Leitartikel

Moral? Vernunft? Beides

1945 1960 1980 2000 2020

Je komplexer die Probleme, desto größer die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und klaren Fronten. Die FURCHE sucht nach anderen Wegen. Ein Wort zum Einstand.

1945 1960 1980 2000 2020

Je komplexer die Probleme, desto größer die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und klaren Fronten. Die FURCHE sucht nach anderen Wegen. Ein Wort zum Einstand.

Trivial war sie noch nie, die Frage, was die FURCHE denn eigentlich sei und wolle. Die erste Antwort geht auf Friedrich Funder selbst zurück, der diese Zeitung nach den Verheerungen des Krieges als Plattform für den geistigen Wiederaufbau gegründet hat. „Zeitaufgeschlossen, auf das aktuelle Geschehen gerichtet, parteimäßig nicht gebunden, eine gesunde Demokratie bejahend, durch katholische Grundsätze bestimmt, will unsere Wochenschrift ,Furche‘ in dem zu bestellenden Grunde sein“, schrieb Funder in seinem Geleitwort vom 1. Dezember 1945. Als „kulturpolitische Wochenschrift“ bezeichnete Funder seine Kreation, ein „katholisches Blatt für die Weltleute“ schwebte ihm vor. Wer eine etwas zeitgemäßere Antwort sucht, könnte in jenen Worten fündig werden, mit denen der kürzlich verstorbene, prägende Styria-Aufsichtsratsvorsitzende Johann Trummer gegenüber der Kleinen Zeitung die Mission seines Medienhauses beschrieben hat: Es gehe darum, dass man „Orientierung gibt, Vertrauen schafft und die Gemeinschaft unterstützt“. Ein Auftrag, der auch und in besonderer Weise für die zur Styria gehörende FURCHE gilt.

Gemeinschaft – in der Blase

Jeder einzelne Punkt dieses Mission Statements ist freilich in Zeiten wie diesen eine Herausforderung, um nicht zu sagen potenzielle Überforderung. Orientierung wird in der „beschleunigt komplexer werdenden Gesellschaft“ (Jürgen Habermas) zur Wissenschaft, das Vertrauen scheint angesichts von „Fake News“-Vorwürfen und gegenseitigen „Mainstream“-Anwürfen geschwunden oder gar verloren – und Gemeinschaft gibt es in einer polarisierten, von Spaltungen geprägten Gesellschaft oft nur noch innerhalb der digitalen Blase.

Hier die Moralisten, dort die Vernünftigen: Diese einseitigen Zuschreibungen sind nicht nur falsch, sondern ein Hohn.

Ob Klimaerhitzung oder globale Flucht- bzw. Migrationsbewegungen: Bei den wesentlichen Herausforderungen der Zeit scheinen nur noch zwei scheinbar unvereinbare Positionen zulässig: Gesinnung oder Verantwortung? Moral oder Vernunft? Mit oder gegen uns? Vor diese Alternativen werden Orientierungssuchende in der analogen und vor allem digitalen Welt gestellt.

Konstruktiv umgehen mit Aporien

Man könnte nun einfach mitspielen bzw. selbst zur (von Aristoteles geprägten) Überzeugung gelangen, dass es neben zwei Polen eben kein Drittes gebe – tertium non datur –, sondern nur ein Entweder-Oder, ein Hopp oder Dropp. Das mag bei vielen Fragen stimmen; hochkomplexe, globale Probleme würden sich mit Schwarz-Weiß-Denken aber kaum lösen lassen, und sei es noch so entschlossen und Zack Zack Zack. Angesichts de facto unauflöslicher Widersprüche (Aporien) und der zunehmenden Bedrohung der Demokratien ist vielmehr die gemeinsame Suche nach dem „Dritten“ gefragt, wie es der Physiker Herbert Pietschmann zuletzt in der FURCHE beschrieben hat.

Hier die Moralisten, dort die Vernünftigen, hier die Gesinnungsgetriebenen, dort die Verantwortungsbewussten: Diese Zuschreibungen sind jedenfalls nicht nur falsch, sondern ein Hohn. Moralische Grundsätze und rationale Abwägung: Beides gehört zusammen. Das klarzumachen, nach dem Motto „überzeugen statt beschimpfen“ (analog und verstärkt auch digital) einen wertschätzenden Diskurs zwischen Menschen zu fördern, die in konkreten Fragen unterschiedlicher Meinung sind – und zugleich stets für jene christlichen Werte einzutreten, denen sich die FURCHE seit ihrem nunmehr fast 75-jährigen Bestehen verpflichtet weiß: Das wird unsere herausfordernde Aufgabe sein. Als neue Chefredakteurin und Nachfolgerin von Rudolf Mitlöhner, dem ich für seine langjährige, umsichtige Leitung und die persönliche Verbundenheit sehr herzlich danke, darf ich diesen Prozess gemeinsam mit einem großartigen Team gestalten. Bleiben Sie uns gewogen!

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