanz – auch und gerade anno 2020, in einem Jahr der Krisen und des chronischen Ausnahmezustands. Die „fiebrige geistige Unruhe“ von heute ist Folge multipler Zumutungen und Überforderungen: Klimakatastrophe, Terror und ein Virus rütteln am kollektiven Nervenkostüm und an traditionellen Vorstellungen von Freiheit, Autonomie und Demokratie. Befürworter und Gegner politisch dekretierter Maßnahmen stehen einander zunehmend verständnislos, ja feindselig gegenüber. In dieser Situation erhält auch das „Gespräch der Feinde“, die Auseinandersetzung mit dem Fremden, Verstörenden, Abgelehnten, wieder neue Aktualität.

So „unmöglich“ dies oftmals scheint, so „unmöglich“ klingt auch die nunmehr 75-jährige Geschichte dieser Zeitung, die unablässig für das Gespräch, den Dialog und das Aufeinanderzugehen wirbt. „Sieben Leben“ habe die FURCHE, heißt es gern, und tatsächlich war diese Zeitung mehr als einmal in ihrer Existenz bedroht. Auch Richtungskämpfe prägten ihre Geschichte: Nachdem man die weltoffene und durchaus auch kirchenkritische Redaktion 1967 wieder „auf Kurs“ bringen wollte, prägte die damalige FURCHE-Redakteurin und spätere ORF-Journalistin Trautl Brandstaller das Bild von der „zugepflügten FURCHE“.

Fiebrige geistige Unruhe“: Mit diesen Worten beschrieb der ehemalige Chefredakteur der Kleinen Zeitung, Kurt Wimmer, in der 60-Jahr-Jubiläumsausgabe dieser Zeitung die besondere Stimmungslage des Jahres 1945. Krieg und eine totalitäre Ideologie hatten „die Hirne verwüstet, Moral zerstört und Humanität vernichtet“, wie es der Publizist und Historiker Friedrich Heer damals empfand. Zugleich gab es „echten Enthusiasmus, Ergriffenheit und den Willen, alle Impulse aufzunehmen, die man erhalten konnte.“

Mitten in dieser Zeit der Unruhe, des Aufbruchs, aber auch und besonders des Mangels wagte der damals bereits 73-jährige Friedrich Funder schier Unmögliches: Der ehemalige Chefredakteur der christlichsozialen Reichspost und Scharfmacher, der durch den „Geist der Lagerstraße“ im Dachau geläutert worden war, gründete ein neues Wochenblatt, eine "kulturpolitische Wochenschrift": die FURCHE. Erstmals erschienen am 1. Dezember 1945, sollte sie ein Beitrag zum geistigen Wiederaufbau sein, gleichsam eine Furche durch den von Krieg und Verheerung verhärteten Ackerboden ziehen. Ein "hohes geistiges Forum" sollte diese Zeitung werden - getragen vom Geist der Versöhnung. Dass dies gelingen konnte, ging wesentlich auf Friedrich Heer zurück, den Funder 1949 in die FURCHE-Redaktion holte: Dessen Vision vom „Gespräch der Feinde“ sollte seine Zeit und auch diese Zeitung nachhaltig prägen.

Heutige Zumutungen

Heute, 75 Jahre später, klingen die Texte von damals sprachlich oftmals fremd, ja verstörend. Ihr zentraler Gehalt ist aber von bleibender Relevanz – auch und gerade anno 2020, in einem Jahr der Krisen und des chronischen Ausnahmezustands. Die „fiebrige geistige Unruhe“ von heute ist Folge multipler Zumutungen und Überforderungen: Klimakatastrophe, Terror und ein Virus rütteln am kollektiven Nervenkostüm und an traditionellen Vorstellungen von Freiheit, Autonomie und Demokratie. Befürworter und Gegner politisch dekretierter Maßnahmen stehen einander zunehmend verständnislos, ja feindselig gegenüber. In dieser Situation erhält auch das „Gespräch der Feinde“, die Auseinandersetzung mit dem Fremden, Verstörenden, Abgelehnten, wieder neue Aktualität.

So „unmöglich“ dies oftmals scheint, so „unmöglich“ klingt auch die nunmehr 75-jährige Geschichte dieser Zeitung, die unablässig für das Gespräch, den Dialog und das Aufeinanderzugehen wirbt. „Sieben Leben“ habe die FURCHE, heißt es gern, und tatsächlich war diese Zeitung mehr als einmal in ihrer Existenz bedroht. Auch Richtungskämpfe prägten ihre Geschichte: Nachdem man die weltoffene und durchaus auch kirchenkritische Redaktion 1967 wieder „auf Kurs“ bringen wollte, prägte die damalige FURCHE-Redakteurin und spätere ORF-Journalistin Trautl Brandstaller das Bild von der „zugepflügten FURCHE“.

Intellektuelle Tiefe, diskursive Breite, ein Sensorium für existenzielle Fragen und eine klare Haltung, wenn es um Menschenwürde, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit geht: An diesen Koordinaten richtet sich die FURCHE immer wieder aus.

Sie ist freilich wieder aufgebrochen worden – und sie bricht selbst immer wieder auf in neues, ungewisses Terrain: Zuletzt 2019 in die digitale Welt mit einem einzigartigen Projekt, dem FURCHE-Navigator. Der besondere Schatz der FURCHE, ihr Archiv mit zeithistorisch bedeutenden Beiträgen namhafter Autorinnen und Autoren – wurde gehoben, alle Beiträge bis zurück ins Jahr 1945 wurden digitalisiert und mittels künstlicher Intelligenz miteinander in Verbindung gebracht. Ab Jänner 2021 werden sie in Zehnjahresschritten auf furche.at zugänglich gemacht. Es ist ein technologisch innovativer Weg, dem hohen Anspruch zu entsprechen, den diese Zeitung seit Anbeginn an sich selber stellt: ihren Leserinnen und Lesern Tiefgang und Weitblick zu bieten, in einer komplexen Welt ein wenig Orientierung zu geben und neue Horizonte zu eröffnen.

Nun, mit dieser Sonderausgabe zum 75-Jahr-Jubiläum, greifen wir die Metaphorik des Navigators auf und treiben sie - analog wie digital - nochmals weiter: Die FURCHE wird zur Seekarte und verzeichnet die wesentlichen Koordinaten, Strömungen, Fahrrinnen, Untiefen, Ankerplätze und Leuchtfeuer unserer Zeit.

Den Auftakt markiert ein großes Interview mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Es ist eine österreichische Standortbestimmung, die auf die Illusion von Österreich als „Insel der Seligen“ ebenso eingeht wie auf die Schwierigkeit, dieses Land und seine Politik im Europa von heute kartographisch zu verorten. Ergänzend zu den weiteren Beiträgen präsentieren wir sechs bedeutende historische Texte aus der FURCHE-Geschichte: vom Essay des Gründers Friedrich Funder bis zu einem literarischen Text der großen Jeannie Ebner. Spannendes gibt es auch aus der Digitalredaktion: Auf geschichten.furche.at finden Sie ausgewählte Geschichten der Jubelnummer multimedial aufbereitet; und auf furche.at/podcast gibt es zu jedem Seekarten-Begriff eine eigene Podcast-Folge.

Werteorientierung und Weltoffenheit

In diesen Podcasts wird den Interviewpartner(inne)n dieser Jubiläumsausgabe eine zentrale Frage gestellt: „Was gibt Ihnen Orientierung?“ Sie führt zurück zu dem, wofür die FURCHE seit 1945 steht: für einen von Werteorientierung und Weltoffenheit geprägten Qualitätsjournalismus – und für das Bemühen um einen wertschätzenden Diskurs in Zeiten der Polarisierung. Intellektuelle Tiefe, diskursive Breite, ein Sensorium für existenzielle Fragen und eine klare Haltung, wenn es um Menschenwürde, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit geht: An diesen – zugegeben anspruchsvollen – Koordinaten richtet sich die FURCHE immer wieder aus.

Die FURCHE, das sind freilich immer die Menschen, die dahinter stehen und die Ansprüche an diese Zeitung hoch halten. Ohne dieses einzigartige Team wäre das „unmögliche“ Projekt FURCHE vollends undenkbar. Mein Dank gilt an dieser Stelle allen, die seit Monaten neben den regulären Ausgaben mit vollem Einsatz an dieser besonderen Jubiläumsnummer arbeiten – analog wie digital. In besonderer Weise danken möchte ich Nicole Schwarzenbrunner, die als Geschäftsführerin die Idee zum Navigator hatte und die FURCHE mit großer strategischer Weitsicht in die digitale Zukunft steuert. Ebenfalls bedankt seien unsere Herausgeber Heinz Nußbaumer und Wilfried Stadler, die uns wesentlich unterstützen – sowie Markus Mair, der als Vorsitzender der Styria Media Group nachhaltig an das Gelingen dieser Expedition glaubt.

„Fiebrige geistige Unruhe“: Dieses Gefühl von 1945 wird uns noch weiter begleiten. Bleiben Sie gesund – und bleiben Sie an Bord.

Navigator

Neugierig?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!