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Forum für heiße Diskussionen

Im Jahr 1963 war der Zeitungsmarkt in Wien durchaus überschaubar. Die elektronischen Medien spielten damals überhaupt keine Rolle, man kannte ja nicht einmal den Begriff. Das Badio war eine Art Verlautbarungsorgan, vom Rundfunkvolksbegehren war man noch weit weg. Da dachte in den Zeitungsredaktionen noch niemand daran. Jede Partei hatte ihr „Organ”, das „Kleine Volksblatt” war wirklich noch klein und die „Arbeiterzeitung” wurde von den Arbeitern tatsächlich noch gelesen. Nur die „Volksstimme” war auch damals alles andere als die Stimme des Volkes.

Das Klima für Journalisten in Wien schien also für jemanden, der erwartungsvoll eine Zeitungsredaktion betrat, durchaus friedlich zu sein. Der damalige furche-Chefredakteur Kurt Skalnik leitete zwar die Redaktion, aber den-Titel Chefredakteur führte damals noch der Generalsekretär des Herold-Verlages Willy Lorenz. Nichtsdestoweniger fand die „Strozzigasse” an mir Gefallen, und ich betrat die ehrwürdigen Redaktionsräume mit dem Gefühl, das man hat, wenn man ins Kloster eintritt.. Zumindest so vorgestellt hatte ich mir diesen Eindruck. Politische Wochenzeitungen gab es in Wien damals wenige. Die „Wochenpresse” und eben die furche.

Die Redaktion war klein, bestand aus Kurt Skalnik, der mir bald verehr-

Die sechziger Jahre waren innerkatholisch eine aufregende Zeit. Auch damals steuerte die furche tapfer ihren Kurs. tes Vorbild wurde, aus Roman Herle, der ein wandelndes Lexikon zur Geschichte der christlich-sozialen Presse der frühen dreißiger Jahre war, aus dem gewissenhaften Kulturredakteur Helmuth Fiechtner, der gelegentlich darunter litt, daß er evangelisch war, woraus er für sich zeitweise Diskriminierung ableiten mußte, dem unvergeßlichen Ladislaus Rosdy, der ein klassisches Deutsch schrieb und einen Akzent wie aus einem Stück von Franz Molnar hatte, und die Jugend, verkörpert durch die Bild-Bedakteurin Olin-da Pawek und mich.

Bald merkte ich, welche Bolle die furche in der aufbrechenden innerkatholischen Diskussion spielte. Verglichen mit den öffentlich beklagten Zuständen in der Kirche heute war das damals wirklich Diskussion, der Wechsel von Innitzer auf König mußte erst einmal geistig bewältigt werden, und in dieser Diskussion steuerte die furche unbeirrbar ihren Kurs. War Tribüne für alle, die dazu etwas zu sagen hatten, pflegte ausgezeichnete Kontakte mit den Katholiken im damals noch kommunistischen Polen, meine Freundschaft zum gegenwärtigen polnischen Außenminister Wla-dislaw Bartoszewski reicht in diese Zeit zurück, und eben dieser Freundschaft hatte ich es zu verdanken, daß ich bei der letzten Papstwahl wahrscheinlich einer der ganz wenigen Österreicher gewesen bin, die von dem eben gewählten Karol Woytila mehr wußten, als daß er kein deutschsprachiger Kleriker ist. Immerhin hatte ich ja für eine der Weihnachtsausgaben der Furche einen Artikel des damaligen Erzbischofs von Krakau einzurichten gehabt.

Legte die Kirche damals ihre engen Bindungen an die ÖVP nicht ohne Mühen endgültig ab, so hatte eben diese Partei ebenfalls ein schweres Erbe, das der Herren Figl und Raab, zu bewältigen. Oft wurde ich Augen- und Ohrenzeuge der Gespräche um den Kreis des damaligen Nationalratsabgeordneten und Sozialpolitikers Karl Kummer, die mich in ihrer schonungslosen Analyse des Zustandes dieser Partei tief beeindruckten. Daß ich damals das Glück hatte, mit vielen großen alten Männern nicht nur der ÖVP, sondern auch ihres Koalitionspartners SPÖ reden zu können, das hat mir ein massives Fundament an politischem Wissen und politischer Bildung eingebracht, das mir wiederum die Beurteilung so vieler politischer Vorgänge in Osterreich spürbar erleichterte.

Mächtige Freunde vermochte sich die unbeirrbare und tapfere furche also nicht nur zu machen. Als die ÖVP daran ging, die Schuldigen an ihrem Erosionsprozeß auszumachen, suchte sie die auch in der Kirche und in der Tribüne, auf der die Kirche ihre Diskussionen austrug. Daß ich damals mit dem Chefredakteur der Kathpress, Bichard Barta, viel zu tun hatte, hat mir rlicht nur den Einblick in diesen aufregenden Prozeß des Wandels der Kirche ermöglicht, sondern auch das Wohlwollen Kardinal Königs eingetragen, dem ich im Laufe meiner langen beruflichen Karriere immer wieder begegnet bin und begegne, und der sich immer noch gerne an damals geführte Gespräche erinnert.

Wer aber nur eine bescheidene Anzahl mächtiger Freunde hat, der wird bald merken, daß er mit dem Geld nicht auskommt. Daran hat sich bis heute nicht geändert, daß die furche knapp bei Kasse ist, trotz aller Sanierungsanläufe aus den verschiedensten Ecken, in denen manche schon das Zupflügen des Blattes gesehen haben.

Sparen muß jede Redaktion in

Österreich, nichts habe ich so genau gelernt wie sparen nach dem Vorbild der furche. Noch etwas habe ich gelernt: recherchieren, schreiben und zu dem Geschriebenen stehen. Grundsätze wirft man nicht über Bord. Daß ich dann in schwieriger Zeit auf einmal allein das Steuer des Blattes übernehmen mußte, weil Kurt Skalnik längere Zeit ausgefallen ist, das hat mir nicht geschadet. Ich freue mich, fünf Jahre lang dabei gewesen zu sein und noch eine nachrückende jüngere Mannschaft eingeschult und vorbereitet zu haben. Einer von ihnen, Anton Pelin-ka, hat den journalistischen Hauptberuf verlassen und ist Universitätsprofessor. Und auch die beiden anderen Aspiranten von damals, Alfred Treiber und Walter Schaffelhofer, haben es als ehemalige furche-Mitarbeiter weit gebracht. Der eine hat eine führende Stellung beim ORF-Radio, der andere ist Generalsekretär des Herausgeberverbandes.

Und so steht sie heute noch immer da, unsere furche, zart, aber nicht schwach, ohne viel Geld, aber nicht arm, mit viel Wissen geschrieben, aber nicht fad, und wenn sich meine berufliche Karriere schön langsam dem Auslaufen zuneigt, dann bin ich sehr froh, dort begonnen zu haben, wo man auch heute noch journalistisch eine „Erste Adresse” ist.

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