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Die FURCHE: Sieben Jahrzehnte, sieben Leben

1945 1960 1980 2000 2020

Werteorientierung und Weltoffenheit - sowie die Wandlungsfähigkeit im Inhalte-Kanon sind jene Stärken, auf die sich die FURCHE verlassen kann.

1945 1960 1980 2000 2020

Werteorientierung und Weltoffenheit - sowie die Wandlungsfähigkeit im Inhalte-Kanon sind jene Stärken, auf die sich die FURCHE verlassen kann.

Die Gründungsgeschichte der FURCHE wurde schon so oft erzählt, dass sie zum Mythos erstarrt ist. Friedrich Funder, ein 73-jähriger Mann mit schlohweißem Haar und dicker Brille, macht sich in den Apriltagen 1945 zu Fuß auf den Weg von Baden nach Wien, um ein weiteres Mal in seinem langen Leben Verantwortung zu übernehmen. Er greift zu Schaufel und Stift, um das Stammhaus des Herold-Verlags in der Josefstädter Strozzigasse wiederaufzubauen. Vor dem "Anschluss" im März 1938 war dieses Haus Sitz der Reichspost gewesen, der journalistischen Bastion des politischen Katholizismus, der Funder Kopf und Stimme lieh für ihre im Verlauf der Ersten Republik zunehmend militante, scharf ausgrenzende Publizistik. In KZ-Haft und Hausarrest während des "Tausendjährigen Reichs" wird der ehemalige christlichsoziale Trommler wie manch anderer Weggefährte und Widersacher geläutert. Nach Kriegsende stellt Funder sich in den Dienst der "Wiederherstellung des Vaterlandes und der Freiheit", wie er in seinen Memoiren schreibt. Ein Werkzeug dafür soll die FURCHE sein, ein neu geschaffenes katholisches Wochenblatt, das in seinem Ursprung auf den "Geist der Lagerstraße" von Dachau zurückgeht und als journalistisches Projekt der Versöhnung und Befriedung der politischen Verhältnisse propagiert wird.

Soweit der Gründungsmythos. Was dort nicht steht und heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Gleich zu Beginn wurde die FURCHE mit einer schweren Hypothek belastet, die ebenfalls in Funders Verantwortung lag. Als "Kommissarischer Verwalter" der Herold-Betriebe überließ er unter dem Druck der Verhältnisse die Verlagsrechte für das vor 1938 äußerst erfolgreiche Kleine Volksblatt der ÖVP. Damit wurde die ökonomische Basis des Katholischen Preßvereins Herold, der die FURCHE herausgab, nachhaltig geschwächt. Die wirtschaftliche Lunge des Unternehmens atmete fortan schwer, den frühen Infarkt verhinderte nur das starke publizistische Herz. Vieles spricht dafür, dass in dieser Konstellation der starke Selbstbehauptungswille der FURCHE gegen schwierige äußere Umstände und widrige Marktbedingungen grundgelegt wurde.

"Fiebrige geistige Unruhe"

Gefühlt hat die FURCHE sieben Leben, von denen sie in den nunmehr sieben Jahrzehnten ihres Bestands wohl schon einige verbraucht hat. Das meiste, was gleichzeitig mit der FURCHE in der Aufbruchsstimmung des Nachkriegs aus der Taufe gehoben wurde, existiert nicht mehr. Die "fiebrige geistige Unruhe", die Kurt Wimmer, der ehemalige Chefredakteur der Kleinen Zeitung, einmal der katholischen Publizistik in den ersten Jahrzehnten der Zweiten Republik attestierte, ist schon lange erkaltet.

Zu Beginn war das Ganze auch wirtschaftlich ein Erfolgsprojekt. Anfang Dezember 1945 startete der Betrieb mit einer Vier-Mann-Redaktion und einer Druckauflage von 30.000 Exemplaren. Bis zu den Nummern 16 und 17 im Jahr 1946 kletterte die Auflage sogar auf 50.000 Stück. Mit der Wirksamkeit der Lohn- und Preisabkommen ab Sommer 1947 begann sie aber rasch abzubröckeln. Schon ab 1950/51 sind in den Herold-Akten erste Krisensitzungen dokumentiert, bei denen es nicht nur um die unbefriedigende wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch um die redaktionelle Gestaltung und Blattlinie der FURCHE ging. Der Respekt vor der Person und Lebensleistung Funders hielt die Kritik zu seinen Lebzeiten jedoch auf kleiner Flamme. 1959, im Todesjahr Funders, war die verkaufte Auflage bereits auf 19.000 Exemplare abgesunken. Das Blatt habe zwar an Auflage, nicht aber an Bedeutung verloren, schrieb Hubert Feichtlbauer später im Rückblick auf diese Zeit und bemühte damit einen gängigen Topos der FURCHE-Historiografie.

Nach Funders Tod mussten die Weichen für die Zeitung neu gestellt werden. Der ambitionierte Plan, in Verbindung mit einem Münchener Presseverlag eine süddeutsche FURCHE zu schaffen, ließ sich nicht verwirklichen. Als Herold-Generaldirektor Willy Lorenz 1964 den umstrittenen sudetendeutschen Historiker und Publizisten Emil Franzel zum Herausgeber der FURCHE machen wollte, musste er diese Entscheidung nach massiven internen und öffentlichen Protesten wieder zurücknehmen. In der Folge spitzte sich der Richtungsstreit zwischen Generaldirektor und Redaktion unter der Leitung von Kurt Skalnik zu und gipfelte schließlich in der Entlassung Skalniks -offiziell aus "wirtschaftlichen Gründen". Mit einer vom damaligen FUR-CHE-Redakteur und späteren Politikprofessor Anton Pelinka am 20. Dezember 1967 in der Concordia einberufenen Pressekonferenz kam es vollends zum Eklat. Die latente, dahinschwelende Krise des Blattes war manifest und öffentlich geworden. Die nachkonziliare, weltoffene, durchaus auch kirchenkritische FURCHE sollte nun, so der Tenor der kritischen Fraktion, brachial "zugepflügt" werden.

Bereits Ende der 1960er-Jahre befanden sich die FURCHE und ihr Herausgeber Herold in der Sackgasse: Die Zahl der verkauften Exemplare war auf unter 10.000 Stück gefallen, davon nur mehr der kleinere Teil in Form der stabilen Währung von Abonnements. In den folgenden Jahren lavierte man dahin, bis schließlich Mitte der 1970er-Jahre die Schließung des Blattes im Raum stand. In einem Kraftakt löste man die FURCHE aus dem Wirtschaftsverband des Herold-Verlages heraus und brachte die Eigentums- und Verlagsrechte der Zeitung in die "Furche-Zeitschriften-Betriebs Ges. m. b. H." ein, die nun auf breiteren Schultern betrieben werden sollte. Für das Zustandekommen dieser großen Lösung engagierten sich an vorderster Front der ehemalige Bundesminister und Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, Wolfgang Schmitz, und der damalige Styria-Generaldirektor Hanns Sassmann, ohne dessen unermüdlichen Einsatz es die FURCHE heute nicht mehr gäbe.

Rettung im letzten Moment

Noch im Frühjahr 1976 drohte dieses mit Verve betriebene Vorhaben an zu geringer Unterstützung durch potenzielle Partner zu scheitern. Erst im allerletzten Moment konnte das drohende Aus abgewendet werden. Am 4. November 1976 wurde das Blatt "als ein neuer lebendiger Organismus, nicht als künstlich geschminkte Medienreliquie" von den drei Herausgebern Bertram Jäger, Wolfgang Schmitz und Hanns Sassmann in der Wiener Concordia vorgestellt. Als Chefredakteur fungierte Felix Gamillscheg, dem ab 1. August 1978 Hubert Feichtlbauer nachfolgte. Mit Fug und Recht konnte die von vielen gerettete FURCHE von sich behaupten, niemandes Sprachrohr und ebenso wenig das Organ einer bestimmten Bewegung innerhalb des österreichischen Katholizismus zu sein.

Doch die chronische wirtschaftliche Schwäche der FURCHE blieb ihre Achillesferse. Eine Trendwende gelang erst, als 1995 die neue Styria-Spitze in Graz mit Reinhard Haberfellner als Generaldirektor und Horst Pirker als für die FURCHE bestelltem Verlagsleiter sich angesichts der Situation zu schmerzhaften Einschnitten entschloss. Die Verwaltung der FURCHE wurde ersatzlos gestrichen, und auch in der Redaktion kam es zu Einsparungen; u. a. wurde nach dem Abgang von Chefredakteur Hannes Schopf dessen Stelle vorerst nicht nachbesetzt. So kritisch diese Maßnahmen kommentiert wurden, sie zeigten relativ rasch Wirkung. Ein Relaunch im Frühjahr 1995 ersetzte die klassischen Ressorts der Zeitung durch eine neue Gliederung, die in Ansätzen bereits die heutige Blattstruktur erkennen lässt. Im Mai 1995 wurde Heiner Boberski zum neuen Chefredakteur bestellt. Rechtzeitig zu ihrem 50. Geburtstag im Dezember 1995 hatte die FURCHE die Talsohle hinter sich gelassen.

Insistieren auf dem "Markenkern"

Das Krisengerede um die FURCHE ist in den letzten eineinhalb Jahrzehnten deutlich leiser geworden. Am Beginn der Nullerjahre, in denen die Zeitung zunächst eine Erfolgsgeschichte schrieb und bis 2007 in die Gewinnzone segelte, erfolgten Weichenstellungen in Redaktion, Geschäftsführung und Herausgeberschaft, die bis heute Bestand haben und für Kontinuität sorgen. Im Oktober 2001 übernahm Rudolf Mitlöhner die Chefredaktion, mit Anfang 2002 löste Gerda Schaffelhofer in der Geschäftsführung Franz Ivan ab. Mit Anfang 2003 übernahmen dann Heinz Nußbaumer und Wilfried Stadler die Herausgeberschaft der FURCHE, zwei Persönlichkeiten, die es nicht für ein Auslaufmodell, sondern für ein Zeichen von Modernität halten, wenn Wertefragen wieder stärker diskutiert werden.

Seit ihrer Gründung existiert die FURCHE mit dem Widerspruch, dass öffentliche Wertschätzung und tatsächliche Nachfrage mehr oder minder deutlich auseinanderklaffen. Daraus den naheliegenden Schluss zu ziehen, sich in das Unvermeidliche zu fügen, hätte in der Vergangenheit bereits x-mal zur Einstellung der letzten überregionalen Qualitätswochenzeitung Österreichs führen können, ja müssen. Dass dies nicht geschehen ist, verdankt sich dem Einsatz einzelner Persönlichkeiten, von denen hier einige genannt wurden, und vor allem dem Eigentümer, der der Marke FURCHE viel Gutes abgewonnen und zugeschrieben hat - jenseits eines rein ökonomischen Kalküls. Das Insistieren auf dem sogenannten "Markenkern" - Werteorientierung und Weltoffenheit - und die Wandlungsfähigkeit im Inhalte-Kanon sind jene Stärken, auf die sich die FURCHE verlassen kann. Diese sind angesichts der Herausforderungen, vor denen man steht - z. B. Digitalisierung, Gewinnung jüngerer Leserschichten - gefragter denn je. Erfreulich wäre es, wenn man dabei auf die ultima ratio, dass die FURCHE noch einige Leben zur Verfügung hat, verzichten könnte.

Der Autor ist Unternehmenshistoriker und Head of Communication der Styria Media Group AG.

Die Gründungsgeschichte der FURCHE wurde schon so oft erzählt, dass sie zum Mythos erstarrt ist. Friedrich Funder, ein 73-jähriger Mann mit schlohweißem Haar und dicker Brille, macht sich in den Apriltagen 1945 zu Fuß auf den Weg von Baden nach Wien, um ein weiteres Mal in seinem langen Leben Verantwortung zu übernehmen. Er greift zu Schaufel und Stift, um das Stammhaus des Herold-Verlags in der Josefstädter Strozzigasse wiederaufzubauen. Vor dem "Anschluss" im März 1938 war dieses Haus Sitz der Reichspost gewesen, der journalistischen Bastion des politischen Katholizismus, der Funder Kopf und Stimme lieh für ihre im Verlauf der Ersten Republik zunehmend militante, scharf ausgrenzende Publizistik. In KZ-Haft und Hausarrest während des "Tausendjährigen Reichs" wird der ehemalige christlichsoziale Trommler wie manch anderer Weggefährte und Widersacher geläutert. Nach Kriegsende stellt Funder sich in den Dienst der "Wiederherstellung des Vaterlandes und der Freiheit", wie er in seinen Memoiren schreibt. Ein Werkzeug dafür soll die FURCHE sein, ein neu geschaffenes katholisches Wochenblatt, das in seinem Ursprung auf den "Geist der Lagerstraße" von Dachau zurückgeht und als journalistisches Projekt der Versöhnung und Befriedung der politischen Verhältnisse propagiert wird.

Soweit der Gründungsmythos. Was dort nicht steht und heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Gleich zu Beginn wurde die FURCHE mit einer schweren Hypothek belastet, die ebenfalls in Funders Verantwortung lag. Als "Kommissarischer Verwalter" der Herold-Betriebe überließ er unter dem Druck der Verhältnisse die Verlagsrechte für das vor 1938 äußerst erfolgreiche Kleine Volksblatt der ÖVP. Damit wurde die ökonomische Basis des Katholischen Preßvereins Herold, der die FURCHE herausgab, nachhaltig geschwächt. Die wirtschaftliche Lunge des Unternehmens atmete fortan schwer, den frühen Infarkt verhinderte nur das starke publizistische Herz. Vieles spricht dafür, dass in dieser Konstellation der starke Selbstbehauptungswille der FURCHE gegen schwierige äußere Umstände und widrige Marktbedingungen grundgelegt wurde.

"Fiebrige geistige Unruhe"

Gefühlt hat die FURCHE sieben Leben, von denen sie in den nunmehr sieben Jahrzehnten ihres Bestands wohl schon einige verbraucht hat. Das meiste, was gleichzeitig mit der FURCHE in der Aufbruchsstimmung des Nachkriegs aus der Taufe gehoben wurde, existiert nicht mehr. Die "fiebrige geistige Unruhe", die Kurt Wimmer, der ehemalige Chefredakteur der Kleinen Zeitung, einmal der katholischen Publizistik in den ersten Jahrzehnten der Zweiten Republik attestierte, ist schon lange erkaltet.

Zu Beginn war das Ganze auch wirtschaftlich ein Erfolgsprojekt. Anfang Dezember 1945 startete der Betrieb mit einer Vier-Mann-Redaktion und einer Druckauflage von 30.000 Exemplaren. Bis zu den Nummern 16 und 17 im Jahr 1946 kletterte die Auflage sogar auf 50.000 Stück. Mit der Wirksamkeit der Lohn- und Preisabkommen ab Sommer 1947 begann sie aber rasch abzubröckeln. Schon ab 1950/51 sind in den Herold-Akten erste Krisensitzungen dokumentiert, bei denen es nicht nur um die unbefriedigende wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch um die redaktionelle Gestaltung und Blattlinie der FURCHE ging. Der Respekt vor der Person und Lebensleistung Funders hielt die Kritik zu seinen Lebzeiten jedoch auf kleiner Flamme. 1959, im Todesjahr Funders, war die verkaufte Auflage bereits auf 19.000 Exemplare abgesunken. Das Blatt habe zwar an Auflage, nicht aber an Bedeutung verloren, schrieb Hubert Feichtlbauer später im Rückblick auf diese Zeit und bemühte damit einen gängigen Topos der FURCHE-Historiografie.

Nach Funders Tod mussten die Weichen für die Zeitung neu gestellt werden. Der ambitionierte Plan, in Verbindung mit einem Münchener Presseverlag eine süddeutsche FURCHE zu schaffen, ließ sich nicht verwirklichen. Als Herold-Generaldirektor Willy Lorenz 1964 den umstrittenen sudetendeutschen Historiker und Publizisten Emil Franzel zum Herausgeber der FURCHE machen wollte, musste er diese Entscheidung nach massiven internen und öffentlichen Protesten wieder zurücknehmen. In der Folge spitzte sich der Richtungsstreit zwischen Generaldirektor und Redaktion unter der Leitung von Kurt Skalnik zu und gipfelte schließlich in der Entlassung Skalniks -offiziell aus "wirtschaftlichen Gründen". Mit einer vom damaligen FUR-CHE-Redakteur und späteren Politikprofessor Anton Pelinka am 20. Dezember 1967 in der Concordia einberufenen Pressekonferenz kam es vollends zum Eklat. Die latente, dahinschwelende Krise des Blattes war manifest und öffentlich geworden. Die nachkonziliare, weltoffene, durchaus auch kirchenkritische FURCHE sollte nun, so der Tenor der kritischen Fraktion, brachial "zugepflügt" werden.

Bereits Ende der 1960er-Jahre befanden sich die FURCHE und ihr Herausgeber Herold in der Sackgasse: Die Zahl der verkauften Exemplare war auf unter 10.000 Stück gefallen, davon nur mehr der kleinere Teil in Form der stabilen Währung von Abonnements. In den folgenden Jahren lavierte man dahin, bis schließlich Mitte der 1970er-Jahre die Schließung des Blattes im Raum stand. In einem Kraftakt löste man die FURCHE aus dem Wirtschaftsverband des Herold-Verlages heraus und brachte die Eigentums- und Verlagsrechte der Zeitung in die "Furche-Zeitschriften-Betriebs Ges. m. b. H." ein, die nun auf breiteren Schultern betrieben werden sollte. Für das Zustandekommen dieser großen Lösung engagierten sich an vorderster Front der ehemalige Bundesminister und Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, Wolfgang Schmitz, und der damalige Styria-Generaldirektor Hanns Sassmann, ohne dessen unermüdlichen Einsatz es die FURCHE heute nicht mehr gäbe.

Rettung im letzten Moment

Noch im Frühjahr 1976 drohte dieses mit Verve betriebene Vorhaben an zu geringer Unterstützung durch potenzielle Partner zu scheitern. Erst im allerletzten Moment konnte das drohende Aus abgewendet werden. Am 4. November 1976 wurde das Blatt "als ein neuer lebendiger Organismus, nicht als künstlich geschminkte Medienreliquie" von den drei Herausgebern Bertram Jäger, Wolfgang Schmitz und Hanns Sassmann in der Wiener Concordia vorgestellt. Als Chefredakteur fungierte Felix Gamillscheg, dem ab 1. August 1978 Hubert Feichtlbauer nachfolgte. Mit Fug und Recht konnte die von vielen gerettete FURCHE von sich behaupten, niemandes Sprachrohr und ebenso wenig das Organ einer bestimmten Bewegung innerhalb des österreichischen Katholizismus zu sein.

Doch die chronische wirtschaftliche Schwäche der FURCHE blieb ihre Achillesferse. Eine Trendwende gelang erst, als 1995 die neue Styria-Spitze in Graz mit Reinhard Haberfellner als Generaldirektor und Horst Pirker als für die FURCHE bestelltem Verlagsleiter sich angesichts der Situation zu schmerzhaften Einschnitten entschloss. Die Verwaltung der FURCHE wurde ersatzlos gestrichen, und auch in der Redaktion kam es zu Einsparungen; u. a. wurde nach dem Abgang von Chefredakteur Hannes Schopf dessen Stelle vorerst nicht nachbesetzt. So kritisch diese Maßnahmen kommentiert wurden, sie zeigten relativ rasch Wirkung. Ein Relaunch im Frühjahr 1995 ersetzte die klassischen Ressorts der Zeitung durch eine neue Gliederung, die in Ansätzen bereits die heutige Blattstruktur erkennen lässt. Im Mai 1995 wurde Heiner Boberski zum neuen Chefredakteur bestellt. Rechtzeitig zu ihrem 50. Geburtstag im Dezember 1995 hatte die FURCHE die Talsohle hinter sich gelassen.

Insistieren auf dem "Markenkern"

Das Krisengerede um die FURCHE ist in den letzten eineinhalb Jahrzehnten deutlich leiser geworden. Am Beginn der Nullerjahre, in denen die Zeitung zunächst eine Erfolgsgeschichte schrieb und bis 2007 in die Gewinnzone segelte, erfolgten Weichenstellungen in Redaktion, Geschäftsführung und Herausgeberschaft, die bis heute Bestand haben und für Kontinuität sorgen. Im Oktober 2001 übernahm Rudolf Mitlöhner die Chefredaktion, mit Anfang 2002 löste Gerda Schaffelhofer in der Geschäftsführung Franz Ivan ab. Mit Anfang 2003 übernahmen dann Heinz Nußbaumer und Wilfried Stadler die Herausgeberschaft der FURCHE, zwei Persönlichkeiten, die es nicht für ein Auslaufmodell, sondern für ein Zeichen von Modernität halten, wenn Wertefragen wieder stärker diskutiert werden.

Seit ihrer Gründung existiert die FURCHE mit dem Widerspruch, dass öffentliche Wertschätzung und tatsächliche Nachfrage mehr oder minder deutlich auseinanderklaffen. Daraus den naheliegenden Schluss zu ziehen, sich in das Unvermeidliche zu fügen, hätte in der Vergangenheit bereits x-mal zur Einstellung der letzten überregionalen Qualitätswochenzeitung Österreichs führen können, ja müssen. Dass dies nicht geschehen ist, verdankt sich dem Einsatz einzelner Persönlichkeiten, von denen hier einige genannt wurden, und vor allem dem Eigentümer, der der Marke FURCHE viel Gutes abgewonnen und zugeschrieben hat - jenseits eines rein ökonomischen Kalküls. Das Insistieren auf dem sogenannten "Markenkern" - Werteorientierung und Weltoffenheit - und die Wandlungsfähigkeit im Inhalte-Kanon sind jene Stärken, auf die sich die FURCHE verlassen kann. Diese sind angesichts der Herausforderungen, vor denen man steht - z. B. Digitalisierung, Gewinnung jüngerer Leserschichten - gefragter denn je. Erfreulich wäre es, wenn man dabei auf die ultima ratio, dass die FURCHE noch einige Leben zur Verfügung hat, verzichten könnte.

Der Autor ist Unternehmenshistoriker und Head of Communication der Styria Media Group AG.

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