Digital Europe - © Rainer Messerklinger
Politik

Veni creator spiritus digitalis

1945 1960 1980 2000 2020

Beim achten Pfingstdialog „Geist und Gegenwart“ auf Schloss Seggau stand heuer „Das digitale Europa“ im Fokus. Zwischen Skepsis und Euphorie dominierte der pragmatische Optimismus. Zudem ging es um die Frage nach der Zukunft Europas zwischen den USA und Fernost.

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Beim achten Pfingstdialog „Geist und Gegenwart“ auf Schloss Seggau stand heuer „Das digitale Europa“ im Fokus. Zwischen Skepsis und Euphorie dominierte der pragmatische Optimismus. Zudem ging es um die Frage nach der Zukunft Europas zwischen den USA und Fernost.

Lassen sich Pfingsten, das dritthöchste christliche Fest, und jene Umbrüche, die wir mit dem Begriff „Digitalisierung“ nur unscharf umreißen, zusammendenken? Doch, meinte der Superintendent der steirischen Evangelischen Kirche Wolfgang Rehner in seinem Statement zur Eröffnung des Pfingstdialogs „Geist & Gegenwart“ – beide hätten mit materiell nicht Greifbarem, sich unserer Vorstellungskraft Entziehendem zu tun.

Die von Land, Diözese und Club Alpbach Steiermark getragene, seit 2005 zweijährlich stattfindende Veranstaltung ist von Beginn an dem Projekt Europa in seiner ganzen Vielfältigkeit gewidmet. Heuer stand – wenig überraschend – „Das digitale Europa“ als Generalthema über den Vorträgen und Diskussionen auf Schloss Seggau, dem einstigen Sitz der Seckauer Bischöfe.

Wie jene schöpferische Kraft, die Christen den „Heiligen Geist“ nennen, so sei auch die digitale Welt etwas im Wortsinn Unfassbares, gleichwohl sehr Reales, Erlebbares, so Rehner. Er sprach aber auch eine unverzichtbare Dimension an, welche gerade im Zeichen der Digitalisierung nicht verloren gehen dürfe: jene der individuellen Verantwortung.

Analoge Werte für die digitale Welt

Damit war ein wesentliches Thema der Foren und Debatten angeschlagen: Ohne die im positiven Sinne überkommenen Werte, die Formen und Regeln des menschlichen Miteinanders werden wir in der digitalen Welt nicht bestehen können. Es gehe letztlich um das christlich geprägte Wertesystem, durch das wir wurden, was wir sind: So formulierte es die IT-Expertin und WU-Professorin Sarah Spiekermann-Hoff. In dasselbe Horn stieß Ars-Electronica-Leiter Gerfried Stocker: Er plädierte für einen europäischen Datenhumanismus jenseits des US-Datenkapitalismus und des asiatischen (chinesischen) Datentotalitarismus. Die alte Idee eines europäischen Modells als eines dritten Weges also, neu gefasst für das digitale Zeitalter.

Nicht alle freilich waren hinsichtlich dieses europäischen Weges so optimistisch. Ex-Magna-Chef Siegfried Wolf etwa verwendete das Bild einer Wurstsemmel, um das Problem zu illustrieren: Die europäische Wurst zwischen der US-amerikanischen und der chinesischen Semmelhälfte werde immer weniger. Eine enorme Kraftanstrengung, insbesondere im Bereich Bildung, sei unumgänglich. Und: Die Europäische Union müsste man, wenn es sie nicht schon gäbe, gerade jetzt erfinden, so Wolf.
Ähnlich argumentierte der frühere IV-Generalsekretär, heute Generaldirektor von „Business Europe“ in Brüssel, Markus Beyrer: Es gebe in Europa „nur kleine Länder und solche, die nicht begriffen haben, dass sie klein sind“. Die europäische Zusammenarbeit sei daher unumgänglich, „Weltpolitikfähigkeit“ ein Desiderat für die EU. Zu denken müsste geben, dass unter den Top-15-Unternehmen der Welt kein einziges europäisches rangiere. Auch Beyrer sah eine unerfreuliche Position Europas zwischen den USA und China. Die transatlantische Achse sei angeknackst, sowohl die USA als auch China seien bestrebt, Europa auseinanderzudividieren und sich einzelne, leichter unter Druck zu setzende Länder als Partner zu suchen.

Ars-Electronica-Leiter Gerfried Stocker plädierte für einen europäischen Datenhumanismus jenseits des US-Datenkapitalismus und des chinesischen Datentotalitarismus.

Bewusst positiv positionierte sich der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff. Gerade als Mann der Kirche wolle er nicht gleich von den Grenzen und Schattenseiten sprechen, sondern das Potenzial im digitalen Wandel entdecken. Er berief sich dabei auf den Jesuiten Teilhard de Chardin (1881–1955), dem es um eine Versöhnung von Wissenschaft und Glaube, näherhin Evolutionstheorie und Heilsgeschichte zu tun war. Teilhard postulierte über der Geo- und der Biosphäre als höchste Ebene jene des Geistes (und des Geistlichen), die sogenannte Noosphäre. Diese könne man, so Schockenhoff, durchaus als Vorläufer der Digitalisierung betrachten. Gleichzeitig wandte sich Schockenhoff gegen eine falsche Selbstbeschränkung: Die europäischen Werte (Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat etc.) seien europäisch, weil in Europa entstanden, ihrem Anspruch nach aber universal gültig – auch und gerade in einer digital vernetzten Welt.

Öffnung und Refeudalisierung

Eine der Branchen, welche in besonderem Maße vom digitalen Wandel betroffen ist, ist jene der Medien. Der klassische Journalismus verliert zunehmend seine angestammte Deutungshoheit, jeder ist ein potenzieller „Sender“. Dem Zugewinn an Kommunikation auf Augenhöhe, an Demokratisierung des Diskurses steht die Gefahr von Manipulation und Nivellierung entgegen. Der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat das Problem in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ beschrieben. Er sprach von einer „Öffnung bei gleichzeitiger Refeudalisierung des öffentlichen Raumes“. Neue Eliten, neue Barrieren, neue Bedrohungen bildeten sich in der digitalen Welt heraus, die gleichwohl völlig neue Möglichkeiten der Kommunikation eröffne. Als Ziel formulierte er Medienmündigkeit – jeder und jede müsse sich als Teil einer „redaktionellen Gesellschaft“ begreifen.

Styria-Chef Markus Mair übte Kritik daran, dass Werte, Prinzipien und Rechtsgrundsätze der analogen Welt in der digitalen leichtfertig über Bord geworfen würden. Als Beispiel nannte auch er den Begriff der Verantwortung – und wollte big player wie Facebook oder Google (YouTube) hier in die Pflicht genommen wissen.
Freiheit durch Reduktion

Für Irritation sorgte dann Pörksen noch zum Schluss mit einer ansatzlosen tagespolitischen Intervention, indem er mit Blick auf die Neuwahlen im Herbst von der Alternative zwischen zwei „Großparteien“ – gemeint offenbar Schwarz-Blau vs. Rot-Grün(-NEOS?) – sprach und mehr oder weniger dazu aufrief, gegen die „Orbánisierung“ des Landes zu stimmen. Das wollte Mair indes nicht so stehen lassen und wies darauf hin, dass die Versuchung der Instrumentalisierung von Medien auf beiden Seiten des politischen Spektrums gegeben sei.

Zur Tradition von „Geist & Gegenwart“ zählt, dass für den abschließenden Vortrag ein Bischof ans Rednerpult gebeten wird. Dieses Jahr kam die Ehre dem Salzburger Erz- und früheren Grazer Weihbischof Franz Lackner zu. Der Primas Germaniae sprach von den Herausforderungen des christlichen Menschenbildes durch die Digitalisierung. Er warnte vor einer Fragmentieren des öffentlichen Raumes, vor „Zersplitterung und Verbitterung“. Die personale, analoge Begegnung sei nicht ersetzbar. Die Freiheit, nicht alle Möglichkeiten auch auszuschöpfen bleibe unverzichtbar für die Bewahrung des Humanums.
Wo der Geist in der digitalen Gegenwart weht, bleibt eine spannende Frage.

Diese Seite entstand in Kooperation mit dem Club Alpbach Steiermark. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der FURCHE.

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