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75 Jahre DIE FURCHE

Kardinal König - © Foto: APA / Roland Schlager
Religion

Kardinal König: "... auf meinem Weg beflügelt"

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Freund und -Begleiter Kardinal König übers „Mariazeller Manifest“, mit dem sich die katholische Kirche Österreichs 1952 von politischen Fesseln befreite.

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Freund und -Begleiter Kardinal König übers „Mariazeller Manifest“, mit dem sich die katholische Kirche Österreichs 1952 von politischen Fesseln befreite.

Sein Name steht für die Umsetzung der Grundsätze des Mariazeller Manifests: Kardinal König erinnert sich an den Aufbruch im Katholizismus - und nimmt zur jüngsten Kirchenkrise Stellung.

Die Furche: Welche Bedeutung hat das Mariazeller Manifest für Sie gehabt?
Kardinal Franz König: Es hat mich auf meinem Weg (ich bin einige Monate später Bischof-Koadjutor von St. Pölten geworden) beflügelt und außerordentlich interessiert. Später war ich überrascht, wie oft dieses Manifest - vor allem von jüngeren Journalisten - zitiert wurde. Man wollte damals sagen: Hier ist im Denken eine starke Änderung eingetreten. Denn kirchlicherseits war man in Österreich seit der Gründung der Republik doch sehr verunsichert, wie weit die Kirche Rücksicht nehmen muss auf die Situation im Staat, wie weit der Staat sich in kirchliche Dinge einmischen darf. Noch zur Zeit Kaiser Franz Josephs gingen Briefe nach Rom: "Für die Diözese Soundso bitte den Herrn Sowieso als Bischof zu ernennen" - und das geschah dann in der Regel auch.

Sein Name steht für die Umsetzung der Grundsätze des Mariazeller Manifests: Kardinal König erinnert sich an den Aufbruch im Katholizismus - und nimmt zur jüngsten Kirchenkrise Stellung.

Die Furche: Welche Bedeutung hat das Mariazeller Manifest für Sie gehabt?
Kardinal Franz König: Es hat mich auf meinem Weg (ich bin einige Monate später Bischof-Koadjutor von St. Pölten geworden) beflügelt und außerordentlich interessiert. Später war ich überrascht, wie oft dieses Manifest - vor allem von jüngeren Journalisten - zitiert wurde. Man wollte damals sagen: Hier ist im Denken eine starke Änderung eingetreten. Denn kirchlicherseits war man in Österreich seit der Gründung der Republik doch sehr verunsichert, wie weit die Kirche Rücksicht nehmen muss auf die Situation im Staat, wie weit der Staat sich in kirchliche Dinge einmischen darf. Noch zur Zeit Kaiser Franz Josephs gingen Briefe nach Rom: "Für die Diözese Soundso bitte den Herrn Sowieso als Bischof zu ernennen" - und das geschah dann in der Regel auch.

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Die Furche: Auffallend am Mariazeller Manifest war vor allem, dass die Kirche sich offiziell von ihrer Bindung an eine Partei - die Christlichsozialen der Ersten Republik, die ÖVP in deren Nachfolge - verabschiedet hat.
König: Das Mariazeller Manifest mit dem Richtsatz einer "freien Kirche in einer freien Gesellschaft" war hier sicher ein wichtiger Schritt. Denn ich kann mich ja aus meiner eigenen Jugendzeit erinnern, wie sehr die Kirche damals im öffentlichen Leben eine Stütze haben wollte. So kam es zu dieser Spannung zwischen der Sozialdemokratischen und der Christlichsozialen Partei. Die Sozialdemokraten traten vehement für die Republik ein, während die Christlichsozialen mit einem Fuß noch in der Vergangenheit drinnen waren und nicht überzeugt waren, ob die Republik wirklich das ist, wo die katholische Kirche sich zu Hause fühlen kann.

Die Furche: Wie wichtig waren für die Neupositionierung der Kirche im Mariazeller Manifest die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus?
König: Diese Neuorientierung hat eine sehr große Rolle gespielt. Ich kann hier nur aus meinen Erfahrungen als Kaplan in Niederösterreich berichten: Als die Nationalsozialisten kamen, wurde uns bewusst: Jetzt kommt eine Diktatur, die sich von der katholischen Kirche und von Religion nicht nur im Allgemeinen distanziert. Es ging um die Frage: Wie finden wir uns in dieser Bedrängnis von außen zurecht? Der Religionsunterricht wurde verboten, doch junge Leute kamen zu mir, weil sie gespürt haben: Da vollzieht sich etwas, wo wir auch Stellung beziehen müssen: Aus diesem Gespür heraus haben sich Gruppen gebildet, und so begann ein Aufbruch in vielen kleineren Kreisen, der sich dann zu größeren Aufbruchsformen entwickelt hat, das Mariazeller Manifest ist eine der Auswirkungen davon. Dazu kam dann noch die Erfahrung der vier Besatzungsmächte unseres Landes. 1952 stand die Frage: "Wie weit können wir die Heimat behalten? Werden wir in Niederösterreich ans kommunistische Russland angeschlossen?" noch im Raum.

Die Furche: Es galt also auch, sich gegenüber den Besatzern zu emanzipieren.
König: Ja. Und es gab auf jeden Fall den Zusammenhalt, einen Anschluss an den kommunistischen Osten zu verhindern zu wollen. Die kommunistisch geführten Russen haben zunächst die Kirche in Ruhe gelassen. Aber wir haben immer damit rechnen müssen, wenn die wirtschaftlichen Probleme für sie gelöst sind, dann kommt die Kirche dran. Das haben wir gespürt. Deshalb war drei Jahre später der Staatsvertrag ein so großes, gewaltiges Hoffnungszeichen.

Die Furche: Gab es in der Kirche Widerstände dagegen, dass die parteipolitische Fixierung aufgegeben wurde?
König: Schwer zu sagen, aber zweifellos gab es in der Kirche die Meinung: Wir brauchen eine politische Stütze. Man darf nicht vergessen, dass noch kurz zuvor (vor Einführung der Kirchenbeiträge) der Staat die Bischöfe und die Priester besoldet hat. Und in der Ersten Republik haben manche Pfarrer von der Kanzel gepredigt und gelegentlich Wahlwerbung für die Christlichsoziale Partei gemacht. Damit konnte sich die Nachkriegsgeneration, zunehmend nicht identifizieren.

Die Furche: Das "junge Gedankengut" in der Kirche, hat also 1952 ein erstes offizielles Ergebnis gezeitigt.
König: Ja. Das Mariazeller Manifest ist herausgewachsen aus dem Gespür der jüngeren Generation, dass auch im Verhältnis von Kirche und Staat neue Wege zu suchen sind. Die politischen Spannungen der Ersten Republik waren ja ungeheuer: Ein Sozialist hat mit einem Geistlichen nicht gesprochen, Katholiken und Sozialisten - das waren zwei getrennte Lager. Aus diesem Gegensatz ist dann doch ein ganz anderes Verhältnis geworden.

In der Ersten Republik haben manche Pfarrer von der Kanzel gepredigt und gelegentlich Wahlwerbung für die Christlichsoziale Partei gemacht. Damit konnte sich die Nachkriegsgeneration, zunehmend nicht identifizieren.

Kardinal Franz König

Die Furche: Im Mariazeller Manifest steht schon vieles geschrieben, was später auch das Konzil gesagt hat.
König: Wenn man es heute liest, dann denkt man sich vielleicht: "Naja, was ist das Besonderes?" Das liegt sicher auch daran, dass vieles dann auch durch das Konzil besprochen wurde. Aber damals war das so neu, dass das wirklich Begeisterung ausgelöst hat.

Die Furche: Hat Rom auf das Mariazeller Manifest reagiert?
König: An eine unmittelbare Reaktion erinnere ich mich nicht. Aber später hat man doch darauf Bezug genommen. So hat Papst Paul VI. seine Bewunderung für die Partnerschaft zwischen Kirche und Staat, wie sie das Mariazeller Manifest anspricht, und wie sie in Österreich nach den starken Spannungen der Vergangenheit so gut gelungen ist, zum Ausdruck gebracht.

Die Furche: Hat sich im Nachhinein besehen das, was im Mariazeller Manifest ausgedrückt wurde, bewährt?
König: Absolut. Es war eine Art Vorhut. Es waren die Kundschafter einer Bewegung, die das in Mariazell damals formuliert haben - zahlenmäßig nicht in der Mehrheit, aber Wegbereiter für das, was später gekommen ist.

Die Furche: Hat es eine Alternative zu diesem Weg gegeben?
König: Natürlich war die Frage, wie weit wir diesen neuen Weg gehen sollten. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass wir nicht im Lagerdenken bleiben konnten. Und das war noch längst nicht überwunden: Als ich schon Erzbischof von Wien war, also einige Jahre nach dem Mariazeller Manifest, gab es zum Beispiel einen Todesfall in der Familie von Bundespräsident Schärf. Da habe ich mir gedacht, wenn ich noch Kaplan gewesen wäre, wäre ich hingegangen und hätte ihm mein Beileid ausgesprochen - also habe ich das als Bischof ebenso getan. Das hat damals noch großes Aufsehen gemacht. Da gab es immer noch die Meinung: Ein Kardinal redet doch nicht mit einem Sozialisten!

Die Furche: Diese Episode zeigt, dass auch mit dem Mariazeller Manifest die Spaltung zwischen Teilen der Gesellschaft und der Kirche noch nicht überwunden war.
König: Das war ein Prozess, der in Mariazell 1952 einen guten Anfang genommen hat; insgesamt war es aber ein langsamer Transformationsprozess.

Die Furche: Einige in der Kirche beklagen, dass die Kirche in den letzten 50 Jahren zu wenig "spirituell" gewesen sei. Positionierungen wie das Mariazeller Manifest hätten der Säkularisierung Vorschub geleistet.
König: Ich glaube nicht, dass das stimmt. Das Konzil hat weltweit einen starken Impuls an Spiritualität, geistlicher Erneuerung, gebracht; das gilt auch - österreichweit - für die im Gefolge einberufenen Diözesansynoden, wo viele neue zusätzliche spirituelle Impulse ausgegangen sind. Die Säkularisierung dagegen ist ein europaweiter Prozess, der bereits mit der Aufklärung begonnen hat.

Die Furche: Noch eine Frage zur Gegenwart: Die Kirche ist in diesen Tagen stark in der Öffentlichkeit - mit negativen Schlagzeilen. Ich spreche von der Diskussion um sexuellen Missbrauch durch Geistliche. Das Mariazeller Manifest hat vor 50 Jahren bereits die ehrliche Auseinandersetzung in anstehenden Problemen gefordert. Muss man nicht, gerade wenn man an die Mariazeller Forderungen nach einem offenen Umgang der Kirche mit der Gesellschaft denkt, auch in den gegenwärtigen schmerzlichen Vorgängen auf schonungslose Wahrhaftigkeit seitens der Kirche drängen?
König: Wir lesen in diesen Tagen in allen Zeitungen die große Aufregung über Amerika, wo Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester bekannt geworden sind und in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden. Dazu möchte ich sagen: Früher hat man auch "im Familienkreis" nicht über "solche Dinge" gesprochen. Einerseits hat man sich darüber geschämt, andererseits war die Schwere des Problems - aus psychologischer Sicht - nicht bewusst. Heute weiß man, daß ein Vertuschen nicht richtig, nicht verantwortbar ist. Heute denkt man vor allem auch an die schrecklichen Konsequenzen für die Opfer, die in der Regel ihr Leben noch vor sich haben. Man darf daher absolut nicht akzeptieren, dass diese Dinge unter den Teppich gekehrt werden. Der Papst hat dieser Tage mit seiner Ansprache an die amerikanischen Kardinäle das Beispiel dazu gegeben. Man braucht einen neuen Approach, eine neue Weise, darüber zu sprechen und zu urteilen.

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